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Maroon

Storie von: arne, am 26.04.2009 ]

Die Nordhausener von MAROON erfinden sich auf „Order“ wieder einmal neu. Wo der Vorgänger „The Cold Heart Of The Sun“ noch auf ein geteiltes Echo stieß, dürften sich die Wogen wieder glätten und in geteiltem Zuspruch aufgehen. Die Thüringer zeigen sich auf ihrem fünften Longplayer begierig zu erfahren, welche Möglichkeiten das Metal-Universum für sie noch bereit hält. Ausgehend von spannenden, teils tollkühnen Ideen haben MAROON zwölf beinharte Smasher eingezimmert, die ebenso straight wie unerbittlich und souverän ausfallen.

 
Bassist Tom-Eric Moraweck sieht es ähnlich und wird vom ersten Feedback bestätigt: „Bei der letzten Platte haben schon einige Leute gesagt, dass diese sehr schwierig war, aber diesmal fanden alle auf Anhieb Zugang und die Songs richtig gut. So etwas zu hören, freut natürlich, denn wir haben in letzter Zeit sehr viel Zeit mit diesen Stücken verbracht. Mir fehlt etwas der Abstand, aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen, dass es die beste Platte ist, die wir je gemacht haben. Sie ist auf jeden Fall so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben. Natürlich ist es zwischen den ersten Songideen im Proberaum und dem fertig produzierten Album ein riesiger Unterschied, aber gerade was die Produktion angeht, wollten wir genau diese Platte haben. Wirklich geplant war aber wieder einmal nichts. Wir haben die Songs geschrieben, aufgenommen und finden sie einfach nur super!“ Dem Fazit ist uneingeschränkt zuzustimmen, doch ganz so einfach ist es sicherlich nicht gewesen, ein Album wie „Order“ zu erstellen. Der Kontext der Tracks ist weitaus vielschichtiger, atmosphärischer und stimmiger als in den frühen Tagen von MAROON. Stupides Bolzen gehört endgültig der Vergangenheit an. Die Nordhausener sind längst erfahrene und clevere Songwriter, die wissen, was es braucht, die Bühnen und Köpfe ihrer Hörer zu rocken. „Live-Absichten“ hatten die Musiker ganz sicher im Hinterkopf.

Weniger ist mehr

„Natürlich wäre es eine Lüge zu sagen, man macht als Band, was man will. Man wird unweigerlich von vielen Faktoren beeinflusst und schielt auch immer mal zum aktuellen Geschehen, aber im Grunde ist es doch am Besten und Glaubwürdigsten, wenn man das macht, worauf man Lust hat. Viele Leute sagen bereits, die neue Platte sei wieder deutlich härter und brutaler, aber ich sehe da gar keinen so großen Unterschied zur letzten.“ Dabei wird von Bands allgemein erwartet, dass sie sich entwickeln und mit jedem neuen Album das vorherige toppen und irgendetwas anders machen: „Ich denke über so etwas gar nicht nach. Wir schreiben unsere Songs und hoffen natürlich, dass sie möglichst vielen Menschen gefallen, natürlich auch von den Menschen bei der Plattenfirma. Und wenn denen das dann nicht gefallen sollte und sie der Meinung sind, dass wir als Band nicht mehr wirtschaftlich seien, wäre das in erster Linie unser Problem. Ich kann aber mit ruhigem Gewissen behaupten, dass wir bis jetzt immer Platten abgeliefert haben, die zu 100% so waren, wie wir sie haben wollten!“ Nach „The Cold Heart Of The Sun“ ist „Order“ wieder eine Platte, die konsequent drückt und keine Schwachpunkte aufweist: „Das Hauptproblem an „The Cold Heart…“ war, dass die Songs einigen in der Band nicht zum Live-Spielen geeignet schienen. Ich finde das persönlich schade, denn ich mag die Platte und würde gerne mehr Songs vor ihr live spielen, auch wenn es zugegebenermaßen schwierige Songs sind, die live nicht jeden animieren. Diese gewisse Live-Untauglichkeit war wohl das größte Problem der Platte. Ich denke allerdings, dass wir bei der neuen Scheibe ein wenig darauf geachtet haben, dass uns das nicht noch einmal passiert. Ansonsten sehe ich keine so immanenten Unterschiede. „Order“ ist vielleicht wieder etwas eingängiger und nicht mehr ganz so verschachtelt wie die letzte Platte, doch in Punkto Härte würde ich beide als durchaus gleichwertig einstufen.“

