Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1750

Type O Negative

Interview von: Daniel mit Pete, am: 27.03.2007 ]

Ein kühler, verregneter Nachmittag in der Dortmunder City. Passanten eilen mit gesengtem Haupt ihren Zielen entgegen und schon früh beginnt es dunkel zu werden. Als ob der Wettergott die richtige Umgebung zum neuen Album von Type O Negative hat setzen wollen. Doch, eines wird bei "Dead Again" schnell klar. Nicht nur, daß es die subjektiv empfunden beste Scheibe der vier aus Brooklyn seit langem ist, nein, sie tönt auch aggressiver und punkiger, dabei längst nicht so depressiv aus den Boxen wie etwa "World Coming Down".

 

Musicscan: Die Band residiert in einem vornehmen Hotel in der City und gibt ein Interview nach dem anderen, denn mit der neuen CD haben Type O ein neues Label gefunden, das sich offenbar viel verspricht. Wie die armen Seelen den Löwen werden ein Kollege und ich dann dem grün/schwaren Riesen vorgeführt, der gerade mismutig einen Burger futtert und Rotwein dazu trinkt...

Musicscan: Hallo Pete ! Ich muß Euch gratulieren. So oft ich die neue Scheibe auch gehört habe, es ist mit Abstand Deine beste Gesangsleistung bis jetzt.

Type O Negative: Nun ja, es hat auch tatsächlich eine Menge Zeit gekostet. Einige Sänger haben eben auch mal einen schlechten Tag zwischendurch und in der Regel benötige ich auch wenigstens zehn Anläufe um einen Song aufzunehmen, den ich dann auch noch eventuell doppeln muß. Manchmal muß man sich dann auch noch entscheiden und endet damit, daß man doch beim "first take" bleibt".

Musicscan: Ist es denn so, daß Dich Josh (Silver, Keyboarder) in bestimmte Richtungen dirigiert, oder Dich immer wieder neu motiviert ?

Type O Negative: Er sagt mir, wenn ich scheiße singe, was fast immer der Fall ist.

Musicscan: Also ist er brutal ehrlich ?

Type O Negative: Nun, er muß es sein, denn am Ende zählt nur das Resultat und das fertige Produkt soll eben so gut wie möglich sein. Aber ich nehme es nicht persönlich. Wenn er mir sagt, ich soll es noch einmal probieren, dann mache ich es einfach und es heißt eins, zwei, drei...

Musicscan: Hast Du denn schon genug Distanz zum neuen Album, daß Du Dir ein klares Urteil darüber bilden kannst, ob negativ oder positiv ? Bist Du zufrieden ?

Type O Negative: Nun, ich mag das Album, die Band mag das Album, unser Label mag das Album, unser Management mag das Album, aber letztlich entscheiden die Fans, was sie darüber denken.

Musicscan: Habt ihr etwas an der Art zu produzieren verändert im Vergleich zum letzten Album ?

Type O Negative: Ja, sogar ein paar Dinge. Erstens ist es das erste Album innerhalb von 14 Jahren, auf dem ein Live-Schlagzeug zu hören ist, das war das letzte Mal bei "Bloody Kisses" der Fall. Auf diesem Album haben wir nun mit Pro-Tools gearbeitet, keine analogen Bänder oder ähnliches. Außerdem sind die Song eher in einer Live-Atmosphäre entstanden, was bedeutet, daß die Band anwesend war, während ich an Ideen arbeitete. Ich habe dem Rest der Band also immer einige Parts vorgespielt und mir ihre Meinung dazu angehört. Das scheint auch die Gesamtmoral und das Arbeitsklima verbessert zu haben und nun sind wir auch von den Reaktionen der Medien sehr erfreut. Unsere nächsten Pläne werden vor allem eine US-Tour mit Celtic Frost beinhalten, auf die ich mich sehr freue, denn ich war immer schon ein großer Celtic Frost Fan. Vielleicht werden wir eine zu gute Zeit haben (lacht)...dann spielen wir im Mai ein paar Festivals und zwischendurch ein paar Club-Shows. Dann wird Kenny (Gitarrist) ein paar Festivals mit Danzig spielen, zudem ich eventuell ebenso mit meiner Band Carnivore. Also werde ich erfreulicherweise beschäftigt sein, denn Langeweile ist mein Feind.

