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Minus

Storie von: arne, am 30.05.2004 ]

“I want the attention…” wird einem im zehnten Track (’I Go Vertigo’) des aktuellen minus- Lonplayers "Halldor Laxness" entgegen geschrieen. Das scheint den Isländern Programm zu sein und Aufmerksamkeit muss man diesem verqueren Quintett aus Reykjavik wirklich widmen.

 
Hier gibt es keine weitere 0815-Band im modernen Heavy-Sektor, sondern eine ungewöhnliche, leicht sperrige und verdammt intensive Rock-Kombo, die selbst nicht davor zurück schreckt, die alten Klischees von Sex, Drugs und Rock’n’Roll neu zu beleben, sie zu leben. Kleinere Eskapaden und Exzesse begleiten den Weg der Isländer, deren ungestümer Rock, verbunden mit die obligatorischen, wilden Posen, so kraftvoll und unglaublich frisch klingt.

"Halldor Laxness"

minus waren schon immer gut, doch mit ihrem Drittwerk "Halldor Laxness" haben sie sich selbst übertroffen. Ganz nebenbei erfinden sich die Isländer darauf zwanglos neu. War der Fünfer in der Vergangenheit eher in der Tradition von Refused und noisig-abgedrehten Chaos-Kombos zu sehen, ist er heute längst aus deren Dunstkreis getreten. minus haben sich ihr ganz eigenes Post-Universum entwickelt, in dem sie frech und versiert zwischen Hardcore, Punk, Metal, Rock, Grunge, Experimentals und Wüstenrock agieren. Jederzeit überzeugend und schön heavy, entwickeln sich breit und vielschichtig angelegte Stücke, die zwischendurch ordentlich Gas geben und ab und an in abgedrehten Noise-Parts münden. Klasse.

Den Spagat zwischen eingängigen, seichteren Passagen und kompromissloseren, anspruchsvolleren nimmt "Halldor Laxness" problemlos. Trotz ordentlichem Krach und teils unkonventioneller Ideen bleiben die Kompositionen jederzeit nachvollziehbar. Einen gewissen manischen Pop-Appeal bringt zudem der Gesang mit, denn oftmals an vergangene Grunge-Tage (Alice In Chains) erinnert. Kategorisieren kann man den dynamischen minus- Cocktail nur schwer, kommen einem beim Hören doch so gegensätzliche Größen wie Dredg, Cave In, Converge, The Doors, Queens of the Stone Age, Foo Fighters, Deftones, Nirvana, Fugazi oder Kyuss in den Sinn. At The Drive-In scheinen in punkto Intensität als Referenz auch recht brauchbar.

Touralltag

Zu meinem Interview-Termin im Berliner Magnet-Club begab ich mich mit gemischten Gefühlen, hatte ich doch im Vorfeld von teils katastrophalen Interview-Versuchen anderer Kollegen gehört, die den minus-Jungs kaum Statements heraus kitzeln konnten. Ich hingegen traf auf einen gut gelaunten und sehr auskunftsfreudigen Gitarristen Frosti, der sich überglücklich zeigte, endlich wieder in Deutschland touren zu können. Minus kamen gerade von einer „ziemlich harten und ernüchternden“ UK-Tour zu uns und waren von der durchweg positiven Resonanz und den gut besuchten Gigs angenehm überrascht: „Die Gigs hier in Deutschland sind die besten, die wir jemals hatten. Das ist keine Übertreibung und nach den schlechten Shows in England baut uns das ungemein auf. Wir waren schon einmal für drei Gigs im Vorprogramm der Distillers hier, aber das kann man mit der jetzigen Headliner-Tour nicht vergleichen. Natürlich war das für uns eine tolle Erfahrung, aber diesmal sind ganz auf uns allein gestellt. Und es läuft toll; die Deutschen scheinen wirklich auf uns abzufahren; wir scheinen gut etabliert zu sein. Alles läuft fantastisch und wir sind überglücklich.“

Nach dem eigentlichen Interview stellte sich heraus, dass der Gitarrist auch fließend deutsch spricht, hat er es doch drei lange Jahre in der Schule gelernt, und ernsthaft mit dem Gedanken spielt, für einen gewissen Zeitraum nach Deutschland zu ziehen, weil er vom Land und der Kultur so beeindruckt ist. Die nötige Freiheit zu diesem Schritt hätte er.

