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Le Grand Guignol

Interview von: Daniel mit Philip, am: 06.10.2007 ]

Luxemburg, bisher eher ein weißer Fleck auf der internationalen Metal-Landkarte, ist die Heimat von LE GRAND GUIGNOL. Dies wäre nicht weiter ungewöhnlich, hätte nicht gerade diese Band mit "The Great Maddening" ein unglaublich vielfältige und geradezu bezaubernde CD vorgespielt, in deren dichtes, musikalisches Blätterwerk Sänger und Texter Philip Breuer Licht bringt.

 

Musicscan: Wie ihr wißt, entspricht "Guignol" der deutschen Kasper-Figur. Welchen Hintergrund hat eure Namenswahl? So wie es scheint, zieht sich so etwas wie ein Konzept durch Bandnamen und auch durch die Platte, die den Hörer sofort an eine gewisse theatralische Jahrmarktsatmosphäre denken lässt. Liege ich damit richtig?

Le Grand Guignol: Die Namenswahl hat weniger direkt mit der Figur des Kaspers an sich zu tun als vielmehr mit dem gleichnamigen Pariser Theater, welches seine Pforten zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts öffnete und seine Zuschauer mit grotesk-morbiden Stücken verzückte. Unser Konzept kann also eher als sehr weitläufig angesehen werden. Wir kokettieren gerne mit der von Dir angesprochenen Theatralik, allerdings an erster Stelle um dem Unerwarteten und der künstlerischen Freiheit einen gewissen Anhaltspunkt zu geben. Die Musik an sich hat eigentlich nur eine Dimension, die auditive – wir versuchen allerdings, ihr unter Zunahme verschiedenster Hilfsmittel mehr Tiefe zu verleihen. Meiner Meinung nach sollte die Kunst viele Sinne auf einmal ansprechen um ihre wahre Bedeutung zu erhalten.

Musicscan: Handelt es sich bei "The Great Maddening" um ein Konzeptalbum? Worum drehen sich die Texte?

Le Grand Guignol: Beim Album handelt es sich nicht um ein umfassendes, einheitliches Konzept-Album. Das liegt vor allem daran, dass verschiede Stücke/Texte im Abstand von mehreren Jahren und unter unterschiedlichen Umständen entstanden sind. Die Mehrzahl der Texte auf der Platte handelt allerdings vom Streben nach dem Erreichen einer neuen Ebene (sowohl intellektuell als auch physisch) und den oft damit verbundenen verschiedenen Formen des Wahnsinns. Dieser Wahnsinn kann sich sowohl positiv als auch negativ manifestieren, kann sowohl an einzelne Personen gebunden sein als auch an allgemeine Situationen, er kann sowohl greifbar sein und befreiend wirken, als auch Angst, Beklemmung und Hilflosigkeit hervorrufen. Manchmal wirkt er katalytisch, manchmal hemmend. Einige seiner Manifestationen habe ich versucht, in unseren Texten wiederzugeben. Wenn ich beginne, einen Text zu schreiben, weiß ich noch nicht über seinen Ausgang bescheid. Ich habe einige Wegpunkte, die ich passieren möchte, allerdings bleibt das Ziel bis zum Ende verborgen. Im Idealfall ergibt sich während des Schreibens eine Art Sogwirkung, die mich völlig von äußeren Befindungen loskoppelt und mich wie ein Blatt auf einem reißenden Strom mitzieht. Dennoch empfinde ich dieses Gefühl nicht als Bedrohung, sondern als Befreiung. Wenn ich am Ende des Schreibens mit schweißnassen Händen und Herzrasen zurückbleibe weiß ich, dass das, was ich soeben vollbracht habe, das Richtige ist. Es ist allerdings sehr schwierig im Nachhinein nachzuvollziehen, wieso ich gewisse Worte und Umschreibungen verwendet habe, da sie vor allem im Moment der Entstehung ihre wahre Bedeutung finden.

