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Narziss

Interview von: arne mit Johannes, am: 07.06.2004 ]

Narziss erfinden sich mit ihrem zweiten Longplayer "Neue Welt" im kleinen Rahmen neu. Natürlich gibt's die volle Kelle MetalCore, doch ist dieser in seiner Gesamtheit deutlich differenzierter und offener angelegt. So erklingen ungewohnt viele Melodien, auch richtig vordergründig, und einprägsame Parts finden sich zu Hauf. Der ganzen Aufnahme schwingt auch ein sehr moderner Touch bei.

 

Musicscan: Narziss melden sich mit neuem Album zurück. Welche Hoffnungen bzw. Erwartungen knüpft Ihr an "Neue Welt"?

Narziss: Wir erwarten nicht, dass es jedem gefällt, was sich ja vor allem wegen der deutschen Texte als problematisch erwiesen hat, aber wir erhoffen uns schon etwas Zustimmung, da wir in dieses Album eine Menge an Herzblut investiert haben. Weniger wegen der Songs, eher als Band, die schon versucht, einen Schritt nach vorne zu gehen. Es ist bei jedem dieser neuen Schritte ein Bewährungsprobe für die Band und ich bin froh, dass alles so gut klappt. Wenn man nun noch Zustimmung für seine Arbeit und seinen zukünftigen Weg findet, dann hilft das ungemein bei der Überwindung der alttäglich Schwierigkeiten.

Musicscan: Unweigerlich natürlich die Frage, wie es kommt, dass Alexander jetzt wieder in den Reihen der Band steht.

Narziss: Ich gestehe, dass wir uns viele Gedanken gemacht haben, wir das plausibel erklären. Alex ist im letzen halben Jahr oft mit im Proberaum gewesen, wir hatten ja auch mal eine Show, bei der wir die ganze alte Ebenbilder CD gespielt haben und wo Alex mitgesungen hat. Nach dieser Show hatte Rayk die Idee, sich Unterstützung zu holen. Wie gesagt, Alex war eben da und wer da ist muss mitmachen. Nicht zuletzt hat er das Stimmbild von Narziss (zumindest im Osten) wesentlich geprägt. Wir sind froh, das er dabei ist, auch wenn er auf nicht jeder Show dabei sein wird.

Musicscan: Auch wenn ein Bandmitglied ein eigenes Label betreibt, scheuen doch die meisten davor zurück die eigenen Platten auch selbst herauszubringen. Nicht so bei Narziss und Circulation. Die erste Platte war ja noch in Kooperation mit Per Koro gekommen...

Narziss: Es gibt sicherlich viele Gründe, seine eigene Band nicht selbst zu verlegen, allerdings gibt es auch genügend, dies zu tun. Wenn man mal die Arbeit eines Labels, einer Promotionagantur usw. genauer betrachtet, dann könnten das die Bandmitglieder auch selber machen, bloß das ihnen meistens die Kontakte fehlen oder sie sich für die Arbeit zu schade sind, andere Sachen zu tun haben etc. Weiterhin besteht auch die Frage, auf welches Label Narziss denn gehen sollten, Per Koro ist zwar ein gutes und renommiertes Label, allerdings arbeitet er bei weitem nicht so offensiv. Gewisse Labels aus dem Ruhrpott fallen flach, gewisse andere Labels so und so und da ist man wieder ganz schnell dort, wo man angefangen hat. Nicht zuletzt weiß man als Band und Label, wo für man arbeitet, und das ist die ganze Sache allemal Wert.

Musicscan: Derzeit scheinen größere Metal-Verlage ja reihenweise den MetalCore wegzusignen. Wie seht Ihr denn diese Entwicklung und hattet Ihr eventuell auch Angebote. Wenn ja, wieso seid Ihr nicht darauf eingegangen. Namen müsst Ihr nicht nennen...

Narziss: Nun ja, ich kann schlecht einschätzen, wie Narziss nach außen hin wirkt, aber ein interessantes Angebot haben wir nicht bekommen. Wenn ich mal von der HC-Szene in D-Land ausgehe, dann ist von dort nichts gekommen, da alle wissen, dass wir uns selber verlegen. Ein größerer Metalverlag wäre natürlich auch für uns eine schöne Sache, aber dazu müsste man sich vielleicht auch dort mal vorstellen, schließlich rennen denen ja die Bands die Bude ein. Wie gesagt, ich kann nicht einschätzen, ob die uns überhaupt ernst nehmen, aber ich habe dahingehend oft das Gefühl, dass Narziss eindeutig unterschätzt wird ...

