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Heaven Shall Burn

Storie von: arne, am 05.06.2009 ]

Mit „Bildersturm - Iconoclast II (The Visual Resistance)” veröffentlichen die Thüringer von HEAVEN SHALL BURN ihre erste DVD. Die enthaltenen Sets vom 2008er Summer Breeze und von der Jubiläumsshow aus dem Wiener Gasometer sind eindrucksvolle Live-Zeugnisse einer der besten europäischen Metal-Bands. Worüber es aber wirklich zu sprechen gilt, ist die Dokumentation „Leitmotiv“. So etwas hat man noch nicht gesehen. Das Quintett aus Saalfeld nimmt seine Fans mit auf eine obskure Reise durch seinen Alltag jenseits des Banddaseins, bei dem Realität und Fiktion von Beginn an verschwimmen.

 
„Das man beides nicht auseinanderhalten kann, ist ja gerade das Schöne daran,“ äußert sich Gitarrist Maik Weichert. „Wir wollen zeigen, wie manipulativ Medien sein können. Du gehst in einen Laden, gibst 25 bis 30 Euro für die DVD aus und willst eine Doku über deine Band sehen. Und dann brauchst du erst einmal eine Weile, bis du auf den Dreh kommst, dass wir da völlige Scheiße erzählen. Auf diesen Effekt bauen wir. Wenn Matze (Drums) mit fünf Pudeln durch einen Park läuft, muss wohl jeder Schunzeln, auch wenn es nicht mit Absicht auf lustig gemacht ist. Wer sagt, dass er es superlustig findet, hat sicherlich erst hintenrum mitbekommen, dass alles eine Verarsche ist und kann nicht zugeben, dass er hinters Licht geführt worden ist.“ Das Auseinanderklamüsern dürfte für Leute, die HEAVEN SHALL BURN nicht kennen, allerdings schwierig sein:

„Darum geht es ja. Wir haben bewusst einen Mischmasch geschaffen, bei dem man nicht weiß, was stimmt und was nicht. Das ist in den Medien ja auch so. Die Trennlinien sind verloren gegangen, und Halbwahrheiten werden verbreitet. Man kann es ja schon als Lüge verstehen, wenn man nicht alles berichtet oder nicht über die Standpunkte unterschiedlicher Quellen spricht. Das ist unser Ansatz. Am Anfang ist es ja ganz normal und dann kommen Statements, wo man sich denkt „Hui!?“ Man bekommt ein unbehakliches Gefühl, weil man sich fragt, was wir denn für Idioten sind. Zum Schluss dreht es dann völlig ab. Mit der Presse ist es ja genauso schwierig. Die FAZ kann man nicht als Gegenstück zur BILD darstellen. Damit hätte ich Schierigkeiten. Diese alten Dinosaurier sind teilweise sehr parteipolitisch gefärbt, jenseits der Frage, auf welchem Niveau sich die Meinungsmache bewegt.“ HEAVEN SHALL BURN haben es sich auf die Fahnen geschrieben, mit ihrer „Leitmotiv“-Dokumentation aufzuklären:

„Wir wollten es eben nur nicht so platt machen. Natürlich hätten wir Molle (Gesang) auch beim Butterbrotschmieren zeigen können, Ali (Gitarre) am Abend nach einem Tag im Studio und mich beim Lernen in der Bibliothek. So, wie wir es getan haben, stupsen wir uns aber selbst vom Thron. Zu sehen ist albernes Bandgehabe, in dem wir nicht die Wahrheit erzählen und letztlich doch das Gleiche aussagen. Da haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wir zeigen, wie manipulativ Medien sein können und dass wir uns selbst nicht zu ernst nehmen. Große Metal-Bands sind ja häufig sehr um ihr Image und ihren Habitus bemüht. Dabei ist es doch lächerlich, wenn Mitglieder von True Metal-Bands auf Festivals in orangen Surferhosen an mir vorbeilaufen, in Kabinen verschwinden und dann komplett in Leder und Nieten auf die Bühne gehen.“ Um ihr Image machen sich die Thüringer verständlicherweise keine großen Gedanken:

„Das von Fans für Fans ist noch immer das, was uns auszeichnet. Wir laufen nach wie vor auf vielen Shows und Festivals herum,


auf denen wir nicht spielen und genießen. Ich fühle mich auf vielen Festivals als Besucher sogar wohler. Unser Image ist eigentlich, dass wir uns keine Gedanken um unser Image machen. Wir sind, wie wir sind. Dass wir eine gesellschaftskritische Band sind, die eine politische Meinung hat, sollte inzwischen bekannt sein. Nun sollen die Leute noch mitnehmen, dass wir uns selbst nicht zu ernst nehmen und Denkanstöße liefern. Die Lösungen haben wir dabei nicht immer parat.“ Baustellen, über die es aktuell zu sprechen gilt, sieht Maik vor allem im privaten bzw. individuellen Bereich:

„Die Gesellschaft ist mittlerweile so weit runter, dass man wieder anfangen muss, Einfluss auf sich selbst zu nehmen, um mit sich selbst klar zu kommen. Es gibt so viele Leute, die sich driften lassen. Nur weil es heißt, man müsse einen Job haben, lassen sie alles Mögliche mit sich machen, weil sie denken, sie hätten keine andere Wahl. Es ist traurig, aber man muss so weit unten anfangen. Die Gesellschaft mit einem neuen Konzept zu erneuern, wäre momentan gar nicht möglich. Das ist nur Geschwafel in linken Plenen, aber an der Realität völlig vorbei. Die Leute, die so etwas diskutieren, sind überhaupt nicht in der Lage, irgendetwas zu verändern, weil sie selbst in einer persönlichen Misere stecken. Neben mir praktiziert eine Psychotherapeutin. Was da jeden Tag für Leute reinschlürfen, und wie deprimiert die aussehen… Vor Jahren wären die vielleicht nur wegen einem schweren Schnupfen zum Arzt gegangen und heutzutage sind die häufigsten Erkrankungen Burn-Out-Syndrome, Depressionen und MidLife-Krisen. Die Gesellschaft hat die Leute krank gemacht, und die Leute machen nun die Gesellschaft krank. Wir driften ja fast schon wieder in den Biedermeier. Anstatt auf eine Demo gehen, fahren die Leute zu Ikea und richten sich ihr heiliges Zuhause ein, wo sie von jedem Einfluss von außen ungestört sind. Dort legen sie die Füße hoch und sagen „Leck mich am Arsch und lass mich in Ruhe“. Das ist ja genau das, was der Ausbeuter, wer immer das ist, will. Dann ist man wieder bei den Neubauwohnungen in der DDR angekommen, wo die Arbeiter in ihrer Schublade verschwunden sind und alle dieselben Bedürfnisse hatten.“

Als Band gehen HEAVEN SHALL BURN mit gutem Beispiel voran und beweisen, dass man die Freiheit hat, das zu machen, worauf man Bock hat: „Wenn man wirklich etwas erreichen und wirklich etwas aus seinem Leben machen will, geht das. Wir haben schließlich das Glück, dass wir auf der Nordhalbkugel leben. Man kann aber nur in einer Sache gut sein, die man wirklich liebt. Als Sklave für jemanden zu arbeiten und irgendetwas zu machen, was man eigentlich nicht will, geht nicht lange gut. Das funktioniert vielleicht ein paar Jahre lang, und man kann sich damit eine Ausgangsposition verschaffen, aber dann sollte man das Sprungbrett auch nutzen und den Absprung schaffen.“

 
 Links:
  myspace.com/officialheavenshallburn
 
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