Musicscan: Was würdet ihr als direkten musikalischen Einfluss für die Band erachten? Neben blackmetalartigen Elementen gibt es soviel mehr zu entdecken, so daß man annehmen könnte, die beteiligten Musiker hätten einen durchaus breitgefächerten Geschmack.

Le Grand Guignol: Ich kann Dir auf jeden Fall soviel verraten, dass andere Metal Bands oder – Alben keinen Einfluss auf die Band haben. Das liegt darin begründet, dass der Hauptsongschreiber unserer Band knapp bis gar keinen Metal hört. Seine Wurzeln befinden sich eher in der klassischen Musik, allerhöchstens noch in verschiedenen Film-Soundtracks. Aber was den breit gefächerten Musikgeschmack angeht, hast Du schon Recht. Ich persönlich höre in letzter Zeit vor allem psychedelische Rock/Folk Musik aus dem Japan der 70er Jahre. Des Weiteren kann ich mich sehr für Filmmusik von Leuten Jo Yeong-Wook oder Joe Hisaishi begeistern. Ab und an findet natürlich auch mal eine Metal-CD ihren Weg in meinen Player, dann aber hauptsächlich von Bands, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe. Was die anderen Jungs angeht, so können auch schon mal Klassik, Norah Jones, Progressive Rock oder guter alter Metal auf dem Speiseplan stehen. Ich finde, man sollte sich grundsätzlich nie anderen Dingen verschließen, denn vieles sieht nur auf den ersten Blick fremd aus. Seinen kulturellen Horizont zu erweitern hat noch niemandem geschadet.

Musicscan: Werdet ihr "The Great..." auch live aufführen können, bzw. vielleicht mit Hilfe von Gastmusikern? Mit einem speziellen Bühnenkonzept vielleicht?

Le Grand Guignol: Falls wir in Zukunft live auftreten sollten, werden wir auf keinen Fall bloß eine abgespeckte Variante der Album-Songs darbieten. Durch die Vielzahl an Instrumenten/Spuren auf dem Album ist es fast unmöglich (technisch, aber vor allem finanziell), die Songs in ansprechender Manier zu präsentieren. Zur Zeit sind wir am Überlegen, wie wir dem Ganzen eine weitere Dimension hinzufügen können, um dem Zuschauer auch etwas bieten zu können. Natürlich wäre es einfach, jetzt über ein richtiges Begleit-Orchester oder eine Menge Darsteller zu spekulieren, allerdings wäre es doch sehr utopisch. Nichtsdestotrotz soll die hohe Qualität der Album-Aufnahmen sich auch auf der Bühne fortsetzen. Ich denke, viele Leute haben es satt, sich immer das Gleiche bei Konzerten anzuschauen. Lärm und Bier sind schön und gut, allerdings stellen wir etwas höhere Ansprüche an uns, welche schlussendlich auch dem Publikum zu Gute kommen sollen. Es soll etwas erleben - etwas, das länger im Kopf bleibt als ein Kater und ein Tinnitus! Auf keinen Fall soll unsere Darbietung rüberkommen wie gewollt und nicht gekonnt. Also gilt es, nichts zu überstürzen und ein professionelles Live-Konzept auszuarbeiten. Und vielleicht heißt es ja bald: Der Vorhang ist wieder auf im LE GRAND GUIGNOL!

Musicscan: Hat einer der Musiker, oder gar mehrere einen musiktheoretischen, oder gar klassisch ausgebildeten Hintergrund?

Le Grand Guignol: Größtenteils handelt es sich bei Le Grand Guignol um Autodidakten. Der einzige, der jemals eine klassische Ausbildung genossen hat, ist Yves, unser Haupt-Songwriter. Klassische Gitarre und Klavier standen bei ihm auf dem Programm und seit kurzem übt er sich noch in Cello.

Musicscan: Waren Arcturus und "La Masquerade Infernale" ein direkter Einfluss, denn gelegentlich erinnert dieses wegweisende Album dem euren in atmosphärischer Hinsicht.