Musicscan: Schon oft schien mir den MetalCore-Boom am Ende bzw. über den Zenit hinaus. Nun springen aber gerade mal die Underground-Größen/Major-Verlage darauf an. Was erwartet ihr da für die Zukunft? Wohin wird uns das noch führen?

Narziss: Ich finde es grandios zu beobachten, was gerade passiert. Es ist, als ob man an einem Nullpunkt steht und das Zusammenwachsen zweier Musikrichtungen zu einer Einzigen sehen kann. Klingt vielleicht etwas pathetisch, ist aber nichts anderes, wenn die ganze Angelegenheit überlebt. Ich habe das Gefühl, dass das Publikum für harte Musik sich extrem vermehrt hat. Vielleicht ist es gerade diese Symbiose von Metal und HC, die sich für ein breiteres Publikum eignet. Wohin das führt ist eigentlich klar - ein paar werden es schaffen - ein paar werden ganz unglücklich und in 20 Jahren gibt es was Neues. Wenn dabei für Narziss noch was rausspringt, würden wir uns natürlich freuen, aber ich bin schon glücklich, so eine Entwicklung live zu erleben. Ein anderer Gedanke dabei ist noch, dass sich die Industrie einem ernsteren Publikum zuwendet, die nach Möglichkeit auch recht kauffreudig sein sollen - und nicht zuletzt haben sich die HC Bands, auf die wir hier die ganze Zeit namenlos anspielen, durch harte Arbeit ausgezeichnet, bieten also für die Labels meines Erachtens nach eine enorme Sicherheit.

Musicscan: Im MetalCore-Segment seid Ihr ja gut etabliert und auch beliebt. Worin seht Ihr Eure Trademarks und was spricht wohl die Leute an?

Narziss: Inzwischen habe ich mich mit der Tatsache angefreundet, dass das bei uns zuerst die deutschen Texte sind. Damit sind wir bis auf wenige Ausnahmen ziemlich allein auf weiter Flur. Das ist natürlich auch ein großer Bonus, weil es uns sofort von allen anderen abhebt. Musikalisch schwankt das immer ein bisschen, je nach dem, was uns gerade gefällt. Auffallend finde ich hierbei die Entwicklung, dass wir zunehmend schneller werden. Zwar versuchen wir uns auf der neuen CD auch an ein paar Mosh-Sachen, aber die können wir nur in der Verbindung mit der Geschwindigkeit gut. Dann hoffe ich, dass den Leuten unser Textinhalt ebenfalls als Trademark ins Auge sticht, denn die liegen uns wirklich am Herzen. Und zu guter Letzt wären da noch die Melodien für Millionen J - naja - es gibt viele melodische Bands im Metalcoresektor, die ihre Melodien frei nach HSB in sechzehnteln herunterschrubben, ohne dabei das melodische Geschick von HSB zu erreichen - das haben wir versucht zu umgehen, in dem wir bewusst die Melodien entweder in den Rhythmus eingearbeitet haben, oder wie immer in Punkmanier einfach über ein paar Grundakkorde.

Musicscan: In bezug auf "Neue Welt" fällt schnell auf, das es in seiner Anlage breiter ist, auch eingängiger, und dennoch auch schön aggressiv und druckvoll geblieben ist. Ist dieses Ergebnis so von beginn an gewollt gewesen oder hat sich das dann erst im Ergebnis ergeben?

Narziss: Die Frage, Wie soll unsere Musik sein? haben wir bewusst vermieden. Wir haben uns dieses Mal einfach hingestellt und komponiert. Ein Konflikt war es dann schon, blind und vergessen auf eine CD zu setzen, da uns der Kontrast wirklich enorm erschien Für mich bilden die Texte hier die Verbindung. Das es schön aggressiv klingt, ist nicht zuletzt die gute Arbeit von Tue Madsen - ich hätte nie angenommen, dass ein guter Mix soviel ausmacht. Dennoch ist es vielleicht auch die Mischung der Songs, von der Musik mal seichter mal ernster - die die wirklich aggressiven Passagen heftiger und die leichten, getragenen Parts einfach schöner macht. Ansonsten ist das die erste CD von uns, die ich mir 2 Monate nach Fertigstellung der Produktion immer noch anhören kann, ohne vor Ärger grün und blau zu werden.

