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Katzenstreik

Interview von: Matthias Rauch mit Bolle, am: 12.10.2006 ]

Eine Distanzhaltung und ein gekünstelt souveränes Grinsen waren noch nie das Anliegen von Katzenstreik. Über acht Jahre zieht man jetzt schon ohne irgendwelches Management oder professionelle Beratung durch ganz Europa und bringt immer wieder ganz wunderbare Platten wie „…solves your problems“, „Emowürstchen“ oder erst kürzlich „4“ auf Unterm Durchschnitt heraus. Hindernisse, auch geographischer Art, sind da, um überwunden zu werden. Nicht allein deshalb sprachen wir mit Bolle, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von Katzenstreik, über Freiheit, Widersprüche und die Rückkehr zur Einfachheit.

 

Musicscan: Erzähl doch bitte am Anfang kurz, was das Besondere an Katzenstreik für Dich ganz persönlich ist.

Katzenstreik: Es ist etwas sehr tiefes für mich. Die Musik berührt mich. Und wir sind Freunde. Irgendwie funktioniert das Ganze, ich meine, hey wir proben nicht, spielen aber live und machen Platten, das ist cool. Es gibt aber auch Momente, wo ich denke, ich hab den anderen nichts zu sagen und weiß nicht warum ich das mache. Was toll ist: jeder hat seinen Freiraum. Ich möchte gerade nicht soviel spielen und dann arrangieren wir das halt so, dass es läuft. Es ist da auch viel Respekt unter uns. Klar man kotzt schon mal übereinander ab, aber dann denkt man „ok, wie regeln wir das jetzt?“ Wir sind ein bisschen wie eine Familie. Ich kann mich musikalisch hundertprozentig entfalten, es gibt wenig, was ich zurückhalte, vieles ist möglich, da ist eine große Freiheit. Jeder hat seinen Aufgabenbereich, aber wir sind nicht zu eingefahren, nur ein bisschen. Wir machen das, was wir wollen. Wir sind unabhängig, wir sind nur von unseren eigenen Barrieren abhängig. Es ist eine besondere Band. Manchmal denke ich auch, ich habe die Aufgabe, zu singen, zu spielen für mich und die anderen, das hilft Leuten. Wir kommen alle aus reflektierten Szenen. Und das hat sich in unsere leben eingebrannt, ohne das wir einen stock im Arsch hätten. Na ja und das ganze geht halt ewig weiter mit der Reflektion. Aber ich will ehrlich sein: In letzter Zeit gibt es oft Momente, wo ich denke, wir haben uns menschlich nicht mehr so viel zu sagen, oder da ist nicht so viel Interesse. Wir sehn uns sehr wenig, manchmal fahren wir stundenlang getrennt zu den Konzerten, kommen an, kurz essen, auf die Bühne. Da kommt der Kontakt manchmal zu kurz. Was mich sehr unzufrieden macht, ist diese Rock’n’Roll-Struktur, lange auf sein, saufen, spät aufstehen, viel gammeln. Ich hasse das, weil man so stumpf wird und letztlich auch saufaul wird und degeneriert. Ich finde das eine sehr bescheurte Kultur, dieses Rockstar leben. Nie könnte ich das machen, weil man - glaube ich - alles dabei verliert. Und was ist daran geil, süchtig zu werden. Du verkackst dein ganzes Leben. Man sollte keinen Mythos daraus machen, es ist einfach nur scheiße. Und eine gute Struktur für Leute, die vor ihrem leben weglaufen und sich wegballern wollen. Vielleicht klingt das etwas hart, aber ich bin halt nicht davon überzeugt.

Musicscan: Wenn ich Eure Texte und die Erläuterungen auf euren Platten lese, drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass ihr es geschafft habt, so weit wie möglich im Moment zu leben und diesen zu nutzen. Ist das eines der Hauptanliegen der Band?

