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Ira

Interview von: arne mit Tobias, am: 11.12.2009 ]

Sphärischer Indie ist die „neue”, generelle Form ganzheitlicher Rock-Musik. An dieser Erkenntnis führt längst kein Weg mehr vorbei. Die unzähligen Post-Spielarten bzw. -Auslegungen haben auch im Zentrum gitarrendominierter Sounds ihre Spuren hinterlassen und eine neue Gewichtung geschaffen – bis hinein in den Mainstream. Künstler und Bands stehen nun vor der Herausforderung, das Erlangte weiter zu entwickeln und neue Wege zu beschreiten, die jenseits der etablierten Standards Neuland betreten. Es braucht einerseits Visionen und andererseits der nötigen Fertigkeiten, die eigenen Ideen auch adäquat umzusetzen.

 

Musicscan: Um Euren Sound zu beschreiben, ließen sich tolle Wortkonstrukte erschaffen. Bricht man es auf den Kern herunter, spricht man wohl am besten von ganzheitlichem Rock. Wie seht Ihr das?

Ira: Das Wort „ganzheitlich“ kenne ich nur aus dem Sozialarbeiter-Jargon. Klingt für mich irgendwie seltsam, hat aber sicherlich einen wahren Kern. Es steckt einfach sehr viel drin in dieser Musik, und man kann ihr mit schlichtem Namedropping wie „das klingt nach...“ nicht beikommen. Es gibt sehr ruhige, schwelgerische Momente genauso wie sphärische „Traum-Passagen“ oder direkte, schwer rockende Ausbrüche. Unsere Musik deckt denke ich ein weites Spektrum ab, deswegen wird sie auch von sehr unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen musikalischen Vorlieben geschätzt.

Musicscan: Was versteht Ihr unter dem so häufig beschworenen Kopfkino? Und weiterführend: Erkennt Ihr selbst Punkte in Eurer Musik, die es rechtfertigen, IRA als Kopfkino zu bezeichnen?

Ira: Der Titel, „Visions of a Landscape“, spielt ja schon auf diesen inneren Film an. Es geht um individuelle Landschaften, die jeder für sich in seinem eigenen Kopf malt. Auch die Texte lassen ja bewusst sehr viel Spielraum für Interpretation, sind zweifelnd, denken immer auch das Gegenteil dessen mit, was gesagt wird, bzw. wechseln die Perspektiven, sind „vielstimmig“. Eine gute Definition von „Kopfkino“ ist auch einfach, wenn man bei unseren Konzerten ins Publikum blickt. Viele Leute stehen einfach nur da, schließen die Augen und wippen vielleicht ein wenig mit dem Kopf. Das sagt für mich eigentlich schon alles.

Musicscan: Teilt Ihr die Einschätzung, dass Ihr ein Kritikerliebling seid? Blöde Frage, aber fühlt Ihr Euch angesichts des breiten positiven Presse-Zuspruchs irgendwie überbewertet? Was ist Euch besonders in Erinnerung geblieben?

Ira: Die meisten Kritiken waren bisher in der Tat äußerst positiv, auch schon beim ersten Album.Wenn du darauf anspielst, dass ein Kritikerliebling zwar von den Schreibern gefeiert, vom Publikum jedoch ignoriert wird, so trifft das, zumindest was die Publikumsresonanz auf die alte Platte betrifft, mehr oder weniger zu. Wir haben in den letzten Jahren immer eher vor 30 als vor 150 Leuten gespielt. In Erinnerung bleiben einem vor allem die Kritiken, bei denen sich der Schreiber einfach selber etwas zur Musik denkt und nicht nur den Promotext auf seine Inhalte abklopft. Da ergeben sich mitunter dann sehr interessante Erkenntnisse, gerade wenn Kritiker eben vollkommen andere Sachen hineininterpretieren und heraushören als man selbst. Überbewertet fühlen wir uns keinesfalls. Wir haben an uns selbst und unsere Musik sehr hohe Ansprüche. Unser Ziel war ja nicht, einfach ein paar Songs zu einer Platte zusammenzufügen, sondern, auch wenn das etwas hochtrabend klingt, ein Album zu machen, das am Ende ein in sich geschlossenes Kunstwerk ist. Das wurde bisher von den meisten Rezensenten auch anerkannt, was eine schöne Sache ist.

Musicscan: Inwieweit war das Material für "Visions Of A Landscape" bereits fix und fertig, als Ihr das Studio geentert habt? Zu welchem Prozentsatz ist es in der letzten Minute noch neu arrangiert oder improvisiert worden?

Ira: Im Grunde genommen war alles fix und fertig, als wir ins Studio 45 nach Koblenz gingen. Lediglich an einigen Gitarrensounds wurde hier und da noch herumgetüftelt und auf das wesentliche abgespeckt. Der Gesang wurde an einem anderen Ort, in Tobias Levin´s Electric Avenue Studio in Hamburg aufgenommen. Da wurde auf jeden Fall noch viel experimentiert und ausprobiert.

Musicscan: Welchem "Qualitäts-Check" unterzieht Ihr neu geschriebene Stücke? Wenn man zu stark involviert ist, kann man bisweilen ja kaum mehr beurteilen, ob die Spannungsbögen bis zum Ende fesseln und die Songs nicht doch irgendwann beginnen, Hörer zu langweilen oder die Richtung verlieren.

