Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1649

Atreyu

Storie von: arne, am 11.11.2009 ]

Ihr zehnjähriges Bandjubiläum begehen ATREYU mit der Veröffentlichung ihres fünften Longplayers. Mit „Congregation Of The Damned“ erscheint ein Album, das den musikalischen Werdegang der Kalifornier resümiert und gleichzeitig einen Ausblick in die Zukunft wagt. Der melodische Hardcore der frühen Tage mit seinen eingängigen Emo/Screamo-Vocals ist auch heute noch zu finden, jedoch weniger impulsiv und überstürzend. Nach all den Jahren im Business haben die Musiker einen Gang herunter geschaltet, um auch den Hörern aus dem Rock-Mainstream und Hard Rock erweiterte Ansatzpunkte zu bieten.

 
„Wenn ich auf unseren Werdegang zurück blicke, muss ich festsstellen, dass wir eine Menge Glück gehabt haben,“ äußert sich Schlagzeuger und Sänger Brandon Saller. „Wir befinden uns in der privilegierten Lage, dass wir mit dem, was wir lieben, unseren Lebensunterhalt bestreiten können und unsere Motivation über die Jahre nicht abgenommen hat. Wir leben diese Band, und es gibt nichts anderes, was wir lieber täten. Jeder von uns braucht ATREYU zum Leben. Das ist einer der Gründe für unsere Konstanz und dafür, dass wir noch immer aktiv sind. Ich kann es noch immer nicht glauben, wie viele loyale Fans wir mit den Jahren gewonnen haben und dass es uns wirklich geglückt ist, von der Band zu leben. Für uns ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Dafür sind wir unendlich dankbar, denn wir wissen, dass es alles andere als selbstverständlich ist. Als Band sind wir kontinuierlich gewachsen und haben eine Stufe nach der anderen genommen. Unseren Erfolg haben wir uns hart erarbeitet, so dass wir ihn um so mehr genießen. Auf den erworbenen Lorbeeren ruhen wir uns jedoch nicht aus. Das kann man sich heutzutage nicht leisten. Wir sind nach wie vor heiß und begierig, zu erfahren, welche Chancen sich uns zukünfitg noch bieten.“ Das Umfeld hat sich für die Musiker gravierend verändert, doch abschrecken lassen sie sich nicht. ATREYU bringen die nötige Routine und Gelassenheit mit. Sie glauben daran, dass sich künstlerische Qualität durchsetzt und von den Leuten geschätzt wird: „Wir sind in einer digitalen Welt angekommen. Das gilt es zu akzeptieren,“ so Brandon. „Die traditionellen Vertriebsstrukturen haben sich deutlich verschoben. CDs sind längst nicht mehr so wichtig wie zu Beginn unserer Karriere, denn es werden weniger von ihnen abgesetzt. Die Situation ist mit den Verkäufen von Vinyl vor zehn Jahren vergleichbar. Es ist schwierig, denn das Medium der CD scheint ein Stück weit überholt zu sein. Solange die Leute aber nur den Zugang zu den Alben verändern, ist es noch okay. Wichtig ist es, dass sie weiterhin zu den Shows kommen und Merch kaufen. Schwierig wird es dann, wenn sich zu viele damit begnügen, allein die Songs zu Hause zu haben und die Fan-Kultur leidet.“ Etwas, was in Zeiten von File-Sharing und illegalen Downloads längst ein flächendeckendes Problem ist: „Das kann man leider nicht steuern oder unterbinden. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Leute die Kette sehen und sich entsprechend verhalten. Wenn die Label keine CDs oder digitale Alben verkaufen, können sie ihre Bands und Künstler nicht so unterstützen, wie es angebracht ist. Das schlägt sich in der Qualität der Veröffentlichungen nieder und betrifft in der Konsequenz die Hörer. Ich kann unseren Fans nur einen Rat geben: Holt euch die Platten legal, damit ihr und wir noch lange Freude miteinander haben. Wir gehen mit gutem Beispiel voran. Wenn wir neue, interessante Gruppen entdecken, checken wir zunächst ein-zwei Stücke. Gefallen uns diese, kaufen wir die gesamte Platte. Es ist eine Frage der persönlichen Leidenschaft für Musik und der Wertschätzung für das kreative Schaffen anderer.“

