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Brutal Truth

Storie von: arne, am 14.04.2009 ]

Zwölf Jahre nach ihrer selbst verordneten Pause, die eigentlich ein Split gewesen ist, melden sich BRUTAL TRUTH mit einem neuen Gitarristen und einem neuen Album im internationalen Grindcore-Zirkus zurück. Das Quartett um Bassist Dan Lilker (u. a. Anthrax, Nuclear Assault, S.O.D.) legt sein „Evolution Through Revolution” über Relapse vor und verbucht sowohl eines der meisterwarteten Genre-Releases seit Jahren als auch ein denkbar abgefeiertes Comeback.

 
„Hättest du mir vor zehn Jahren gesagt, dass es 2009 ein neues Album von BRUTAL TRUTH geben würde, hätte ich dir nicht geglaubt und dich für verrückt erklärt,“ erwidert ein gut gelaunter Danny Lilker. „Es ist schon witzig, wie sehr man sich täuschen kann. Seit der Reuinion bekommen wir so viel Aufmerksamkeit, dass es schon verrückt ist. Die Leute interessieren sich mehr denn je für uns, dabei gab es uns mehr als eine Dekade überhaupt nicht. Ich führe das auf den Umstand zurück, das wir eine der frühen Grindcore-Bands gewesen sind, die niemals aus der Mode kam und viele Musiker nachhaltig beeinflusst hat. Die ganze Zeit über, in der BRUTAL TRUTH auf Eis lagen, haben mir unzählige Leute gesagt, wie wichtig unsere Band für sie gewesen ist und wie sehr sie ihre musikalische Entwicklung beeinflusst hat. Daran schloss sich immer unweigerlich die Frage an, ob bzw. wann es ein Comeback geben würde. Ich habe jahrelange gesagt, dass eine Reuinon ausgeschlossen sei, aber das hatte ich ja schon bei S.O.D. getan, und auch dort hat sich meine Einschätzung als falsch erwiesen.“ Aktuell freut sich der Bassist vor allem über den anhaltenden Siegeszug, der für die reaktivierten New Yorker nicht zu enden scheint: „Was mich total überrascht, ist die Tatsache, das auch die jüngeren Kids alles über BRUTAL TRUTH wissen und alle unsere Releases kennen. Ich finde es toll, dass sich scheinbar sehr viele Kids mit den Ursprüngen des Grindcore beschäftigen. In einem Alter um die 20 ist das sicherlich nicht als selbstverständlich anzusehen. Daneben gibt es viele Leute, die uns erzählen, dass es für sie ein wahr gewordener Traum ist, dass wir wieder zusammen gefunden haben. Als wir uns 1998 auflösten, sind sie um die zehn, zwölf Jahre alt gewesen und haben uns erst einige Jahre später für sich entdeckt. Da hatten sie allerdings nicht mehr die Chance, uns live zu sehen. Nun bietet sich ihnen die Gelegenheit. Der große Zuspruch lässt uns auch die ganzen jungen Bands nicht fürchten, mit denen wir heute im Wettbewerb stehen. Wir wissen, dass wir unseren eigenen Stil haben, der uns absetzt.“

Party on

Danny selbst sind vor allem die einschneidenden Wendepunkte in Erinnerung geblieben, wenn er auf den bisherigen Weg von BRUTAL TRUTH zurück schaut, aber auch der nachhaltige Eindruck, den die Band im Grindcore hinterlassen hat: „Die besonderen Momente sind sicherlich das Signing auf Earache, die anfangs wechselnden Schlagzeuger, die Japan-Touren, das Signing auf Relapse, die Trips nach Australien, etc. gewesen. Das sind aber nur die Dinge, die direkt mit der Band verbunden sind. Was mindestens genauso viel ausmacht, sind die Reaktionen der Fans und anderer Musiker und die Tatsache, dass wir als so einflussreich angesehen werden. Das ehrt uns, und darauf sind wir stolz. Gerade, was unseren Einfluss auf den Sektor extremer Musik anbelangt. Man darf nicht vergessen, dass Grindcore tief im Underground verortet ist und du als Band der Richtung niemals Millionen Alben verkaufen wirst. Darum ging es uns auch niemals und doch haben wir der Spielart zu Beachtung auch außerhalb der Szene verholfen. In unserer ersten Phase in den 90ern lief es schon ganz gut. Dank der Wertschätzung und den Vorschusslorbeeren, die uns heute entgegen gebracht werden, dürfte sich die Situation nun sogar noch besser darstellen. Das geht mir aber immer noch nicht so richtig in den Kopf, wenn ich daran denke, welche Art von Musik wir spielen.“ BRUTAL TRUTH präsentieren sich auf „Evolution Through Revolution” keinen Deut zahmer oder angepasster als früher, was mit den Absichten der Band für ihre Zukunft korrespondiert: „Der Plan ist, so weiter zu machen, als hätte es keine Auszeit gegeben. Das bedeutet, dass wir in Support der neuen Platte so viel wie möglich touren wollen und zwischendrin möglichst viel Party mit unseren Freunden und anderen coolen Leuten feiern wollen.“ Nachdem Napalm Death unlängst ihr beinhartes „Time Waits For No Slave“ veröffentlichten, schlagen Lilker & Co. nun ebenfalls in die Old School-Kerbe. Die Comeback-Scheibe entwickelt sich als Mischung aus den Klassikern „Need To Control” und „Sounds Of The Animal Kingdom”. Die vier New Yorker agieren unerbittlich und konsequent reduziert: „Der Einstieg von Erik Burke als neuem Gitarristen hat uns als Band merklich nach vorne gebracht. Das soll die Leistung unseres originalen Gitarristen Gurn nicht abwerten, aber er war kein Grindcore-Fan, als wir die Band starteten. Er wurde erst von uns bekehrt und hatte deshalb immer eine andere Sicht auf den Sound. Erik kommt hingegen aus der Grindcore-Szene und ist maßgeblich von BRUTAL TRUTH beeinflusst, was eine denkbar ideale Voraussetzung ist. Gerade im kreativen Prozess haben wir uns blind verstanden und konnten sehr effektiv arbeiten. Sein Beitrag hievt unser Songwriting auf ein höheres, noch verrückteres Level. Während der Auszeit habe ich zudem viele Riffs geschrieben, die in den anderen Bands und Projekten nicht zum Einsatz kamen. Als es dann mit BRUTAL TRUTH wieder losging, musste ich die nur wieder hervorkramen. Damit war ein guter Start gesichert.“

