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The Aim Of Design Is To Define Space

Interview von: Matthias Rauch mit Schulzky, am: 18.12.2005 ]

Sie haben wahrscheinlich den längsten Bandnamen hierzulande. Sie polarisieren sowohl textlich als auch musikalisch so konsequent wie kaum eine andere Band, wie man auch im Folgenden nachlesen kann. Inwieweit man diesen oberflächlich provokativen Gestus inhaltlich interessant finden muss, sei mal dahingestellt. Doch glücklicherweise ist der Band auch eine gewisse Selbstironie nicht abhanden gekommen, die sie wesentlich spannender, interessanter und erfrischender als eine Vielzahl an generisch eingerosteten Kollegen macht. The Aim Of Design Is To Define Space betteln nicht um Aufmerksamkeit. Sie nehmen sie sich einfach. Das kann mindestens verdammt unterhaltend sein. Wir sprachen mit Schulzky über Provokation, politische Dimensionen im Pop und alternde Kulturkritiker.

 

Musicscan: Welchen Stellenwert hat Ironie für euch nicht nur in textlicher, sondern auch in musikalischer Hinsicht?

The Aim Of Design Is To Define Space: Soviel ich weiß, haben wir die Ironie hinter uns gelassen und befinden uns im Moment in unserer pathetischen Phase. Textzeilen wie "Wollen wir mal zusammen ´Blühende Landschaften´ verhauen"  (BUM BUM STINKE STINKE) sind angesichts der Lage im Osten der Republik durchaus ernst gemeint und sollten eigentlich zum Riot aufrufen. Nur wer der Gegner sein soll, ist noch nicht festgelegt. Vielleicht können wir das auf unserer nächsten Platte klären.

Musicscan: Inwieweit kann man zeitgemäße Musik als Zitat begreifen?  Wird Musik in Zukunft ausschließlich aus Rekontextualisierungen und Neukombinationen bestehen oder gibt es tatsächlich noch genuin neue Entwürfe da draußen?

The Aim Of Design Is To Define Space: Also unser Konzept lautet: vier junge Männer, die gerne Marlon Brando sein wollen, schreiben lustige Hymnen, bei denen man etwas über sich selbst erfahren kann, was man vielleicht gar nicht wissen wollte. Die Bestandteile dieses Konzepts sind also solche nicht neu, ergeben in ihrer Summe jedoch etwas noch nicht dagewesenes (zumindest hoffen wir das). Was die anderen Gruppen in ihrer Freizeit so anstellen, wissen wir nicht. Wir vermuten, sie versuchen, irgendein Joy Division Stück zu entschlüsseln.

Musicscan: Welche Bedeutung hat Pop anno 2005 noch? Passen da politische Dimensionen noch rein?

The Aim Of Design Is To Define Space: Popmusik wird immer relevant sein. Wenn alternde Kulturkritiker wie Diedrich Diederichsen nur noch bei "Free-Jazz-Kollektiven aus Amerikas Provinzen" (Die Welt, 30.11.05) einen hoch kriegen, dann können wir wenigstens in Ruhe zu Gwen Stefanis "Cool" abhotten. Oder zu Shakira. Was die politische Dimension angeht: Wenn Neil Young Lieder zum Farm Aid schreibt oder ähnliches finden wir das politisch und auch sehr richtig. Also bei einem Brandenburger - Farm Aid würden wir auch mitmachen. Oder bei einem Gesamtschulen - Aid, wenn wieder irgendwo eine Schule geschlossen werden soll.

Musicscan: Lest ihr euch Rezensionen oder Features über euch durch?  Inwieweit beeinflusst das die Wahrnehmung der eigenen Arbeit?

The Aim Of Design Is To Define Space: Wir lesen alles. Erstaunlicherweise kommen die lieblichsten Stimmen aus der Welt der unabhängigen online/Fanzine Richtung. Wir vermuten, dass das damit zusammenhängt, dass die Redaktionen dieser Magazine ausreichend Zeit haben, unsere Platten anzuhören. Bei größeren Heften, so scheint es uns, sind die Redaktionen häufig schon ausgebucht, den Gästelistenfahrplan für den Abend zusammenzustellen, so dass für eine sachliche Analyse oft einfach zu wenig Zeit bleibt. Wir verstehen das und werden bei der nächsten Platte den Review gleich mitliefern. Natürlich zugeschnitten auf das entsprechende Klientel. Interviews geben wir ab nächstem Jahr auch nur noch Obdachlosenzeitungen. Da tut man wenigstens was Gutes. Eine Sache ist jedoch sehr ärgerlich: Der Vorwurf des Kunststudententums, wie erst neulich wieder in der Taz. Franz Ferdinand sind Kunststudenten. Schaut nur ihr Artwork an. Da steht riesengroß drauf  „I Know alles about Kandinsky“. Bloß: Kunst ist erst dann gut, wenn man es nicht merkt. Also wenn die Kunststudenten sind, dann sind wir Kunstprofessoren. Das möchten wir bitte das nächste Mal lesen.