Spontane Reaktionen als Gradmesser

„Die Leute sind glücklicherweise nach wie vor an neuer Musik interessiert und investieren Zeit, neue Bands und Platten kennen zu lernen,“ weiß Brandon. „Für Gruppen reicht es inzwischen aber nicht mehr aus, „nur“ ein gutes Album aufzunehmen. Das ist gerade einmal die notwenige Voraussetzung, der Türöffner. Das gesamte Paket entscheidet darüber, ob man Beachtung findet oder nicht. Man muss sich interessant machen, sei es nun mit intensiven Shows oder mit einem besonderen Auftreten. Die Leute wollen etwas geboten bekommen. Darauf muss man sich als Künstler einstellen.“ Die Kalifornier haben ihren Weg gefunden: „Auf der musikalische Seite ist der Part überschaubar. Alles, was wir tun können, ist, möglichst starke Songs zu schreiben und so lange damit weiter zu machen, bis ein überzeugendes Album zusammen gekommen ist. Wir streben danach, jeden Track besser als den vorhergehenden zu machen. Wenn am Ende so etwas wie eine Greatest Hits-Sammlung herauskommt, haben wir alles richtig gemacht. So, wie es bei „Congregation Of The Damned“ der Fall ist.“ Das neue Album ist moderner amerikanischer Crossover zwischen Hardcore, Rock und Metal. Große Hymnen mit Single-Potenzial, nicht zu harte Strophen und eingängige Refrains – hier gibt es Tracks für die Bühnen der Stadien. In Support ihres Major-Einstands „Lead Sails Paper Anchor“ sind die Jungs aus Orange County in den letzten Monaten u. a. mit Linkin Park, Chris Cornell und Korn getourt. Das hat merkliche Spuren im Sound der Kalifornier hinterlassen: „Wir verstehen es als Vorteil, dass wir mit völlig unterschiedlichen Bands und Künstlern touren können. Auf diese Art und Weise bekommen wir automatisch Zugang zu Leuten, die uns vorher noch nicht kannten. In den letzten zehn Jahren haben wir mit einigen der größten Rock- und Metal-Bands überhaupt gespielt, und es hat immer gut funktioniert. Wir versuchen stets, Songs zu schreiben, die unabhängig von den individuellen Vorlieben des Hörers wirken. Die Wahl der Stilmittel ist durch unsere breit gestreuten Einflüsse bestimmt. Wir bleiben stets als ATREYU erkennbar, doch es bieten sich uns vielfältige Möglichkeiten, unsere Stücke zu entwickeln. Auf der letzten Platte haben wir bestimmte Dinge noch zurückgehalten, um ein möglichst homogenes Album zu erschaffen. Dieses Mal war es uns wichtig, sowohl einen hochwertigen Standard im Songwriting als auch starke Kontraste innerhalb der Songs zu erreichen. Es ist unser Ziel gewesen, für noch mehr Abwechslung zu sorgen, und das Material noch breiter und zeitloser anzulegen. Die Wirkung der Songs lässt sich im besten Fall nicht beschreiben, sondern nur erleben. Wir versuchen bei den Hörern ein besonderes Gefühl hervor zu rufen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Wenn sich bei den Fans die Armhärchen aufrichten und sie emotional berührt werden, haben wir es geschafft. Genauso gut kann es passieren, dass


eines unserer Stücke dazu führt, dass jemand zu schreien beginnt. Wichtig ist es, dass wir Reaktionen hervorrufen, die die Hörer selbst nicht steuern können.“

Grenzgänger

Die Hörer wissen, was sie an der Gruppe aus Orange County haben: „Wir sind stolz darauf, dass wir viele Fans haben, die uns seit den Anfängen begleiten. Über die Jahre ist die Zahl immer größer geworden. Unser Basis-Sound ist von jeher gesetzt, und die Fans erkennen ihn wieder. Dennoch kann man niemals sicher sein, was wir treiben. Das wissen wir selbst ja auch nicht. Die Fans sind ebenso interessiert daran, zu erfahren, wie es mit ATREYU weitergeht, wie wir es sind.“ Was ihre stilistische Ausrichtung anbelangt haben die Musiker wirklich einen weiten Weg hinter sich gebracht. In der Konsequenz führt das dazu, dass „Congregation Of The Damned“ mit einer kleinen NuMetal- bzw. Hard Rock-Kante überrascht und insgesamt noch genereller ausfällt. Schlagzeuger und Sänger Brandon führt aus, warum die Band ihren Sound partiell immer wieder neu definiert: „Wenn man versucht, sich als Band zu etablieren und von der eigenen Musik zu leben, lernt man schnell die Mechanismen der Musik-Industrie kennen. Es gibt Dinge, die man einfach nicht bringen kann, und die den Glanz des Künstlerdaseins schmälern. Im kreativen Bereich sollte man sich meiner Meinung nach aber nicht einschränken lassen oder voreilig selbst beschneiden. Grenzen gilt es zu überwinden. Gerade das ist die Aufgabe der Kunst. Wir befinden uns in der glücklichen Lage, tun zu können, was wir wollen. Das haben wir aber schon von Beginn an getan, so dass ich denke, dass das der Weg zum Erfolg und zu eigener Identität ist. Es spricht nichts dagegen, immer wieder Neues auszuprobieren. Hierbei profitieren wir von unseren breit gestreuten Einflüssen. Da wir es vermeiden wollen, die gleichen Songs und Platten mehrfach zu schreiben, nähern wir uns neuem Material immer wieder aus anderen Richtungen. So gelingt es uns, immer wieder neue Stilkombinationen zu entdecken, die unsere Aufmerksamkeit fesseln und unseren Sound verändern.“ Die Crossover-Sounds, wie sie ATREYU heute spielen, sind mit der Zeit immer populärer geworden und in Richtung Rock-Mainstream gerückt. Für Brandon und seine Kollegen erwies sich das als Fügung des Schicksals: „Es ist das „Problem” aller Sub-Spielarten, die zu viele Hörer finden. Irgendwann werden sie cool, und die Musik-Industrie versucht, sie zu vermarkten, was gewöhnlich nicht funktioniert. Als wir mit der Band starteten, haben wir nicht versucht, einer bestimmten Richtung anzugehören, sondern etwas Eigenes zu schaffen. Wir hatten eine Vorliebe für aggressive Musik und ungestühmen Hardcore. Eingängig sollte es aber auch sein. Das haben wir in unseren Songs zusammen gebracht. Irgendwie ist es uns gelungen, uns zu differenzieren und uns von anderen abzusetzen. Fast alle Bands streben danach, eigen zu sein, doch nur wenigen ist es wirklich vergönnt. Unsere Fans sagen, wir würden allein nach ATREYU klingen, was eine tolle Anerkennung ist. Breit gestreute Einflüssen haben schließlich viele Gruppen.“ Emo, ob nun in Kombination mit Metal oder mit Hardcore, sind die Musiker jedenfalls kaum mehr: „Fest steht, dass der Begriff Emo seit Jahren viel zu häufig verwendet wird, und dass niemand mehr sagen kann, was eigentlich damit gemeint ist,“ so Brandon. „Inzwischen fällt fast jede Band, die ich kenne, in diese Schublade. Für mich ist Emo das, was Mitte bis Ende der 1990er Jahre von Bands wie Sunny Day Real Estate, Mineral, Braid oder Texas Is The Reason gespielt wurde. Das läuft heute eher als Indie. Emo ist für mich zu einem Unwort verkommen, ganz genau wie MetalCore. Wer bitteschön kann mit diesen Begriffen noch etwas anfangen? Sprechen wir über ATREYU, reden wir selbst allein von aggressiver Musik.“