Bewusst kontrovers

Die experimentelle Komponente von „Evolution Through Revolution” fällt weniger stark als noch auf „Sounds…“ aus. Vor allem deshalb, weil die New Yorker heraus stellen, dass man auch mit vergleichsweise einfachen Stilmitteln ein unglaublich brutales und krasses Album erschaffen kann, das moderne Produktionen und übersteigerte Technik problemlos plattmacht: „Am Anfang sind unsere Stücke immer so etwas wie simple Punk-Songs, doch dann drehen wir auf unsere eigene Weise ab und der Sound verändert sich. Das liegt sowohl an den involvierten Musikern als auch am Gras. Am Ende entsteht etwas, das typisch und klar erkennbar BRUTAL TRUTH ist, was uns sehr wichtig ist. Um das zu erreichen, müssen wir jedoch nicht so viel tun. Das stellt sich von ganz alleine ein, denn wir sind Freaks, die wissen, wo ihre Stärken liegen.“ Mit seiner traditionellen Tempo-Anlage zwischen (Crust-)Punk, Thrash Metal und Grindcore punktet das


Quartett auch auf der Reunion-Scheibe: „Das Album schafft es irgendwie, sowohl ganz anders als unsere früheren Releases zu klingen und dennoch all die Aspekte widerzuspiegeln, die BRUTAL TRUTH von jeher ausmachten. Hier muss ich noch einmal Erik’s Einfluss auf unseren Sound strapazieren, der uns entscheidend voran gebracht und mit neuem Blut versehen hat. Daneben sind es jedoch noch immer dieselben drei Typen, die zusammen spielen, schreiben und schreien. Aufgrund dieser Tatsache konnte sich „Evolution Through Revolution“ letztlich nicht zu weit von unseren alten Sachen entfernen, auch wenn die Songs etwas schneller und verrückter ausfallen. Ich kann es kaum abwarten, bis die Fans die Platte endlich in ihren Händen halten werden. Der ganze Entstehungsprozess vom Songwriting bis hin zum finalen Master war einfach unbeschreiblich intensiv. Wir haben alles dafür gegeben, ein möglichst optimales Comeback-Album abzuliefern, und das ist es tatsächlich geworden. Wer unsere alten Sachen mochte, wird problemlos Zugang zu „Evolution Through Revolution“ finden.“ Ist das Quartett um Dan Lilker (u. a. Anthrax, Nuclear Assault, S.O.D.) jemals weg gewesen? Das Feeling ist sofort wieder da, denn die neue Relapse-Scheibe drückt ohne Ende. Die Geschwindigkeit wird permanent hoch gehalten, während die harschen Vocals von Kevin Sharpe bissige Kritik äußern. ,Get A Therapist...Spare The World’ oder ,Bob Dylan Wrote Propaganda Songs’ geben in dieser Hinsicht die Richtung vor: „Unser Stil war schon immer die musikalische Umsetzung purer Emotionen, oder besser purer Aggressionen. So wird es immer bleiben. Das gilt sowohl für die Musik als auch für die Lyrics, die ebenso intensiv sein müssen, wenn es Grindcore ist. Kevin setzt auf Texte, die von der Realität inspiriert sind und die Situationen widerspiegeln, die er durchlebt hat. Früher ging es gelegentlich auch ins Persönliche, doch heute hat er andere Themen gefunden, die er bearbeitet. Worum es in den Texten grundsätzlich geht, ist, seine eigenen Gedanken zu formulieren, die gerne auch kontrovers sein dürfen. Schließlich wollen wir, dass die Leute auf sie reagieren oder sich wenigstens mit ihnen beschäftigen. Natürlich ist uns bewusst, dass es auch Leute gibt, die uns allein deshalb hören, weil wir krasse und extreme Musik spielen. Das ist aber auch okay, schließlich kommt nicht jeder zu einer BRUTAL TRUTH-Show, um sich weiter zu bilden oder mit Themen zu beschäftigen, die ihn vielleicht nicht berühren.“

