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Black Mountain

Storie von: Matthias Rauch, am 31.10.2005 ]

In seinem Debütspielfilm „On The Corner“ zeichnet der kanadische Regisseur Nathaniel Geary ein etwas anderes Bild seiner Heimatstadt Vancouver. Nicht die geographisch vorteilhafte Lage und das für kanadische Verhältnisse angenehm milde Klima oder gar die Schönheit und die beeindruckende Vielfalt der Natur in unmittelbarer Nähe des multiethnischen und kulturell hochinteressanten urbanen Zentrums sind hier Gegenstand des Films, sondern vielmehr ein Stadtteil, der oft nur ungern von den Bewohnern Vancouvers thematisiert wird: die Downtown East Side. Vor allem die Ecke Main und Haistings Street ist zu einem Anlaufpunkt für Menschen geworden, die zum Teil aufgrund der auch in Kanada drastisch reduzierten Sozial- und Gesundheitssysteme weiter marginalisiert und ausgegrenzt werden.

 
In einer Stadt mit einem der höchsten Lebensstandards der westlichen Welt wird die Schattenseite oft nur zu gern ausgeblendet. Fakt ist jedoch, dass Vancouver nicht nur ein sehr breites, wohlhabendes Bürgertum beherbergt und regelmäßig in den Rankings der Städte mit der besten „Quality of Life“ ganz oben vertreten ist, sondern auch ein wachsendes Viertel der Verelendung, Armut, Krankheit, Drogenabhängigkeit mit einer der höchsten HIV-Infizierungen Nordamerikas sein eigen nennt.

Es gibt sie auch also auch in Vancouver, diese Stadtteile, die jeder Touristenführer rot anstreicht und nahe legt, doch besser einen weiten Bogen darum zu machen. Inmitten dieses tristen und oftmals entmutigenden Umfelds arbeitet nicht nur Nathaniel Geary, sondern auch vier der fünf ProtagonistInnen der kanadischen Stonerrock-Hoffnung Black Mountain sind hier schon seit Jahren als Sozialarbeiter im Rahmen der gemeinnützigen Organisation „Portland Hotel Society“ tätig, die einen kleinen aber wichtigen Funken Hoffnung für gebrochene Existenzen in diesem Viertel darstellt. So verwundert es nicht, dass auch der Proberaum der Band in einem Crackhouse angesiedelt ist, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass die Miete dafür recht bescheiden ausfallen dürfte. Das fantastische Debütalbum der Band um Mastermind und Hauptsongwriter Stephen McBean lässt jedoch keinesfalls auf ein Straight Edge-Dasein der Musiker schließen, sondern stellt sich als ein psychedelischer, drogengeschwängerter und doch gänzlich unpeinlicher Anachronismus dar. Zweifellos lassen sich hier bekannte Retrovorwürfe anbringen, die angesichts einer erschreckend hohen Zahl an ähnlich ambitionierten Bands in letzter Zeit sicherlich auch teilweise berechtigt sind, jedoch im Falle von Black Mountain einfach nicht greifen wollen. Zu unbemüht, zu natürlich, zu organisch und zu komplex kommen die acht Songs ihres gleichnamigen Debüts daher, das City Slang in weiser und geschmackssicherer Voraussicht vom amerikanischen Secretly Canadian-Ableger Jagjaguar hierzulande lizenzieren konnte.

Die Vergleiche sind dabei so zahlreich wie unzureichend, um den vielschichtigen Sound der Band angemessen zu umschreiben. Im Spannungsfeld der riffkonzentrierten Black Sabbath, dem Minimalismus von The Velvet Underground, der Verspieltheit früher Pink Floyd und dem künstlerisch verkopften Charme einer Band wie Can arbeiten die bärtigen Kanadier an ihrer ganz eigenen Interpretation (un)zeitgemäßer Gitarrenmusik. Dabei lassen sie einen Großteil der Retrofraktion weit hinter sich, denn Black Mountain greifen sich im Sinne der kulturellen Aneignung einzelne Aspekte und Einflüsse heraus und setzen diese in einem neuen Kontext zusammen. Dabei bleibt das Geschaffene niemals bruchstückhaft, sondern ergänzt sich zu einem natürlich dahinfließenden Ganzen, das in seiner schillernden Vielschichtigkeit durch die offenen und herrlich unkonventionellen Songstrukturen getragen wird. So verbinden sich die Stimmen Stephen McBeans und Amber Webbers zu einer beeindruckenden Symbiose, die stets an den richtigen Stellen

