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Today Is The Day

Storie von: arne, am 17.06.2004 ]

Schon immer zeigten sich Today Is The Day sehr provokant angelegt, doch so plakativ und wütend wie auf ihrem neuesten Output gingen sie dabei noch nie vor. Keine Platte der Band klang bislang so direkt, roh und kompromisslos. In bezug auf die Noise-Veteranen heißt das schon Einiges!

 
„i am a citizen of the united states of america - i will not stand for tyranny and treachery in this world - this is my code i will not break it - i'll defend these words with my life - i will destroy my enemy - i will defend these words with my life - honor - strength - truth – courage - till death”

Diese Verse leisten den Ausklang des neuen Today Is The Day Albums “Kiss The Pig“ auf Relapse Records; die Worte werden zunächst von einer Person vorgesprochen und dann von einer Gruppe mehrerer wiederholt. Die Beschwörungsformel bricht das Hauptanliegen von Steve Austin und seinen Mitstreitern in wenigen Sätzen herunter und hinterlässt beim Hörer ein zutiefst beängstigendes Gefühl, zumal das ganze Album auf ähnlichen Texten/Fragmenten basiert.

“Kiss The Pig”

Krach-Visionär Steve Austin hat ordentlich Wut im Bauch und reagiert mit einem extremen Album auf den anhaltenden Kontrollverlust der US-Regierung und die angespannte Weltlage. “Kiss The Pig“ sagt alles! Missverständnisse scheinen jedoch vorprogrammiert; denn das hoch militaristische Artwork-Konzept und die nicht immer eindeutigen Texte lassen Freiraum für (Fehl-)Interpretationen, die es in der Folge auszuräumen gilt. Für europäische Gefilde sind die, von amerikanischer Logik durchsetzten, Lyrics nicht immer nachvollziehbar und auch ich hatte bei meinem Telefonat mit Steve so meine Schwierigkeiten. Today Is The Day ist jede Art von kritischer Diskussion willkommen und bei Fragen könnt ihr über die Website www.todayistheday.org jederzeit direkten Kontakt mit dem Trio aufnehmen. Musikalisch präsentiert sich “Kiss The Pig“ nach dem Experimental-Exzess “Sadness Will Prevail“ um 180 Grad gedreht und die Band erfindet sich einmal mehr neu. Anno 2004 dominiert rotziges 90er Jahre Earache-Geballer zwischen Napalm Death, Negative Approach und Discharge. In einfachen wie brachialen Songstrukturen entstehen aus Punk-, Grind-, Metal- und Noise- Elementen höchst effektive Stücke, die allein ihre überdeutliche Textaussage stützen.

Sicherheitsfanatiker Steve Austin

Zum Zeitpunkt meines Interviews hatte ich “Kiss The Pig“ weder gesehen noch gehört und hatte nicht die geringste Idee davon, was mich mit dem neuen Album erwarten würde. Das traf sich gut, denn Steve Austin präsentierte sich am Telefon bestens gelaunt. Einem Wasserfall gleich sprach er ohne Punkt und Komma über die Konzeption der neuen Platte und stellte sich anfangs selbst die Fragen, die unbedingt beantworten wollte:

“Im Booklet fallen einem natürlich sofort die Waffen ins Auge.“ führte mich der Shouter/Gitarrist in das Artwork und die Ideen der neuen Scheibe ein: „Die gehören alle mir, denn ich bin ein Waffennarr. Der Großteil meiner Sammlung stammt aus deinem Land und ich bin Deutschland für diese tollen Waffen sehr dankbar. Hinter all den Bildern steht ein Konzept, dass man verstehen muss, denn sonst kann man es falsch verstehen. Noch herrscht hier in den USA für jeden die Freiheit so viele Waffen zu besitzen, wie man will. Die Regierung will das einschränken und ich verstehe mich als Aktivist, der gegen mögliche Limitierungen vorzugehen. Jeder verantwortungsvolle Erwachsene sollte das Recht haben, die eigene Freiheit selbst zu beschützen und sich selbst zu verteidigen. Ich bin mit Waffen aufgewachsen, habe früh zu schießen gelernt und war oft auf der Jagd. Waffen sind ein Teil meines Lebens und bedeuten für mich ebenso viel Freiheit wie meine Harley. Diese persönliche Freiheit soll nun eingeschränkt werden, aber das kann doch nicht die Konsequenz dieser verrückten Zeit sein. Ich bin ein Sicherheitsfanatiker und möchte mich selbst verteidigen können.“

