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Martin Büsser

Interview von: Matthias Rauch mit Martin Büsser, am: 18.01.2005 ]

Kaum jemand hat in den letzten Jahren den Popdiskurs hierzulande so dermaßen bereichert wie Martin Büsser. Mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen zur Popkultur, seiner Autorentätigkeit bei ebenso zahlreichen wie vielfältigen Magazinen und Tageszeitungen, sowie seinem Engagement als Herausgeber der Testcard-Reihe avanciert Martin Büsser zu einem der wichtigsten Popkritiker, dem es stets gelingt, sowohl Popmusikbegeisterte bzw. -interessierte als auch Akademiker gleichermaßen anzusprechen. Dies unterstreicht auch wieder sein letztes Buch "On The Wild Side", das sich sehr ansprechend an einer kleinen Geschichte der Popmusik versucht. Wir befragten Martin Büsser zu seinen Anfängen des Schreibens, zu Subkulturen und der Akademisierung des Pop.

 

Musicscan: Martin, schildere doch bitte kurz wie du zum Kultur- bzw. Musikjournalismus gekommen bist. Wann hat sich herauskristallisiert, dass das Schreiben einen wichtigen Teil in deinem Leben einnehmen würde?

Martin Büsser: Begonnen habe ich als Fanzine-Autor in den 1980ern für das ZAP, das damals in Deutschland sicher beste Punk/Hardcore-Magazin. Die Szene begann aber zu Beginn der 1990er zu bröseln, zeigte die verschiedenen Auflösungserscheinungen...zum einen mündete Punk/HC in Stadionrock, andere versuchten nur noch, konservativ einen alten Stil zu bewahren. Das war für mich auch der Anlass zu meinem ersten Buch "If the kids are united ... von Punk zu Hardcore und zurück". Das Buch war so etwas wie mein Abschied von der Punk-Szene, geschrieben unter dem Eindruck, dass die Bewegung nun selbst schon Geschichte geworden ist. Auf diese Weise bin ich ins Schreiben reingerutscht, habe erst nur ab und zu für Zeitungen gearbeitet, bis sich das irgendwann "professionalisiert" hat. Inzwischen schreibe ich regelmäßig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (unter anderem für INTRO und konkret), publiziere Bücher, bin mit Lesungen unterwegs. Einen Großteil meiner Arbeit macht daneben die Herausgeberschaft der "testcard"-Buchreihe aus (siehe www.testcard.de), die seit 1995 erscheint. Für alle, die das nicht kennen: Es handelt sich um eine Buchreihe mit jeweiligem Schwerpunktthema zu Popgeschichte und Poptheorie, die inhaltlich im weitesten Sinne den Cultural Studies verpflichtet ist und die zudem sehr viele Künstler jenseits des Mainstreams featured, in dieser Hinsicht mit dem britischen WIRE vergleichbar.

Musicscan: Was fasziniert dich an Pop? Worin liegt für dich der Reiz über Pop zu schreiben?

Martin Büsser: Mein Pop-Begriff weicht, um damit mal anzufangen, sicher sehr von dem Begriff ab, unter dem Pop seit den 1990ern kursiert. Die meisten Phänomene, die mich interessieren, sind nicht wirklich Teil der "populären" Kultur, also der Massenkultur, sondern eher Subkultur. Der alte Subkultur-Begriff fasst es aber auch nicht mehr richtig, da es ja kaum mehr klassische Subkulturen gibt (im Stil von Hippie, Punk, Skin etc.). Viele interessante, außergewöhnliche Musik heute (von den Goldenen Zitronen bis Black Dice, Godspeed You Black Emperor! oder wer auch immer) lässt sich ja nicht mehr im Hinblick auf eine Szene oder Subkultur klassifizieren. Insofern würde ich sogar sagen, dass ein Großteil der heutigen Musik, die mich interessiert, nichts mit "Pop" zu tun hat, sondern sich eher der Idee einer musikalischen Avantgarde verpflichtet fühlt. Mal ehrlich: Bands wie die Goldenden Zitronen sind ja auch eher "Hochkultur" als dass man sie mit Randfichten oder Scooter unter das Etikett fassen könnte. Der Reiz, über wenig bis nicht kommerzielle Künstler zu schreiben, ist auch ganz einfach zu erklären: Es macht Spaß, diese Leute vorzustellen, sie zu würdigen, sie etwas bekannter zu machen, also Funktionen zu übernehmen, die zum Beispiel das öffentlich-rechtliche Radio längst nicht mehr wahrnimmt (und auch mit dieser bescheuerten Quote nicht wahrnehmen würde). Darüber hinaus interessiert mich, wie Musik und musikalische Strömungen gesellschaftlich und gesellschaftspolitisch verortet sind. Solche Zusammenhänge aufzuzeigen, macht auch einen großen Teil meiner Arbeit aus.