für Brillanz im analogen Soundkosmos von Black Mountain sorgen kann.

So viel Gespür für dichte Atmosphären und versponnene Soundlandschaften blieb auch Coldplay-Gitarrist Jonny Buckland nicht verborgen, der seine Bandkollegen so von der Qualität der Band überzeugen konnte, dass man sich kurzerhand entschied, Black Mountain als Support auf die Nordamerika-Tour mitzunehmen. Die Anfrage des Coldplay-Managements bei der Booking Agentur der Band muss auf diese einen ähnlich unwirklichen Eindruck gemacht haben wie ihr Album auf einen unvorbereiteten Hörer, der bisher noch nie mit ihrer Musik in Berührung gekommen ist. Dies wird die Band mit einer völlig unbekannten Situation konfrontieren, nämlich nicht mehr nur in kleinen Clubs, sondern in riesigen Arenen vor einer Menge Menschen ihre Musik zu inszenieren, die diese weder kennen noch großes Interesse dafür mitbringen.

Doch Black Mountain bleiben trotz des ganzen Trubels mit beiden Füßen auf dem Boden, denn dafür waren alle fünf Musiker schon zu lange in verschiedensten Indie-Formationen wie The Pink Mountaintops (das Hillbilly/Krautrock/Lo-Fi Sideproject von McBean), Blood Meridian, Orphan, Dream On Dreary, The Black Halos oder Jerk With A Bomb – die Vorgängerband, aus der dann Black Mountain hervorging – aktiv. So freut sich die Band vor allem auf das ausgiebige Catering und will ganz pragmatisch die Einnahmen aus den Coldplay-Shows zur Finanzierung der eigenen, kurz darauf folgenden Headliner-Tour nutzen. Man muss sich also keine Gedanken machen, dass Black Mountain im glitzernden Medienrummel einer Stadiontour der momentan wohl erfolgreichsten Gitarrenpopband den Blick auf das Wesentliche verlieren könnten. Vielmehr zieht es die Band in Erwägung, nach den ganzen Toureskapaden, die sie auch nach Europa führen werden, ihre Rechnungen wieder als Sozialarbeiter zu begleichen und sich damit auch eine gewisse künstlerische Freiheit zu bewahren.

Langweilig wird es den Mitgliedern von Black Mountain sicherlich sowieso nicht, denn wenn sie nicht gerade mit britischen Popbands auf Stadiontour sind, die Clubs beackern oder Methadonprogramme betreuen, gibt es ja immer noch das Künstlerkollektiv „Black Mountain Army“, das von der Band gegründet wurde und sich um einen engeren Austausch und vermehrte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen lokalen Künstlern bemüht. Vor allem kanadische Künstler und Musiker zeichnen sich in letzter Zeit durch diese Art der kollektiven und ungemein weitläufigen Zusammenarbeit aus, wie man sie beispielsweise bei Godspeed You Black Emperor! in Montreal oder Broken Social Scene und ihrem Arts&Crafts Label in Toronto beobachten kann. Diese Arbeitsweise brachte einige der spannendsten Alben in den vergangenen Jahren hervor, was hoffen lässt, dass sich dies vielleicht auch in Europa und vor allem in Deutschland etwas stärker durchsetzt und Weilheim kein Ausnahmefall bleibt. Dass dieser Ansatz ganz hervorragende Früchte trägt, lässt sich natürlich auch mit dem feinen Debütalbum von Black Mountain nochmals eindrucksvoll unterstreichen.
 
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