Musicscan: Die Entwicklung vom Narziss- Sound ist schon beachtlich, wenn man den Weg von der MCD "Ebenbilder" bis zur neuen jetzt betrachtet. Was waren in Euren Augen die wichtigen Etappen und wie habt Ihr es geschafft, Euch mit jedem Release doch schon entscheidend zu steigern?

Narziss: Mal abgesehen von der finanziellen und damit technischen Entwicklung habe wir auch gelernt, wie man wenigstens im Ansatz ein Instrument bedient. Da war schon ein enormer Fortschritt. Dann habe wir uns musikalisch viel mehr geöffnet, als das zu Beginn der Fall war. Wir haben mit der „Ebenbilder“ eine New School Ep veröffentlich, mit der „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ war es reiner Metalcore - mit der „neue welt“ ist es für mich die Symbiose aus beiden. Die Kompositionen sind ausgereifter, nicht so aufgesetzt wie bei der „Hoffnung“ und nicht so „roh“ wie bei der „Ebenbilder“. Da stellt sich auch mir die Frage, was wir da als nächstes machen sollen, aber die Erfahrung hat ja gelehrt, dass weniger Nachdenken da manchmal weiterhelfen kann.

Musicscan: Gerade das Songwriting im Ganzen ist heute deutlich runder und homogener angelegt. Wie hat sich mit der Zeit denn die Arbeitsweise an neuen Songs verändert?

Narziss: Die „Ebenbilder“ haben wir alle zusammen als Band geschrieben, sozusagen Riff für Riff im Proberaum zusammen gesetzt. Kurz vor danach hat erst Alex die Band verlassen und ein Jahr später haben wir unseren zweiten Gitarristen gefeuert. Was ich damals nicht sehen wollte ist, dass ich zunächst vor einem kompositorischen Scherbenhaufen stand. Wenn Du daran gewöhnt bist, mit mehreren zu Komponieren und sollst es nun alleine, dann ist das ein enormer Einschnitt. Wir waren sehr gut aufeinander eingespielt und konnten alle Ideen den anderen sofort vorspielen. Da ich nun alleine war und wir 1 1/2 Jahre nur mit Aushilfsgitarreros zugebracht haben, musste ich erst einmal lernen, das was ich mir im Kopf schon vorstellen konnte, den anderen günstig zu verkaufen. Deswegen ärgere ich mich heute über die „Hoffnung“, weil da einfach wesentlich mehr drin gewesen wäre. Die Songs der „neuen welt“ haben wir immer wieder mit einem Vierspurrecorder aufgenommen und verbessert, bis sie einfach runder wurden. Wir haben uns nicht wie damals mit einer für uns guten Idee zufrieden gegeben, sondern wir wollten sie einfach noch besser machen.

Musicscan: Wie entstehen die Narziss Songs ganz allgemein? Kommt einer mit dem Grundgerüst und als Band arbeitet Ihr das dann im Proberaum fertig aus oder jamt Ihr eher und kommt so zu neuen Stücken?

Narziss: Inzwischen mache ich die Songs weitestgehend von der Gitarrenarbeit mit unserem Drummer zusammen fertig, dann erst beginnen wir, zusammen daran herum zu basteln. Jammen geht schon schlecht bei uns, da wir selten alle zusammen proben, meist nur zu dritt und seit unser Gitarrist Sebastian in Leipzig wohnt, auch mal zu viert. Wie gesagt, das meiste kommt heute bei uns von zu Hause.

Musicscan: Das neue Album hat klar mehr Melodie und viel mehr eingängige Parts? Wie kommts?

Narziss: Für uns ist Melodie immer ein Stück Faulheit. Da ich melodisch denke und fühle, ist es für mich wesentlich leichter eine Melodie als einen Rhythmus zu machen. Hinzu kommt unser Drummer, der gerne schnell spielt. Auf schnelle Parts kann ich besser Melodien machen als Rhythmen. Und zu guter letzt sind Melodien durch ihre Eingängigkeit nicht nur für das Publikum leichter zu behalten, so haben sich bei uns von Probe zu Probe die besten Melodien durchgesetzt.