Augen auf!

Die Kalifornier setzen seit Jahren auf den Wechsel harter Strophen und verträglicher Refrains. Das hat sich für das Quintett als Erfolgsrezept erwiesen. Mit einem dynamischen Songwriting sorgen die Musiker für Unterhaltung und mit cheesigen Refrains für Eingängigkeit und Wiedererkennung: „Es hängt vom Talent und der Vision einer Band ab, ob sie das Interesse der Hörer mit ihren Platten fesseln kann oder nicht,“ weiß Brandon Saller. „Noch vor Jahren schienen mir die Alben in dem Segment, in dem wir uns bewegen, insgesamt stärker. Die Musiker haben mehr Zeit und Sorgfalt aufgewendet, starke Platten zu schreiben. Heute begnügen sich viele Gruppen mit drei oder vier guten Songs und füllen den Rest mit Fillern auf. Aus meiner Sicht ist das der falsche Weg, denn die Leute fühlen sich veräppelt, merken sich das und unterstützen die entsprechenden Acts beim nächsten Mal nicht mehr. Im Zweifel sollte man lieber so viel Zeit verstreichen lassen, bis man ausreichend starke Stücke beisammen hat. Es gibt noch so viel Neues zu entdecken; Stilkombinationen, die keine Band zuvor gefunden hat. Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn sich Musiker zu schnell mit zu wenig zufrieden gehen. Ohne einen gehobenen Anspruch kann man sich längerfristig nicht halten.“ Diese Aussagen beschränken sich nicht ausschließlich auf den Bereich der Musik. Textlich gilt es ebenso, Akzente zu setzen und die Hörer anzusprechen. ATREYU gehen mit gutem Beispiel voran und versuchen, ihre Hörer wach zu rütteln und aus ihrem Phlegma zu reißen. Der Album-Titel „Congregation Of The Damned“ gibt die Richtung vor, wie der Schlagzeuger und Sänger anreißt: „Grundlegend geht es um Dinge, die im Alltag passieren und auf die die Leute nicht angemessen reagieren. Man kann nicht vor allem die Augen schließen und einfach nichts tun. Das ist heutzutage eine weit verbreitete Mentalität, doch sie führt zu nichts. Wir müssen möglichst bald wieder den Mut aufbringen, Farbe zu bekennen, wenn es nötig ist, und für unsere Überzeugungen einzustehen. Wer das nicht tut, zählt zu den Verdammten, auf die wir im Titel der neuen Platte anspielen. Es ist eine Beschreibung der Gesellschaft, die uns umgibt.“

 
 Links:
  myspace.com/atreyurock
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  Noiseast
  Seeds Of Mary
  The Yellow King
  LDOH & SxRxOxM
  Process Of Guilt

Interviews/Stories:

  Asking Alexandria
  All Will Know
  Minipony

Shows:

  14.12. Stahlmann - Wuppertal
  14.12. Peter And The Test Tube Babies - Hannover
  14.12. Deadsmoke - Dresden
  14.12. B.o.s.c.h. - Wuppertal
  15.12. Doro - Ravensburg