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Dillinger Escape Plan

Storie von: arne, am 28.07.2004 ]

Nicht weniger als fünf Jahre hat THE DILLINGER ESCAPE PLAN seine Fans auf den neuen Longplayer warten lassen. Das ’99er"Calculating Infinity" gilt völlig zurecht als Meilenstein im Extrem-Underground und hat seinem hoch technischen, chaotischen Sound nicht nur das Hardcore-Genre neu definiert, sondern auch eine neue Stilrichtung, den MathCore, mit begründet.

 
Auch heute noch, Jahre nach dem Release, zieht das Brachial-Werk in seinen Bann und hat nichts von seiner Durchschlagskraft und Kompromisslosigkeit eingebüßt. Vielleicht war die lange Spanne zwischen den beiden Longplayern nötig, um sich in die verbauten, vielschichtigen Arrangements des Relapse-Debüts hinein zu arbeiten, denn erst mit Zeit hat sich mir das Soundkonstrukt des DILLINGER ESCAPE PLAN geöffnet.

Mit "Miss Machine" liegt nun das neue Album der Band vor und das hat verschiedene Funktionen zu erfüllen. Zum einen wird Greg Puciato als neuer Frontmann endlich auch auf Platte vorgestellt. Er leistet einen phantastischen Job und fügt dem DILLINGER-Kosmos u.a. durch sein cleanes Singen neue Facetten hinzu; ist dabei viel variabler angelegt als es Dimitri war. Bekannt ist, dass der DEP mit Mr. Bungle tourte und in Kooperation mit Mike Patton die "Irony Is A Dead Scene" MCD vorlegte. Überraschend ist für mich dennoch, dass Greg trotz seines weitem Stimmspektrums immer wieder an die verrückten Bands/Projekte von Mr.Patton erinnert. Das soll seine Leistung keinesfalls schmälern, denn der Frontmann steht Mike in Nichts nach, allein es fällt immer wieder auf.

Im Ganzen markiert "Miss Machine" für THE DILLINGER ESCAPE PLAN eine Neupositionierung, denn eine derart inspirative Band wiederholt sich selbstverständlich nicht. Das Drittwerk setzt neue Akzente und präsentiert sich deutlich ausgewogener. Natürlich gibt es nach wie vor Jazz-beeinflusste Crazy-Parts, doch diese sind geschickt in einen verträglicheren Kontext eingearbeitet und wohl dosiert. Der Songfluss, den es auf "Calculating Infinity" so kaum gab, gestaltet sich sehr homogen und die elf Stücke sind in Summe tatsächlich ein recht flüssiges Klangerlebnis.

THE DILLINGER ESCAPE PLAN nehmen sich oftmals zurück und stellen unter Beweis, dass sie auch einfachere Parts bzw. schöne Melodie-Bögen spielen können, ohne damit im Ergebnis Komplexität einzubüßen. Die Chaos-Parts gewinnen vielmehr an zusätzlicher Effektivität, wirken noch brachialer. Streicher-/Klavier- Einspielungen und elektronische Industrial- Samples, die mitunter an Nine Inch Nails erinnern, runden den "neuen" DEP-Sound ab. Die Arrangements präsentieren sich schlichtweg reifer. Die Weiterentwicklung ist offenkundig und die Musiker überzeugen mit ausbalancierten und nach wie vor stark interessanten Tracks.

Sicherlich ist "Miss Machine" nicht ganz so revolutionär wie es "Calculating Infinity" gewesen ist, doch bezeugt das Album einen sehr modernen Anspruch und eine gewachsene Brachial-Band der Extra-Klasse.

Am Telefon hatte ich mit Gitarrist Benjamin einen gut gelaunten Gesprächspartner, der trotz Interview-Marathon sehr motiviert wirkte: „Wir machen derzeit nicht anderes als Interviews zu geben und fühlen uns sehr geehrt, dass ein derart starkes Interesse an uns besteht. Für die nächsten Tage und Wochen stehen noch 500 Interviews an und die geben wir auf der anstehenden Tour und an den Off-Tagen.“

Die Musiker wurden also mit offenen Armen empfangen und konnten so alle zwischenzeitlichen Schwierigkeiten schnell vergessen: „Die Zeit scheint genau richtig für uns. Künstlerisch haben wir uns deutlich entwickelt und nach den ganzen Line-Up-Wechseln und der eher unproduktiven Phase, was Releases angeht, sind wir nun präsenter denn je. Natürlich waren wir permanent auf Tour und werden das jetzt noch ein weiter forcieren, aber jede neue Platte ist ein wichtiger Schritt vorwärts.“

Externen Erwartungsdruck blendeten THE DILLINGER ESCAPE PLAN bei der Arbeit an “Miss Machine“ komplett aus: „Natürlich waren die Leute gespannt, wie unsere neue Platt wohl klingen würde; allein schon aufgrund der langen Spanne zwischen den Releases. Wir haben uns davon jedoch nicht beeinflussen lassen und uns die Zeit genommen, die wir brauchten, bevor sich das richtige Gefühl für eine neue Platte eingestellt hatte. Druck haben wir allein intern aufgebaut.“