Dann ging Steve dazu über mir seine Waffen aufzuzählen, wobei ich ihn bald unterbrach und ihm erklärte, mir würde das alles nichts sagen. Er konnte kaum glauben, dass ich keine einzige besitze, nicht trainiere und mit Schießwaffen allgemein nichts am Hut habe. Bei ihm ist das genaue Gegenteil der Fall:

„Ich verbessere mein Treffgenauigkeit stetig. Jeden Tag schieße ich etwa 150 Runden. Ich möchte immer besser und genauer werden und nehme auch an Wettbewerben teil. Chris und ich gehen jeden Freitag nach der Probe auf einen Schießplatz, der nicht weit von meinen Haus entfernt ist. Manchmal nehmen wir die ganz schweren Waffen und ballern wie die Wilden drauf los. Das geht natürlich nur dann, wenn niemand sonst da ist. Die Momente, in denen ich wie wild drauf los ballere, erlebe zutiefst intensiv und ich fühle mich unendlich frei. Das kann man kaum beschreiben, man muss es erleben. Von den ganz schweren Waffen sind meine Schultern danach immer richtig blau, aber das ist es mir wert. Natürlich ist das total bescheuert, aber es hilft mir meine Balance zu wahren. So lange man das unter Kontrolle hat, sollte jeder das Recht haben, Waffen zu besitzen. Ich gehe ja nicht auf den Marktplatz und erschieße wahllos Leute. Ich bin ein langweiliger Studio-Besitzer, der auch in einer Band spielt und ab und an auf dem Schießplatz abgeht. Das ist für mich Freiheit. Ich kann mich zügeln.“

Abschließend lud mich Steve noch auf eine Trainings-Runde ein, falls ich mal bei ihm in der Nähe von Boston sei. Dann ging es weiter über die Ausrichtung der Platte.

Feindbild US-Regierung

“Kiss The Pig“ ist ein deutliches Statement gegen das, was derzeit in unserem Land vor sich geht.“ fährt Steve fort: „Es gibt so viel, was wir nicht gut heißen können. Die ganze Welt denkt doch, wir alle seien ein Haufen Arschlöcher, doch das trifft nicht zu. Diese Regierung kotzt uns genau so an wie euch. Darum dreht sich das Album und noch nie war ich stolzer auf eine Platte. Jeder einzelne Song ist überdeutlich und beschäftigt sich mit dem Problem. Nimm etwa ’Why They Hate Us’, dieser Song setzt sich damit auseinander, warum heutzutage so viel Scheiße passiert, warum Gebäude von Flugzeugen getroffen werden, warum so viele Leute sterben, warum so viel Ungerechtigkeit passiert.


Wir tun anderen gegenüber ebenso viel Unrecht an, wie wir erfahren haben. Es ist fast wie in der Steinzeit. Dabei ist es egal, ob man sich den Irak oder die USA anschaut, überall herrscht Krieg. Bestimmte Gruppen haben mehr Macht als andere und nutzen das aus. Das ist falsch. Today Is The Day verurteilen den Irak-Krieg und prangern die amtierende US-Regierung an. So, wie wir vorgehen, geht es einfach nicht.“

Das Album analysiert zwei Faktoren, auf die sich das Weiße Haus stützt:

„Auf der einen Seite setzen wir uns mit Macht auseinander und auf der anderen mit der Kontrolle, denn beides hängt eng zusammen. Die meisten Fotos im Booklet stehen dazu in Verbindung. Wir posieren auf den Bildern mit Waffen und es sieht wie eine Belagerung aus. Wenn man das Artwork oberflächlich betrachtet, könnte man uns für Terroristen halten, aber wir sind Amerikaner. Hinter all dem steckt ein Konzept. Was würde wohl passieren, wenn wir gegen die Regierung vorgingen? Was wäre, wenn die Bevölkerung der USA einen neuen Bürgerkrieg anzetteln würde? Es gibt viele Leute, die mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden sind und ich zähle mich zu diesen. Wir verlieren allmählich die Hoffnung, denn auch John Kerry ist ein Arschloch. Letztendlich ist es egal, wer im Weißen Haus sitzt. Jeder neue Präsident schränkt die Rechte der Bevölkerung weiter ein.“

Und die gilt es Steve zu verteidigen, auch wenn ich nicht glaube, dass es in den USA zu breitflächigem, zivilen Ungehorsam kommen wird. Verbitterung und Wut scheinen dennoch tief zu sitzen:

Working Class Background

„Vielleicht resultiert meine Kritik auch aus der Tatsache, dass ich aus Tennessee stamme. Dieser Bundesstaat ist einer der unterentwickeltsten und ärmsten der Staaten. Schon früh bin ich mit den Problemen der USA konfrontiert worden. Meine Familie stammt aus der Arbeiterklasse und war nie reich. Mein Vater hat in der Automobilindustrie gearbeitet und meine Mutter war Serviererin. Sie haben ihr ganzes Leben hart gearbeitet und mein Vater ist früh gestorben. Meine Mutter musste jeden Cent umdrehen, da sie weder von Chrysler noch vom Staat Unterstützung erhielt. Sie hat immer geschuftet und ihre Steuern gezahlt, aber das zählt alles nichts. Solange man ein funktionierender Teil der Maschine ist, kümmert sich keiner um dich und wenn du irgendwann nicht mehr kannst, wirst du einfach ersetzt und stehst vor dem Nichts. Das kann doch nicht sein. Jeder lebt mit der permanenten Angst seinen Job zu verlieren oder krank zu werden, weil man nicht weiß, wie es dann weitergehen soll. Von der Regierung kann man keine Hilfe erwarten. Man ist allein auf sich selbst gestellt.“

Derartige Parolen kennen wir auch hier in Europa, doch ist Steve bereit, aktiv etwas zu verändern. Von Politikverdrossenheit will der Musiker nichts wissen, vielmehr hofft er mit “Kiss The Pig“ einen Teil der phlegmatischen Jugend zu mobilisieren, wie es etwa auch Anliegen von Fat Wreck mit punkvoter.com ist:

„Es ist nur zu begrüßen, dass mehr und mehr Künstler politisch Stellung beziehen und sich gegen die amtierende Regierung wenden. Der Durchschnittamerikaner schaut oft nicht einmal CNN und die Kinder interessieren sich nicht für Politik. Sie schenken ihre Aufmerksamkeit eher einer Band oder einem Film. Für die Künstler ist das eine Chance, diese Kinder zu aktivieren und für Missstände zu sensibilisieren.“

Today Is The Day stehen von jeher für freie Meinungsäußerung und daran hat sich bis heute nichts verändert:

„Wir hatten schon immer einen politischen Anspruch, auch wenn es in der Vergangenheit vor allem Statements für Freiheit und Frieden waren. Die meisten unserer Songs beschäftigen sich mit Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt, was die Politik keinesfalls ausschließt. Schon auf “In The Eyes Of God“ haben wir uns 1999 mit Gewalt, Terrorismus und Hass auseinander gesetzt. In gewisser Weise haben wir die späteren Entwicklungen vorweg genommen, es kommen sehen. Der Kontrollverlust der Regierung hat sich seit Jahren abgezeichnet, war früher nur nicht so offensichtlich.“

Dabei bleiben die Wünsche auf einen normalen Alltag beschränkt, doch selbst den gibt es nicht mehr:

„Der Großteil der amerikanischen Bevölkerung hofft, dass sich unser Alltag irgendwann wieder normalisiert. Die Einschnitte in unser Leben nach dem 11.September waren gewaltig, denn unsere Freiheiten sind deutlich eingeschränkt worden. Hoffentlich lässt sich das irgendwann wieder liberalisieren. Eine Gesellschaft sollte stärker von Kreativität und Arbeit getragen werden, als von Gewalt und Furcht.“

Roh und direkt

Bei all der Wut im Bauch, waren die Song für das neue Album schnell beisammen, nachdem das Konzept im Hintergrund erst einmal stand:

„Wir mussten nicht lange überlegen, wie “Kiss The Pig“ zu klingen hatte. Es sollte super schnell und überdeutlich werden. Das heißt nicht, dass es ein Grindcore-Album geworden ist, direkt meint, dass es in der Tradition von frühen Napalm Death, Negative Approach und Discharge steht. Hasserfüllter können wir nicht klingen. Außer einigen Verzerrungen habe ich keine Verzerrungen auf die Vocals gelegt und alles ist möglichst direkt und einfach gehalten. Das Album ist einfach real. Auf “Sadness Will Prevail“ haben wir unsere Soundexperimente auf die Spitze getrieben und schon damals wussten wir, dass wir nie wieder so klingen würden. Wir haben nach einer fast vierjährigen Irrfahrt exakt das erreicht, was wir uns vorgestellt hatten und damit war das Kapitel beendet. In der Folge haben wir den Earache- Sound der frühen 90ziger Jahr neu entdeckt und ihn ins Jahr 2004 gezogen. Das war genau, was wir gesucht hatten und das Album war schnell geschrieben. Natürlich sind die Songs nicht unbedingt komplex, aber dafür sind sie unglaublich effektiv. Wir haben alles auf das Wesentliche beschränkt und die Aussagen möglichst klar gehalten.“

Stimmt, und “Kiss The Pig“ ist in allen Belangen extrem!

 
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  Relapse Records
 
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