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Katzenstreik Teil 2

Interview von: Matthias Rauch mit Bolle, am: 23.10.2006 ]

Eine Distanzhaltung und ein gekünstelt souveränes Grinsen waren noch nie das Anliegen von Katzenstreik. Über acht Jahre zieht man jetzt schon ohne irgendwelches Management oder professionelle Beratung durch ganz Europa und bringt immer wieder ganz wunderbare Platten wie „…solves your problems“, „Emowürstchen“ oder erst kürzlich „4“ auf Unterm Durchschnitt heraus. Hindernisse, auch geographischer Art, sind da, um überwunden zu werden. Nicht allein deshalb sprachen wir mit Bolle, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von Katzenstreik, über Freiheit, Widersprüche und die Rückkehr zur Einfachheit.

 

Musicscan: Katzenstreik wirkt auf mich wie eine sehr selbstreflektierende Band, daher sucht man bei euch auch vergebens nach den üblichen Phrasen und hohlen Gesten. Inwieweit kann Selbstreflektion und das Erkennen der eigenen Widersprüche aber auch zum Stillstand und zur Handlungsunfähigkeit führen bzw. wie überwindet ihr immer wieder persönliche und gesellschaftliche Widersprüche?

Katzenstreik Teil 2: Ich glaube in Wirklichkeit gibt es keine Widersprüche. Das sind Dinge, die wir uns vorstellen. Ein Widerspruch entsteht, weil man sich beispielsweise anders verhält oder anders ist, als man sich das wünscht oder vorstellt. Das ist aber eigentlich kein Widerspruch, sondern das, was ich mir vorgestellt hab, war nicht so ganz richtig, wir sehen nicht alles. Oder die äußeren Umstände sind nicht so, wie wir sie haben wollen. Wenn ich eine Haltung entwickeln kann, die sich traut, alles zu sehn, auch die Abgründe, dann kann man diese Widersprüche annehmen. Ich bin so. Ich meine nicht, dass man dann doofen Gedanken folgt und dann was Doofes tut, sondern es vollkommen aufrichtig sieht, wie es ist. Wenn man das tut, kann man diesen ganzen Scheiß, das was einen zerreißt, transformieren. Das ist etwas Großartiges, etwas sehr Befreiendes. Es gehört auch ein bisschen Disziplin dazu. Und dann passiert etwas Witziges, indem man es vollständig sieht oder auch zugibt, kann man es übersteigen. Ich bin gar nicht so sehr für Selbstreflektion in der Form, dass man über jede Handlung genau nachdenkt. Ich meine es ist wichtig, präsent zu sein. Dann braucht man irgendwann nicht mehr nachher zu denken, „eh war das jetzt richtig, ah vielleicht sollte ich doch lieber......“, sondern man ist in diesem Moment da, das ist besser. Handlungsunfähigkeit entsteht, weil man zuviel sich der Welt der Gedanken und Gefühle hingibt ohne Distanz. Ohne Basis. Das haut einen dann um, auch weil man es nicht loslässt, aber wir müssen immer weitergehen, neu und offen, dafür brauch man etwas, was einen immer wieder frei spült, sonst lebt man wie tot. Das ist schrecklich. Mit den gesellschaftlichen Widersprüchen sehe ich das ganz pragmatisch. Früher habe ich an eine Weltrevolution geglaubt, heute fühlt sich dieser Gedanke an wie „ey ich bin ein Gott“. Das Ziel ist zu hoch, und wenn das Ziel zu niedrig ist, kann man sich gleich umbringen, also was tun? Wenn man dieses blöde große Ziel loslässt, findet man einen unglaublichen Spielraum in seinem Alltag, in seiner Umgebung, wo man sich den Arsch aufreißen kann und unglaubliche Sachen verändern kann. Aber wir sind faul und haben Angst und sagen „nee das ist nicht politisch“. Ich glaube, wenn wir so politisch tun, sind wir oft ganz schön egoistisch, aber wenn dann die wahre Politik kommt, wird es schwer. Wir kriegen nix dafür geschenkt. Man muss sich auf den Arsch setzen und dann kuckt nicht mal wer zu. Tja, die wahre Politik rockt ohne Profit für uns und ohne sich an Ziele zu binden. Aber ohne Selbstreflektion, das ist eine schreckliche Welt, das geht gar nicht. Ich glaube, es ist wichtig, ein Ideal zu haben, aber kein festes Ziel, das ganz festgesteckt ist und dann nicht eintritt. Ein Ideal richtet sich nach der Realität, reagiert auf das, was ist, so gut es geht. Meine Erfahrung ist, dass wenn man seinen ganzen persönlichen Krempel immer wieder für eine gewisse Zeit aufgibt, dadurch erst mal alles annimmt. Dadurch entsteht eine andere Perspektive. Das ist wahre Veränderung. Die Probleme bleiben die gleichen, aber die Perspektive ändert sich und damit die Umgehensweise, das ist ein guter Weg zur Freiheit.