Musicscan: Fühlt ihr euch falsch verstanden?

The Aim Of Design Is To Define Space: Vielleicht nicht "Nicht verstanden" sondern eher "Schlecht verstanden".  Was bedingt ist durch schlechtes Hin-Hören. Im Gegensatz zu Tomte und seinen Kumpels, die sich selbst als Klassensprecher bezeichnen (DER SPIEGEL, 26.11.05), sind wir eher so die Forrest Gumps der deutschen Musik. Kann man sich "Fridolin, den frechen Dachs" als Klassensprecher vorstellen? Natürlich nicht, Klassensprecher tun keinem weh, sind aber uncool. Fridolin ist eher der geheimnisvolle schlaue Einzelgänger, der zu Hause die 28Bändige Gesamtausgabe von Mark Twain zu stehen hat und eines Nachts in seinem Hobbykeller begreift, dass das Riff bei "Reign in Blood" von Slayer dem Geräusch nachempfunden ist, das der rostige Nagel gemacht hat, als er aus Jesus’ Kreuz gezogen wurde. Dementsprechend verlieben sich auch nur die besonderen Mädchen in Fridolin. Wenn es dann aber mal gefunkt hat, dann gute Nacht ihr Klassensprecher dieser Welt.

Musicscan: Funktioniert Provokation und Agitation in der Popkultur heute noch oder hat das nicht immer schon den leicht fahlen und billigen Beigeschmack der marktschreierischen Selbstinszenierung?

The Aim Of Design Is To Define Space: Was ist denn heute noch provozierend? Drei von den 8 Support Bands auf unserer letzten Tour haben sich auf der Bühne ausgezogen. Wirklich Shocking. Nein im Ernst: die wirklichen Provokateure verkleiden sich heute nicht mehr, sondern kommen im casual Diesel-Fruit-of-the-Loom Outfit daher; man ahnt nichts schlimmes und plötzlich kommt wie aus dem nichts die Keule angeflogen: "Für'n Gemüseburger ist immer Platz!" Was Agitation angeht: wenn man sich mal mit The Clash, Fugazi, Primal Scream oder der Edutainmentkultur des amerikanischen Untergrundhiphop (wie Dälek oder De la Soul) beschäftigt hat, dann weiß man, dass Musik manchmal auch Unterricht sein kann. Uns haben Bands mit Horizont immer mehr interessiert als Bands mit der größeren Beatles-Bootleg-Sammlung.

Musicscan: Gab es konkrete Ziele mit „Good Time" sowohl in künstlerischer wie in verkaufstechnischer Hinsicht?

The Aim Of Design Is To Define Space: Baby, die gibt es immer noch. Meine Mutti hat gesagt, sie kommt erst wieder zu einer Show, wenn wir in der Wuhlheide spielen.

Musicscan: Könnte Aim Of Design auch genauso gut in einer anderen Stadt als Berlin funktionieren?

The Aim Of Design Is To Define Space: Ja, in Gosen.

Musicscan: Könnte ein deutschsprechender Kolumbianer Aim Of Design tatsächlich verstehen?

The Aim Of Design Is To Define Space: Könnte ein englischsprechender Kolumbianer The Streets verstehen?

Musicscan: Wie steht ihr zu dem momentan vieldiskutierten neuen deutschen Selbstverständnis zwischen Mia und Konsorten auf der einen und der „Can't Relax in Deutschland" Initiative auf der anderen Seite?  Wo würdet ihr euch diesbezüglich einordnen?

The Aim Of Design Is To Define Space: Das Niveau, auf dem da diskutiert wird, ist unseres nicht.

Musicscan: Was darf man in naher Zukunft von euch erwarten?  Gibt es weitere konkrete Pläne?

The Aim Of Design Is To Define Space: Wir stellen bis zum Ende des Jahres (also noch knapp 4 Wochen) neue Demos her, senden die dann an einen befreundeten Starproduzenten und nehmen hoffentlich im April 2006 unser neues Album auf. Bisherige Songtitel: "Johann, das Gespenst", "Nach falsch kommt richtig", "David Impersonator: Ahlbeck, Seebrücke".

 
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