Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1750

Pale

Interview von: Matthias mit Holger Kochs, am: 29.08.2002 ]

Zu Pale braucht man eigentlich nicht mehr viel sagen. Sie sind die Band der Stunde und das völlig zurecht. Sie haben mit "How To Survive Chance" bewiesen, dass "Razzmatazz" keine Eintagsfliege war und etablieren sich endgültig als eine der besten deutschen Indie-Pop Bands. Ich sprach mit Sänger/Gitarrist Holger über Zukunft, Vergangenheit und was es denn mit dem Zufall so auf sich hat.

 

Musicscan: Ok, gleich zu Anfang mal die Standardfragen für alle, die es wirklich noch nicht wissen. Wer verbirgt sich hinter Pale und was macht ihr sonst so außerhalb der Band?

Pale: Pale sind vier Menschen um die 28. Stephan spielt Schlagzeug, Hilly Bass, Christian und Holger singen und spielen dazu Gitarre. Alle arbeiten nebenher. Alle sind Freunde. Alle wohnen fast Tür an Tür und das in der Nähe von Aachen.

Musicscan: Wie waren bisher die Reaktionen auf eure neue Platte "How To Survive Chance"? Was sind eurer Meinung nach die größten Veränderungen zu "Razzmatazz"?

Pale: Eine Menge hat sich für uns geändert seit der letzten Platte. Ich weiß gar nicht, ob das den Leuten überhaupt in dem Masse auffällt, aber wir haben teilweise unbewusst, manchmal sehr bewusst, einige Dinge anders gemacht. Das lag zum einen daran, dass wir nun viel mehr Zeit hatten. "How to survive chance" hat uns 6-mal so viel Zeit gekostet als noch "Razzmatazz". Zum anderen war die Phase dem Song einem Gitarrrenlauf unterzuordnen vorbei. Wir waren ein wenig frustriert von den Songideen, die sich in der Post-Razzmatazz-Zeit ergaben. Was Neues habe ich auch nicht mehr an der Gitarre zu Stande gebracht, jedenfalls nichts, was dieses Glücksgefühl auslöst, wenn man eine guten Song schreibt. Ende letzten Jahres habe ich angefangen Klavier zu lernen und das Songwriting fiel mir auf einmal wieder viel einfacher. "How to survive chance" ist so entstanden, "Karaoke Queen", "Sometimes, Somewhere" oder eben auch "All walls are bricks". Songs wie "Goodbye Trouble" oder "Hello. Lucky thing" sind hingegen reine Pale-Songs. Sie rocken und leben eher von diesem komischen Zusammenspiel, das sich über die letzten Jahre so ergeben hat. Jörg war desöfteren verwundert darüber, dass von der Tonverschiebung bzw. Tonharmonie jeder was anderes spielt, es im Endeffekt dann doch wieder zusammen passt. Aber ich glaube, dass gerade dieses Un- bzw. Halbwissen den Pale-typischen Sound ergibt.

Musicscan: Wie kam der Kontakt zu Jörg Seeman und Maximilian Hecker zustande? Wolltet ihr von Anfang an mit diesen Personen an der neuen Platte arbeiten?

Pale: Mit Jörg haben wir letztes Jahr schon ein Mal aufgenommen. Nach einem Konzert zusammen mit Juno in Bremen haben wir in seinem Studio übernachtet und am nächsten Tag die Möglichkeit genutzt, einige Sampler-Beiträge einzuspielen. Wir haben uns ein wenig Zeit genommen, drei Songs aufgenommen, wovon "All walls are bricks" sogar aufs Album gekommen ist. Bei der Suche nach dem geeigneten Studio Anfang des Jahres haben wir uns an diese Begegnung erinnert und uns nach einiger Überlegung dazu entschlossen, die Platte bei Jörg aufzunehmen. Es haben sich bei der Aufnahme der Platte ganz neue Möglichkeiten geboten. Die Aufnahmesituation hätte besser nicht sein können, weit ab von allem, das nächste Dorf kilometerweit entfernt; nur wir 4 im Studio und nur Musik. Ich glaube, dass alle in der Band davon bisher geträumt haben, so aufnehmen zu können. Bei Maximillian Hecker war es eher wieder so ein Zufallsding. Wir haben Ende Februar mit ihm zusammen in Paderborn gespielt, uns ein wenig kennengelernt, uns unterhalten, obwohl zu dem Zeitpunkt noch keine etwaige Zusammenarbeit abzusehen war. Wochen später hat er mich auf dem Handy angerufen, sich erkundigt, wie es mir ginge, so dass in der kommenden Zeit ein loser Kontakt zu Stande gekommen ist. Da ich ihn als Musiker so überaus schätze, kam irgendwann die Idee auf, ihn nach einem Klavierbeitrag für die Platte zu fragen. Wir haben uns die Bänder hin- und hergeschickt, meistens am Telephon abgehört, was der andere gemacht hat. Er in Berlin, Wir im Emsland, bis zu dem Tag an dem dann die CD mit seinem Klavierbeitrag eintraf und "Everytime you say Hey" komplettierte. Wir sind sehr stolz darauf, dass er mitgespielt hat.