Musicscan: Wie würdest du die Entwicklung von „Emowürstchen“ über „Solves your Problems“ bis „4“ in musikalischer und künstlerischer Hinsicht beschreiben?

Katzenstreik Teil 2: Ich denke die Entwicklung ist, dass es immer freier wird: wie die Lieder entstehen, wie wir miteinander umgehen. Bei der „Solves Your Problems“ haben wir mehr zusammen die Musik gemacht als davor. Die „Emowürstchen“ war für mich eine sehr softe Platte. Ich wollte damals solche Musik machen, da Hagen und ich viel Jimmy Eat World gehört haben, insbesondere die „Clarity“. Und ich hatte ein großes Bedürfnis, traurige, ruhige Musik zu machen. Das ist nicht so gut bei dem klassischen Punkpublikum angekommen. Also, es gab Leute, die fanden das gut, die haben das aber erst später gesagt. Ich würde auch wieder etwas zu ganz ruhigen Songs gehen, manchmal sind diese Lieder tiefer. Aber rocken muss auch sein, eben beides mischen. Ich finde es auch schwer, live nur Rocksongs zu spielen. Ich bin zu alt für so was. Bei der „4“ kam noch ein Schuss Disco mit rein. Die Songs entstehen in sehr kurzer Zeit wegen unserer Situation, wir nehmen quasi, was wir kriegen können und dann fertig, wir haben keine Zeit für große Spielereien oder Konzepte. Die meisten Songideen mache ich bei mir im Bauwagen mit Akustikgitarre, viele direkt nach der Arbeit. Für mich gibt es nur ein Kriterium bei Songs, sie müssen straight from the heart sein und mich umkrempeln oder wie eine Dampfwalze platt machen. Je länger wir zusammen rocken, umso schneller können wir unsere Ideen umsetzen. Die Arbeit im Studio geht auch immer schneller.

Musicscan: Gibt es so etwas wie Inspirationsquellen für eure Musik?

Katzenstreik Teil 2: Ich glaube eine Quelle ist das leiden. Oh welch großes Wort! Ein Druck entsteht, der sich entladen will und zack ein neues Lied. Aber es ist auch Ausdruck von allem, was uns beschäftigt. Songs zu spielen bedeutet, etwas mit anderen zu teilen, das ist ein gutes Gefühl. Die anderen Gründe habe ich in anderen Fragen schon beantwortet. Musikalisch ist es bei mir, Fugazi, Quicksand, Team Dresch, KRS One, The Clash, AM Thawn, Against Me, und noch tausend andere Sachen.

Musicscan: Was wäre das größte Kompliment, das man euch als Band machen könnte und warum?

Katzenstreik Teil 2: Ein großes Kompliment wäre, „eure Musik hat mir das Leben gerettet“. Etwas abgemilderter habe ich das auch schon öfter mit allen Bands in denen ich war gehört, was meinen weg für mich bestätigt hat.

Musicscan: Gibt es bestimmte Ziele, die ihr mit der Band erreichen wollt oder entwickelt sich das stets unbewusst und organisch?

Katzenstreik Teil 2: Mein Ziel ist es, eine bessere Infrastruktur zu haben um das Ganze besser zu machen. Also etwas mehr Geld und gar keine Schulden zu haben. Ich will Möglichkeiten, in denen wir schnell aufnehmen und Songs schreiben können. Menschlich einen aufrichtigen Kontakt unter uns, und das wir uns helfen, unsere Kreativität volles Rohr zu entfalten. Alles auszuprobieren!

