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Last One Dying

Interview von: arne mit Jan, am: 12.09.2009 ]

LAST ONE DYING legen mit „The Hour Of Lead” eine knallig produzierte Platte vor, die einen stimmigen Kompromiss aus reflektiertem Traditionsbewusstsein und modernen Metal-Tendenzen darstellt. Dass die Kölner erst seit drei Jahren bestehen, ist angesichts der variabel inszenierten, durchschlagenden Stücke kaum zu glauben. Sowohl was die Nachhaltigkeit der Wirkung als auch die Brachialität des 13-Trackers anbelangt spielt das Quintett auf einem international konkurrenzfähigen Niveau. Kein Wunder, dass sie live bereits im Vorprogramm von Sepultura, Raunchy, Unearth und Lamb Of God glänzen konnten.

 

Musicscan: Wenn Ihr die Zeit seit der Veröffentlichung von Anthems Of The Lost resümiert: Inwiefern hat sich Eure Einstellung zu und Eurer Zusammensein als Last One Dying verändert? Wie lässt sich Euer Selbstverständnis als Band in Worte fassen?

Last One Dying: Wir alle empfinden L.O.D. jetzt mehr denn je als eine "richtige" Band. Der Projektcharakter, der noch bei den Aufnahmen zu "Anthems" allein schon dadurch bestand, dass wir damals noch zu dritt waren und regulär alle in musikalisch völlig unterschiedlichen Bands spielten, ist seit dem Hinzukommen des zweiten Gitarristen und unseres Bassmanns einem völlig normalen Bandgefüge- und Gefühl gewichen. Das Songwriting hat sich verändert und wir haben einen wesentlich eigeneren und facettenreicheren Stil entwickelt.

Musicscan: Wenn Ihr auf Anthems Of The Lost zurück blickt: Welches Feedback hat sich am stärksten eingeprägt und wirkt vielleicht sogar bis heute nach? Seid Ihr überrascht gewesen, dass schon diese Platte insgesamt recht gut weggekommen ist?

Last One Dying: Absolut. Wir haben im Leben nicht mit diesem Zuspruch gerechnet. Die Scheibe war ein Experiment. Fast eine Schnapsidee - im ureigensten Wortsinn. Drei Kumpels, die sich abseits ihrer sonstigen musikalischen Arbeit zusammenrotten und nach sechs Proben eine Metal-EP aufnehmen, nur um zu sehen, was passiert. Natürlich waren wir schon da von dem überzeugt was wir taten, aber dass wir eine solche Welle von Sympathie- bzw. Antipathiebekundungen auslösen würden, war uns zu keinem Zeitpunkt bewusst. Wie zum Henker soll man auch mit sowas rechnen? Scheiße, die CD war ein absoluter Schnellschuss.

Musicscan: Was habt Ihr getan, um nun mit The Hour Of Lead noch besseres Feedback einzufahren? Wo seht Ihr selbst die wesentlichen Stärken von Last One Dying, wie sie auf dem Zweitwerk rüberkommen? Und könnt Ihr die neue Platte zu diesem frühen Zeitpunkt schon reflektieren und für das Schaffen / die Entwicklung von Last One Dying einordnen?

Last One Dying: Was wir für besseres Feedback getan haben? Gar nix. Sich blind einem Zeitgeist in sklavischer Ergebenheit zu unterwerfen, nur um Presseorgane oder irgendwelche Szenegrüppchen glücklich zu machen, ist uns allen gleichermaßen zuwider. Wir sind an einem Punkt, an dem wir in erster Linie unserem eigenen Geschmack folgen. Und genau das macht meiner Meinung nach auch die größte Stärke des Albums aus. Klar findet man die vielbeschworenen Metalcore-Elemente, aber ebenso einen hohen Anteil an Thrash- und sonstigen Metaleinflüssen. Und dass wir alle vorher eher im Alternative-Rock-Bereich beheimatet waren, merkt man der Scheibe auf jeden Fall auch an. Das macht das Album vielleicht etwas schwerer zugänglich als die siebenundzwölftigste Bollo-Prügel-Scheibe mit dem x-unddreißigsten Brüllgewitter, aber ein Album, dass sich dem Hörer erst erschliesst, ist doch auch oft gleichermaßen spannender, weil komplexer. Inwiefern sie für unser Schaffen und unsere Entwicklung steht, kann man erst sagen, wenn wir die nächste Platte eingespielt haben. Wir hoffen, weiterhin in stetiger Wandlung begriffen zu sein.

Musicscan: Ihr seid nicht die einzigen, die spritzig modernen Metal mit Core-Kante und Clean-Vocals spielen. Trotzdem habt ihr es geschafft, eigene Trademarks zu entwickeln, etwas, was längst nicht jeder Band gelingt. Was ist bei Euch anders?

