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Neurosis

Storie von: arne, am 07.06.2007 ]

Mit “Given To The Rising“ erscheint der neue Longplayer der Monumentalvisionäre NEUROSIS weltweit auf dem bandeigenen Neurot Recordings. Alle Lizenz-Deals oder Verträge mit anderen Plattenfirmen sind ausgelaufen, und die Heavy-Institution stellt sich der Herausforderung, für Erfolg oder Missverfolg selbst die volle Verantwortung zu übernehmen.

 
Warum auch nicht, schließlich hat man sich in den zurückliegenden zwei Dekaden eine treue Anhängerschafft erspielt, die nach wie vor Vinyl oder CDs kauft und Alben nicht allein per illegalem File-Sharing sammelt. Steve von Till begreift den quasi Neubeginn als Chance, sieht darin keine große Sache: „Das gibt es im Grunde nicht viel zu sagen. Wir sind jetzt einfach wieder komplett auf unserem eigenen Label Neurot. In den Staaten haben wir auch die letzte Platte schon bei uns veröffentlicht. Das Label starteten wir 1999 ja genau deshalb, weil wir die Rechte an einigen unserer alten Scheiben zurückbekamen und sie neu auflegen wollten. Für neue Alben waren wir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch unter Vertrag. Gerade in Europa haben wir über die Jahre mit unterschiedlichen Plattenfirmen zusammen gearbeitet. Als wir alle Verträge erfüllt hatten, wollten wir zunächst nur in den Staaten eigenverantwortlich arbeiten und baten Relapse, die Europa-Version von “The Eye Of Every Storm“ heraus zu bringen. Da war allerdings schon klar, dass wir die nächste Scheibe völlig selbst handhaben würden. Und nun liegt “Given To The Rising“ eben vor.“

Von unkalkulierbaren Trends oder sonstigen Ungewissheiten wird die Band aus der Bay Area sowieso nicht tangiert, und von Till schätzt die Vorzüge kurzer Wege: „Geschäftliche Aspekte wie Vertrieb, Werbung usw. haben praktisch keinen Einfluss mehr darauf, wie sich NEUROSIS verkaufen. Auf dem Independent-Markt sind wir seit Jahren gleichbleibend erfolgreich. Je spartiger und freier wir bleiben, desto besser läuft es. Die Welt des großen Musik-Business ist nichts für uns, und wir halten uns von ihr fern. Unsere Position könnte nicht besser sein, denke ich. Kleine Vertriebe scheinen mir für die Art Musik, wie wir sie spielen, eh die besseren zu sein. Sie bringen die Releases in die Läden, in denen unsere Fans kaufen und kennen die Szene besser. Ein großes Risiko gehen wir nicht ein.“

Mit der zurückgewonnenen Selbstbestimmung geht eine Rückbesinnung auf die eigene musikalische Vergangenheit einher, denn NEUROSIS klingen weitaus hungriger, erdiger und schwerer als auf den letzten Platten. “Given To The Rising“ steht sowohl für die Wiederentdeckung schwerer Langsamkeit als auch einmal mehr für die Gegensätzlichkeit von Dunkelheit und Anmut. Das gilt zweifelsohne für alle Veröffentlichungen der Band, doch bestanden stets Unterschiede hinsichtlich der Konsequenz der Umsetzung sowie dem Ausmaß der Komplexität und Durchschlagskraft des Songmaterials:

„Es klingt abgedroschen, und in der Vergangenheit habe ich es schon mehrfach gesagt, doch immer wieder muss ich nach neuen Aufnahmen feststellen, dass wir noch einen Schritt weiter gekommen sind. Die neue Platte ist unsere bislang beste.“ bestätigt es auch Steve von Till: „Von der grundlegenden Anlage hat sich nicht so viel verändert, doch die Stücke sind extrem wandlungsfähig und vital. Vor allem diese Basis macht für mich den entscheidenden Unterschied aus. “Given To The Rising“ ist unsere direkteste und aggressivste Scheibe seit Jahren, nur in einem anderen Kontext als früher. Wir haben mit neuen stilistischen Mitteln sowie härter denn je an den Songstrukturen gearbeitet. Den Vocals liegt eine völlig neue Herangehensweise zugrunde und und und. Das, was wir im Arbeits- und Aufnahmeprozess von “The Eye Of Every Storm“ gelernt haben, vor allem, wie man Stimmungen und Atmosphären noch nachhaltiger und wirkungsstärker einfangen kann, haben wir auf dem neuen Album von Beginn an umgesetzt. Das beginnt bereits damit, dass alle Bandmitglieder in jede Arbeitsphase an der Platte involviert waren. Es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit. Wir haben konzentriert und hintereinanderweg gearbeitet, so dass die einzelnen Stücke von einem gleichbleibenden Vibe durchdrungen sind und miteinander durch


einen Kontext verbunden sind. Auf dem letzten Album begannen wir mit dieser Arbeitsweise und waren überrascht, wie sehr unser Sound davon profitierte. Bei den neuen Aufnahmen steigerte sich die Intensität nochmals und die Soundwände entstanden praktisch von selbst.“

