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Dritte Wahl

Interview von: arne mit Gunnar, am: 13.08.2004 ]

Auf der letzten UK-Tour mit The Exploited kamen sich Dritte Wahl auf den Gigs mit ihren deutschen Texten ein wenig komisch vor und nahmen tatsächlich einige englisch-sprachige Songs ins eigene Programm auf. "Tooth For Tooth" heißt das Album, auf dem die Band alte Song-Strukturen mit neuen Texten versehen hat. Grund genug für einige Fragen an die Band...

 

Musicscan: Als „tooth for tooth“ komplett fertig war und ihr die Songs dann das erste Mal alle in richtiger Reihenfolge durchgehört habt – was waren da Eure Reaktionen/Gefühle/Empfindungen?

Dritte Wahl: Erst einmal waren wir überrascht das unsere Songs auch im Englischen einigermaßen funktionieren. Wir hatten natürlich vorher auch schon viel Zeit mit den Stücken verbracht, beim Einspielen, Singen und Mischen, so das wir nicht mehr allzu erschrocken waren. Etwas gewöhnungsbedürftig ist das Ganze aber auch für uns. Letztendlich sind wir alle mit dem Resultat unserer Bemühungen sehr zufrieden.

Musicscan: Warum hat es denn einen Anstoß von außen benötigt, um einige Songs mit englischen Lyrics zu versehen?

Dritte Wahl: Wir haben nie darüber nachgedacht mal eine englische Platte zu machen. Das kam uns einfach nicht in den Sinn. In erster Linie liegt das, glaube ich, daran, das auch keiner von uns in der Lage gewesen wäre die Songs zu übersetzen. Selbst als wir die fertigen Übersetzungen vor uns liegen hatten, haben wir noch eine Weile überlegt, was wir damit anstellen sollen. Erst wollten wir sie einfach ins Netz stellen – falls sich mal jemand dafür interessiert, dann haben wir aber gedacht, das müssten wir an sich mal versuchen englisch einzusingen. Also haben wir unsere Favoriten rausgesucht und die Songs neu aufgenommen.

Musicscan: Was gab letztlich den Ausschlagt neue Texte auf alte Songs zu legen. Ist doch so, oder? Und wie hoch war für euch der Fun-Faktor bei der Geschichte.

Dritte Wahl: Den eigentlichen Ausschlag gab die Tour mit Exploited im letzten Jahr. Da waren wir ja auch viel im nicht deutschsprachigen Raum unterwegs und es lief für uns an sich ganz gut. Mit dem deutschen Gesang kamen wir aber für viele auch etwas „exotisch“ daher. Viele Leute hören eben am liebsten englische Musik oder Songs, die in der Landessprache gesungen werden. Wir wollen also mit der Scheibe mal schauen, ob wir nicht auch woanders etwas Gehör finden können. Ob das gelingt steht natürlich in den Sterne, aber wenn man es nicht versucht,...!

Musicscan: Dritte Wahl sind seit Jahren als politische Punk-Band unterwegs und mit klaren Aussagen/Statements dabei. Im Zuge des Irak-Krieges hat sich der Punk, nicht allein in Staaten, wieder flächendeckender politisiert und auch „normale Kids“, die sonst eher Politikverdrossen waren, haben sich plötzlich aktiviert. Wie habt ihr das erlebt und wie bewertet Ihr diese Entwicklung allgemein? Ist´s nur ein Trend, der schon bald wieder abebbt?

Dritte Wahl: Ich weiß nicht so recht. Ich habe das mit den Schüler-Demos usw. auch mitbekommen, aber ob da jetzt auch noch mehr läuft als vorher kann ich nicht beurteilen. Schön wäre s ja! Ich glaube, das es für ein wirkliches politisches Interesse gut gewesen wäre, wenn unsere Regierenden nicht so getan hätten, als wären sie Anti-Kriegs-Aktivisten. In Wahrheit hat Deutschland natürlich auch in diesem Krieg seine Rolle gespielt, wenn auch nicht an vorderster Front.

Musicscan: Kennt ihr punkvoter.com? Ich gehe mal davon aus, dass ihr die Plattform kennt. Wie gefällt sie Euch? Warum gibt es wohl bislang nichts vergleichbares in Deutschland bzw. Europa?

