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Shepherd

Storie von: arne, am 19.12.2004 ]

Die Berliner Doom-Rock-Band SHEPHERD hat sich leider kurz vor der Veröffentlichung ihrer zweiten Platte "The Coldest Day" (Exile On Mainstream) aufgelöst. Der Abschied fällt umso schwerer, da das Album ein beeindruckendes Testament ist, mit dem das Quartett mal eben das deutsche Doom-Rock (!!!)-Album des Jahres vorgelegt hat.

 
Die Touren mit Großkalibern wie Isis, Sunn o))) oder The Hidden Hand sind nicht spurlos an den Berlinern vorüber gegangen, was ihr breit geöffneter Sound dokumentiert, der weit mehr ist als lediglich Doom-Metal. Ähnlich den Genannten haben auch SHEPHERD ihr musikalisches Spektrum mit den acht neuen Tracks deutlich ausgeweitet, geben sich offener und progressiver, auch wenn das Material natürlich noch unüberhörbar im Doom (Black Sabbath, The Obsessed usw.) verankert bleibt.

Das Album gestaltet sich dicht wie kompakt, hat aber dennoch genug Luft sich nach rechts und links zwanglos auszudehnen. Mit Produzent Bruce Falkinburg (The Hidden Hand-Bassist und Mann des legendären Phase Recording Studio) hatten SPEPHERD einen Verbündeten im Geiste hinter den Regeln, der die musikalische Vision der Berliner auf Anhieb verstand und gewichtig in Szene setzte. Der Wechsel zäh schleppender Doom-Parts und treibender Rock-Passagen gefällt mir gut und lässt ein durchweg spannendes Album entstehen, das seinen Hörer zu jeder Zeit auch ein wenig fordert.

DOOM

Das Intensitäts- und Energie-Level von "The Coldest Day" ist wirklich beachtlich hoch und von Beginn an ist man schlichtweg geflasht. Das Album mündet im Mammut-Finish 'Doomsday', bei dem der Titel Programm ist. Zusammengenommen stehen offensichtlichere Sludge-, Hardcore- und Punk-Zitate für neue Variabilität im Bandsound und den Blick über den begrenzten Doom-Tellerrand hinaus. Dieser ist nicht selbstverständlich, waren doch auch SHEPHERD einst mit sehr traditionellem Anspruch gegründet worden. So trug etwa der Infozettel zum Debüt-Longplayer “Laments“ nur ein Wort: „DOOM“. Sänger Andreas klärt auf:

„Die Band wurde ja von Nico und mir als reine Doom-Gruppe aus einer Bier-Laune heraus gegründet. Das war unser Ansatz und deshalb stand auf dem zugehörigen Info-Zettel der ersten Platte nur Doom und deshalb war der Doom-Aufkleber auf der Platte. Wir ahnten damals nicht, wie sich das weiter entwickeln würde. Als wir die Songs für die neue Platte geschrieben haben, ist uns dann aufgefallen, dass wir keine reinrassige Doom-Band mehr sein können, weil wir auch mal zu weite Hosen anziehen und auch mal geschrieen, eben nicht nur gesungen, wird. Das hat sich von ganz selbst entwickelt und SHEPHERD hat sich auch immer dadurch ausgezeichnet, dass wirklich alles, was wir jemals geschrieben haben, veröffentlicht wurde. Alle unsere Songs sind auf den beiden Platten. Wir haben niemals etwas aussortiert. Es war immer klar, schon bevor wir im Proberaum angefangen haben, dass alle Songs auf eine Platte kommen. Sowohl unsere Zeit als auch das Geld und der Spaß waren uns zu schade, wenn wir die Songs nicht alle veröffentlicht hätten. Natürlich waren wir in dieser Attitüde ein bisschen gefangen, aber so wie wir nach außen hin eine Schublade repräsentiert haben, gab es nach innen ein totales Anything goes-Ding. Dass die neue Platte nicht mehr reinrassiger Doom ist, ist mir auch klar, obwohl wir immer noch in diese Schublade gesteckt werden.“

Aus und vorbei

Kategorisierungsversuchen sind SHEPHERD heute nicht mehr unterworfen, da die Band längst ihr Ende gefunden hat. Die Gründe hierfür sind vor allem banal:

„Es ist schwierig zu sagen, weil diese alte Geschichte musikalischer Differenzen immer wie eine Standardentschuldigung klingt. Das ist aber wirklich tatsächlich der Fall. Dazu kommen noch persönliche Dinge, aber mMan kann die Band nicht einmal in Parteien unterteilen. Es sind einfach vier Leute, die vier unterschiedliche Vorstellungen haben, wohin es gehen soll und die ließen sich einfach nicht mehr vereinbaren. Das ist der eine Punkt und der andere waren Differenzen in der Auffassung, was man mit der Band veranstaltet. Es gibt in jeder Gruppe Leute, die gewillt sind, sehr viel dafür zu tun und viel dafür aufzugeben und andere wollen das halt nicht, die wollen nur manchmal ein wenig spielen. Das hat mit persönlichen Präferenzen zu tun, mit Prioritäten, aber auch mit Zeit, Möglichkeiten und mit Geld. Mit dem Status, an dem sich SHEPHERD aufgelöst haben, bekamen wir natürlich nichts hinterher


geschmissen und mussten viel Zeit und Geld investieren. Teile der Band haben das sowohl nicht nur nicht verstanden, sie konnten es schlicht und ergreifend auch nicht. Dann wird man immer wieder gebremst und Missstimmungen bauen sich auf. An dem Punkt haben wir uns dann aufgelöst.“

