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Grupo Salvaje

Interview von: Matthias Rauch und Claudia Eichler mit Oscar, Ernesto und Pepe, am: 01.03.2004 ]

Grupo Salvaje machen eigentlich gar keine Musik, die ihrem Namen entspricht, der übrigens soviel heißt wie die Wilden. Vielmehr zieht sich die Band aus Madrid in ruhigere und atmosphärisch dichte musikalische Winkel zurück, wo sonst nur Menschen wie Johnny Cash, Nick Cave, Midnight Choir oder Calexico anzutreffen sind. Dabei gelingt es der Band immer wieder, ihre Einflüsse in einen spanischen Zusammenhang zu setzen und damit etwas ungemein Faszinierendes zu schaffen. Wir sprachen mit den äußerst sympathischen Oscar, Ernesto und Pepe über das Leben in Madrid, ihre musikalische Sozialisation und den Einfluss auf ihre Musik.

 

Musicscan: Erzählt mal ein bisschen über die Anfangszeit von Grupo Salvaje, wie ihr euch kennengelernt habt und über die ersten Schritte.

Grupo Salvaje: Oscar: Wir haben uns alle schon vorher gekannt. Wir haben alle in Bands gespielt, die sich aus dem einen oder anderen Grund auflösten, und da haben wir angefangen uns ab und zu zu treffen und ein bisschen zu jammen. Ernesto hatte ein paar Songs, die haben wir dann gespielt und eine Weile später hatten wir auf einmal In Black We Trust.

Musicscan: Was sind eure wichtigsten Einflüsse? Hört ihr alle mehr oder weniger die gleiche Musik oder kommt ihr aus verschiedenen Ecken?

Grupo Salvaje: Oscar: Obwohl es nicht so aussieht, sind wir ziemlich unterschiedich was den Musikgeschmack angeht, aber in vielen Dingen treffen wir dann wieder zusammen, vor allem darin, dass wir lieber angloamerikanische Musik mögen. Aber darüber hinaus könnte ich jetzt noch zig Seiten schreiben, was jedem einzelnen von uns so gefällt.
Ernesto: Im großen und ganzen definiert uns ganz allgemein Rock - von Elvis bis Pink Floyd - und auch Filmmusik färbt auf uns ab - Lalo Schifrin, John Barry, Mancini, Nino Rota etc. Ansonsten hören wir überhaupt nicht dieselbe Musik. Das einzige, was ich in dieser Hinsicht sagen kann, ist dass wir weder Heavy Metal hören - aber schon Hard Rock á la Black Sabbath oder Led Zeppelin - noch Elektronikzeug, was so in Clubs gespielt wird.
Pepe: Ich glaube nicht, dass wir so verschieden sind, die guten Sachen gefallen uns allen. Es stimmt schon, dass es Unterschiede gibt - zum Beispiel kann Ernesto The Jayhawks nicht haben und ich finde sie super - aber wir tauschen uns ja auch ständig aus ("Habt ihr die Platte gehört, die ist echt geil, ich geb sie dir mal..."), so dass sich die Geschmäcker angleichen.

Musicscan: Glaubt ihr, eure Musik wäre anders, wenn ihr nicht aus Madrid wärt? Was gefällt euch am besten und am wenigsten an Madrid?