In seiner stimmigeren und nachvollziehbaren Entwicklung setzt sich das fünfte Album von MAROON durchaus merklich vom Vorgänger ab, was der Bassist auf Nachfrage auch einräumt: „Ja, ich gebe zu, dass auf „The Cold Heart…“ einige Songs vielleicht etwas kopflos und wirr geklungen haben mögen, zumindest beim ersten Hören. Wir waren vorher sehr lange mit der „When Worlds Collide“ Platte unterwegs, die ja sehr melodiös, eingängig und songorientiert gewesen ist. Diese „Pop-Songs“ waren wir dann irgendwann leid. Deshalb haben wir beim Songwriting zur „The Cold Heart…“ versucht, viele Ebenen in die Songs zu bringen und die Songs etwas vertrackter zu gestalten. Vielleicht hat das den Songs nicht immer gut getan, aber damals brauchten wir diesen Wechsel einfach. Dann haben wir allerdings gemerkt, dass diese Stücke sehr schwer in Konzerten umzusetzen sind. Das hat wiederum das Songwriting zur neuen Platte beeinflusst. Wir haben diesmal eher „Stopp!“ gesagt. Bei der Platte davor haben wir manchmal gedacht, dass noch was in den Song muss – noch was hier, dort noch ein Übergang und hier noch eine kleine Bridge. Wir hatten ein Song-Gerüst und haben da immer mehr dran herum gebaut. Diesmal hat uns dieses Gerüst manchmal schon so gut gefallen, dass wir gar nicht mehr so viel daran gemacht und es einfach so gelassen haben. Dadurch wirken die Stücke direkter und eingängiger. Wobei sich auf der Seite der handwerklichen Fähigkeiten wieder Einiges getan hat und die Stücke eine hohe spielerische Qualität aufweisen.“

Gutes, altes Pop-Schema

Die Thüringer setzen auf „Order“ nicht auf schnelle Mitnahmeeffekte, sondern auf reife und anspruchsvolle Metal-Brecher mit starken Hooklines und clever verwobenen Melodien, die die Stücke stützen, jedoch nicht dominieren. Diese Vorgehensweise zahlt sich aus, denn das Fünftwerk stimmt bis in die Details hinein: „Wir haben bei jedem Stück darauf geachtet, dass es immer noch eine gute Struktur hat. Das war uns schon immer wichtig und ist es auch 2009. Es bringt nichts, wenn man möglichst viele komplizierte Riffs aneinander baut, nichts wiederkehrt und nichts hängen bleibt. Wir haben uns diesbezüglich immer mehr an dem guten alten Pop-Song orientiert und immer versucht Strophe, Kehrreim und Bridge und sowas zu kreieren und das auch im Song zu wiederholen. Wenn dieses Schema gut und interessant umgesetzt wird, erzielt dies meiner Meinung nach die größte Wirkung“ Eine ordentliche Portion Intuition kommt aber auch dazu, denn die Stücke von MAROON wirken nicht zuletzt


aufgrund ihres natürlichen Heavy-Drives: „Das kommt zu 90 Prozent aus dem Bauch. Wir stellen uns im Vorfeld einer neuen Platte nicht hin, diskutieren und sagen uns, wie die neuen Songs klingen müssen. Wir fangen einfach an und finden heraus, was passiert. Natürlich sagt manchmal einer: „Hier muss unbedingt ein Solo hin, oder hier brauchen wir jetzt einne Mosh-Stelle.“, aber das ist ein ganz natürlicher Prozess. Das Einzige, was durchdacht ist und worauf wir immer mit einem Auge achten, ist, dass der Song eine nachvollziehbare Struktur behält und nicht ins Chaotische abdriftet. Es gibt Bands, die machen großartige Songs ohne erkennbare Struktur, bloß mir fällt jetzt keine ein, und wir gehören nicht dazu. Ich hoffe aber inständig, dass man es unseren Platten anhört, dass sie aus dem Bauch kommen. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres als Alben, denen man anmerkt, dass sie irgendein Freak vorher komplett allein am Computer zusammengeklickt hat. Leider gibt es von solchen seelenlosen Veröffentlichungen heute viel zu viele.“

Das stimmt, doch Gruppen wie MAROON beweisen, dass man auch im Bandgefüge zu starken und insbesondere flüssigen Songs kommen kann, die von allen Musikern gleichermaßen getragen werden. Gerade gemeinsam ist das Experimentieren und Ausprobieren neuer Dinge noch spannender: „Das versuchen wir immer. Wir wollen aber nichts erzwingen und bringen keinen 15/28 Takt rein, nur um anzugeben. Bei der neuen Platte haben wir im Proberaum spontan einen kurzen, schnellen Black Metal-artigen Song gezockt und dachten erst, dass dies überhaupt nicht passt. Dann haben wir gesagt „Scheiß drauf“ und der Song wurde am Ende zu ,Children Of The Next Level’. Um das Ganze ganz und gar abzurunden, haben wir unsere Freunde Iblis von Endstille und sG von Secrets Of The Moon gefragt, ob sie nicht Bock hätten, auf diesem Song zu singen. Am Ende ist so ein Black Metal-Song im MAROON-Gewand draus geworden, der so für uns schon Neuland ist. Wir spielen im Studio auch gerne noch rum und hatten diesmal mit Markus Stock einen guten Spielgefährten. Der macht das nämlich auch gerne, was man ja schon bei The Vision Bleak hört. So kommen immer mal Sachen, wo wir anfangs denken: „Mhh, ob das jetzt passt?“ Aber dann machen wir es einfach, und am Ende fügt sich alles wunderbar zusammen.“