Musicscan: Darüber hinaus würde ich den Songs auch einen sehr modernen Touch zusprechen. Nehmt Ihr den an?

Narziss: Das kommt darauf an, was Du unter modern verstehst. Sie sind nicht so skuril, dass man sie erst in zwanzig Jahren verstehen wird und sie sind, wie Du schon erwähnt hast, sehr melodisch. Da das weithin heute als modern gilt(zumindest bei mir), nehmen wir an.

Musicscan: "Neue Welt" hat eine gute Produktion und Ordentlich Druck. Gerade daran fehlt es vielen Releases im MetalCore-Segment. Habt Ihr auch aus diesem Grund wieder aufs Rape Of Harmonies gesetzt?

Narziss: Das ist nur teilweise richtig. Wir haben zwar im Rape Of Harmonies aufgenommen, aber im Antfarm mixen lassen. Da der Drumsound extrem für die Aggressivität der Aufnahme verantwortlich ist, habe wir uns entschieden, mal woanders einen Mix auszuprobieren. Und von dort haben wir auch Anregungen erhalten, im Aufnahmeverfahren etwas anders vorzugehen, die Bassdrum entgegen der Metalgewohnheit nur wenig zu triggern, etc. Natürlich kann uns keiner einen Patrick W. Engel bieten, weswegen wir wohl kaum je woanders aufnehmen werden. Dennoch ist es unheimlich wichtig, mal wenigstens mixtechnisch fremd zu gehen.

Musicscan: Überrascht es Euch eigentlich noch, dass man als deutsche Band mit deutschsprachigen Texten immer Anerkennung dafür bekommt? Liegt das daran, dass zu viele Bands, die das versuchen, zu ungelenkt klingen?

Narziss: MMhhhmm, immer Anerkennung dafür haben wir ja nicht und hatten es auch nicht. Für viele in Deutschland fällt das weghören schwer, im Ausland das hinhören. Im deutschsprachigen Raum geraten wir schneller in die Kritik, da die Leute mehr versuchen, die Texte zu verstehen, was nicht immer gelingt. Aber es ist m.E. nach enorm schwierig, gute deutsche Texte zu machen. Die Gradwanderung zwischen Student und Proll ist vorprogrammiert. Man muss zwecks der Gesanglichkeit ab und zu den Satzbau ins Lyrische drehen, dann wird man als Student diffamiert, als unfortschrittlich oder Möchtegern. Versuchst Du es gerade raus, ohne Metaphern etc, bist Du flach. Es ist bei jedem neuen Text eine neue Herausforderung und eine Fahrt ins Ungewisse.

Musicscan: Mit welcher Einstellung geht Ihr ganz allgemein an Narziss und alles drum herum?

Narziss: Zunächst sind wir überrascht, überhaupt „soweit“ gekommen zu sein. Da wir mit dem Album zufrieden sind, wollen wir nun alles dafür tun, das wir nicht an diesem Punkt stehen bleiben. Wir machen also weiter wie bisher. Bei uns hat eigentlich jeder nur das eine Hobby, bis jetzt hat jeder für die Band sein Unmögliches möglich gemacht und so sollte das auch bleiben. Zwar haben wir jetzt schon wieder begonnen, neue Songs zu schreiben, doch wollen wir erstmal viel spielen, damit alle anderen auch was von der „neuen Welt“ haben. J

Musicscan: Habt Ihr so etwas wie eine große Vision, die Ihr mit Narziss verwirklichen wollt? Wie lässt sich die in Worte fassen?

Narziss: Solange als möglich zusammen Musik machen und Live spielen, ohne das es lächerlich aussieht und dann rechtzeitig die Kurve bekommen und aussteigen! Wollen wir hoffen, dass das noch lange hin ist.

Musicscan: Letzte Worte, noch etwas, das Ihr loswerden wollt?

Narziss: Vielen Dank für Deine Mühe, das hilft immer enorm, mal über die Band zu reflektieren J Konzerte besuchen und nicht immer nur rumstehen, sondern abgehen - auch bei der ersten Band.

 
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