Musicscan: Wahrscheinlich hast Du die Frage schon ein paar Mal beantworten müssen, aber warum hat es vier Jahre gedauert dieses Album aufzunehmen ?

Type O Negative: Wie Du vielleicht weißt, haben wir nach "Life Is Killing Me" das Label gewechselt. Während der Zeit, als wir diese Platte mit einer US- und auch einer Europatournee unterstützt haben, haben wir mit Roadrunner verhandelt. Als wir uns dann für SPV entschieden haben, hat uns Roadrunner buchstäblich den Hahn zugedreht, kein Toursupport mehr, gar nichts. Das waren schon wirklich niederschmetternde Neuigkeiten, um ehrlich zu sein. Also haben wir erstmal sechs Monate pausiert, die Jungs haben ja auch alle Kinder und Ehefrauen, manche hatten auch Scheidungen durchzustehen. Dazu hatten wir einige Todesfälle zu verkraften. Ich habe meine Mutter verloren, Josh seinen Vater, Dimebag Darrell ist von uns gegangen, der ein enger Freund der Band war und für den ich den Song "Halloween In Heaven" geschrieben habe, denn nun ist er Teil der größten Band im Himmel (man beachte den Text, der viele namhafte und mittlerweile tote Rockmusiker aufführt). Ebenso hat sich mein Bass-Roadie mit einer Überdosis Heroin ins Jenseits befördert. Alles in allem also eine Anhäufung von Tragödien, auch wenn ich zwischendurch drei oder vier Songs geschrieben habe. Aber wir begannen erst gegen Herbst 2005 ernshaft an zu proben. Wir gingen einfach ins Studio und jammten drauflos, was meiner Meinung nach auch in der eher Seventies-lastigen Rock-Stimmung resultiert.

Musicscan: Es hat ebenso einen erkennbaren Beatles-Einfluss

Type O Negative: Jedes Type O Negative – Album hat diesen erkennbaren Einfluss, denn das ist ein gemeinsamer Einfluss, den wir auch gar nicht verleugnen können.

Musicscan: Wenn Du sagst, daß ihr alle einige Tragödien zu überstehen hattet, wundert es mich, daß das neue Album meiner Meinung nach gar nicht einmal so depressiv klingt, wie man es daraufhin hätte erwarten können.

Type O Negative: Nach einer gewissen Zeit wird man einfach taub gegenüber all diesen menschlichen Tragödien. Ich wollte auch einfach irgendwann nicht mehr über Dinge grübeln, die ich ohnehin nicht ändern kann. Mittlerweile habe ich auch zum Glauben zurückgefunden, ich bin römisch-katholisch und das hat mir zu einer eher positiven Sicht auf das Leben verholfen. Ich könte mir auch gut vorstellen, daß es für einige Leute enttäuschend ist, daß "Dead Again" nicht so depressiv geworden ist.

Musicscan: Man könnte sagen, es ist eher aggressiv als depressiv, mit einem deutlichen Punk-Einschlag. Letztlich summieren sich hier alle Einflüsse, für die Type O stehen. Würdest Du dem zustimmen ?

Type O Negative: Das ist eine gute Beschreibung. Es fasst die bisherigen fünf Alben zusammen und einige Songs hätten auf jedem anderen Album auch stehen können. Wir sind glücklich damit.

Musicscan: Es ist ja auch ein eher längeres Album...

Type O Negative: Oh ja, ein langes Album und wir haben es sogar noch von 85 Minuten runter gekürzt.

Musicscan: War es denn geplant, daß die Scheibe so lang wird, oder war das eher zufällig ?

