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Suicide Girls

Interview von: Daniel mit Miss Suicide, am: 11.06.2008 ]

Die SUICIDE GIRLS sind nicht erst seit kurzem in aller Munde. Kaum eine Myspace-Freundesliste, die ohne sie auskommt. Kaum jemand, der sie nicht kennt, oder wenigstens nicht schon einmal von ihnen gehört hat. Mit welchem Phänomen hat man es hier zu tun? Ein Trend? Eine Marktlücke? Nur eine weitere Plattform, um die Sexindustrie in Gang zu halten? Egal, was man auch immer von den teils an klassische PinUps erinnernden Mädchen halten mag, der Erfolg gibt Firmengründerin Missy Suicide (die sich im Übrigen auch erst kürzlich als Model zur Verfügung stellte) recht. Schaut man sich dazu auf Deutschlands Straßen einmal um, so fallen Heerscharen an Mädchen und jungen Frauen auf, die diesem „Ideal“ nachzueifern scheinen. Selbst große Modeketten, somit also der Mainstream, ist auf diesen Zug aufgesprungen. Grund genug, das Unternehmen kritisch zu beleuchten und die Chefin persönlich zum Hintergrund der SUICIDE GIRLS zu befragen.

 

Musicscan: Wann hast Du die SUICIDE GIRLS gegründet und wie kam es dazu?

Suicide Girls: Ich habe das Unternehmen im Sommer 2001 gegründet, damals als Kunstprojekt. Ich wollte etwas machen, wofür ich eine Leidenschaft hatte, während ich Praktika absolvierte. Ich mochte klassische PinUp-Fotografie schon immer und wollte die Mädchen fotografieren, die ich kannte. Das alles in der Form und mit dem Respekt, den die klassischen PinUps bekamen. Ich dachte, dass die Mädchen, die ich kenne unendlich attraktiver sind, als die Mädchen in den Modemagazinen oder in Abercrombie und Fitch – Katalogen (großes, eher am Mainstream orientiertes Modelabel in den USA). Dazu habe ich dann sozusagen Steckbriefe hinzugefügt, so dass die Mädchen in der Lage waren, ihre Gedanken, Gefühle und ihre ganz eigene Vorstellung von Selbstvertrauen mit der Welt zu teilen.

Musicscan: Seit dem Jahr 2001 ist eine Menge passiert, das Unternehmen wuchs stetig, die Internetpräsenz wurde bekannter und bekannter. Es ist bekannt, dass ein Großteil der Mitarbeiter im Unternehmen SUICIDE GIRLS weiblich ist und selbst schon vor der Kamera posierte. Wie viel Anteil an der Auswahl der Mädchen, an der gesamten Gestaltung der Firma hast Du als Chefin noch?

Suicide Girls: Ich bin immer noch sehr involviert, wenn es um das Tagesgeschäft geht. Das beginnt bei der Auswahl der Mädchen, der Auswahl des Sets, bis hin zu meinen eignen Fotosessions und natürlich auch die Management- und Verkaufsbelange. Letztlich bin ich immer noch in alle Prozesse involviert.

Musicscan: Welche Idee steckt hinter den SUICIDE GIRLS? Zumindest in Ansätzen sieht es manchmal so aus, als wären die Mädchen mit all ihren kleinen Imperfektionen ein bewusstes Zeichen, ein Gegenmodell zu den gleichförmigen, silikonbewehrten Playboy-Plastikschönheiten:

Suicide Girls: Die SUICIDE GIRLS bieten ein Forum, in dem Schönheit nicht engstirnig durch die Seiten eines Modemagazins definiert wird. Die Mädchen sind alle einzigartig und schön und wichtiger, sie haben etwas, was sie mit der Welt teilen möchten. Ich denke, dass die attraktivste Facette einer Frau Ihr Selbstvertrauen ist.

Musicscan: Schaut man sich aufmerksam um in der Musikszene, gerade was den Hardcore-Bereich angeht, betrachtet man dann im Gegenzug die Mädchen bei den SUICIDE GIRLS so stellen sich schnell Gemeinsamkeiten ein. Sind Oldschool-Tatoos und Piercings doch nur ein Trend? Andersherum gefragt, wie viel Lifestyle steckt in den SUICIDE GIRLS? Wäre der Erfolg auch noch ohne eine Verbindung zur Musik möglich?

Suicide Girls: Die Mädchen sind alle multidimensional und haben mehr zu sagen, als nur ihren Körper zur Schau zu stellen. Ich denke, die Blogs, Interviews, die verschiedenen Gruppen in der Community sind mindestens genauso wichtig. Das ist die Plattform, die es den Mädchen erlaubt ihre Gedanken der Welt mitzuteilen. Musik spielt dabei wohl in den allermeisten Fällen eine große Rolle. Es ist eine Art kultureller Berührungspunkt, mit dem sich die Menschen identifizieren können.