Dritte Wahl: Ich kenne die Plattform nicht, was in erster Linie daran liegt, das ich nur sehr ungern am Rechner sitze. Wenn ich meine Post beantwortet hab schalte ich das Ding meist sofort wieder aus. Ich werde aber bei Gelegenheit da mal reinschauen!

Musicscan: Für welche Aussagen steht Dritte Wahl ganz allgemein im Jahr 2004? Was ist das Hauptanliegen, das ihr verbreiten wollt?

Dritte Wahl: In erster Linie wollen wir natürlich Freude und Spaß verbreiten. Keiner soll unsere Musik hören und danach deprimiert ins Wasser gehen. Wir sehen uns schon mehr als Band, denn als eine politische Vereinigung. Unsere Botschaft aber ist: Bewusst Leben! Nicht alles kaufen, nicht alles glauben, so leben, das man anderen und der Welt so wenig wie möglich schadet, und aufstehen gegen Ungerechtigkeit!

Musicscan: Ihr seid ja seit Jahren aktiv, veröffentlicht regelmäßig Platten und zeigt euch auch live präsent. Wie habt ihr euch über die vielen Jahre die Motivation bewahrt? Soo viele Bands, gerade im Punk-Sektor, bleiben nicht so lange zusammen. Was ist euer Geheimnis?

Dritte Wahl: Wichtig ist vor allem, dass wir wirklich sehr gute Freunde sind und das wir uns gegenseitig Respektieren – mit all den Positiven als auch schwierigen Eigenschaften. Wir verstehen uns einfach immer noch super und haben viel Spaß daran, miteinander loszufahren und Musik zu machen. Dazu kommt natürlich noch, dass uns auch unser Publikum treu bleibt und uns unterstützt. Eine bessere Motivation gibt es nicht! Wenn wir nicht so „erfolgreich“ wären, hätten wir vielleicht auch schon mal alles hingeschmissen.

Musicscan: Und an welchem Punkt würdet ihr die Band beenden? Einige englische Uralt-Bands sind ja heute ein Schatten ihrer früheren Jahre, können aber irgendwie doch nicht aufhören und zerstören sich so ihren eigenen Status.

Dritte Wahl: Nun, es wäre natürlich schön, wenn man den „richtigen“ Zeitpunkt erwischen könnte. Den erkennt man aber vielleicht auch erst im Nachhinein. Ich hoffe das wir rechtzeitig merken, wann es vorbei ist. Auf der anderen Seite, solange es Spaß macht kann man schon noch musizieren! Das ist eine schwierige Geschichte!

Musicscan: Was bedeuten Euch die Vibrators, die ihr ja covert? Warum gerade „Troops of tomorrow“?

Dritte Wahl: Wir sind erst ziemlich spät auf die Vibratos gestoßen. Irgendwann schleppte mal jemand eine „Best off“ an und wir waren erstaunt, wie viele der Songs richtige „Hits“ sind, die wir aber nie den Vibrators zugesprochen hätten. Das war/ist schon eine wichtige Band. „Troops of tomorrow“ ist natürlich so ein „Überhit“! Das reizt schon den mal zu spielen. Einfach nur covern wollten wir den Song aber nicht – daher der deutsche Text. Einwenig haben natürlich auch Exploited dazu beigetragen. Die spielen das Lied ja auch.

Musicscan: Dritte Wahl Records liegt ja in Euren Händen. Wann habt ihr das denn mit welcher Absicht aus der Taufe gehoben? Es hätte sich doch sicherlich auch ein externer Verlag gefunden, die Platte zu veröffentlichen!?

Dritte Wahl: Wir sind ja schon seit 1998 „selbstverwaltet“. Wir haben unter Rausch Records auch schon unsere Scheiben selbst produziert. Damals waren wir noch zu viert an der Labelarbeit beteiligt. Mit Dritte Wahl Records sind wir nun nur noch zu dritt. Wir wollen einfach über alle Belange, die mit Dritte Wahl zu tun haben, selbst bestimmen können.

Musicscan: Ihr selbst seid ja sicherlich dafür verantwortlich, dass die CD zum Mid-Price im Laden steht. Was waren dafür Eure Beweggründe? 12 Songs sind ja ein komplettes Album, das man zum regulären Preis anbieten kann und Ihr selbst seht „tooth for tooth“ ja laut Eigenauskunft auch mehr als richtiges Release, denn als Best of...