Musicscan: Wie kann man sich die Entstehung eines Songs bei Pale vorstellen? Gibt es da jemand, der ganz klar das Steuer in der Hand hat oder ist das eine absolut gleichberechtigte Sache?

Pale: Wir sind extrem probefaul und schreiben immer nur dann Songs, wenn wir uns das Ziel setzen, etwas aufzunehmen. Klingt sehr uncharmant, glaube ich, aber das ist so wie die Band funktioniert. Proben wir, wird sich mehr unterhalten als gespielt und alle zum Proben zu bewegen, war noch nie richtig leicht. Meistens ist es so, dass wir den Song an sich angehen. Harmonien sind sehr wichtig, eine stringente Struktur, das eins zum anderen führt. Bei den richtig guten Songs dauert es komischerweise nie lange, "Teenage Heaven" haben wir in 10 Minuten geschrieben, aber das scheint bei andern Bands auch so zu funktionieren. Dann überlege ich mir, wie die Gesangslinien aussehen könnten und ganz zum Schluss schreibe ich erst die Texte. Die Rocksongs auf der letzten Platte haben wir zusammen geschrieben, die eher ruhigeren Stücke wie "All walls are bricks" oder "how to survive chance" stammen von mir alleine. Momentan ist es aber eher so, dass ich das Stücke-Schreiben am Klavier viel spannender finde, als das Schreiben an der Gitarre. Es haben sich dadurch ganze neue Weg für uns aufgetan. Das hat wohl auch dazu geführt, dass "How to survive chance" so ruhig geworden ist. Oder besser gesagt entspannt.

Musicscan: Könntet ihr euch vorstellen in Zukunft nur noch die Band zu machen, also praktisch full-time? Wie ist die momentane finanzielle Situation? Ihr seid ja mittlerweile in einem Bekanntheitsgrad wo die Band schon etwas abwerfen dürfte.

Pale: Zeitlich betreiben wir die Band derzeit ja ohnehin als Full-Time-Job. Wir investieren eine Menge, aber nicht mit dem Hintergedanken, dass wir auch noch damit Geld verdienen. Alle arbeiten nebenher, Christian im Krankenhaus, Hilly im Betrieb seines Vaters und Stephan und ich als Graphik-Designer, auch wenn die Zeit für alles immer knapper wird. Wir verdienen an der Band wenig und meistens kaufen wir von dem Geld neues Equipment, was sich für uns als purer Luxus darstellt. Wir dürfen touren, sehen neue Orte, lernen neue Leute und Bands kennen. Das ist mehr als genug. Wenn wir davon leben könnten, wäre das toll, aber das liegt in so weiter Ferne, dass wir uns darüber wenig bis gar keine Gedanken machen.

Musicscan: Pale demnächst auf einem Major? Könnt ihr euch mit der Idee anfreunden oder kommt das Thema Major gar nicht in Frage? Haben manche Labels (nicht nur Major) schon angeklopft?

Pale: Ach, loses Interesse gab es das ein oder andere Mal, aber wir haben uns die Frage noch nie ernsthaft gestellt. Die derzeitige Situation könnte nicht besser sein. Wir dürfen Platten aufnehmen, live spielen. Alles das, was uns so viel bedeutet. Insofern. Wir sind glücklich. Defiance gibt uns in kreativer Hinsicht jede erdenkliche Freiheit, das zu tun, worauf wir Lust haben und da wir uns immer treiben lassen und uns diese Freiheit wichtiger ist als alles andere, denken wir nicht daran momentan etwas zu ändern.

Musicscan: Wenn ich mir die Texte so anschaue, dreht sich eigentlich alles um das große Thema Liebe und persönliche Beziehungen. Was wollt ihr textlich verarbeiten? Könntet ihr euch einen offen politischen Text bei Pale vorstellen?

