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Walls Of Jericho

Storie von: arme, am 22.09.2008 ]

Nach ihrer Akustik-EP „Redemption“ überraschen WALLS OF JERICHO mit einem beinharten neuen Longplayer, der die nicht gerade seichten Vorgänger „All Hail The Dead“ und „With Devils Amongst Us All“ hinsichtlich Brutalität und Kompromisslosigkeit deutlich in den Schatten stellt. Der Ausflug in ruhige Gefilde hat zu einem bewussten und fokussierten Songwriting geführt. „The American Dream“ ist ein von seiner Anlage her ungemein straffes und bösartiges Album.

 
Wo „With Devils Amongst Us All“ noch einen Hang zu Melodien und handwerklichen Feinheiten aufwies, regiert heute blanke Aggression und ein straightes Sound-Bild. In der Mitte zwischen Thrash Metal und toughem Hardcore entsteht ein Hassbatzen sondergleichen, den die Band um Frontfrau und Szene-Ikone Candace Kucsulain zum Zeitpunkt des Telefon-Interviews gerade auf der neu initiierten „Mayhem Festival-Tour“ neben Größen wie Slipknot, Disturbed, Mastodon, Machine Head und Unearth live supportete. Gitarrist Chris Rawson hatte das gesamte Gespräch über damit zu kämpfen, in Ruhe telefonieren zu können. So ergab es sich ganz von selbst, allein über die „Touring-Problematik“ zu sprechen: „Für uns läuft es okay. Eignetlich so wie immer, wenn wir in den Staaten spielen. In Europa kommen wir weitaus besser an. Dass wir gerade eine große Festival-Tour mitspielen, ist eine Ausnahme. Normalerweise sind unsere Gigs kleiner und tendenziell schlecht besucht. In Südamerika und insbesondere bei euch in Europa ziehen wir mehr Leute und die Shows machen insgesamt mehr Spaß. Inzwischen ist es hier halbwegs okay, aber wann immer wir es einrichten können, kommen wir zu euch. Der Mix aus Club-Touren und den Sommer-Festivals wie dem With Full Force läuft für uns immer richtig gut. Auf einen Schlag kannst du im Sommer vor so vielen Leuten spielen, von denen etliche auch wegen dir da sind, während du hier in den Staaten dieselbe Anzahl nicht einmal dann zusammen bekommst, wenn du alle zählst, die uns auf einer Tour begegnen. Neben der „Warped Tour“ und den „Ozzfests“ gibt es im Grunde keine Festivals und diese Rundreisen sind ohnehin anders konzipiert als die Festivals bei euch in Europa. Es ist schade, dass es hier so etwas nicht gibt.“

Wechselnde Fangruppen

Doch auch jenseits der Organisation von Festivals sind Chris Rawson Unterschiede aufgefallen: „In Europa scheint es mir so, dass die unterschiedlichen Hörer-Gruppen ganz gut miteinander können. Auf den Festivals stehen Metal-, Punk-, Hardcore-, Emo- und Pop-Kids nebeneinander und haben gemeinsam Spaß. Sie alle singen mit und gehen ab. Es gibt Bands wie Sick Of It All, die seit Jahrzehnten von allen gemocht werden und wo das ganze Festival-Publikum feiert. So muss es sein, denn es sollte nur um die Musik gehen. Doch hier bei uns in den Staaten herrschen Misstrauen, Neid und stupides Szene-Denken vor. Die Genres und ihre Fans leben nebeneinander her, ohne sich auszutauschen und zu durchmischen. Die einzelnen Fan-Gruppen erheben Anspruch auf „ihre“ Bands und beobachten sehr genau, wie diese sich entwickeln. Hast du ein Level erreicht, dass ihrer Ansicht nach zu groß ist, wirst du fallen gelassen und sie suchen sich den Nächsten, den sie hypen können. Als wir vor einigen Jahren das erste Mal auf den „Ozzfests“ waren, haben sich viele Hardcore-Kids von uns abgewandt, weil wir ihrer Ansicht nach nicht mehr Hardcore waren. Hatebreed hatten ein ähnliches Problem. Zu den Zeiten von „Satisfaction Is The Death Of Desire“ waren sie Hardcore und haben ein entsprechendes Publikum gezogen. Heute siehst du auf ihren Shows keine Hardcore-Kids mehr, nur Metal-Heads. Dabei sind sie im Grunde noch immer so aufgestellt, wie zu Beginn, auch wenn die letzten Alben etwas metallischer ausgefallen sind. Obwohl wir nicht ganz so erfolgreich wie Hatebreed sind, erleben wir dieselbe Abwanderung. Vor fünf Jahren kamen 90% Hardcore- und 10% Metal-Kids auf unsere Shows. Heute ist es genau anders herum. In Europa gibt es so etwas nicht. Die Leute sind loyal und unterstützen eine Band, wenn sie sie erst einmal für gut befunden haben.“ Begründen kann der Gitarrist das skizzierte Verhalten