Außenseiter-Positionen

Was die textliche Ausrichtung anbelangt, fordert der Bassist die Hörer auf, sich intensiv mit „Order“ zu beschäftigen, um die Absichten der Thüringer nachzuvollziehen. Viel gibt er aus diesem Grund nicht preis: „Es gibt wieder eine Art Konzept, aber das soll jeder selbst herausfinden. Der Titel, das Cover und die Texte stehen in einem Zusammenhang und fassen den Grundtenor der Platte zusammen. Es geht um die verschiedenen Facetten von Abhängigkeiten, um Sekten und um religiösen Fanatismus, aber auch um die Beziehung von Herrscher und Beherrschten und deren Wechselspiele. Das alles findet sich in verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens wieder. ,A New Order’ spiegelt beispielsweise die Sicht eines Fanatikers wider, der denkt, alle anderen um ihn herum seien verrückt und seine Sache ist auf jeden Fall korrekt und richtig. Wer sagt denn, dass dem nicht so ist? Solche Leute finden sich oft in religiösen Sekten. Irgendwann glauben diese Leute wirklich, dass nach ihrem Tod ein Ufo auf sie wartet, welches sie direkt ins Paradies bringen wird. Deswegen bringen sie sich ohne mit der Wimper zu zucken um. Dieses Thema wird beispielsweise in ,Children Of The Next Level’ betrachtet, und das ist auch das Grundthema der Platte. Ich habe mich zu der Zeit sehr oft gefragt, was passiert sein muss, damit Menschen mit einem besetzen Flugzeug in ein Hochhaus fliegen, oder warum sich Leute selbst töten, wie etwa in Morin Heights in Kanada. Wie überzeugt man sein muss, um so etwas mit sich selbst ausmachen zu können und das dann auch noch durchzuziehen. Ich gebe zu, dass mir solch ein blinder Fanatismus Angst macht. Gerade deswegen habe ich mich mit diesen Themen beschäftigt.“ Mit diesem Wissen lässt sich auch das Cover-Artwork besser einordnen, das im ersten Moment schon eigenartig anmutet:

„Justin Osbourn a.k.a. Slasher ist für die Gestaltung verantwortlich. Wir haben dieses Mal von hinten angefangen. Sonst haben wir Texte an einen Künstler geschickt, mit dem wir gerne zusammen arbeiten wollten, und dieser hat sich dann von ihnen inspirieren lassen und ein Artwork gestaltet. Diesmal haben wir ein T-Shirt-Design von Justin bekommen, welches uns so gut gefallen hat, dass wir es als Cover wollten. Als wir dann auch noch merkten, dass die Texte perfekt mit dem Kunstwerk korrespondieren, war alles klar für uns.“ Angesichts der Tatasache, dass Texte im Metal häufig eine untergeordnete Rolle spielen, ist es MAROON hoch anzurechnen, dennoch so viel Arbeit in das thematische Konzept zu stecken: „Das finde ich ebenfalls schade, gerade weil es immer Teil der Metal-Szene war Standpunkte zu beziehen. Bands wie Carcass, Napalm Death, Sepultura oder selbst Metallica haben immer auch soziale und teilweise sogar politische Felder bearbeitet. Natürlich kam dann schnell diese Fantasy-Schiene, aber auch das ist völlig okay. Ich höre nach wie vor gern Bands wie Manowar oder Blind Guardian. Wer denkt, klare Aussagen und Stellungnahmen hätten im Metal nichts zu suchen, liegt aber einfach falsch. Ich finde, es ist eine große Leistung von Musik, gerade von subkulturellen Strömungen wie dem Metal oder dem Hardcore, klare Aussagen zu transportieren und sich eine Plattform nutzbar zu machen, die es einem ermöglicht, Missstände und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Natürlich höre ich auch Platten, bei denen mir die Texte scheißegal sind, aber Inhalt ist nie verkehrt. Es gibt genug Sachen auf der Welt, die mich und sicher auch jeden Metaller wütend oder traurig machen. Warum sollte man diese Gefühle nicht durch einen Song ausdrücken?“

 
 Links:
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