Le Grand Guignol: Überhaupt nicht, ist auch gar nicht möglich, da unser Haupt-Songwriter das Album noch nicht mal gehört hat. Vielleicht bezieht er seine Inspiration aus den gleichen Quellen wie die oben genannte Band, direkt beeinflusst ist er aber mit Sicherheit nicht. Auf Grund der Frage habe ich mir das „Masquerade“ Album angehört und konnte beim besten Willen keine Parallelen zu unserem Album feststellen, es sei denn, dass es sich bei beiden Alben nicht wirklich um sehr konventionelle Musik handelt. Das Arcturus-Album ist zweifellos sehr gut, aber ein solcher Drum-Sound hätte es niemals auf unsere Platte geschafft! ;-))

Musicscan: Welches Verhältnis habt ihr zu früheren Epochen der Musikgeschichte. Zwischen den Zeilen hört man immer mal wieder Verweise zum Barock und zur Klassik.

Le Grand Guignol: Mittlerweile dürfte es kein Geheimnis mehr sein, dass die musikalischen Einflüsse von Le Grand Guignol eher aus den von Dir angesprochenen Epochen kommen als von modernen Rock oder Metal Bands. Die Leidenschaft, die mit der „klassischen“ Musik übermittelt werden kann, ist schwer nur mit elektrischen Gitarren wiederzugeben. Allerdings kann man mit diesen wiederum einen enormen Druck und Kraft erzeugen. Die Symbiose aus beiden ist es, was uns so anspricht. Im Gegensatz zu anderen Bands, die klassische Instrumente benutzen, und diese im Nachhinein dem Metal-Grundgerüst hinzufügen, entstehen bei uns viele Songs, die auf klassische Melodien und Harmonien aufgebaut sind und erst anschließend ihren finalen Touch durch die E-Gitarren und das Schlagzeug erhalten.

Musicscan: Erzählt mir bitte mehr über den Videoclip (der als Bonus auf der CD enthalten ist) und die Geschichte dahinter.

Le Grand Guignol: Das mit dem Video-Clip war eigentlich eine äußerst spontane Aktion. Wir bekamen die Möglichkeit, auf einem Gelände und mit einem professionellen Team ein Video-Clip zu drehen. Eigentlich hatten wir nicht daran gedacht, einen Clip zu drehen, aber wenn der Berg schon mal zum Propheten kommt, kann man nicht ablehnen. Das gesamte Drehbuch, bzw. die Vorbereitungen wurden innerhalb von 2 Tagen komplettiert (natürlich die beiden Tage vor Drehbeginn, haha). Glücklicherweise konnten wir uns auf ein professionelles Team verlassen, das sich selbstlos in den Dienst der Sache gestellt hat. Als wir das Angebot bekamen, war von vorneherein klar, dass es sich bloß um die Verfilmung des Lieds „Madness and Her Thousand Young“ handeln könnte. Soviel Freiraum der Text auch für Interpretationen lässt, so war dieser Song quasi dazu prädestiniert im Video-Clip aufzutauchen. Der Clip funktioniert auf 2 Ebenen. Einmal die Band, die den Song spielt und einmal die eigentliche „Geschichte“ von einem Künstler, der sich in der Suche verliert, die Perfektion erreichen zu wollen. Letzten Endes ist er dazu verdammt zu erkennen, dass man die Perfektion nicht zum Duell herausfordern soll und geht an seinem eigenen Streben zu Grunde. Gegen Ende des Clips vermischen sich die beiden Ebenen indem ein Musiker als Erscheinung beim Künstler auftritt, um ihn zu warnen oder möglicherweise zu verspotten?. Trotz seiner sehr kurzen Entstehungszeit sind wir vollkommen zufrieden mit dem Clip. Satt gesehen haben wir uns auf jeden Fall noch nicht!

Musicscan:Dieses Interview sollte dem Fan von morbid-theatralischer Musik in jedem Fall mehr Geschmack gemacht haben auf mehr. Es gilt die bezaubernde, manchmal bedrohlich-düstere Welt von "The Great Maddening" zu entdecken!

 
 Links:
  legrandguignol.com/
 
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