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Haldern Festival

Interview von: Matthias mit Stefan Reichmann, am: 10.07.2002 ]

Eines der interessantesten Festivals dürfte dieses Jahr mit Sicherheit das Haldern Open-Air am Niederrhein sein. Mit Künstlern wie The Notwist, Belle & Sebastian, Supergrass, Doves oder Gomez um jetzt nur ein paar Namen zu nennen, beweisen die Veranstalter wieder einmal ein sehr feines Händchen und Gespür für den besten Pop der letzten Zeit.

 

Musicscan:Dieses herausragende Billing, das unter anderem noch Ian Brown, The Cooper Temple Clause, Gemma Hayes, The Electric Soft Parade, Leaves, Joseph Arthur, Mull Historical Society, Millionaire, Saybia und nicht zuletzt The Shining beinhaltet, bietet eigentlich alles, was sich ein Anhänger des guten Gitarren-Pop wünschen könnte.

Da verwundert es überhaupt nicht, dass auch die Reaktionen aus dem Ausland alles andere als zurückhaltend sind und nicht nur Fans aus den angrenzenden Ländern Tickets reserviert haben, sondern auch aus Japan, Kanada, USA, Island, Polen, Estland oder Kroatien. Eine erfreuliche Entwicklung, die wahrscheinlich nicht nur die Veranstalter freut.

Stefan, gib doch bitte einen Überblick über die Entstehung und den Wachstum des Festivals bis zum heutigen Tag? Wie hat alles angefangen?

Haldern Festival: Angefangen hat es mit 14 Messdienern und dem Wunsch die persönlich favorisierende Musik zu spielen. Musik von King Crimson, den alten Genesis, Led Zeppelin, Zappa, Patti Smith, The Who, Gentle Giant... und das Ganze an einem wunderbaren Ort wo man keinen stört und Strom und Wasser verfügbar sind.

Musicscan: Warst du von Anfang an dabei?

Haldern Festival: Ja.

Musicscan: Das Haldern war von der Herangehensweise schon immer ein etwas anderes Festival. Warum? Wie sind die Ziele gesteckt und wie setzt sich die Philosophie der Mitarbeiter zusammen?

Haldern Festival: Wir waren und sind selber Festivalgänger und somit sehr interessiert was auf der Seite der Besucher so passieren muss, dass das Ganze etwas Eigenes bekommt. Die Musik steht nach wie vor im Mittelpunkt und alles andere sollte im Sinne der positiven Atmosphäre passieren. Aus diesen Ansprüchen entwickelten sich die vielseitigsten Sichtweisen eines gelungenen Happenings und die Essenz aus dem wollen wir auf eine positive Art und Weise transportieren. Wir bedienen uns gerne den schlichten Alltäglichkeiten, da sich hier oft wunderbar einfache Dinge verstecken. Wie so oft ist manchmal weniger mehr und das Schlichte und die Aufmerksamkeit für eine besondere Qualität eine wunderbare Perspektive. Eine schillernd bunte Angebotsvielfalt verstört und lenkt von Wesentlichem ab. Ein derzeitig sehr wesentlicher Punkt ist, maßvoll mit dem Erreichten umzugehen und die gute Musik nicht aus den Augen zu verlieren. Haldern steht für "klein und überschaubar" und das Gigantische ist nicht offensichtlich und wir sind froh, dass das Kleine eine sogenannte Renaissance erlebt und das Prinzip "Schneller, Größer, Lauter" durchaus uninteressante Züge bekommt. Die Philosophie ist die uneingeschränkte Individualität des Einzelnen und seiner Fähigkeiten auf der Basis eines gemeinsamen Ziels. Es gibt da eine Geschichte mit dem Goldenen Schnitt, die ich seinerzeit schrieb, da mich dieses Thema sozialer Gemeinschaften ohne die Beschränkungen individueller Fähigkeiten sehr interessiert.

Musicscan: Ihr habt euch schon damals gegen das vor ca. 10 Jahren eingeführte Ticketverkaufs- System CTS gewehrt. Erkläre bitte etwas zu den Hintergründen und wie eure Reaktionen waren?

Haldern Festival: Damals wirkte das CTS Prinzip wie eine kulturelle Flurbereinigung und als Werkzeug im Markt konkurrierender Veranstalter. Heute ist CTS für jeden verfügbar und somit eine flächendeckende Verkaufsmöglichkeit für Jedermann. Damals bekam Lieberberg Wind von der Sache und orderte 50 T-Shirts, da er auch unserer Auffassung war und somit bekamen wir einen guten Kontakt zu Bob Geldof. Eine bis heute wunderbare Zusammenarbeit mit Marek Lieberberg nahm seinen Lauf.

