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Disillusion

Storie von: Daniel, am 19.10.2006 ]

Bands, die sich selbst als Künstler sehen und dies nicht zur hohlen Phrase verkommen lassen, sondern diese Bezeichung verdienen, sind rar geworden. In einer Zeit, in der Musiker sich - ob gewollt oder ungewollt - nur noch um sich selbst drehen und ihre Musik in engen Bahnen und Schubladen verharrt, muss eine Band wie Disillusion automatisch auffallen.

 
Hier verkommt Musik nicht zur ständigen Wiederholung längst bekannter Songs und Stile, sondern erfindet sich mit jedem neuen Output neu. So ist es auch bei dem neuesten Werk „Gloria“, einem Stück Tonkunst, dem sich verbal zu nähern unendlich schwierig ist. Daher nahm ich die Gelegenheit wahr, mit Sänger und Gitarrist Andy ausführlich über diese CD, die Band und nicht zuletzt seine persönlichen Überzeugungen zu reden.

Gloria ist in seiner Vielschichtigkeit ein opulent angelegtes Werk, das seinesgleichen sucht. Überraschend ist da kaum, daß Disillusion dafür ganze achtzehn Monate benötigten für die Aufnahme. Allerdings nimmt Andy sofort der Vermutung den Wind aus den Segeln, denn zwischen Oppulenz und Länge der Aufnahme gibt es wohl keinen wirklichen Zusammenhang. Der Beginn der Aufnahmen sei enorm produktiv verlaufen, doch nach einiger Zeit sei man ins stocken geraten und schlußendlich sei zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz klar, woran es gelegen habe. Kurz nachdem die ersten Promotion-Exemplare versendet waren, ging die Band sofort zur Bewerbung dieser über, so daß man praktisch noch keine Distanz zur Betrachtung schaffen konnte. Trotzdem ist die Band ohne jeglichen Masterplan ins Studio gegangen, nur eines war klar : Ein zweites XYZ würde es nicht geben. Diese Phase war wirklich eine solche und mit dem Abschluß der vorherigen Produktion endgültig abgeschlossen. Also war es eher so, daß man gewußt habe, was Gloria eben nicht werden würde.

Überhaupt, was ist Gloria geworden ? Während der Band noch die Distanz fällt, kommt man bei der Beschreibung der Musik mit gängigen Schlagworten kein Stück weiter. Während diese Situation zwischen allen Einordnungsmöglichkeiten mancher Band zum Nachteil gereichen würde, so erheben Disillusion dies zum Programm. Dabei sieht Andy es noch nicht einmal als Problem an, sondern eher als natürliche Haltung. Nicht der Zwang anders sein zu wollen, sondern die natürlich Offenheit für alles, was um das Individuum herum passiert. Wenn überhaupt, ist „Gloria“ nur in Stimmungsbildern zu fassen, lange Adjetivkaskaden,


die sich der Musik aber auch nur nähern können, ohne sie wirklich ganz zu erfassen. Wie man meinen könnte, versucht auch das Label diese Schwierigkeit zu umgehen, in dem Regisseur David Lynch und sein Werk herangezogen werden, aber dies entspricht nicht ganz der Wahrheit. Wie Andy „gestehen“ muß, forciert die Band selber diesen Vergleich. Nicht weil man sich mit besagtem David Lynch auf eine Stufe stellen würde, sondern vor allem der Aspekt des Bizarren eint die Musik von Disillusion und Werke wie „Lost Highway“. Ständig laufen Dinge parallel und der Seher/Hörer muß ständig seine Wahrnehmung der Dinge überprüfen. Man ist permanent aufgefordert sich zu fragen : Was passiert da gerade ? Welchen Sinn macht es ?

Andy gibt freimütig zu, daß die Entwicklung der Band in eine audio-visuelle Richtung tendiert und man sich gut vorstellen könnte, für einen Regisseur wie David Lynch zu komponieren. Dies wäre sozusagen das „Endziel“ einer künstlerischen Entwicklung. Soweit sei man allerdings noch nicht, aber es wird sicherlich in Zukunft eine stärkere Verquickung der beiden Pole Musik und Film bei Disiullsion geben, wie eben auch einen Videoclip zu „Don’t go any further“ auf den man sicher gespannt sein darf.

Anders noch als die Filme von David Lnych, funktioniert „Gloria“ nicht nur auf subtiler Ebene, sondern ist auch eine sehr urbane CD geworden, die in erster Linie Andys Herkunft und Geschichte reflektiert. Trotz aller Individualität, Gloria ist regional offen und besteht auch im Kontext anderer Regionen. Wo auch immer die Band hintendieren wird, die Musik wird den Test der Zeit sicher überstehen. Hier regiert eine offene, künstlerische Haltung die sich in musikalischen Landschaften niederschlägt, an denen jeder Versuch des Vergleiches scheitern muß. Jeder Fan, dem Musik jenseits von Klischees, Schranken und engen Korsetts am Herzen liegt, begebe sich auf die Reise um „Gloria“ für sich zu entdecken.

Wer die Chance hat, sollte sich Disillusion live anschauen, denn während ihr diese Zeilen lest, hat ihre Tour bereits begonnen.

 
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