Musicscan: Läuft deiner Meinung nach eine gewisse Sozialisation immer noch vornehmlich über Musik ab oder wurde diese Funktion - etwas polemisch ausgedrückt - nicht an andere Mechanismen wie die Marke übergeben, also an Dinge wie die richtigen Klamotten, das richtige Handy oder das richtige Urlaubsziel?

Martin Büsser: Ich glaube nicht, dass Musik noch den wichtigen Bestandteil im Leben Jugendlicher ausmacht, sondern dass Musik nur ein Teil der Sozialisation ist, flankiert von Mode, Videospielen, Filmen und vielem mehr. Allerdings ist auffällig, das sich noch immer viele Teenager über Musik definieren und zwar, indem sie sich ganz klassisch als Punks und als Hip Hopper definieren oder im Grunge-Look auftreten. Vor allem jene, die sich im Teen-Alter vom Mainstream abgrenzen wollen, greifen interessanterweise immer wieder auf subkulturelle Accessoires zurück, die eigentlich uralt sind, für sie und ihre Zwecke aber noch immer wirkungsvoll und aktuell. Ein 30jähriger mag heute gegenüber klassischen Nietenpunks eher das Gesicht verziehen, doch für einen 14jährigen, der gerade erst Punk für sich entdeckt hat, wirkt all das noch immer wild und frisch. Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander der Popgeschichte, fasziniert mich. Wobei viele wirklich spannende und interessante Musik von heute ja gar nicht mehr von Jugendlichen gehört wird, sondern von einem Publikum von Mitzwanzigern und aufwärts. Jugendliche orientieren sich dagegen entweder an den Charts oder sie stehen auf Ikonen, die lange vor ihrer Zeit gelebt haben, auf Bob Marley oder Kurt Cobain.

Musicscan: Kann Pop momentan noch identitätsstiftend sein oder muss Pop mittlerweile eher in einem postmodernen Zusammenhang der spielerischen Kombination gesehen werden, aus dem sich keine konkreten gesellschaftlichen und sozialen Vorbilder mehr ablesen lassen?

Martin Büsser: Für ein gewisses Alter, wie oben skizziert, kann Pop noch identitätsstiftend sein, vor allem im Rückgriff auf alte subkulturelle Muster. Viele Kids entdecken damit Bewegungen, die lange zurückliegen und von den heutigen Protagonisten nur noch öde konserviert werden (ich denke nur an Punk und Bands wie Bad Religion, No FX ...). Das mag in einem Alter funktionieren, in dem ein Mensch nach Orientierung sucht in der aktuellen, Ernst zu nehmenden Musik gibt es solche als Teil einer Bewegung auftretende Musik im klassischen Sinne allerdings nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass nicht jede Musik Ausdruck einer gesellschaftlichen Haltung ist; politisch positioniert sich ja jeder, ob er/sie will oder nicht. Der Rückzug ins Private und die ganzen Kuschel-Texte von Bands wie 2raumwohnung sind ja zum Beispiel auch ein politisches Statement. Sexismus ist ein politisches Statement. Mainstream ist ein solches. Mainstream-Abweichung entsprechend genauso. Es gibt also jede Menge musikalische Mikrostrukturen des Politischen, die sich aber nicht mehr als Bewegung fassen lassen. Im Zuge der Anti-Bush-Proteste beispielsweise haben sich zwar die verschiedensten Musiker gegen die Wiederwahl von Buch zu Wort gemeldet von Bruce Springsteen bis Puff Daddy, von Bright Eyes bis Sonic Youth , aber es war eben nicht eine Bewegung, die da das Wort ergriff, sondern eine Ansammlung, die aus den verschiedensten Segmenten kam und danach auch wieder in den verschiedensten Segmenten verschwand. Pop ist pluralistisch geworden, bisweilen spielerisch, zitathaft, aber dadurch noch lange nicht apolitisch. Sehr wohl aber politisch leichter von den verschiedensten Seiten vereinnahmbar (gutes Beispiel: die Neonazi-Band Landser covert die Ton Steine Scherben), was aber vor allem daran liegt, dass alte Verbindlichkeiten nicht mehr existieren, unter anderem eben jene aus den 1960ern und 1970ern, ganz bestimmte musikalische Äußerungen und Ausdrucksweisen automatisch als links zu verorten.