Rock statt Metal

Dennoch stand nie außer Frage, “The Coldest Day“ noch zu veröffentlichen, auf dessen Songs alle Bandmitglieder gleichermaßen Stolz sind. Das Kapitel SHEPHERD findet in diesem imposanten Doom-Rock-Werk sein Ende, das Sänger Andreas um sein ganz persönliches Resümee ausbaut:

„Für mich persönlich bleiben drei Sachen. Zuerst die Aufnahmen in den USA, denn das war quasi die einzige Zeit, in der wir als Band wirklich etwas richtig gemeinsam getan haben. Es waren zehn Tage, in denen wir konzentriert gearbeitet haben und Vergleichbares hatte es davor nicht gegeben. Dann der Gig in Philadelphia, wo uns keine Sau kannte und viele Leute hinterher total begeistert zu uns kamen. So etwas habe ich in Deutschland nie erlebt, dass Leute zu dir kommen, die sich dafür bedanken, dass du gespielt hast. Als drittes natürlich das Doom Shall Rise- Festival. Davon ein Teil gewesen zu sein, das bleibt. Auf einer Bühne mit Count Raven gestanden zu haben, ist einfach toll. Natürlich gab es dort eine Menge Leute, die nicht verstanden haben, was mir gespielt haben, denn wir waren sicherlich die unüblichste Band auf dem Festival, aber selbst Mitglieder von Bands wie Voodooshock oder Mirror Of Deception haben mir gesagt, dass wir die Band waren, die den Leuten gezeigt hat, dass Doom auf anders gehen kann, dass es nicht unbedingt Metal sein muss.“

Doom-Revival?

Gerade in diesen Tagen scheint Doom wieder stark im kommen und selbst Metal Blade veröffentlichte kürzlich mit dem neuen Yob-Album eine Doom-Platte. SHEPHERD lösten sich demnach zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt auf, doch Andreas relativiert:

„Da hast du schon recht, auch wenn ich noch nicht von einem Doom-Revival sprechen würde. Man darf das nicht vorschnell überbewerten, denn Doom war selbst in der klassischen Version, wie ihn etwa St. Vitus oder Count Raven gespielt haben, kommerziell nie wirklich erfolgreich. Auch in den Zeiten als Hellhound Records noch aktiv war, und die Richtung viel Presseresonanz erfahren hat und im Radio gespielt wurde, haben Doom-Bands nie viele Platte verkauft und das ist heute genau das gleiche. Es wird wieder mehr darüber geredet, es ist sichtbar und es gibt auch wieder mehr Bands, aber es schlägt sich längst noch nicht in Verkaufszahlen wieder. Wenn du als Doom-Band unterwegs bist, weißt du auch, dass du das bis zur Selbstaufgabe machst, aber damit nie wirklich Geld verdienen wirst. Doom ist nach wie vor finsterster Underground und ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird.“

Dennoch tut sich im Underground eine Menge und das omnipräsente SouthernLord ist dabei so etwas wie die Speerspitze:

„SouthernLord wurde zwar als Doom-Label gegründet, hat mit Greg Anderson aber einen Kopf im Hintergrund, der letztlich alle extremen Spielarten von Metal mehr als nur verinnerlicht hat. Das war auch die Entscheidung für Probot, dass Dave Grohl jemanden gesucht hat, der auf Anhieb versteht, worum es ihm geht und da hast du heute nicht mehr viele Label. Selbst die Undergound-Metal-Label sind teilweise so kommerziell orientiert, dass sie eine Major-Anbindung haben oder wie einer arbeiten. Die anderen wiederum sind so undergroundig, dass sie sich auf ganz bestimmte Spielarten festlegen. In den einzelnen Szenen gibt es unglaublich viel Zähnefleisch, wo auch viel passiert, aber da kann man dann keine Platte herausbringen, auf der Eric Wagner von Trouble singt. Da zählt einfach das Verständnis. Das ist auch etwas, was Doom immer ausgemacht hat, dass die Leute, die Doom spielen, auch sehr viele andere Musikrichtungen verinnerlicht haben, auch wenn man das nicht unbedingt hört. Es ist ein Musikstil, bei dem die Leute, die ihn spielen, von sehr starker Sachkenntnis geprägt sind.“

...und das hat natürlich auch in Bezug auf SHEPHERD Gültigkeit besessen. R.I.P.

 
 Links:
  Exile On Mainstream Records
 
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