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Genghis Tron

Storie von: Daniel, am 03.03.2008 ]

Osteuropa im frühen 13. Jahrhundert. Aus den kargen mongolischen Steppen hat sich ein Mann mit seiner Reiterarmee auf den Weg gemacht, den alten Kontinent zu erschüttern. Mit teils barbarisch vorgehenden Soldaten dringt er bis in die Ukraine vor und sorgt mit einem unsagbaren Gemetzel dafür, dass man seinen Namen bis heute mit besonderer Grausamkeit verbindet: Dschinghis Khan. Dieser Feldherr nun war zumindest Namensgeber eines noch jungen Trios aus der Gegend um Philadelphia.

 
Diesem eher ungestümen Bestandteil des Namens gesellt sich noch der Name „Tron“ hinzu, immerhin einer der einflussreichsten Filme in Bezug auf Tricktechnik und computergestützte Spezialeffekte. Doch Michael, verantwortlich für das Programming und die Keyboards erteilt allen Mutmaßungen, der Bandname sei eine durchaus nicht schlechte Beschreibung des Bandsounds eine klare Absage. „Glaub es oder nicht, aber ich habe den Film tatsächlich noch nie gesehen. Komisch, oder? Natürlich kenne ich ihn und davon ausgehend, was ich über ihn weiß, glaube ich nicht, dass der Film uns maßgeblich beeinflusst hat“. Schade eigentlich, aber wie so oft, ist man so wohl gezwungen sich der neuen Scheibe „Board Up The House“ anders zu nähern.

Aber, auch wenn der Sound auf diesem Album nur schwer in Worte zu fassen ist, eine intensive Beschäftigung mit allen Aspekten der Band ist mehr als lohnenswert. Hier fusionieren zunächst schwer vereinbare scheinende Stile, elektronische Komponenten, Samples, Synthesizer, psychedelisch anmutende Klangflächen voll bizarrer Atmosphäre und Schönheit mit der rohen Attitüde des Grindcore. Es mag heterogen klingen und doch ergibt sich ein homogenes, schwer faszinierendes Gesamtbild. Dazu spürt man an jeder Stelle, dass es sich um weit mehr als eine Band handelt. Es wäre nicht übertrieben von einem Gesamtkunstwerk auszugehen, denn auch das Artwork zu „Board Up The House“, mithin die visuelle Komponente von GENGHIS TRON ist immens wichtig. „Von Beginn an haben wir versucht, mit den Artworks und Shirts unsere Individualität auszudrücken. Wir wussten schon immer, dass wir ein bisschen weg von den metaltypischen Klischees wollten. Ein bestimmtes Konzept steckt nicht einmal dahinter, aber Ziel war es immer, ein wenig mehr Klasse ins Spiel zu bringen, als man das von einer extremen Band wie uns erwarten würde“, klärt Michael auf.

Ebenso scheint Literatur ein großer Einfluss zu sein, benannten GENGHIS TRON doch schließlich das Vorgängeralbum „Dead Mountain Mouth“ nach einer Zeile aus dem Gedicht „Wasteland“ von T.S. Eliot. „Zu jenem Zeitpunkt durchforsteten wir diverse Literatur, um nach einem geeigneten Titel für unser Album zu suchen. Dieses Gedicht, bzw. die entnommene Phrase spiegelte perfekt die Stimmung des Albums wieder. Generell ist es wohl schwierig zu beurteilen, wie stark wir durch Literatur beeinflusst sind, denn wie soll man „Einfluss“ präzise messen?“. Ausgehend vom extrem facettenreichen Sound einer Band wie GENGHIS TRON darf, ja muss man annehmen, dass sich


dieser Facettenreichtum aus einer breit gefächerten Quelle verschiedenster Einflüsse speist. Welche mögen dies sein? „Sich andere Bands anzuhören ist heutzutage auch nicht unbedingt die spaßigste Sache der Welt. Wäre es nicht auch eher an Dir solche Vergleiche heranzuziehen? Aber, wo Du schon einmal gefragt hast, hier sind ein paar Bands, die uns wohl beeinflusst haben: Meshuggah, Nasum, Pig Deströyer, Aphex Twin, Skinny Puppy…aber da gibt es noch so viele mehr, also glaube ich nicht, dass das jetzt alle wären!“, erläutert Michael.

Ein Einfluss, den die Band auch selbst explizit erwähnt ist die deutsche Band Kraftwerk. Warum genau diese? „Ich halte Kraftwerk für die Gottväter der modernen, elektronischen Musik. Zudem waren sie eine der ersten elektronischen Bands, die ich als Teenager wahrnahm und die mir wirklich die Augen geöffnet hat, was sich stetig wiederholende, mechanische Musik angeht. Ich sehe sie wirklich als die ersten Musiker, die das Potential von Synthesizern erkannten. Synths gab es schon vorher im ProgRock, aber nie zuvor wurden sie so originell und dennoch zugänglich genutzt. Bis zu diesem Tag können alle elektronischen Künstler ihre Ahnenreihe bis zu Kraftwerk zurückverfolgen. Das sind nur einige der Gründe, warum Kraftwerk so besonders für mich sind“, gerät Michael beinahe ins Schwärmen.

Als Produkt dieser Einflüsse und der natürlich noch wichtigeren, kreativen Eigenleistung der einzelnen Bandmitglieder entstand nun also „Board Up The House“. Wie würde die Band die Entwicklung von GENGHIS TRON vom Vorgänger „Dead Mountain Mouth“ zum aktuellen Longplayer beschreiben? „Ich denke, die beiden größten Schritte, die wir mit “Board Up The House” bewältigt haben waren, dass wir zum einen mehr Melodien eingebracht, zum anderen die größere Betonung auf dem Format von Strophe/Refrain/Strophe gelegt haben. In der Vergangenheit ging es bei unseren Songs oft darum möglichst große Sprünge zu machen, den Hörer zu überraschen und die Dinge unvorhersehbar zu gestalten. Auf unserem neuen Album gibt es immer noch ein paar Relikte dieser Zeit, aber insgesamt haben wir uns bemüht bessere Songwriter zu werden. Die Betonung liegt nun eindeutig bei den Melodien und Strukturen, die Sinn machen und nicht nur irgendwie funktionieren.“

Wahrlich, das Ergebnis kann sich mehr als nur hören lassen. Wer auf avantgardistische Musik steht, für den dürfte „Board Up The House“ eine echte Offenbarung sein und schon zu diesem frühen Zeitpunkt ein heißer Kandidat für das Album des Jahres.

 
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