Das starke Interesse an der Extrem-Kombo blieb über die Jahre ungebrochen, doch die Musiker mussten neue Inspiration tanken, was Zeit brauchte: „Immer wieder fragten die Leute, wann endlich ein neuer Longplayer kommt, aber die Zeit war dafür einfach nicht reif. Das lag dabei nicht einmal am Touren oder den Änderungen im Bandgefüge; der Hauptgrund war vielmehr, dass auf das besondere Gefühl gewartet um die neue Platte einzugehen. Es muss einfach alles stimmen, nur dann macht es Sinn. DILLINGER- Songs entstehen schließlich nicht in Massenproduktion. Wir folgen allein unseren Gefühlen und da sind uns Erwartungen von außen


egal.“

Für die Songs auf “Miss Machine“ heißt das etwas konkreter:

„Wir sind für uns selbst wieder einen Schritt zurück gegangen, es war wie damals, als wir unsere erste Platte aufnahmen. Damals kannte uns niemand und keiner erwartete etwas. Wir schufen die Songs, die sich für uns richtig anfühlten und genau so haben wir auch diesmal wieder gearbeitet. Die neuen Songs repräsentieren unser Verständnis der Band und die Art von Musik, die sich für uns richtig anfühlt.“

Nach einem Album wie “Calculating Infinity“ war es sicherlich clever zunächst keinen weiteren Longplayer nachzulegen, aber das war auch nicht unbedingt nötig:

„Ein anderer Grund, warum “Miss Machine“ so lange auf sich warten ließ, war, dass “Calculating“ immer noch von neuen Leuten entdeckt wurde und nach wie vor große Überzeugungskraft besitzt. Die Stärke der Platte scheint zu sein, die Leute nach und nach zu überzeugen. Viele Leute besitzen das Album schon einige Jahre, sind mit dem wilden Stil lange Zeit nicht klar bekommen und haben erst langsam in das Material gefunden, dann aber richtig. Das Album hat viel Power und ist einstückweit zeitlos. Durch die verbreakten, wilden Arrangements braucht es Zeit, sich mit dem Material auseinander zu setzen. Wir sind stolz darauf, ein Album geschaffen zu haben, mit dem die Leute arbeiten müssen und es nicht von Beginn an verstehen.“

Dabei ist es für THE DILLINGER ESCAPE PLAN gar kein Problem, wenn die Leute mit den Releases zunächst nicht viel anfangen können:

„Das ist es, der Großteil der Leute wird sich nicht die Zeit nehmen, die Arrangements zu verstehen und doch gibt es genügend, die der Platte eine zweite oder dritte Chance gegeben haben. Von Beginn an spürt man wohl, dass die Platte etwas besonderes ist, auch wenn man sie vielleicht zu Beginn nicht mag. Unsere größten Fans haben uns erst mit der Zeit schätzen gelernt und das ist cool.“

Diesmal haben es die geneigten Hörer dennoch einfacher, denn “Miss Machine“ zeigt sich von Beginn an zugänglicher:

„Es war uns wichtig, ausgewogener zu klingen und ein Ergebnis davon ist, dass man dem Album leichter folgen kann. Die größte Herausforderung für uns bestand darin, uns von allen Erwartungen zu lösen. Wir müssen doch nicht mit jeder Platte noch kompromissloser werden. Auch auf anderem Weg kann man seine Hörer überraschen. Das neue für uns war, Song mit simpleren Strukturen zu schreiben und das ist nicht so einfach, wie es klingt. Wir haben so lange total krankes Zeug gespielt, aber es ist nicht minder schwer einen dynamischen Songfluss und gute Melodien hin zu bekommen. Natürlich sind die chaotischen Passagen nach wie vor da, aber diesmal scheint mir alles viel homogener und flüssiger. Schon in der Vergangenheit waren unsere Songs hochdynamisch angelegt und es passierte viel. Auf der neuen Platte wollten wir diese Verschiedenartigkeit über die ganze Platte verteilen und alle Songs miteinander verbinden. Es sollten nicht einzelne Songs wie bei „Calculating“ sein, sondern eine richtige Platte sollte entstehen. Diesmal kann man das ganze Album problemlos mehrere Male hintereinander hören, denn die Songs bilden eine Einheit.“

Doch auch darüber hinaus ist “Miss Machine“ als Kompaktwerk mit zentraler Aussage zu verstehen:

„Unser Hauptanliegen war es, die Frustrationen einer stetig tourenden Band zu vertonen, die einen wilden Lebensstil geht. Wir führen weder ein normales Leben, noch können wir normale Beziehungen führen. Einer tourenden Band ist das einfach nicht möglich und gerade daraus ziehen wir einen Großteil unserer Frustration. “Miss Machine“ ist demzufolge ein Kampf mit uns selbst und das Symbol unserer Freiheit. Viele Leute sind in engmaschigen Regeln und Stereotypen eingezwängt und leben einen ihnen vorgegebenen Weg. Sie haben darauf keinen Einfluss, sind Teil einer riesigen Gesellschafts-Maschine. Sie gehen zur Schule, finden erst den Job, dann eine Frau und haben schließlich Kinder. Dann sterben sie und ihr ganzes Leben waren sie bestimmten Normen unterworfen. Ein Leben lang sind sie paralysiert. “Miss Machine“ ist das genaue Gegenteil davon. Wir versuchen ständig neue Sachen und hören nicht auf andere.“

Das gewöhnungsbedürftig anmutende Layout-Konzept korrespondiert damit:

„Vor allem das Cover visualisiert hervorragend den DILLINGER ESCAPE PLAN in unserem Verständnis; es ist eigen, technisch, ein wenig schmeichelnd, gleichfalls aber auch steril und abstoßend. Man kann es nicht sofort erfassen und muss sich damit auseinander setzen. Genau so sind wir auch.“

 
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