Last One Dying: Wir mögen viele der neuen Bands, aber wir schielen einfach auch sehr gerne rüber zu den alten Recken von Slayer, Pantera oder auch Metallica. Und daher beziehen wir auch einen großen Teil unserer Einflüsse. Wenn Du Dir gerade die älteren Alben dieser Bands anhörst, merkst Du, wie hungrig und probierfreudig sie klingen. Und das wollen wir auch rüberbringen. Wir lassen den Stücken Zeit, wir lassen den Harmonien Raum und versuchen einfach, richtige runde Songs zu schreiben anstatt nur Geschwindigkeit und die bloßen instrumentellen Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen. Darüber hinaus vermeiden wir jeglichen Einsatz von elektronischer Ohrenwischerei, wie z.B. getriggerten Bassdrums oder Synthiestreichern. Wir verstehen uns in erster Linie als eine traditionelle, aber forschrittliche Metalband, die ein ungeschöntes und ehrliches Handwerk abliefert. Und im Liveeinsatz machen wir auch keine Kompromisse. Deshalb wollen wir auch nicht auf den Halbplaybackzug aufspringen, der gerade durch die meistens Dörfer brettert. Da wirst Du doch als Publikum heute zu 50% verarscht, wenn Du Dir auf einer Liveshow ein Elektrodrumset und Cleangesang vom MP3-Player anhören darfst.

Musicscan: Aktuell scheinen mir zwei wesentliche Strömungen im Metal vorzuherrschen. Die einen betonen ihre eingängige Anlage, werden melodischer und hoffen darauf, kommerziell anzukommen, während andere ihren Sound straffen, wieder härter werden und einige auch ihre technische Seite verstärkt herausstellen. Wie seht Ihr diese Tendenzen, was sind Eurer Meinung nach die Treiber/Auslöser? Sind Last One Dying davon irgendwie beeinflusst?

Last One Dying: Ich sehe das eigentlich nicht wirklich als neues Phänomen. Bands versuchen sich schon immer durch oft überufernde prätentiöse Knochenbrecherhärte vom Mainstream abzugrenzen. Der große Unterschied zu damals ist - es ist nichts so krass, als dass nicht doch vermarktet werden könnte, ergo ist diese Härte doch heute genauso kommerzialisiert wie die schon immer omnipräsente Weichspülschiene. Eingängigkeit hingegen sollte man darüber hinaus nicht zwingend als Schimpfwort sehen. Eingängigkeit ist ja durchaus auch songdienlich und nicht zwingend gleich ein Synonym für anspruchslosen Pop. Wir spielen jeden Song so, wie es ihm bekommt. Es gibt harte und weniger harte Parts. Die wichtigste Vorraussetzung für ein spannendes Album heisst meiner Meinung nach Dynamik. Wie bei gelungenem Beischlaf.

Musicscan: Welche Entwicklungs- bzw. Erkenntnisetappen könnt Ihr rückblickend in Eurer Entwicklung ausmachen, die von Anthems Of The Lost zu The Hour Of Lead geführt haben?

Last One Dying: Ich denke, es war ein wichtiger Moment, als wir bemerkten, dass wir auch mal nach links und rechts vom Weg schielen können, ohne die gewählte Route zu verlassen. Und wir wurden uns mehr und mehr darüber klar, dass wir so aus all den unterschiedlichen Einflüssen langsam unseren eigenen Stil entwickeln würden. Songs wie z.B. „All This Time“ wären damals nicht enstanden. Aber wir haben unseren eigenen Pfad ein bisschen breiter getrampelt.

Musicscan: Die neue Scheibe stellt heraus, dass ihr seit dem Debüt an Reife insbesondere im Songwriting hinzugewonnen habt und heute ganzheitliche Songs schreibt, die einen stimmigen Rahmen haben und miteinander in Verbindung stehen. Oder anders: Es gibt weder Technik oder Brutalität zum Selbstzweck noch ein monotones Soundbild, sondern ein sich entwickelndes Album mit guten Kontrasten und vielen verschiedenen Intensitätsebenen. Wie kams und was habt Ihr auf der neuen Platte anders gemacht, um diese Wirkungsrichtung zu erlangen?

Last One Dying: Durch den Bandzuwachs ist auch der Songwritingprozess lebendiger geworden. Dazu kommt, dass wir auf einem Longplayer einfach mehr Platz hatten, um echte Varianz zu präsentieren. Wir spielen zwar immer noch bewusst gerne mit Klischees, aber wir versuchen auch, ihnen unseren Stempel aufzudrücken. Und, wie gesagt, die erste Scheibe war ein Schnellschuss. "The Hour Of Lead" ist das Ergebnis von noch viel mehr Arbeit und Leidenschaft von jedem Einzelnen von uns.

Musicscan: Wie viel Intuition und Bauchgefühl steckt in The Hour Of Lead? Mehr als man denkt, oder? Wie habt Ihr dafür gesorgt, das der „natürliche Soundfluss“ nicht dem Arbeits- und Recordingsprozess zum Opfer gefallen ist?