Grupo Salvaje: Oscar: Keineswegs. In Madrid kann man genau die gleiche Musik hören wie an jedem anderen Ort, außer vielleicht dass der Zugang zur Musik etwas schwieriger ist, genauso wie mit der Musik professionell zu werden, aber das Internet erleichtert da heute vieles. Ich meine, dass du jede Art von Musik hören kannst und die Musik, die man macht, steht immer mit dem in Verbindung, was man gehört hat. Madrid ist eine große Stadt. Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben, aber in den letzten Jahren ist kulturell viel kaputtgegangen. Es gibt immer weniger Konzerte, für die sich nicht so viele Leute interessieren, weil die Stadtverwaltung nur massentaugliche, kommerzielle kulturelle Events unterstützt. Ich hoffe, dass sich das ändert und Madrid wieder vibriert wie früher.
Ernesto: Unsere Musik wäre sicher anders, wenn wir nicht aus Madrid kämen. Das geographische Umfeld bestimmt alles, die Musik nicht ausgeschlossen. Madrid ist eine schreckliche, entwurzelte Stadt. Wie in jeder Metropole gibt es Leute von überall her, aber es kommt zu keiner kulturellen Synergie. Jede Gruppe behütet ihre Tradition und Kultur. Außerdem werden wir seit langem auf lokaler, regionaler und staatlicher Ebene von Faschisten regiert, so dass ich das Gefühl habe, dass ich von ihnen umgeben bin. Vielleicht bin ich da paranoid, aber man beobachtet das eben schon ziemlich lange.
Pepe: Bis zu einem gewissen Grad sehe ich das wie Ernesto, also dass deine Stadt, in der du aufgewachsen bist, einen großen Einfluss auf dich hat. Aber andererseits wäre ich wahrscheinlich an einem anderen Ort gegen genau dieselben Sachen wie in Madrid, mich würden dieselben Personen ankotzen, die mich jetzt ankotzen. Und das würde sich darin widerspiegeln, was ich tue und wie ich lebe. Ich muss zustimmen, dass Madrid im Moment langweilig, düster und politisch veraltet ist.

Musicscan: Die Platte wirkt ziemlich düster und schwer. Wie kommt das? Seid ihr allgemein eher nachdenklich?

Grupo Salvaje: Oscar: Mir haben schon immer vor allem Platten mit so einer Stimmung gefallen. Ich weiß nicht warum, sie haben für mich irgendwie einen besonderen Reiz. Vielleicht fühle ich mich deshalb so wohl bei Grupo Salvaje. Es ist einfach so, dass man die Themen der Songs auf der Platte und überhaupt das, worum es bei Grupo Salvaje geht, auf so eine düstere und schwere Art behandeln muss.
Ernesto: Vielleicht ist es nur ein Versuch, dass man uns ernst nimmt.
Pepe: Wenn du mit nachdenklich kritisch meinst, dann sind wir das auf jeden Fall. Gewisse Menschen haben aufgrund ihrer Möglichkeiten oder Fähigkeiten die Aufgabe zu kritisieren, was sie im Leben bewegt, sei es durch Musik, Literatur, Kino etc.

Musicscan: Ich habe das Gefühl, dass in letzter Zeit sehr viele gute Bands aus Spanien kommen und es dort eine lebendige und abwechslungsreiche Musikszene gibt. Wie seht ihr das? Hat das bestimmte Gründe?

Grupo Salvaje: Oscar: Es gibt bessere Bands als je zuvor, aber gleichzeitig ist die Szene halb ausgestorben. Ich war vor kurzem bei einer Show von Big City aus Zaragoza, eine echt coole Band, aber in Madrid waren gerade mal 15 Leute da, Freunde der Band mitgerechnet. Das ist sehr traurig, vor allem wenn der Eintritt 5 Euro kostet inklusive Bier. Die sind extra nach Madrid gekommen und haben bestimmt auch noch Geld verloren... Anfang der 90er gab es massig Indiemusik und es sah so aus, als würde sich was ändern, aber ich glaube, das war nur eine Modeerscheinung. Dann nahm jede Band, die einigermaßen etwas hermachte, eine Platte auf, wodurch es natürlich viele mittelmäßige Bands gab. Jetzt ist das Niveau gestiegen, auch weil die Leute mehr Musik hören. Warum? Ich glaube, dass der Boom der 90er, der durch solche Bands wie Nirvana ausgelöst wurde, vielen Leuten die Tür geöffnet hat zu Musik, die sie vorher gar nicht hören konnten. Wenn man dann noch den Aufstieg des Internet dazunimmt, kriegt man Leute, die viel reicher an musikalischen Einflüssen sind und überhaupt kulturell versierter, und das merkt man.
Ernesto: Ich finde das nicht. Ich finde, eigentlich aufgeblüht ist die Musikszene in Spanien Anfang der 90er. Jetzt befinden wir uns in einer Übergangsphase und wir werden schon sehen, was uns erwartet. Der Ausblick ist nicht sehr vielversprechend. Die Verkaufslisten und die der Radiosender sidn immernoch voller Scheiße, und die Bands, die eher underground sind, sehen das und wünschen es sich, um weitermachen zu können.
Pepe: Es ist halt wie überall, es gibt viel mehr Scheiße als Gold, aber damit man das Gold schätzen kann, braucht es Scheiße im Überfluss.