nicht: „Woran das im Einzelnen liegt, weiß ich nicht. Wir bekommen ja nur das Ergebnis mit und wundern uns. So oberflächlich und ignorant kann man ja eigentlich nicht sein, doch die Kids sind es. Damit muss man sich abfinden, was noch lange nicht heißt, dass wir es befürworten. Als Band willst du schließlich Konzerte vor einem möglichst großen Publikum spielen. Natürlich geben wir immer unser Bestes, unabhängig davon, ob wir vor 50 oder 500 Leuten spielen, doch die größeren Shows machen schon mehr Bock, weil die Reaktionen häufig intensiver sind. Wir sind in unseren Herzen nach wie vor Hardcore-Kids, also sind wir nach meiner Definition auch eine Hardcore-Band. Es geht darum, Spaß zu haben, nicht einer komischen Ideologie zu folgen. Sicherlich gibt es bei WALLS OF JERICHO auch einen starken Metal-Anteil, wir sind ja auch mit Metal aufgewachsen, doch wir versuchen stets, beide Spielarten gut miteinander zu kombinieren, um so möglichst vielen Leuten interessante Ansätze zu bieten. Es ist schade, wenn sich einige aus dummen Gründen abwenden, die nicht nachvollziehbar sind.“

Madball meets Slayer

Das Stilmittel des Beatdown-Moshs nutzen WALLS OF JERICHO auf „The American Dream“ weniger häufig als in der Vergangenheit, da sie hörbar angepisst sind und ihrer Wut möglichst rabiat und temporeich Ausdruck verleihen wollen. Das müsste das Identifikationspotenzial für Metal-Heads eigentlich erhöhen, doch Chris wiegelt ab: „Mit der Zeit haben wir aufgehört, uns vorab Gedanken darüber zu machen, wie unsere Platten oder wie wir auf einzelnen Touren oder Shows wohl ankommen. Wir gehen jeweils selbstbewusst in die Gigs und schauen, ob bzw. inwieweit das Publikum mitgeht. Alles Weitere entwickelt sich von selbst. In der letzten Zeit habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass Metal-Kids generell aufgeschlossener sind und auch den Bands eine Chance geben, die sie vorher nicht kannten und die einen anderen Stil spielen, als den, den sie gemeinhin hören. Auf Tour erlebst du jedoch alle Extreme. Den einen Abend wirst du frenetisch abgefeiert, am nächsten wiederum fast ausgebuht und im Mittel liegen die Reaktionen irgendwo dazwischen. Es kommt immer darauf an, mit wem du unterwegs bist. Auf unseren Hardcore-Touren haben wir es prinzipiell schwerer, weil die Kids uns nach den „Ozzfest“-Touren immer wieder Sell-out vorwerfen. Wir hängen zwischen den Stilen. Für eine Metal-Band sind wir mal zu sehr Hardcore und dann für eine Hardcore-Band zu sehr Metal. So richtig verstehen kann ich das nicht, denn zwischen unseren breiten Einflüssen findet sich Vieles aus beiden Richtungen. Madball bedeutet und ebenso viel wie Slayer.“ Die deutschen Metal-Vordenker Fear My Thoughts kämpfen mit ähnlichen Problemen, nachdem die Freiburger unlängst ihr Antlitz mit „Isolation“ merklich änderten. Da passt es, dass sie von WALLS OF JERICHO im Booklet von „The American Dream“ gegrüßt werden: „Sie sind vor einiger Zeit mit uns auf Tour gewesen und wir haben sie als super coole Typen kennen gelernt. Dass sie ihren Stil so radikal verändert haben, höre ich jetzt zum ersten Mal, aber ich denke, dass sie auch mit neuem Sound gut sein werden, wenn die Musiker dieselben geblieben sind. Um ehrlich zu sein, habe ich sie damals weder als MetalCore noch mit Hardcore-Elementen wahrgenommen. Was sie spielten, war für mich straighter Metal.“ So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein. WALLS OF JERICHO präsentieren sich mit „The American Dream“ durchschlagender denn je. Die Detroiter liefern ein amtliches Achtungszeichen und eine der stärksten ToughCore-Scheiben überhaupt ab. Es bleibt abzuwarten, ob Hatebreed das kontern können.

 
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