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Backyard Babies

Storie von: Daniel, am 23.01.2007 ]

Ein düsterer, nieseliger Samstag in der münsterländischen Provinz. Während in der Studentenstadt schon zur Unzeit die Bürgersteige hochgeklappt werden und der Exodus vom Weihnachtsmarkt in den Bahnhof ergiesst, tappt der Schreiberling dieser Zeilen durch dunkle Gassen und zwielichtige Gegenden zur etwas abgelegenen Sputnikhalle. Hier, in der halben Ruine, die sicherlich schon bessere Tage gesehen hat, zwischen angeschlagenen Betonträgern und heruntergekommenen Wänden ist die Bühne bereitet für eine von Europas erfolgreichsten Rock-Bands, den Backyard Babies.

 
Ohne größere Eingangskontrollen, schleiche ich mich von hinten in die Halle, während eine der Vorbands gerade ihren Soundcheck absolviert. Keiner fragt mich nach meine Zugehörigkeit und so gelange ich ohne Schwierigkeiten in den Backstagebereich, wo ich Tourmanager Krille ausfindig mache. Die Band ist gerade beim Essen und so warte ich unter den vielversprechenden Tönen der Vorband auf mein Interview. Dann kann es losgehen und inmitten trocknender Wäsche, Essensresten, zahlreichen Laptops und einem riesigen, gut gefüllten Kühlschrank, bitten mich Gitarrist Dregen und Drummer Peder zum Gespräch.

Eigentlich jeder in der Band macht einen kränklichen Eindruck, aus allen Ecken des Zimmers hustet und röchelt es. Es grassiert die Erkältungswelle und in nasskalten Zimmern zu hocken, oder im schlecht beheizten Tourboss zu reisen verbessert die Situation auch nicht gerade. Somit wäre das Thema "Glamouröses Leben auf Tour" auch erledigt. Keine Groupies, keine Exzesse. Dregen und Peder geben sich im Interview natürlich und sympathisch, wenn auch für Schweden ganz typisch anfangs etwas verschlossen.

Die Tour läuft trotz der munter umherwandendern Viren und Bakterien recht gut. Das Publikum strömt zahlreich zu den Shows und Dregen lehnt sich zufrieden, wenn auch verschnupft zurück und lässt die zurückliegenden Wochen Revue passieren. Die Tournee dauert schon drei Wochen an und begann in England, führte die Band durch die Benelux-Staaten und Frankreich, bis sie schließlich im so gar nicht winterlichen Deutschland halt macht. Dregen macht einen deutlichen Unterschied in der Einstellung des Publikums aus. Während sich Konzerte im näheren Ausland eher auf die Wochenenden konzentrieren, ist es dem deutschen Rocker offenbar egal, denn hier strömen die Fans auch an Werktagen zum Abrocken in die Hallen. Mein Einwand, dass zumindest von der Mentalität her ein Unterschied festzustellen sein müßte, wird der Deutsche doch an sich als des ausgelassenen Feierns nicht mächtig angesehen, lässt Dregen nicht gelten. "Then you never have met a Finnish guy", das sagt doch alles.

Während im Hintergrund eine der Vorbands lautstark beim Soundcheck auf sich aufmerksam macht, unterhalten wir uns über das augenscheinlich wenig glamouröse Leben auf Tour. Trotzdem, auch wenn es mittlerweile mehr oder weniger ein Beruf geworden ist, es lässt sich mit nichts anderem vergleichen. Die Band ist beinahe das komplette Jahr unterwegs, wenn nicht gerade Studiotermine anstehen. Vergleichbar mit anderen Jobs ist das Leben im Bus ohnehin nicht. Zu wenig Konstanz, dazu viel Langeweile, keine Gewöhnung an einen Ort und jeden Tag neue Menschen. Aber die Dankbarkeit und die Freude bleibt. Dankbarkeit überhaupt die Möglichkeit zu haben, die Welt zu bereien und die Freude jeden Tag abrocken zu können und den Fans Spaß zu bereiten. Zudem seien auf dieser Tournee Plätze dazu gekommen, die die Band zuvor nicht bereist


hatte.

Doch übt der unausgesprochene Zwang kreativ sein zu müssen, um sein Leben letzten Endes finanzieren zu können, nicht einen enormen Druck aus ? Dregen sieht es anders. Manchmal stünde man schon unter einer Art von Druck, empfinde das Leben als Musiker und freischaffender Künstler aber eher als Geschenk, denn so sei man sein eigener Chef und können tun und lassen, was man wolle. Zudem, dies scheint wohl eine Lebenseinstellung zu sein, die dem Credo des Rock nach Freiheit und Rebellion noch am ehesten entspricht. Außerdem, der Druck scheint eher zu helfen, als daß er Kreativität verhindert. Wird eine Band wie die Backyard Babies eigentlich oft mit dem eigenen Image konfrontiert ? Fällt der Rock-Lifestyle gar auf die Mitglieder zurück, in dem Sinne, daß mit einer bestimmten Erwartungshaltung an sie herangetreten wird ? Mit anderen Worten : Sex, Drugs and Rock'n'roll ? Nun, Dregen dementiert nicht. Letztlich lebe man einfach nur ein selbstbestimmtes Leben, das manchmal rauschhafte Züge annehme, oft genug aber auch einfach nur harte Arbeit sei. Sofern man ein autonomes, nicht den Regeln des normalen Berufslebens schon als Rock bezeichnen würde, dann seien die Babies ganz sicher in dem oben beschriebenen kurzen Statement zuzurechnen. Aber im Grunde mache man sich kaum Gedanken über solche Sachen wie Image. Man lebt einfach die Musik.

Wenigstens scheinen die Babies von der gesamten Downloadproblematik recht unberührt. Mit den Platten verdiene man ohnehin kaum noch Geld, sondern eher mit ausgedehnten Touren. Dregen hat ohnehin eine eher schizophrene Haltung gegenüber diesem Thema, wie er offen zugibt. Jeder, der die Möglichkeit zum Download habe, würde diese auch nutzen. Er als Fan jedoch, würde sich ja ohnehin eher Vinyl kaufen, nicht weil es besser klänge, sondern einfach, weil es besser aussieht. Und alle richtigen Fans würden sich nach dem Download ohnehin noch einmal das richtige, fertige Produkt kaufen.

Die nähere Zukunft der Babies wird zunächt einmal eine DVD beinhalten. Genaueres ist noch nicht bekannt, aber nach der eher wie eine Dokumentation wirkenden DVD "Jetlag" sollte es vielleicht eher in Richtung einer Konzertaufnahme gehen. Die exakten Pläne sollten in diesem Jahr noch umgesetzt werden. Wer einmal Zeuge einer schweißtreibenden Show der Backyard Babies war, der darf gespannt sein, wie sich diese Atmossphäre digital einfangen lässt. So recht in Plauderlaune schienen die Babies aufgrund der grassierendnen Erkältung auch nicht zu sein, so daß ich mich kurzfristig entschied, die Band doch eher in Ruhe zu lassen, damit sie sich erholen kann.

Wenig später auf der Bühne ist dann weder von Erkältung, noch von Müdigkeit eine Spur zu entdecken. Die Babies rocken drauflos als gäbe es kein Morgen. Ein inoffizieller Hit nach dem anderen wird in die gierende Meute gefeuert. So kommt man nicht umhin eines festzustellen : Backyard Babies do rock !

 
 Links:
  myspace.com/backyardbabies
 
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