Ausgehend vom Blick zurück ergeben sich die nötigen Schritte, um weiter zu wachsen: „Die Arbeit startet damit, dass wir reflektieren, was jeder einzelne am letzten Release gut oder schlecht fand. Wir stellen alles auf den Prüfstand und diskutieren kurz darüber, in welche Richtung wir dieses Mal wollen. Unser Anspruch ist dabei jeweils zweigeteilt. Zum einen wollen wir besser werden, und zum anderen müssen wir Neuland betreten und neue Dinge ausprobieren, die uns auf der kreativen Ebene herausfordern. Wir streben immer nach dem nächsten Gipfel. Der beschriebene Prozess vollzieht sich jedoch eher intuitiv und natürlich denn strukturiert und geplant. Es liegt in der Natur des Menschen, kurz zurück zu schauen, um besser für die Zukunft gewappnet zu sein.“

Unter Druck setzen lässt man sich im Songwriting nicht, denn gut Ding will haben Weile: „Zeit ist eine relative Größe, nach der man sich nicht richten sollte, und es wohl auch überhaupt nicht kann. Nach unseren ersten Platten erkannten wir eine wichtige Sache. Inspiration, Kreativität und Musik kommen aus dem Inneren, einem mysteriösen Raum, den man nicht fassen und nicht beeinflussen kann. Man kann nicht einmal richtig über ihn sprechen. Es geht um Gefühle, Emotionen und Intuition. Wenn man versucht, dass zu analysieren, zu beeinflussen oder gar zu verstehen, macht man mehr kaputt als es nutzt. Insofern hinterfragen wir nur noch technische Aspekte. Könnten wir Kreativität oder die Basis unserer musikalischen Arbeit in Worte fassen, wären wir wohl Schriftsteller oder Intellektuelle, jedoch keine Musiker. Dennoch streben wir selbstverständlich danach, mit unserer Band und unseren Songs ein Vermächtnis zu erschaffen, dass über uns als Individuen und die Band selbst hinaus bestehen kann und zeitlos ist.“

Um dieses Ziel zu erreichen arbeitet und probt man im Vorfeld von Recording-Terminen hart: „Wenn wir ins Studio gehen, sind wir zu 100 Prozent vorbereitet und nehmen bloß noch auf. Die Arbeit ist dann ja im Prinzip schon vorbei, denn du musst nur noch das Ergebnis deiner Vorbereitung einspielen. “Given To The Rising“ ist in gerade einmal sechs Tagen entstanden. Wir halten die Zeit im Studio immer kurz. Sicherlich lässt sich im Vorfeld nicht ganz genau abschätzen, wie die Songs nach dem Mischen klingen werden, doch mit unseren Vorstellungen sind wir zumeist sehr nah an der Realität. Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir mit Steve Albini arbeiten. Bei ihm bekommt man immer das, was man gibt und wie man klingt; nicht mehr aber auch nicht weniger. Er ist nicht danach aus, deinen Sound zu bearbeiten oder zu polieren. Sein Part ist es, die Band, die er im Studio hat eben so einzufangen, wie sie ist. Mehr verlangen wir auch nicht.“

Und so steht die neue Platte einmal mehr für uneingeschränkte Kompromisslosigkeit und den effektiven Einsatz alt bekannter Stilelemente, die NEUROSIS von jeher auszeichnen. Die Position zwischen den Stühlen, die von der Band nun schon seit 21 Jahren eingenommen wird, ist geblieben: „Das habe ich schon immer als Vorzug unserer Band verstanden. Wir haben uns bereits 1991 oder 1992 auf diese Art von Musik festgelegt und uns seither stetig verbessert. Die Konsequenz, mit der wir episch-weiche und brachial-schwere Parts kombinieren, ist einzigartig. Wir sind heavy, haben bratende Gitarren, auch Elemente von Noise, Hardcore, Prog oder Chaos, jedoch waren wir weder jemals Heavy Metal noch irgendetwas anderes. Wir bewegen uns in einem musikalischen Niemandsland, und gerade das macht für mich den Reiz aus.“

 
 Links:
  neurosis.com
 
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