Last One Dying: Es steckt eine Menge Bauchgefühl in dem Album. Oder nennen wir es einfach gesunde Naivität. Gerade, weil wir uns nicht irgend einem Metal-Untergenre und der damit verbundenen oft schon - man vergebe mir die Wortwahl - sektenhaften Szenenbildung verpflichtet sehen, haben wir viel mehr Möglichkeiten, jedem Song seine eigene Richtung zu geben. Daher würde ich fast sagen, die Berücksichtigung des "natürlichen Soundflusses" als wesentlicher Bestandteil des Arbeitsprozesses unterscheidet einen Künstler doch in erster Linie von einem Reproduzenten. Selbst als wir dann endlich im Studio waren, um das Album aufzunehmen, haben wir noch Zeit zum Experimentieren geopfert, auch wenn sich die Songs da nicht mehr im Wesentlichen verändert haben.

Musicscan: Gibt es so etwas wie eine Leitmaxime, nach der Ihr ans Songwriting geht? Wie macht Ihr fest, dass ein Song fertig ist, und was muss er haben, um von Euch als würdig gesehen zu werden, auf ein Album zu kommen?

Last One Dying: Das Ding, so abgedroschen es klingt, muss rocken. Da werfe ich gerne 'nen Fünfer in die Phrasenkasse. Und ob ein Song rockt oder nicht, äußert sich im Allgemeinen schon, wenn das Grundgerüst steht. Die Feinjustage dauert mal kürzer, mal länger, aber wenn er dann wirklich fertig ist, hat man das einfach im Urin. Die endgütlige Songauswahl haben wir ein paar Mal überschlafen und so letztlich versucht, ein in sich rundes Album zusammenzustellen.

Musicscan: Wie wichtig ist es Euch, in den einzelnen Songs wiedererkennbare Elemente, wie Melodien, Hooklines und Grooves, zu haben? Und wie wichtig ist es Euch, mit neuen Tracks immer wieder auch neue Sachen auszuprobieren? Was habt Ihr diesbezüglich für die neue Platte getan?

Last One Dying: Wir probieren gerne herum. Aber bei aller Eigenständigkeit der Songs braucht ein Album definitiv sowas wie einen roten Faden. Zwar wollten wir wiederkehrende Elemente in den Songs vermeiden, aber eine gewisse Grundstimmung sollte schon durchschimmern. Ich hoffe, dass uns das gelungen ist, auch wenn die Songs teilweise, besonders in musikalischer Hinsicht, stark unterschiedlich sind.

Musicscan: Wie steht Ihr dazu, dass sich viele Metal-Hörer allein für die "Mucke" interessieren und keinen Deut auf Texte oder Message geben? Wie steht Ihr generell zur Thematik, dass man als "anständige" Band auch "brauchbare" Texte haben sollte und nicht allein über "Fantasie-Welten" singen sollte?

Last One Dying: Wir spielen zwar irgendwie schon mit dieser Fantasythematik, das sieht man ja auch am Artwork der CD, aber in erster Linie geht es in meinen Texten um die Auseinandersetzung mit allgemeingültigen menschlichen Gefühle und Stimmungen. Ich selbst kann mit Drachentöterhymnen nicht besonders viel anfangen. Ich bevorzuge also diese „brauchbaren“ Texte. Ich möchte mich als Hörer in Songtexten wiederfinden oder sie zumindest nachvollziehen können. Dem Song „Annabel Lee“ liegt zum Beispiel ein gleichnamiger Text von E. A. Poe zugrunde, der es mir echt angetan hat. Allerdings hab ich nicht die Wortwahl, zu Teilen aber den Blickwinkel übernommen. Ob man sich aber damit befassen oder nur bei lauter Mucke mit Dosenbier am Grill stehen und die Matte rütteln will, bleibt jedem selbst überlassen. Klar freue ich mich, wenn sich jemand für meine geistigen Ergüsse interessiert, aber ich will es keinem mit Gewalt aufdrücken. Das hier ist ein freies Land. Meistens jedenfalls. Und bei lauter Mucke mit Dosenbier am Grill stehen und die Matte rütteln ist ja durchaus auch spaßig. Wer aber L.O.D. komplett verinnerlichen will, sollte sich schon den ein oder anderen Text zu Gemüte führen.

Musicscan: Es heißt immer, dass es deutsche Bands schwerer haben, sowohl in Deutschland als auch im Ausland Anerkennung zu finden oder überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Teilt Ihr das und welche Erfahrungen habt Ihr diesbezüglich gemacht?

Last One Dying: Gerade hierzulande ist es schwer. Im Ausland hingegen ist es eigentlich weniger ein Problem; aber es scheint mir auch so, als hätten wir in Deutschland ein Überangebot an Metal- und Hardcorebands - und damit logischerweise auch ein Überangebot an Mittelmaß. Daher wird hier auch mehr gesiebt und sich weniger mit Deiner Musik auseinandergesetzt als anderswo. Außerdem labeln die Deutschen sehr gerne. Wenn jetzt irgendwo jemand hysterisch „Metalcore“ schreit, wirst Du oft schneller von der sogenannten „Szene“ verteufelt, als Du blinzeln kannst. Diese steife Einordnung in Genres ist ein sehr, sehr deutsches Phänomen. Wir haben nunmal leider eine Setzkastenkultur.

Musicscan: Wer wird the Last One Dying sein? (Muss sein, sorry ,-)

Last One Dying: Wenn das so weitergeht, Johannes Heesters.

 
 Links:
  myspace.com/lastonedying
 
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