Katzenstreik: Tja, ich weiß nicht, ob wir das geschafft haben. Aber du hast Recht, mir ist das sehr wichtig. Ich hatte ein paar Erfahrungen beziehungsweise Erlebnisse auch mit dem Tod. Dinge, die mich tief geprägt haben. Sachen, die mich zum nachdenken gebracht haben. Sachen, die mich getroffen haben wie ein 500 Meter großer Hammer. Oder wo ich viel geweint hab und gedacht habe, „scheiße ich kann so nicht weitermachen. Das ist falsch“. Oft sage ich mir, wenn das heute dein letzter Tag ist, läuft hier alles richtig? Ich vergesse oft wie kostbar der Moment ist. Es gibt nur diesen Moment, es gibt keine Zukunft, keine Vergangenheit, das sind Hilfskonstruktionen, die unser Gehirn braucht, um sich zurechtzufinden oder zu planen oder sich zu orientieren. Aber in Wirklichkeit passiert alles jetzt. Vollständig präsent zu sein ist für mich das Politischste, das es gibt. Wir huschen viel zu viel über alles weg, weil wir denken, das vieles unwichtig ist, aber so ist es nicht. Jeder Moment ist wichtig. Der Tod, was auch immer das ist, ist manchmal ein guter Arschtritt sich aufzuraffen. Wenn ich auf einem Konzert bin, erlebe ich das auch meistens sehr intensiv, manchmal ist es so laut oder fesselnd, das man alles vergisst: alle sorgen, alle Vorstellungen weg, baff, du tanzt einfach. Du denkst nicht, bin ich jetzt ein Mann oder eine Frau, du tanzt einfach...meine Theorie ist das Konzerte, auch die Lautstärke auf Konzerten wegen dieser Sehnsucht ist, frei zu sein von diesem ganzem Müll, den wir immer im Kopf haben, der uns nicht leben lässt.

Musicscan: Ihr legt auch stets wert darauf, dass die Band aus vier unterschiedlichen Individuen besteht, die natürlich alle ihre eigenen Vorstellungen, Träume, Maßstäbe und Ambitionen haben. Wir schafft ihr es immer wieder, euch mit der Band zwangsläufig doch auf einem Nenner wieder zu finden?

Katzenstreik: Wir reißen uns zusammen. Wir haben alle Erfahrungen mit Gruppen, politischen Gruppen oder Therapie, Arbeit, Wohnen, mit der Zeit lernt man ein paar Tricks. Es gibt eine Regel für mich, wir machen uns nicht krass an, wenn einer einen fehler macht. Man sagt, was man denkt, aber ich lehne die Person dann nicht komplett ab. Ich glaube aber auch, dass wir in gewisser Hinsicht sehr abhängig sind von der Band, weil es alles ist, was man hat, also ungefähr so in die Richtung. Bei mir hat das die letzten Jahre abgenommen. Ich könnte jetzt auch ohne Band leben, früher definitiv nicht. Und dann gibt man sich halt Mühe. Aber es werden auch viele Konflikte verschluckt. Obwohl wir alle sehr unterschiedlich sind, gibt es doch auch große Gemeinsamkeiten. Ich denke wir sind alle Menschen, die es verabscheuen, wie ein System, das wir kreiert haben, die Umwelt zerstört und Menschen ausbeutet, einfach nur auf Profitmaximierung ausgelegt ist. Irgendwann platzt dir der Kragen und du suchst dir Leute, die andere werte haben. Obwohl wir auch alle unsere dogmatischen Phasen hatten , versuchen wir auch, offen zu sein und uns zu verändern. Ich sage nicht, dass das immer gut klappt, aber die Motivation kommt immer wieder. Und das ist wichtig.

Musicscan: Nicht nur müssen ideologische Grenzen überbrückt werden, sondern auch geographische. Wenn ich mich nicht irre, wohnt ihr allesamt in verschiedenen Städten. Wie muss man sich das vorstellen? Wie erarbeitet ihr eine neue Platte, wie gestaltet sich das Touren etc.?

Katzenstreik: Wir leben in Berlin, Göttingen, Bristol und Erfurt. Jeder hat sein Leben und die Band läuft weiter. Wenn deine Schwester nach Jamaika zieht, brichst du ja auch nicht den Kontakt zu ihr ab. Du siehst sie nicht so oft, aber du kannst nach Jamaika fahren. So ungefähr ist es. Wir können dann halt auch mal in England spielen, wo Tobi wohnt. Manchmal proben wir vor einem Konzert aber meistens nicht. Wir proben circa 2-3-mal im Jahr, und dann ist die neue Platte fertig. Der Rest läuft zuhause. Konzerte buchen kann man auch aus England und das Internet ermöglicht eine schnelle, wenn auch oberflächliche Kommunikation. Wir spielen ungefähr alle drei Monate und versuchen, alle anderthalb Jahre was aufzunehmen.