Ira: An den Hörer denken wir dabei auch erst mal gar nicht. Wenn man so lange wie wir an Stücken arbeitet, gewinnt man durchaus mit der Zeit Abstand dazu.Wir pflegen bei Ira ja eine richtige Hardcore-Demokratie. Ein Stück ist erst fertig, wenn auch wirklich alle fünf Beteiligten damit zufrieden sind. Mehr Qualitäts-Check geht eigentlich nicht - das muss reichen.

Musicscan: Wie begegnet Ihr dem "Problem", das progressive, experimentelle Rock-Musik mitunter zufällig entstanden wirkt?

Ira: Ein Problem sehe ich darin nicht. Bei uns geschieht nur sehr wenig zufällig, und ich glaube das hört man auch.. Wir lassen die Dinge immer wachsen und für uns wirken. Im besten Fall klingt es dann am Ende „zufällig“ bzw. „natürlich“, und nicht wie eine Aneinanderreihung verschiedener unzusammenhängender Parts.

Musicscan: Mit "Visions Of A Landscape" habt Ihr eine Platte veröffentlicht, der man Zeit und Konzentration widmen muss, was in den heutigen, schnelllebigen Zeiten fast schon mutig ist. Wie seht Ihr das?

Ira: Das ist schon als Statement zu verstehen. Eine der zentralen Aussagen der Platte, der Slogan „They have the clocks, but we have the time“ aus dem Titelstück spielt hierauf ja ganz klar an. Es ist wie eine Parole wider den Zeitgeist, die man an eine Hauswand sprühen könnte.

Musicscan: Im ersten Moment überrascht es durchaus, dass IRA heute so generell und rockig gehalten sind, so fern man Euer Debüt kennt. Welche Entwicklungsetappen habt Ihr durchlaufen, um von "The Body And The Soil" zu "Visions Of A Landscape" zu gelangen. Hat Euch das Ergebnis, das jetzt vorliegt, auch überrascht?

Ira: Überrascht nicht. Die ersten Stücke, die wir nach „The Body...“ geschrieben haben, waren „Lamb“ und „Everybody is in the Mood...“ Die kamen wie von selbst und stehen wohl, wenn man beide Alben vergleicht, ziemlich in der Mitte, als Übergang quasi. Zum jetzigen Gesamtklang waren es dann nur noch ein paar Schritte, die wir ziemlich intuitiv gegangen sind.

Musicscan: Wie unterscheidet sich das Schreiben von extremen Metal-Hardcore-Grindcore-Songs von dem von intuitiven, positiven Rock-Stücken?

Ira: Extreme Metal-HC-Grindcore-Songs haben wir mit Ira nie geschrieben. Was den Unterschied Alte-Neue angeht, so war bei „The Body...“ die Musik ja schon komplett fertig. Die Gesangsmelodien und Texte kamen erst später dazu. Bei „Visions...“ wird dem Gesang wesentlich mehr Raum gegeben, einfach auch, weil wir vieles wirklich zu fünft gemeinsam im Proberaum entwickelt haben. Man erkennt mit der Zeit auch, dass sich der Einzelne hier und da zurücknehmen muss, um eine gute Wirkung zu erzielen. Man braucht einfach keine 30 Gitarrenspuren übereinander legen, um wuchtig zu klingen. Ein guter Drummer muss nicht ständig seine Skills vorführen und double-bass-mässig herumprügeln, genauso wie eine Stimme nur wirken kann, wenn sie überlegt eingesetzt wird. Dynamik ist das Zauberwort.

Musicscan: Welche Erfahrungen habt Ihr auf der Tour mit Oceansize gemacht? Wie seid Ihr angekommen? Was für Leute sind nach den Auftritten an den Merch-Tisch gekommen? Welches Feedback haben sie Euch gegeben?

Ira: Die Erfahrungen waren durchweg positiv und die Publikumsresonanz überwältigend. Oceansize scheinen zufälligerweise genau dasselbe Publikum anzusprechen, wie wir:) Zu deren Konzerten kommen grauhaarige Prog-und Art-Rock-Fans genauso wie studentische Indies oder hardcoresozialisierte Post-Rock-Hörer. Dementsprechend ergab sich auch an unsrem Merch-Tisch immer wieder eine herrliche Mischung von ganz unterschiedlichen Leuten. Nach dem 4. Abend mussten wir ein Schild mit „CDs leider ausverkauft“ aufstellen, da keiner damit gerechnet hatte, dass wir teils über 50 Tonträger pro Abend verkaufen. Sogar die allerletzte Schallplatte, die wir noch dabei hatten, ging am letzten Abend weg. Das war schon der Wahnsinn. Sehr schön war auch, dass wir uns mit den Jungs von Oceansize und The WorldOnFire, der zweiten Vorband, sehr gut verstanden haben und eine Menge Spaß hatten. Echte Gentlemen waren das!

Musicscan: Abschließend: Worauf dürfen sich Hörer freuen, wenn sie sich an "Visions Of A Landscape" heran wagen?

Ira: Auf ein hoffentlich klischeefreies Stück Rockmusik, das dich mittels Melodie, Emotion, Wucht und Energie auf eine Reise durch polychrome Klanglandschaften schickt.

 
 Links:
  myspace.com/irarock
 
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