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Agoraphobic Nosebleed

Storie von: arne, am 08.06.2009 ]

Die aus Springfield, Massachusetts stammenden AGORAPHOBIC NOSEBLEED sind noch immer für eine Überraschung gut gewesen. Einen Longplayer wie „Agorapocalypse“ konnte man in dieser Form ganz gewiss nicht erwarten. Scott Hull & Co. sind so „konventionell“ und „natürlich“ unterwegs, wie niemals zuvor. Der Drum-Computer ist geblieben, doch wäre fast alles auch von einem menschlichen Schlagzeuger zu spielen.

 
„Für uns selbst ist es auch immer eine Überraschung, wie die Releases am Ende klingen,“ erwidert Shouter Richard Johnson (Drugs Of Faith, ex-Enemy Soil). „Fans fällt es sicherlich schwer, auch nur annähernd abzuschätzen, wie wir wohl klingen werden, denn unser Stil hat sich in den letzten Jahren immer wieder verändert. Die Split mit Apartment 213 kam beispielsweise noch ganz ohne Gitarren aus, während die neue Platte nun einen weitaus natürlicheren Drum-Sound aufweist. Von den Wechseln der Sänger ganz zu schweigen. Die einzige Konstante ist, dass wir immer extrem unterwegs sind und letztlich niemanden enttäuschen.“ Von aktuellen Extrem-Trends lassen sich die Kult-Grinder dabei nicht beeinflussen:

„Es wäre unwahr zu behaupten, dass das, was um einen herum passiert, keinen Einfluss auf die eigene Arbeit nimmt. Wenn man Heavy Metal spielt, reagiert man automatisch auf sein Umfeld, denn man schreibt seine Songs ja nicht in totaler Abgeschiedenheit. Die Frage ist aber, ob oder wie sehr man auf aktuelle Strömungen anspringt und diese wissentlich in den eigenen Sound integriert. Die Beantwortung ist eng mit Fragen nach Aufrichtigkeit und der Ernsthaftigkeit der eigenen Arbeit verknüpft. Wer als Musiker weiß, was er will, bleibt automatisch näher an den eigenen Vorstellungen und gegenüber externen Einflüssen unbeeindruckt. Trends zu folgen, ist meiner Ansicht nach wider dem grundlegenen Spirit des Heavy Metal. Es geht schließlich nicht darum, möglichst vielen Leuten zu gefallen, sondern sich selbst auszuleben.“ Auf Nachfrage führt Richard sein Verständnis zur Brutalo-Szene noch detailierter aus:

„Lass es mich wie folgt erklären: Heavy Metal strebt nach Individualität vor dem Angesicht einer dominanten Gleichheit. Wer sich auf Konzerten umblickt, wird festestellen, dass der überwiegende Teil der Besucher und Musiker schwarz gekleidet ist, Band-Shirts trägt, lange Haare hat und tätowiert ist. Metal kann demnach nicht automatisch als Rebellion, Aufbegehren und dem Streben nach Individualität verstanden werden. Es ist der sichtbare Ausdruck, anders als der Mainstream zu sein. Vielen reicht das schon, denn es geht zu einem guten Teil auch nur um Statussymbole und Eigendarstellung. So anders ist die Welt des Metal dann auch nicht.“ Berührungsängste mit 0815-Hörern hat der AGORAPHOBIC NOSEBLEED-Musiker keine, und wie im „richtigen Leben“ verweist er auf eine existente Zersplitterung des Undergrounds:

„In den letzten Jahren sieht man immer häufiger „normale“ Leute auf den Shows, doch im Grunde ist Metal nach wie vor eine eigene Parallelwelt. Es klappt ja nicht einmal, dass die Hardcore- und Metal-Gruppen zusammenwachsen, obwohl so viele Überschneidungen bestehen. Die ganzen Crossover-Bands haben nach wie vor einen schweren Stand und werden von „richtigen Metallern“ nicht akzeptiert. Nur ein kleiner Teil der


Hörer scheint mir offen für Neues und hat sich an neue Sounds gewöhnt. Dieses Akzeptanzproblem trifft auch uns. Spaß scheint etwas zu sein, mit dem viele Hörer nicht umgehen können. Wir sind nun einmal keine bierernste Grindcore-Band. Musik und Texte nehmen wir selbstverständlich ernst, doch ohne ein Augenzwinkern und etwas Würze geht es bei uns nicht.“ Die Rollen sind bei der Relapse-Kombo dabei klar verteilt:

„Scott (Gitarre) und Randall (Noise und Vocals) sind die beiden Konstanten im Line-Up von AGORAPHOBIC NOSEBLEED. Wir anderen geben Input und äußern unsere Meinungen. Am Ende des Tages treffen jedoch die beiden die finalen Entscheidungen. Kat und ich haben damit keine Probleme, denn wir vertrauen ihnen blind.“ Die Hintergünde zum Einstieg von Katherine Katz (Salome) als Fronterin sind schnell aufgeklärt: „Scott schätzt es, von Zeit zu Zeit mit neuen Leuten zusammen zu arbeiten, denn so verändert sich der Sound der Band automatisch. Nach dem Ausstieg von Schultz (Gemeint ist Carl Schultz von Prosthetic Cunt.), hat er Kat gefragt, ob sie dabei sein möchte. Er hatte sich schon vorher ausgemalt, was mit ihrer Beteiligung möglich sein würde. Da wir mit ihr schon lange befreundet und Fans ihrer Doom-Band sind, war sie schnell einverstanden.“ Kat tritt teilweise noch krasser und extremer als ihre männlichen Mitstreiter auf, so dass ihre Einsätze eine klare Bereicherung darstellen. Doch auch daneben gibt es viel Unerwartetes: Scott Hull agiert konseqeunt Riff-orientiert und zeigt sich im Songwriting überaus vielschichtig aufgestellt. Selbst Track-Längen von mehr als zwei Minuten sind keine Ausrutscher:

„Dem Songwriting kam dieses Mal viel mehr Aufmerksamkeit zugute, doch alles was man auf „Agorapocalypse“ hört, hat es schon früher gegeben, wenn auch nicht so vordergründig. Schon bei „Frozen Corpse Stuffed With Dope” haben wir mit klaren und halbwegs eingängigen Songstrukturen gearbeitet, auch wenn das Album im Ergebnis extremer klang. Es war der richtige Zeitpunkt, das wieder aufzugreifen und insgesamt songdienlicher zu schreiben.“ Als hörbare Grindcore-Band hat man es dieser Tage einfacher, Beachtung zu finden, da es aktuell nicht viele populäre Gruppen gibt: „Viele jüngere Kids sind mit richtigem Grindcore noch nicht einmal in Kontakt gekommen. Wenn sie von unseren Songs niedergerungen werden, macht das nachhaltigen Eindruck. Dabei ist es von Vorteil, gerade jetzt ein abwechslungsreiches und sich flüssig entwickelndes Album zu veröffentlichen.“

„Agorapocalypse“ ist längst nicht mehr nur absurd und abgedreht. In der Verbindung von Elementen aus Death, Thrash und Speed-Metal, Hardcore und Punk mit einer gehörigen Grindcore-Kante entsteht das bislang „hittigste“ Werk der Relapse-Kombo. Textlich geben sich AGORAPHOBIC NOSEBLEED jedoch so polarisiernd und politisch inkorrekt wie eh und je.

 
 Links:
  myspace.com/agoraphobicnb
 
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