Musicscan: Welchen Stellenwert nimmt die Musik für euch heute ein und wie hat sich eure Beziehung zur Musik über die Jahre verändert?

Katzenstreik Teil 2: Für mich ist sie nicht mehr auf dem ersten Rang, manchmal empfinde ich sie sogar als lästig, weil ich dauernd Songideen im Kopf habe und mich nicht gut konzentrieren kann. Irgendwann kam der Punkt, wo ich mich gefragt hab: “Bolle, warum bist du von der Musik so abhängig? Was vermeidest du damit?“ Früher war Musik alles. Manchmal denke ich, dass ich sonst jetzt tot wäre. Wenn man singt, spricht die Seele, ob man will oder nicht. Man erfährt viel über Menschen, wenn man ihre Musik hört.

Musicscan: Gibt es konkrete Pläne für die Zukunft? Was darf man von euch erwarten?

Katzenstreik Teil 2: Weitermachen, wach bleiben und gucken, wie sich alles entwickelt und angemessen damit umgehen.

Musicscan: Möchtest du noch etwas ansprechen bzw. zur Sprache bringen?

Katzenstreik Teil 2: Ich habe heute länger darüber nachgedacht, warum ich das mache, was der wichtige Grund ist Musik zu machen. Ich bin in letzter Zeit öfters unzufrieden mit unseren Konzerten. Ich bin in einem Zwiespalt. Einerseits möchte ich sehr viel vermitteln, Kontakt haben, tiefen, richtigen Kontakt , nicht nur bla bla. Auf der anderen Seite finde ich es vermessen, mich hinzustellen und zu predigen, mich höher als die Leute zu stellen. Also was tun? Für mich ist diese Musik der Soundtrack, die Inspiration für eine grundlegende, tiefe Veränderung und Ausdruck von der Sehnsucht danach. Der Soundtrack zum Versuch sich zu befreien, zu emanzipieren. Ohne diesen Versuch sind wir als Menschen meiner Meinung nach tot. Das ist das, was mich früher an Bands berührt hat, und warum ich manche Songs als Kumpels mit ins Grab nehme. Ich mag es nicht, wenn die Musik nur zur Unterhaltung wird, nach dem Motto saufen und ein bisschen Party. Die Band macht Show. Ich bin Zen Schüler und im Zen sagt man, in der Tiefe des Geistes, also des Bewusstseins oder Gehirns findet durch die Praxis eine Wandlung statt. Ich kenne das auch in der Therapie, das sich nach einiger Zeit Dinge wirklich lösen, transformieren, riesige Probleme fallen einfach so zusammen. Es ist etwas total anderes, darüber zu reden oder zu schreiben oder sich intellektuell damit zu beschäftigen. Es berührt einen tief und etwas ändert sich. Wir machen uns den ganzen Tag über viele Sorgen und Stress und wenn wir Musik hören, kann es passieren, dass man diese Dinge total vergisst. der Körper und das Herz entspannen sich. Gleichzeitig drückt ein Song manchmal genau das aus, was man fühlt. Also das ist mein persönlicher Antrieb. Das gilt aber nur für mich. Das kann man jetzt für die anderen Katzen so nicht sagen. Die haben andere Prioritäten als ich. Mir geht es nicht darum, berühmt zu werden. Für mich ist das eher etwas sehr Anstrengendes oder Konstruiertes. Ich möchte mit der Musik diese Veränderung inspirieren. Dann macht es erst für mich Sinn zu singen. Alles davor ist nur ein kleines Ego, das sagt: „Schaut wie toll ich bin. Ich bin so wichtig. Ich bin viel größer als ihr. Ich bin ein Rockstar.“ Mit der Veränderung ist die Aufgabe erfüllt. Ruhm und Anerkennung von außen ist Pippikram, der einen nie wirklich erfüllt. Wenn ich das nur für mich mache, dann wird das schnell sehr schräg. Außerdem bekommt man auf der Bühne auch nicht die Liebe oder die Aufmerksamkeit, die man nur von Freunden oder in tiefen Beziehungen bekommt oder mit sich selbst. Das ist mein tiefes Anliegen. Das wäre super, aber in Wirklichkeit läuft es etwas anders, aber das ist meine Motivation.

 
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