Labelsituation

Treuen Fans der Band ist sicherlich aufgefallen, dass "Halldor Laxness" bereits seit Juni letzten Jahres als Import zu haben war und in den Staaten erneut auf Victory erschien. Erst im April 2004 erschien das Album ganz offiziell in Europa und das über Sony Music. Die derzeitige Labelsituation der Isländer verlangte also zwingend nach Klärung: „Du hast recht, was hier kürzlich erschienen ist, markiert das Re-Release mit neuem Artwork und vier Bonus-Videos. Die Platte gab es wirklich schon im letzten Jahr, aber hier in Deutschland wohl nur als Island-Import. Irgendwann


nach dem Release kam der Sony-Deal zustande und deshalb ist "Halldor Laxness" nun ein zweites Mal da.“

Konkreter werden wollte (oder konnte) Frosti in bezug auf Sony nicht werden, brachte aber doch eine interessante Erklärung für den Deal: „Wie genau das zu Stande kam, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Eines Tages kam unser Manager mit dem Angebot. Ich glaube, es war wirklich Sony, die bei uns angefragt haben. Das ist für uns natürlich eine große Ehre. Vielleicht brauchen sie gerade hier in Deutschland eine richtige Rock-Band. Was die Lost Prophets treiben, ist ja kein richtiger Rock. Wir geben Europa nun den Rock’n’Roll, den es braucht.“ An Selbstbewusstsein mangelt es den Isländern aufgrund der anhaltenden Erfolgsstory nicht, richtig erkannt. Auch der Victory-Deal fällt in die Kategorie „komische Geschichte.“ Tony Victory hinterließ, nachdem er das zweite Album von minus gehört hatte, einen Eintrag im Gästebuch der Bandpage und wenig später, nach erfolgreicher Kontaktaufnahme, war “Jesus Christ Bobby“ auf dem Chicagoer Szene-Riesen neu aufgelegt und minus plötzlich in aller Munde. So einfach ist es manchmal.

Free Rock’n’Roll

Großen Zielen gehen die fünf Musiker mit minus nicht nach, vielmehr wollen sie sich „lediglich“ selbst verwirklichen. Darüber hinaus verfolgt die Band keinen höheren Anspruch. Frosti ließ durchblicken, dass minus inzwischen gut von ihrer Musik leben können und dass man auf dieser Grundlage so lange wie möglich weiter arbeiten werde: „Wir wollen einfach großen Rock-Sound spielen, darum geht es uns. Damit wollen wir natürlich so viele Leute wie möglich erreichen und, sofern möglich, um die ganze Welt touren. Unser Rock soll heftig und explosiv sein, an diesem Ziel orientieren wir uns.“ Natürlich profitieren minus dabei vom anhaltenden Rock-Boom, dessen sie sich auch bewusst sind:

„Das hat gute und schlechte Seiten und entwickelt sich in Zyklen. Derzeit ist Rock wieder richtig angesagt und das gefällt mir. Natürlich gibt es neben den guten Bands auch einen Haufen Trittbrettfahrer, aber die verschwinden bald wieder und setzen sich nicht durch.“ Angst, bei schwindendem Erfolg oder dem Abflauen der Rock-Welle von Sony gedroppt zu werden, haben die Isländer nicht: „Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns nicht. Wir gehen unseren Weg weiter und werden nicht zerbrechen, wenn der Plattenvertrag wieder gelöst würde. Auch früher waren wir ohne Deal, damit können wir umgehen.“

Vielseitiger Background

In bezug auf die vielschichtigen und breit angelegten minus-Songs wird eher selten von einer, in meinen Augen, stets latent mitschwingenden Grunge-Edge gesprochen, dabei ist diese doch eigentlich überdeutlich. Das hat nicht allein in bezug auf den Gesang Gültigkeit, der oftmals an den begnadeten Layne Staley erinnert: „Unbedingt, Alice In Chains waren brillant, wie auch die ganzen Seattle- Bands: Pearl Jam, Nirvana usw. In meinen Teenager-Tagen habe ich bestimmt ein Jahr lang nichts anderes als Nirvana gehört und in einer Nirvana- Cover-Band gespielt. Ich habe nichts anderes gehört und nichts anderes gespielt. Das hat natürlich auch nachhaltigen Einfluss auf minus hinterlassen.“

Die metallischere Schwere der heutigen Kompositionen und die technische Komplexität resultiert jedoch aus einem anderen Abschnitt Frosti’s Jugend: „Ich hatte auch eine sehr intensive Death Metal Phase. Aus dieser habe ich meine Fähigkeiten mitgenommen, schwere Riffs zu schreiben und heavigen Sound kreieren zu können. Davon profitieren wir heute stark, denn wir wollen ja möglichst heavy klingen. Wir geben mit minus unser ganzes Herzblut und das hört man auch, denke ich. Nur so funktioniert es schließlich. Alle fünf Mitglieder der Band haben verschiedene Einflüsse und die einzigen Überschneidungen sind Bands wie AC/DC, Guns n’Roses und Led Zepplin. Kyuss und Queens Of The Stone Age sind auch großartig. Das ist die Ecke, aus der wir kommen. Wie auch AC/DC spielen heftigen Rock’n’Roll.“

 
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