Musicscan: Bolle, du unterhältst mir deiner Freundin einen Bio-Gutshof, wenn ich mich nicht irre. Wie kam es dazu beziehungsweise was fasziniert dich an dieser Arbeit? Wie wichtig ist dir der Aspekt der Selbstbestimmung in deinem Leben, nicht nur mit der Band?

Katzenstreik: Also ich jobbe gerade als Lagerarbeiter in einer mittelgroßen Bionaturkostfirma, deren Chef ist ein alter Freund und Bandgenosse von Hagen übrigens. Wir leben zu dritt auf einem Hof, den wir sehr billig gekauft haben, die anderen beiden machen eine Biogärtnerei, mit der ich aber erst mal nix zu tun habe. Ich verdiene mein Geld woanders. Ich liebe es auf dem Land. Ich brauche die Stadt nur manchmal, und ich bin gerne in der Natur und mit Tieren zusammen. Da ist etwas Normales, was ich bei den Menschen oft vermisse, es ist alles so verrückt. Ich habe früher auf einem Wagenplatz gewohnt und das wurde mir zu unverbindlich und chaotisch, deswegen habe ich mich mit 30 entschieden, jetzt ziehst du mit den Leuten zusammen, die du liebst und kümmerst dich darum, dass du die Sachen machst, die dir wirklich wichtig sind. Und das läuft und das ist ein geiles Gefühl. Dazu gehörte auch eine feste 20-Stunden-Stelle, weil ich es leid war an meiner Verantwortungslosigkeit zu leiden. Ich wollte die Kohle auf dem Tisch haben, damit ich das tun kann, was mir sehr am Herzen liegt. Natürlich ist es am besten, so selbstbestimmt wie möglich zu arbeiten und zu leben. Das ist eigentlich etwas Natürliches, etwas Normales, etwas Würdevolles. Ich wollte endlich mein Leben in allen Bereichen auf die Reihe kriegen. Eine Gefahr dieses Punk-und-links-Seins kann sein, dass man ein kleines, egoistisches, verantwortungsloses Arschloch wird, das eigentlich nix auf die Reihe kriegt und sich für einen Revolutionär hält. Wenn man dann aufwacht, tut das sehr weh, davon kann ich ein Lied singen und das mach ich bei den Katzen. Aber ich arbeite leider nicht auf dem Acker. Das ist aber auch sehr harte Arbeit für wenig Geld. Ich arbeite in einer kalten Lagerhalle mit Neonlicht. Also nicht so romantisch, aber ich mache gerade so genug Geld. Unser Hof ist sehr schön: es gibt viel Platz, viele Pflanzen, ein paar Katzen, ein Hund, für mich wie ein kleines Paradies. Selbstbestimmung ist also etwas sehr Wichtiges, aber man darf es nicht vermischen mit dieser Vorstellung, dass man nur das macht, was man will. Das ist eine Illusion, Selbstbestimmung ist auch hauptsächlich innerlich, aber die äußere Situation ist natürlich wichtig und hilfreich.

Musicscan: Nicht nur textlich sondern auch musikalisch ist es reichlich schwer, euch in eine Ecke zu drücken. Habt ihr das als Vorteil oder eher als Nachteil erfahren?

Katzenstreik: Man kann niemanden in eine Ecke drücken, weil es keine Ecken gibt. Und ich glaube wir hassen das, wenn wer sagt, ihr seid soundso. Das ist Bullshit. Es ist albern. Trotzdem ist das, was wir tun, eine klare Sache. Ich weiß, was ich spielen und singen will. Ich glaube, wir sind richtige Kollektivindividualisten, also Leute, die alle absolute Dickköpfe sind, aber für einen revolutionären Moment alles aufgeben können. Wozu Kategorien? Das macht nur Sinn, damit man weiß, dass heute Abend ein Death Metal Konzert ist und man da nicht hin muss, aber ansonsten ist es überflüssig. Deswegen weiß ich auch nicht, ob es Vor- oder Nachteile hat. Es ist einfach so.

 
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