„Gras ist unser LSD“

So oder so gibt es beim Quartett die volle Bedienung, denn mit halben Sachen halten sich die New Yorker erst gar nicht auf. Bei ihnen ist alles geplant, wie Danny verrät: „Bei BRUTAL TRUTH ist rein gar nichts zufällig. Gras ist unser LSD, weshalb wir uns niemals zurück lehnen oder still stehen, sondern stets austicken und krasse, schnelle Musik schreiben. Es geht immer nur in eine Richtung, frei nach dem Motto AAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ Die ersten neuen Stücke der Kult-Grinder sind nach der Reunion im Rahmen der „This Comp Kills Fascists“ CD erschienen, die Scott Hull (Agoraphobic Nosebleed, Pig Destroyer) zusammen gestellt hat: „Diese Compilation hat uns die Chance geboten, den Leuten eine Preview unserer neuen Sachen anzubieten. Wir hatten die Stücke allerdings nur in unserem Proberaum aufgenommen, was natürlich nicht mit einer Album-Qualität zu vergleichen ist. Da auf den Shows aber immer mehr Leute zu uns kamen und nach einer neuen Platte fragten, nutzten wir die Gelegenheit der Compilation. So konnten wir auf das Release verweisen und weiter an unserem Album werkeln. Scott Hull trat genau zur richtigen Zeit an uns heran.“ Einen stimmigeren Kontext hätte man wohl kaum konstruieren können, befanden sich die New Yorker doch in bester Gesellschaft mit u. a. Insect Warfare, Magrudergrind, Weekend Nachos und Total Fucking Destruction von Schlagzeuger Richard Hoak. Über die Jahre sind eine Vielzahl von Veröffentlichungen erschienen, an denen entweder einzelne oder gleich mehrere Mitglieder von BRUTAL TRUTH beteiligt waren. Venomous Concept-Scheiben mit Lilker und Sharpe, die Total Fucking Destruction-Releases von Hoak – es hat etliche Berührungspunkte jenseits der pausierenden Underground-Legende gegeben. Der Bassist schätzt die Vorzüge unterschiedlicher Outlets:

„Derzeit spiele ich auch in einer Band, die Crucifist heißt und stilistisch irgendwo zwischen 80er Jahre Black/Death liegt, der mit etwas Doom und Elementen aus der NWOBHM versetzt wird. Diese Gruppe ermöglicht es mir, Musik zu spielen, an der ich viel Spaß habe, die aber keinesfalls im Kontext von BRUTAL TRUTH funktionieren würde. Es ist schön, etwas als Ausgleich zu spielen, das deutlich melodischer ausgerichtet ist und mich auf dem Bass andere Dinge tun lässt. Darüber hinaus bin ich ja auch noch bei Venomous Concept, was mindestens genauso viel Spaß macht. Dort geht es um simplen, schnellen Hardcore. Den Stil von BRUTAL TRUTH muss man als eigenwillig und stellenweise auch sehr technisch einstufen. Da hilft es, wenn man nebenher mit anderen Gruppen einfachere Songs schreibt.“ Obwohl auch Danny in diversen Projekten aktiv ist, wertet er das zunehmend digitalisierte Umfeld kritisch: „Wenn ich mich umschaue, scheint es heute eine rege Projekt-Kultur zu geben, die allein auf Plattformen wie Myspace und Youtube lebt. Sie ist eng mit der Frage verknüpft, wie viel Anstrengung und Zeit man in seine Musik investieren will, und wie ernst es einem damit ist. Für mich gehört es einfach dazu, möglichst viel zu touren und Leute von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Anders geht es eigentlich nicht, denn das macht es aus, in einer Band zu sein. In dieser Beziehung sind BRUTAL TRUTH definitiv oldschool, auch wenn wir uns, was die Musik anbelangt, nicht festlegen wollen.“ Aufgrund eines Wechsels der Booking-Agentur wird es die New Yorker in Europa vorerst nur auf ausgewählten Sommer-Festivals, u. a. Neurotic Deathfest und Hellfest, zu sehen geben. Eine komplette Tour soll im Herbst folgen, doch konkret ist noch nichts.

 
 Links:
  brutaltruth.com
 
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