Musicscan: Inwieweit macht es folglich überhaupt noch Sinn von Subkulturen zu sprechen? Bleibt das einzig subversive und kritische Potential nicht in der Art und Weise der Vermarktung beziehungsweise des Vertriebes und der damit verbundenen Selbstorganisation definiert?

Martin Büsser: Subkultur gibt es immer noch, aber eben eher als "Do-it-Yourself"-Haltung, die nicht mehr an Mode gekoppelt ist, nicht mehr an Peer Groups. Subkultur ist eher ein Pool aus vielen individuellen Ansätzen geworden, die dennoch die Tendenz haben, sich zu vernetzen.

Musicscan: In deinem Buch "Antipop" schreibst du sinngemäß, dass Pop keinesfalls global sei, sondern allein die Sprache der Werbung wirklich international agiere. Wie schätzt du den sehr heterogenen Einfluss der Globalisierung auf die Art und Weise wie Pop sich gebärdet ein? Ist nicht das von dir oft diskutierte Anticon Label beispielsweise nur aufgrund solcher Entwicklungen erst möglich gewesen? "Die Globalisierung des Mainstreams führt selten zu internationalen Projekten und intensivem Austausch, sondern höchstens dazu, dass jedes Land seinen eigenen kommerziellen Mikrokosmos an Boygroups schafft." Ist das nicht eine gewisse Reduzierung bzw. äußerst pessimistische Sicht was das Phänomen Globalisierung betrifft? Werden viele Formen nicht erst durch global zirkulierende Bilderwelten (also des Mainstreams) geschaffen und dann im jeweiligen lokalen Kontext neu und individuell angeeignet, wie das vor allem im Hip Hop sehr deutlich zu beobachten ist? Ist das nicht schon kultureller Austausch, den es in diesem Maße bisher nicht gegeben hat?

Martin Büsser: Also, dass alle von Borneo bis Tokio so jemanden wie Madonna kennen, ist eine Sache. Das heißt aber nicht, dass alle auch Madonna-Platten kaufen oder dass alle Popmusik der Welt nach Madonna klingen würde. Ich wollte mit dem Zitat, wenn ich mich noch richtig daran erinnere, eher zum Ausdruck bringen, dass es die "böse", alles einebnende Kulturindustrie nicht gibt oder dass sie zumindest weniger Wirkmacht hat als einige Kritiker ihr zugestehen. Denn die Vernetzung und das ist vielleicht etwas anderes als Globalisierung bringt eben auch im positiven Sinne mit sich, dass sich Künstler aus aller Welt austauschen können und über Landesgrenzen hinweg an Projekten arbeiten. Das "Anticon"-Label ist ein solches, positives Beispiel. Allerdings auch ein symptomatisches: Die Künstler, die sich da vernetzt haben, kommen fast alle aus den USA und Kanada. Vernetzung und "Do-it-yourself" ist also immer noch ein Privileg ganz bestimmter Länder und Schichten.

Musicscan: Wie beurteilst du die Entwicklung, dass Pop schon seit langem im Feuilleton und im akademischen Diskurs angekommen ist? Welche Aspekte sollten vielleicht vor allem durch eine wissenschaftliche Herangehensweise offen gelegt und beleuchtet werden?