Type O Negative: Der wahre Plan diesmal war eben gar keinen Plan zu haben. Das hat zur Folge, daß das neue Album sozusagen weniger zusammenhägend ist, sondern eher stimmungsabhängig. Dazu eben eine Menge Höhen und Tiefen, also sehr schizophren.

Musicscan: Das Artwork der neuen Scheibe, es zeigt den russischen "Wunder"-Mönch Rasputin, dazu das Bandlogo in kyrillischer Schrift, welchen Bezug hat das alles zur Band und wie passt dazu der Albumtitel ?

Type O Negative: Bis zu einem gewissen Punkt sehe ich einige Paralleln zwischen Rasputin und mir. Er war Christ, Alkoholiker, Womanizer, man hat versucht ihn zu töten, ohne Erfolg. Er hatte einen großen Schwanz. Er hat den jungen Zarewitsch wenigstens zeitweise von seiner Bluter-Krankheit geheilt, nur durch seine Präsenz und er sieht aus wie ein Mitglied von Type O Negative. Der Titel hat zum einen mit dem Umstand zu tun, daß man Rasputin nicht töten konnte, zum anderen handelt der Titeltrack vom Drogengebrauch. Ich hatte in der Vergangenheit ein ziemliches Problem mit Kokain und um ehrlich zu sein, ich bin immer noch nicht ganz darüber hinweg. Manchmal nehme ich eine ganze Zeit lang gar nichts, aber von Zeit zu Zeit überkommt es mich einfach. Wenn ich dann am nächsten Tag aufwache, fühle ich diese allumfassende Scham mir selbst gegenüber und fühle mich, als wäre ein weiterer Teil von mir gestorben, ich bin dann "Dead again". Bis zu meinem 35. Lebensjahr hatte ich keinerlei Berührung mit Drogen und allein in diesem Alter damit anzufangen war schon geisteskrank. Es hat mir einige wirklich üble Probleme beschert, vom verschwendeten Geld ganz zu schweigen. Mein Standpunkt die Drogen betreffend ist nun, daß die Fans eher von der Schilderung meiner Probleme lernen sollten, als ihre eigenen schlechten Erfahrungen zu machen. Ich habe zwei Dämonen, Alkohol und Kokain.

Musicscan: Wenn ich mir einige andere Texte anschaue, dann könnte ich mir vorstellen, daß sie wie auch in der Vergangenheit eventuell zu Kontroversen führen könnten. In "The Profit Of Doom" sprichst Du beispielsweise vom "star with the six sides", was offensichtlich eine Anspielung an den Davidstern ist. Geht es in dem Text auch um den Einfluss Israels auf die us-amerikanische Außenpolitik ?

Type O Negative: Ich denke Israel hat einen massiven Einfluss auf die amerikanische Politik. Ich habe kein spezielles Problem mit Israel, aber ich denke die USA haben ihre eigenen Probleme. Die USA sollten nicht Weltpolizei spielen, sondern sich aus anderer Leute Angelegenheiten heraushalten. Die Anspielung in "The Profit of doom" bezieht sich auf meine Beobachtung, daß man sich in Acht nehmen sollte vor allen Ländern, die einen Stern in ihrer Nationalflagge haben. Meine eigene politische Haltung hingegen ist nicht einfach zu beschreiben. Ich bin bis zu einem Punkt sicher eher konservativ, gleichzeitig aber genauso gewissenhaft und liberal. Ich sorge mich um die Umwelt und thematisiere in einem Song sogar die Debatte um Abtreibungen (These Three Things). Das Leben ist sicherlich das ultimative göttliche Geschenk an die Menschheit, daher ist es absolut schützenswert. Andererseits spreche ich aber auch jeder Frau das Recht der eigenen Entscheidung zu. Ich persönlich finde Abtreibungen allerdings falsch.

Musicscan: Also ist die Anspielung, oder Gegenüberstellung vom sechs- und fünfzackigen Stern nur ein Beispiel ?

