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Anti-flag

Interview von: Dominik mit Anti-Flag, am: 04.10.2008 ]

Die Vorzeichen stehen denkbar gut, als die amerikanischen Punkrocker von ANTI-FLAG nach Deutschland kommen, um auf drei Konzerten über die Republik verteilt ihr neues Album „The Bright Lights Of America“ vorzustellen. Die Shows in München und Köln wurden in deutlich größere Hallen verlegt, während man in Berlin eine ohnehin schon geräumige Konzertlocation gewählt hatte. Das Interesse an der Band scheint auch nach gut zehn Jahren Bandhistorie und ihrem mittlerweile siebtem Studioalbum ungebrochen und sogar größer als zuvor.

 

Musicscan: Das neue Album der Pittsburgher ist auf verschiedene Weise anders und neu. Zum einen verraten die Songtexte erstmals auch mehr von der persönlichen Seite der Band. Die eigene Emotionslage und Sichtweise rücken mehr in den Fokus und mischen sich in diesem so wichtigen US-Wahljahr 2008 mit wütenden Statements zur amerikanischen Gesellschaft. Auch musikalisch und Sound-technisch präsentiert sich „The Bright Lights Of America“ als das wohl reifste und elaborierteste Album der Geschichte des Quartetts um Sänger und Gitarrist Justin Sane. Für die Aufnahmen beschritt ANTI-FLAG neue und mutige Pfade und verpflichtete mit Tony Visconti einen Produzenten, der mit den Alben von T-Rex, David Bowie, Thin Lizzy und Morrissey Rockgeschichte schrieb und somit prädestiniert war, die Arbeits- und Herangehensweise der Band auf den Kopf zu stellen. Besonders die fast orchestrale Instrumentierung vieler der insgesamt zwölf Songs von Glockenspielen zu Bläsersätzen verleiht “The Bright Lights Of America” einen ganz eigenen Charme. Hörbar wurde bis in das kleinste Detail am Nachfolger zum 2006 erschienen „For Blood And Empire“ geschraubt und jeder Song bis zur Perfektion getrieben.

Musicscan: Sichtbar von den Strapazen der Rundreise gezeichnet, aber dennoch bestens gelaunt, steigen die verschlafenen Justin Sane und Bassist Chris #2 aus dem Tourbus und finden sich zum Interview ein. Kurz wird von der Begegnung mit alten Freunden vom gestrigen Abend in Berlin erzählt. ANTI-FLAG sind mehr als glücklich, wieder in Deutschland spielen zu dürfen, eine Menge toller Leute hier getroffen zu haben und Freundschaften mit Bands wie ZSK und den Donots zu pflegen. Sehr glücklich sind sie auch mit ihrem neuen Album und so beginnt der offizielle Teil unmittelbar.

Musicscan: Wie kam es zur Wahl Eures Produzenten Toni Visconti?

Anti-flag:Chris #2: Ja, das ist schon verrückt, oder? Das lustige an dieser Sache ist, dass wir überhaupt nichts über Toni Visconti wussten. Als wir das Material schrieben, hatten wir eigentlich vor Augen, zu einem Punkrock-Produzenten zu gehen, also war das Studio bereits gebucht und es setzte sich alles in Bewegung. Als wir darüber sprachen, die Sachen auf das Album zu bringen, die Du jetzt auch dort hören kannst, also die Glockenspiele und Bläser, kam Justin eines Tages und fragte uns, ob wir einmal das Morrissey –Album gehört hätten, dass Toni produziert hatte. Also riefen wir unseren Manager an und er kannte diesen Typen tatsächlich. Als wir dann im Internet nachschauten, was er sonst so produziert hatte, bemerkten wir, dass wir eine Menge der Platten, die er gemacht hatte in unseren Sammlungen haben. Also hat unser Manager seine Telefonnummer herausbekommen und wir vier haben ihn angerufen. So nach dem Motto: „Du bist Produzent. Wir sind eine Band.“ und er sagte ja.

Anti-flag:Justin Sane: Und warum wir besonders an ihm interessiert waren ist eben, dass ich ein großer The Smiths bzw. Morrissey –Fan bin. Morrissey hat neben dem von Toni produzierten “Ringleader of the Tormentors“ kein so intensives und vielschichtiges Album veröffentlicht und uns war klar, dass es da einen bedeutenden Einfluss von außen gegeben haben muss. Darüber hinaus fanden sich auf diesem Album so viele Dinge, die wir auch auf unserem neuen Album haben wollten und so dachten wir, dass wir uns von dieser Person helfen lassen mussten, diese Vorstellungen zu verwirklichen. Wir wussten, wie man ein Rockalbum macht und er weiß, wie man es zu einem großen und großartigem Album macht. Also ging er los und kaufte alle unsere Alben, rief zurück und sagte, dass das ein großer Spaß werden würde.