Musicscan: Nicht zuletzt in unserer Redaktion ist das Thema SUICIDE GIRLS heiß und teils kontrovers diskutiert worden. Manch einer fürchtete, dass damit die Grenze zur Unseriösität überschritten wäre, wiederum andere waren der Meinung, dass es selbst bei dem Community-Gedanken im Vordergrund doch letztlich nur um eine alternativ angehauchte Form von Kommerz wäre, die nun im Mainstream angekommen ist. Was würdest Du erwidern, wenn man Dich mit der These konfrontierte, dass auch die SUICIDE GIRLS nur ein weiterer Kanal sind, um die Sexindustrie im Laufen zu halten?

Suicide Girls: Die nackte Frau ist das meistdargestellte Motiv in der Geschichte der Kunst. Ich denke, die Mädchen sind selbstbewusst und fühlen sich in ihren Körpern wohl und genau das zeigt sich auch in den Fotos. Sie sind schön, nicht abgewertet. Auf der anderen Seite denk ich, dass die Community eine erstaunliche Quelle ist, die Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringt. Es gibt Leute, die haben ihren Ehemann oder ihre Ehefrau durch die Seite gefunden. Es gibt eine Untergruppe von Arbeitslosen, wo sie nach Jobangeboten suchen können. Menschen haben Arbeit, Mitbewohner, Liebe oder einfach nur Freunde gefunden. Die Musikgruppen sind die meistfrequentiertesten auf der Seite und einige Bands bekommen dadurch gute Promotion. Es gibt Foren um über Politik, Kultur und alles andere zu diskutieren. Es gibt eine Neuigkeitenseite, über die man sich informieren kann, dazu Interviews mit so verschiedenen Leuten wie Chuck Palahnuick (populärer amerikanischer Autor), Jhonen Vasquez (amerikanischer Comic-Zeichner), bis hin zu Ewan McGregor. Ich denke, wir tun bereits eine Menge anderer Dinge, als nur Titten und Ärsche zu zeigen. Neben all diesen vielen Facetten bekomme ich jeden Tag Briefe von Mädchen aus der ganzen Welt, die mir sagen, wie sehr es ihr Selbstvertrauen gestärkt hat, dass sie reale, authentische Mädchen sehen, die wie sie und mit ihrer Sexualität und ihrem Körper im Reinen sind.

Musicscan: Im Zuge der Gleichberechtigung wäre es interessant zu wissen, ob es auch Pläne gibt, ein männliches Equivalent zu den SUICIDE GIRLS zu schaffen.

Suicide Girls: Es gibt tatsächlich eine Gruppe auf der Seite, die SUICIDE BOYS. Dort können die Jungs Fotos von sich selbst hochladen, allerdings ist das immer noch in einem experimentellen Stadium. Es gibt einfach nicht die gleiche Geschichte von Männern, die nackt posieren und man dabei ein weibliches Publikum ansprechen möchte. Das meiste in diesem Bereich ist für homosexuelle Männer gedacht. Vermutlich wird es erstmal eine Frage von Versuch und Scheitern sein herauszufinden, was Frauen attraktiv finden an männlichen Aktfotos und wie sich Männer sexy darstellen können. Das wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber die Fotos der Gruppe sind für die Zeit bis dahin schon sehr gut.

Musicscan: Was würdest Du persönlich noch gerne mit der Seite erreichen?

Suicide Girls: Wenn einmal der Tag kommen würde, an dem jede Frau aufwacht und sich so hübsch findet, wie sie ist, dann hätte ich das Gefühl, dass wir unsere Spuren hinterlassen haben. Wir sind noch weit davon entfernt, aber wenigstens ein paar Frauen fühlen sich mit Hilfe der SUICIDE GIRLS ein wenig wohler in ihrer Haut. Dieses Feedback tut gut.

Musicscan: Auch wenn man sich den SUICIDE GIRLS kritisch nähern sollte, manche Aussage der Firmengründerin nicht ganz ohne Pathos daherkommt, so scheint doch die Reduzierung allein auf die nackten, posierenden Mädchen etwas übertrieben. Vielfach sollte man eher das (vornehmlich männliche) Publikum kritisch beleuchten, das ausschließlich an der erotischen Komponente interessiert ist. So oder so, die Kombination aus Lifestyle, Erotik und Musik, gerade aus den eher subkulturellen Bereichen, egal ob nun Trend oder nicht, bleibt ein spannendes Phänomen.

 
 Links:
  suicidegirls.com
 
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