Pale: Dieses politische Ding in der Musik habe ich immer für ziemlich schwierig gehalten; jedenfalls in dem Zusammenhang "politische Inhalte bei Pale". Manche Bands haben es wunderbar gemacht, Bands wie Housemartins oder Style Council, bei anderen wie The International Noise Conspiracy kommt es beizeiten ein wenig zu bemüht daher. Ich finde da den Geschichten-Erzähler-Ansatz auch um einiges pointierter als die großen Gesten in Richtung Kapitalismus, was schnell ermüden kann. Ob es die Inhalte bei uns nicht doch mal geben wird, kann ich nicht sagen. Wir sind im Grunde genommen eine politische Band; in punkto Aussage, Einstellung, Meinung, nicht jedoch in der Art und Weise, dass wir die Inhalte in der Musik widerspiegeln. Obwohl gerade beim letzten Album die Kombination von Pop und Politik sehr reizvoll gewesen wäre. Vielleicht beim nächsten Mal. Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, was machbar ist und was nicht, insofern kann alles passieren. Was die Texte angeht, bin ich halt von der Idee der idealen Zweisamkeit geprägt und das findet sich auch deshalb so oft in den Texten wieder. Das Bild, dass sich zwei Menschen kennen lernen und dabei das Gefühl haben, dass der Eine das Leben des Anderen schon vorher bestimmt hat, habe ich auch schon bei "Some Scenes May Last" aufgegriffen, auf "How To Survive Chance" heißt es nun eben"(I am Your) 808".

Musicscan: Wo seht ihr eure künstlerischen Haupteinflüsse? Das muss jetzt nicht auf die Musik beschränkt sein.

Pale: Ich finde es im allgemeinen sehr kreativ anderen Menschen bei der Arbeit zu zusehen. Ich lese gerne Biographien, schaue mir gerne Dokumentationen an. Das Leben und Arbeiten Stanley Kubricks sehe ich als einen der kreativsten Haupt-Einflüsse an. Seine Art zu arbeiten, seine Drang zur Perfektion war umwerfend und man sieht ihn in jeder Sekunde seines Schaffens. Das ist inspirierend für mich. Ich mag es, wenn Leute ihren Weg in künstlerischer Hinsicht gehen und wenn Ihre Arbeiten emotional, aber auch durchdacht sind. Als Platte fällt mir dazu Refused's "Shape of Punk to come", als Film "Drei Farben: Rot". John Lennon war so. Paul McCartney nicht. Musikalisch gibt es für mich Bands wie ELO oder noch immer die Beatles, die ich toll finde.

Musicscan: Was sind die Ziele für Pale für die Zukunft?

Pale: Bisher haben wir uns noch keine Gedanken darüber gemacht. Wir haben jedenfalls seit ewiger Zeit vor, die endlosen Stunden Videomaterial, die wir in den letzten Jahren unterwegs aufgenommen haben zu einem Tourfilm zusammen zuschneiden. Ansonsten freuen wir uns aufs Touren und darauf, eine Meng Leute unterwegs wiederzusehen. Alles andere liegt nicht in unseren Händen ... Wir schauen, was der Zufall mit uns anstellt.

Musicscan: Abschließend noch die Frage, die alle Bands von mir gestellt bekommen. 3 Platten, 3 Bücher und 3 Filme für die Ewigkeit...bitte schön:

Pale:Bücher: Paul Auster - Musik des Zufalls J.R.R. Tolkien - Herr der Ringe Albert Camus - Der Fall Filme: Drei Farben: Rot Die fabelhafte Welt der Amelie 2001 Platten: The Style Council - Our favourite Shop Refused - The Shape of Punk to Come Orbital - Sniviliastion

Musicscan: Letzte Worte, Danksagungen, Kritik, Kommentare, Lebensweisheiten?

Pale: "Don't think twice. It's alright" - Dieter Hallervorden in "Der Experte"

 
 Links:
  Pale Website
  Pale's Homebase
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  As I Lay Dying
  Cult Of Luna
  Despised Icon
  The Menzingers
  Entrails

Interviews/Stories:

  Brutality Will Prevail
  Uzziel
  Carnifex

Shows:

  19.09. Amanda Palmer - Essen
  21.09. Abinchova - Saint Maurice
  22.09. Off With Their Heads - Trier