Martin Büsser: Pop hat sich ausdifferenziert auf der einen Seite "Superstars", auf der anderen Sonic Youth, hier Böhse Onkelz, dort Mouse On Mars. Die ambitionierte Popkultur, also all jene Musiker, die mit Brüchen, Ironie, Dissonanzen etc. spielen, sind dabei längst aus dem Wahrnehmungsfeld von MTV, Viva oder dem Radio rausgefallen und haben damit quasi automatisch ihren Platz man könnte auch sagen: ihre Nische - in den Feuilletons gefunden, wo fleißig über Die Goldenen Zitronen, Antifolk u.ä. berichtet wird. Das liegt aber in der Natur der Sache: Solche Künstler stehen zum Beispiel dem aktuellen Diskurs der bildenden Kunst näher als dem Pop einer Britney Spears. Sie sind selbst eine Form der E-Kultur, weshalb eigentlich nicht von einer "Vereinnahmung" gesprochen werden kann.

Musicscan: Wo würdest du Testcard in diesem Spannungsfeld einordnen? Siehst du die Reihe im wissenschaftlichen Kontext oder doch eher als ein Teil der hiesigen Popkultur? Wo siehst du die Zielgruppe für Testcard?

Martin Büsser: Testcard hat sich nie einer einheitlichen Sprechweise bedienen wollen. Eher akademische Artikel finden sich daher auch neben Erfahrungsberichten und "einfach" gehaltenen Texten. Das heißt aber nicht, dass wir keine inhaltliche Ausrichtung hätten. Die orientiert sich ganz klar an der Tradition der Cultural Studies, verortet und behandelt also Pop als Politikum im Gegensatz zu so machen Ansätzen der Cultural Studies, die bereits in jeder TV-Soap und in jedem Schlagerstar ein "subversives Potential" wittern, sind wir gegenüber der Massenkultur doch wesentlich kritischer, sozusagen adornitisch geeicht. Daran liegt wohl auch, dass (vor allem im Rezensionsteil) der Schwerpunkt der von uns behandelten Musik mit Mainstream nichts zu tun hat.

Musicscan: Wo liegen für dich die momentan spannendsten Entwicklungen innerhalb des Pop?

Martin Büsser: Von Entwicklungen kann keine Rede sein, eher von Einzelphänomenen ...das können Labels sein (Saddle Creek, Constellation, Mego, Load Records, Anticon, Fat Cat), aber auch einzelne Künstler. Als Gesamtentwicklung ließe sich nur sagen - und das ist schon spannend -, dass Independent und Selbstorganisation und eine immer stärker auf Sicherheit setzende, "Superstars" produzierende Musikindustrie stärker auseinander klaffen denn je ... und dass dies die Industrie möglicherweise auch bald in die Knie zwingen wird, wenn der Markt erst einmal den verschiedenen Nischen gehört.

Musicscan: Ist Pop in der Krise oder kann man gerade nur eine Änderung der geschäftlichen Struktur beobachten? Hältst du es für wahrscheinlich, dass der physische Tonträger binnen der nächsten Jahre ein Dasein als Randerscheinung fristen muss?

Martin Büsser: Ich glaube nicht, dass physische Tonträger verschwinden werden und wenn, dann am ehesten noch im auf schnelle Hits angelegten Mainstream-Bereich, wo es auch nicht schade drum ist. So wie die Vinyl-Schallplatte nie gestorben ist, obwohl ihr Tod mehrfach prophezeit wurde. In der Krise ist momentan erst einmal die Industrie, die Major-Politik, nicht die Musik.

Musicscan: Wo liegen deiner Meinung nach die Herausforderungen an Pop für die Zukunft?

Martin Büsser: Gibt es eine Herausforderung? Mir fällt nur eine für Deutschland ein: Den Quoten-Quatsch und die Nationalisierung der Popkultur so massiv zu bekämpfen, dass bald niemand mehr über die Quote reden wird und Künstler wie Mia und Co. vergessen sein werden. Aber das ist wohl eher ein Wunschtraum.

 
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