Anti-flag:Chris #2: Die größte Veränderung von unseren alten Alben zu “The Bright Lights Of America“ war das Drama. Es geht auf und ab auf dieser Platte und zuvor wussten wir einfach nicht, wie wir es erreichen konnten, diese Dramatik zu transportieren. Wir haben immer nach einer Möglichkeit gesucht, dem Hörer das Gefühl einer Reise zu geben.

Musicscan: Schon beim ersten Hören stellt sich die Frage, wie das live umgesetzt werden soll. Diese vielschichtige Instrumentierung würde ein kleines Orchester auf der Bühne voraussetzen.

Anti-flag:Justin Sane: Die Antwort ist, dass wir es nicht machen werden.

Anti-flag:Chris #2: Wir spielen nicht zu einem Playback und es werden keine Dinge auf mysteriöser Weise aus der Beschallungsanlage kommen.

Anti-flag:Justin Sane: Was ich an einem Studio so mag ist, dass das ein Ort ist, wo Du einfach das Maximum rausholen kannst. Da kannst du Sachen machen, die du einfach sonst nicht reproduzieren kannst. Und live geht es um die Energie und das Publikum, da ist es ein Geben und Nehmen und die Spannung zwischen der Band und den Konzertbesuchern. Ich glaube einfach, dass das beides zwei unterschiedliche Erlebnisse sein sollten. Deswegen mache ich mir keine Gedanken darüber, etwas live umsetzen zu können, denn im Studio solltest du versuchen, großartige Ideen festzuhalten. Und live sollte es eben um die Energie und die Aufregung in der Halle gehen.

Musicscan: Also habt ihr nicht Befürchtung, dass jemand enttäuscht sein könnte, wenn es live anders als auf Platte klingt?

Anti-flag:Chris #2: Nein, denn wir haben die Songs so geschrieben, dass sie auch alleine stehen können. Denn neben all diesen orchestralen Elementen spielt ja immer noch eine komplette Rockband. Nähme man das weg, würde der Song immer noch weiterlaufen.

Musicscan: Wie lange habt ihr gebraucht, um “The Bright Lights Of America“ aufzunehmen?

Anti-flag:Justin Sane: So kurz, wie noch niemals zuvor.

Anti-flag:Chris #2: Es hat gerade einmal dreieinhalb Wochen gedauert, das Album aufzunehmen, während “For Blood And Empire“ dreieinhalb Monate gebraucht hat.

Anti-flag:Justin Sane: Wir sind einfach mittlerweile bessere Musiker und die Arbeit mit Toni hat da auch wirklich weitergeholfen. Bei den früheren Alben dachte ich, dass es niemals gut genug sei und nahm Dinge immer wieder neu auf. Aber Toni konnte ich zum ersten Mal vertrauen und wenn er mir sagte, dass etwas gut genug sei, habe ich ihm geglaubt und wir haben weitergemacht.

Musicscan: Natürlich müssen wir auch über euer politisches Engagement sprechen. Denn da in diesem Jahr die Präsidentschaftswahlen anstehen, ist das Interesse der weltweiten Öffentlichkeit mal wieder auf Amerika gerichtet. Aber auch eure eigene Aufklärungskampagne der „Military Free Zone“ ist ein riesiges und wichtiges Unterfangen, dessen Hintergrund so manchen deutschen Leser sicherlich schockieren wird.

Anti-flag:Justin Sane: Die „Military Free Zone“ ist eine ehrenamtliche Organisation, die wir in den USA gegründet haben, um die Rekrutierungspraktiken der amerikanischen Armee zu bekämpfen. Es gibt einen Erlass, der eine „No Child Left Behind“ -Klausel enthält, der besagt, dass jede Schule, die staatlich gefördert wird, ein Verzeichnis aller Schüler inklusiver aller Informationen von Telefonnummer bis hin zur Benotung und Beurteilung weitergeben muss. Mit diesen Informationen ausgestattet kommt das Militär an die Schulen und nimmt die Schüler ins Gebet. „Du hast schlechte Noten, also ist deine einzige Chance, dem Militär beizutreten“ ist, was sie dir dann erzählen. Sie können dir sagen, dass du mit deinem sozialen Hintergrund sowieso keine Chance auf eine Collegeausbildung hast und wenn du nicht zum Militär gehst, du ein lebenslanger Versager sein wirst. Wenn Du ihnen betrittst, versprechen sie dir Geld für das College.

Anti-flag:Chris #2: „Solange Du nicht stirbst“, was sie dir leider nicht sagen.