Type O Negative: Einige arabische Staaten haben ebenso fünfzackige Sterne auf ihren Flaggen, Israel den sechszackigen. Mich fasziniert die Apokalpyse des Johannes sehr, ebenso wie die legendäre Schlacht um Armageddon und ich fühle, daß wenn die Welt in die letzten Tage eintaucht, dann wird der Brand im mittleren Osten gelegt. Meine persönliche Lösung für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wäre jeder der beiden Partein eine Atombombe zu geben und sie jeder für sich entscheiden zu lassen, ob sie alles beenden. Aber am Ende läuft es immer wieder darauf hinaus, daß die USA nun die Ernte einfahren für die Einmischung in die Belange anderer Länder. Aber ein wirklich unterhaltendes und lustiges Thema (lacht)

Musicscan: Nun, beschäftigst Du Dich denn in Deiner Freizeit noch mit anderen Dingen außer Musik ?

Type O Negative: Nebenbei spiele ich ja noch bei Carnivore, aber wenn ich zurück in New York bin, dann mache ich ein wenig Jogging und Gewichtheben, ich kümmere mich um meine fünf Katzen. Ab und zu arbeite ich auch an meinem Motorrad und an meinem Auto. Aber neben den zeitintensiven Arbeiten am neuen Album bin ich leider nicht zu viel gekommen. Eins meiner Ziele auf dieser Promotour war, mir einige Sehenwürdigkeiten anzuschauen, aber SPV hatte da wohl etwas andere Vorstellungen. An einem Tag hatten sie mir zwölf Interviews aufgebrummt und das nachdem wir gerade aus den USA angereist waren. Dann mußte ich auch noch immer und immer wieder die gleichen Fragen beantworten, so daß ich nah dran war, meine Geduld zu verlieren.

Musicscan: Hörst Du dieser Tage eigentlich überhaupt noch aktuelle Musik, die Dich beeinflussen könnte ?

Type O Negative: Um ehrlich zu sein, nein. Ich bin ganz zufrieden mit den Dingen, die ich auch früher schon mochte, mit diesen unterschiedlichen Schubladen wie "Sixties Psychedelic Rock", "Eighties New Wave", dann Punk und Hardcore, europäische Bands wie die Einstürzenden Neubauten und Laibach. Was mir immer auffällt, wenn ich dann mal durch die Kanäle zappe ist, daß all diese Bands gleich klingen und dazu auch noch gleich aussehen.

Musicscan: Wie kam die Zusammenarbeit mit der Sängerin von Lycia zustande ?

Type O Negative: Ich wollte immer schon einmal eine weibliche Stimme integrieren. Wir waren 1996 in den Staaten mit Lycia auf Tour und haben uns seitdem eine Freundschaft bewahrt. Nun war der Zeitpunkt gekommen, um eine Kooperation einzugehen und so haben wir den Song (Halloween In Heaven) nach Arizona geschickt und ihn tatsächlich einen Tag später schon zurückbekommen. Josh fand, daß es gerade hier einen guten Kontrast an der Stelle ergäbe und das gute Ergebnis rechtfertigt alles. Außerdem, wir alle mögen Lycias Musik, denn wenn Du Dir jemals das Leben nehmen willst, das ist der richtige Soundtrack dazu !

Musicscan: Wenn man eines über "Dead Again" sagen kann, dann wohl, daß es ein herausforderndes Album ist. Es erschließt sich sicher nicht beim ersten Durchgang und mag zu Beginn etwas schroff und sperrig wirken, entfaltet dann aber umso mehr seine Wirkung.

Type O Negative: Es summiert tatsächlich alles ,wofür Type O stehen. Wir sind zufrieden damit. Es ist aggressiv. Wir hoffen, daß wir in diesem Jahr noch auf Europatournee kommen.

Musicscan: Vielen Dank für das ausführliche Interview, wir sehen uns auf Tour !

 
 Links:
  myspace.com/typeonegative
 
oben