Musicscan: Ebenfalls seid ihr eines der ersten Festivals, das schon immer auf den Umweltschutz bedacht war. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Joseph-Beuys-Stiftung an einem neuen Abfallkonzept? Und wie war dieses finanziell zu bewerkstelligen?

Haldern Festival: Die finanziellen Mittel schöpften wir aus dem sehr erfolgreichen Festival 1991 mit oben genanntem Bob Geldof und investierten als erstes deutsches Festival in Makrolon-Mehrwegbecher. Das Pfandsystem erprobten wir ein Jahr zuvor, indem wir Einwegprodukte bepfandeten und alle aus einem Material bestehenden Becher, Teller, usw. zurückführten, aus denen dann Eierverpackungen erstellt wurden. Dieses anfänglich komplizierte Prozedere erarbeiteten wir auf dem Grundsatz von Beuys, das Mann, Kultur und Ökologie untrennbar sind. In Kooperation mit der Joseph Beuys Stiftung halfen wir bei den ersten Tagen der Burgbegehung und auf der anderen Seite setzte die Stiftung mit uns das Konzept bei uns um.

Musicscan: Wie bekommt ihr alle "Aktionäre" bzw. Freiwilligen unter einen Hut, will heißen wie werden die verschiedensten Meinungen und Interessen koordiniert und in geregelte Bahnen gelenkt? Soweit ich weiß, gibt es bei euch keine Satzungen oder Reglementierungen.

Haldern Festival: Über die Jahre hat sich ein Vertrauen in die Fähigkeit des anderen entwickelt und das Ergebnis dieser langfristigen Idee treibt Früchte der sich jeder auf seiner Weise bedient. Es gibt auch hier Unstimmigkeiten die allerdings das Ganze auch in Fluss halten.

Musicscan: Wie war die Entwicklung des Festivals bezüglich der Größe und des finanziellen Rahmens?

Haldern Festival: Das Festival ist sehr langsam gewachsen und so ist die Entwicklung nicht über Nacht über uns eingebrochen. Wir verstehen uns als Beispiel von Geduld und Langfristigkeit. Die Idee auf unsere Musik, eine wunderbare Pop-Musik, zu setzen, hat sich trotz fehlender Chartnotierungen durchgesetzt. Qualität hat sehr viel mit Zeit zu tun, und diese versuchen wir vor allem zu investieren. Den schönen Dingen die Geschwindigkeit nehmen und im Genuss verweilen.

Musicscan: Dieses Jahr trumpft ihr mit dem, meiner Meinung nach, bisher grandiosesten Line Up auf (Doves, Sigur Ros, The Notwist, Belle&Sebastian, Supergrass etc)? Wie konntet ihr diese Künstler für eure Idee gewinnen?

Haldern Festival: Die Künstler die hier waren reden über uns und, was für sie am wichtigsten ist, über die Tatsache das sie hier mittlerweile ein Publikum haben, das nur für die Musik kommt und mit einer außergewöhnlichen Wertschätzung beglückt, dass sie dieses ungewöhnliche Gefühl des Respekts beeindruckt.

Musicscan: Wie erklärst du dir die enorme und permanent wachsende internationale Aufmerksamkeit, die dem Festival zuteil wird, was sich unter anderem an Ticketbestellungen aus Ländern wie den USA, Kanada, Japan, Island, Polen, Kroatien, Estland oder England zeigt?

Haldern Festival: Es sind die Bands, weniger das Festival an sich, denn das müssen sie ja erst noch kennen und hoffentlich lieben lernen.

Musicscan: Wie sieht die Zukunftsplanung aus? Irgendwelche neuen Partner oder Projekte?

Haldern Festival: Wir wollen ein Label gründen und in Europa ein wenig nach guter unentdeckter Musik Ausschau halten. Kinder in die Welt setzen und eventuell der freiwilligen Feuerwehr beitreten. Das Festival bleibt so wie es ist und die Hoffnung auf Peter Gabriel bleibt bestehen. Auch ein gelungener Wunsch der Renaissance der Langfristigkeit, und dass Vinyl niemals aussterben wird.

Musicscan: Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen und ich denke wir sehen uns beim Haldern am 9. und 10. August.

 
 Links:
  Haldern Festival Site
 
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