Dritte Wahl: Ja, für uns ist es ein reguläres Album. Wir haben alle Songs komplett neu eingespielt und durch den englischen Gesang sind im Endeffekt auch fast neue Songs entstanden, aber eben auch nur fast! Wir wollten von vorneherein verhindern, dass der Eindruck entsteht, wir bräuchten Geld und hätten keine Ideen mehr für neue Songs.

Musicscan: Was habt ihr denn allgemein zu der Lage der Plattenindustrie zu sagen? Wo seht ihr die akuten Problemfelder? Den Preis zu senken, wie ihr es tut, ist ja z.B. ein Instrument, das erst wenige bemühen...

Dritte Wahl: Erst mal vorneweg: Auch wir besitzen natürlich gebrannte CD´s. Die hat wohl heute jeder im Schrank! Wir achten allerdings darauf, das wir uns die Platten von den Bands, die uns wirklich etwas bedeuten, auch kaufen. Wir machen aber auch selbst Musik und Label-Arbeit und wir wissen worum es geht. Uns ist es wichtig, die Bands die wir mögen zu unterstützen. Wir selbst verkaufen heute etwa noch die Hälfte der CD´s/LP´s, die wir vor 10 Jahren verkauft haben. Nun, kann man das vielleicht auch mit einer sinkenden Popularität begründen, und Kassetten zum Kopieren hat es ja damals auch schon gegeben, aber Fakt ist, das alle weniger verkaufen. Für uns ist das nicht so schlimm – reich werden wir eh nicht mit der Musik, aber für eine Menge von kleinen Bands bedeutet das, das professionelle Produktionen kaum noch möglich sind. Die „Großen“ werden das schon überleben!

Musicscan: Das erste Urteil zu Tauschbörsen und Song-Trading gab´s ja kürzlich. Wie steht Ihr dem Thema gegenüber. Ist es für euch ein Problem, wenn sich Leute die CD´s brennen bzw. irgendwo downloaden?

Dritte Wahl: Für mich ist es was völlig anderes, wenn sich jemand von ´nem Freund eine CD ausleiht und sie sich brennt, als wenn da Leute ankommen und komplette Alben ins Netz stellen. Unsere neue Scheibe war sogar schon Wochen vor dem Veröffentlichungstermin im Internett zu haben. Das ist einfach frech und gemein. Da wird die Arbeit und der Aufwand der Bands und Labels überhaupt nicht geachtet! Wer Eins und Eins zusammen zählen kann, wird schnell bemerken, das dieses Märchen von 0,50 € für eine CD in der Herstellung nun wirklich nicht stimmt. Die CD selbst, ohne Cover, bekommt man vielleicht dafür, aber vorher muss die Band ins Studio, evt. einen Graphiker für das Layout der Platten bezahlen, und einwenig Werbung sollte auch drin sein! Was nützt eine neue Scheibe, wenn keiner weiß, das es sie gibt? Da kommt jedenfalls einiges zusammen und den Bands bzw. Labels muss einfach die Möglichkeit bleiben, diese Kosten durch den Verkauf der Platte auch zu decken! Sonst gibt es bald nur noch Michael Jackson und Co.!

Musicscan: Für den Sommer steht ja eine ausgedehnte Festival-Tour an. Welche Festivals spielt ihr am liebsten und was erwartet Ihr von den Gigs allgemein?

Dritte Wahl: Unser Bassmann ist leider schwer erkrankt. Er macht eine Chemotherapie und wir drücken hier alle erdenklichen Daumen, das sie auch anschlägt. Wir haben aus diesem Grund alle Konzerte für dieses Jahr absagen müssen. Insgesamt finde ich aber die meisten Festivals super. Da ist es relativ egal, ob das ein „Großes“ oder „Kleines“ ist. Beide haben ihren Reiz. Die „Kleinen“ bestechen durch den Kontakt zu den Leuten, aber mal auf einer richtig großen Bühne vor 10.000 Leuten zu spielen hat auch was! Wir wünschen allen Lesern noch eine gute Zeit im Jahr 2004! Bis die Tage! Gunnar, Busch´n & Krel

 
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