Musicscan: Wie sahen eure ersten Begegnungen mit der Musik aus?

Grupo Salvaje: Oscar: Meine erste Erinnerung sind die Pekenikes, eine spanische Instrumentalgruppe aus den 60/70ern. Der Schlagzeuger war ein guter Freund meines Vaters und er hat das ständig zuhause aufgelegt und mich zu Konzerten mitgenommen. Ich habe wirklich das große Glück gehabt, dass bei mir zuhause die Leidenschaft für die Musik gelebt wurde. Dadurch habe ich angefangen, mich für Musik zu interessieren.
Ernesto: Ich habe ohne Unterlass ein Lied von Jorge Cafrune gesungen, das "Porque no engraso los ejes" hieß oder so ähnlich. Da war ich drei. Das ist meine primitivste Erinnerung.
Pepe: Das erste Mal, dass ich mich ernsthaft als Musiker versucht habe, war als ich mit 13 mit meinem Freund Dani Lieder auf dem Atari gemacht habe. Was die Musik angeht, ist meine liebste Erinnerung eine Single von Marisol, die mir mein Vater geschenkt hat, als ich so 5 oder 6 war, und die ich bis zum Abwinken gehört habe (ich habe sie immer noch).

Musicscan: Was inspiriert euch im normalen Leben außer Musik und Kunst?

Grupo Salvaje: Oscar: Mir gefällt deine Frage. Auf einem bestimmten Level, wenn man im näheren Umkreis bleibt, bin ich ein glücklicher Typ, da inspiriert mich fast alles, meine Freunde, ein Satz von einer alten Person, das Lächeln eines Mädchens auf der Straße, die Dächer von Madrid...
Wenn wir das auf die globale Ebene ausweiten, inspiriert mich eigentlich nichts, eher im Gegenteil. Die Situtation, auf die sich die Welt zubewegt, wird immer unerträglicher und das nimmt mir die Lust an allem. Deshalb lasse ich mich lieber von den schönen Kleinigkeiten inspiriern, die jeder Tag hat, und für die ich jeden Morgen aufstehe.
Ernesto: Meine Freundin, Ana.
Pepe: Absolut alles, was passiert, was passiert ist, was man macht und gemacht hat. Und natürlich, die Leute, mit denen man zu tun hat, redet, diskutiert.

Musicscan: Willst du wenn möglich deine Leben lang Musik machen oder hast du andere Pläne und Wünsche für wenn du älter bist?

Grupo Salvaje: Oscar: Ich kann dir versichern, dass ich mein Leben lang Musik machen will, unabhängig davon, was ich sonst noch mache oder was meine Arbeit ist. Zur Zeit mache ich beruflich zum Beispiel etwas anderes, ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Fernsehregisseur, aber die Musik begleitet mich immer, mir gefällt diese kreative Facette, die mein Job nicht hat.
Ernesto: Ich würde sehr gern immer Musik machen, aber das ist im Moment nicht möglich, und wenn ich ehrlich bin, glaube ich, das wird es nie sein. Mein Plan ist es, zuhause zu arbeiten und so schnell wie möglich in den Ruhestand zu gehen, um in Frieden zu leben.
Pepe: Ich weiß ganz sicher, dass ich mein Leben lang Musik machen werde. Es ist eine andere Frage, ob diese Musik eines Tages außerhalb meines Umkreises gespielt werden wird oder ob ich mich darauf beschränken werde, daheim zu spielen und für meine Freunde zu komponieren.

Musicscan: Wie sehen eure Pläne mit Grupo Salvaje für die nähere Zukunft aus?

Grupo Salvaje: Oscar: Also zuerst mal die Tour zur Platte. Und danach weiterproben, neue Stücke schreiben und sie vielleicht in einer zweiten LP präsentieren.
Pepe: Die Massen revolutionieren.

 
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