Anti-flag:Justin Sane: Und anstatt die Schulen sich verstärkt um diese Kids kümmern und sie besonders fördern, geben sie sie einfach an das Militär weiter. Tatsächlich ist es aber so, dass sich immer weniger melden, um zum Beispiel im Irak zu kämpfen. Die Zahlen der Freiwilligen sinken stark, denn niemand will dort kämpfen. Also haben sie sich diese „kreative Lösung“ einfallen lassen, um die Reihen wieder aufzufüllen. In den Medien wird sogar aufgegriffen, dass die Rekrutierungsmethoden der US-Armee verlogen sind. Es gibt zum Beispiel die Story eines Jungen, der seinen Berater absichtlich reinlegen wollte. Mit versteckter Kamera erzählte er ihm, dass er den Drogentest nicht bestehen könne, um beizutreten. Der Bewerber erzählte ihm dann, wie man den Drogentest überlisten könne, nahm ihn mit zu einer Apotheke und kaufte ihm die Dinge, die er schlucken sollte, um den Test dennoch zu bestehen. Das Videomaterial landete schließlich bei einem Nachrichtensender und ist nur ein Beispiel von vielen, wie die Kinder und Jugendlichen belogen werden.

Anti-flag:Chris #2: Das schlimme ist das System dahinter, denn als Berater wirst Du entsprechend deiner Anzahl an Rekrutierungen bezahlt.

Anti-flag:Justin Sane: Daher geht es um den Schutz der Privatsphäre. Die privaten Informationen dürften nicht ohne ihre Zustimmung weitergegeben werden. Solange die Kids nicht ausdrücklich sagen, dass ihre Daten an das Militär gegeben werden, solange sollten diese privat bleiben. In diesem Regime scheint die Privatsphäre nichts mehr zu bedeuten. Ob es nun diese Geschichte ist, oder der Lauschangriff der Behörde für nationale Sicherheit. Auch laut amerikanischer Verfassung ist das eigentlich Verboten aber die Bush-Regierung scheint sich weder um das eigene Gesetz, noch um internationale Gesetze zu kümmern. Es sind zum Glück nur noch wenige Monate, aber wir müssen wachsam sein, was passiert und was daraus werden kann. Es wurden Tatsachen verfälscht, um die Kontrolle zu behalten.

Musicscan: Sollte also nicht jede Band ihre Popularität dazu nutzen, um auf die Umstände aufmerksam zu machen?

Anti-flag:Chris #2: Ich denke, dass jede berühmte Band etwas Gutes damit anstellen sollte. Kürzlich habe ich The Police – also die Band – in Australien gesehen. Sie haben eine Kampagne unterstützt, die sich für Trinkwasserresourcen der Welt einsetzt. Also wurde während des Konzerts zwischen den Bands immer wieder Informationen abgespielt, um darüber aufzuklären, dass es unzählige Orte auf der Welt gibt, an den es kein sauberes Trinkwasser gibt. Das ist großartig, denn eine Band wie The Police verkauft locker 20.000 Tickets für eine einzige Show und anstatt sich ein weiteres Luxusauto zu kaufen, oder sonst einen Unsinn damit anzufangen, machen sie etwas Sinnvolles damit.

Anti-flag:Justin Sane: Du musst also keine politische Band sein, um etwas zu machen und ich glaube so sollte jeder Künstler denken. Man sollte der Welt, die so gut zu einem war auch etwas zurückgeben. Ich bin kein Fan von Band wie Falloutboy, aber ich schätze an ihnen, dass sie sich einsetzen. Und solange Falloutboy auch nur einen einzigen Tag aktiv sind, hat das schon einen großen Einfluss. Jede Band sollte sich Engagieren, was aber nicht heißt, dass jede Band über Politik singen sollte.

Musicscan: Habt ihr also große Hoffnung in eine Veränderung in Amerika mit dem Regierungswechsel, der momentan schon alleine auf Grund der Vorwahlen in aller Munde ist?

Anti-flag:Justin Sane: #2 ist ein großer Fan von Barack Obama und auch ich denke, dass er die beste Wahl darstellt. Trotzdem haben bei in ihrer Laufbahn vieles gemacht, was wirklich nicht gut ist. Man kann diese Leute ja nur auf Grund ihrer politischen Laufbahn beurteilen. George Bush hat uns bewiesen, dass es wirklich wichtig ist, wer Präsident ist und auch Millionen von Irakern würde das wohl unterschreiben, wären sie nicht tot. John McCains Antwort auf alles ist „Mehr Truppen, mehr Krieg“ und auch wenn er sich gegen die Folter ausspricht, so glaube ich doch, dass er doch für eine Fortsetzung des Krieges ist. Ich hoffe sehr, dass entweder Obama oder Hilary Clinton ins Weiße Haus einziehen und es eine Veränderung zum Positiven geben wird.

Anti-flag:Chris #2: Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass die Demokraten sich deutlich von den Republikanern absetzen. Sie haben erkannt, dass es jemanden braucht, der das genaue Gegenteil von George Bush ist. Das wirklich Gute an demokratischen Wahlen ist die Berechenbarkeit. Wenn Barack Obama wegen seiner Versprechen gewählt würde, täte er gut daran, sich auch verdammt genau daran zu halten. Denn andernfalls kommen die Leute und klopfen an die Türe des Weißen Hauses.

 
 Links:
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