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A Case Of Grenada - Tourtagebuch

Storie von: Steffen Eisentraut, am 07.02.2004 ]

Mit Sicherheit habt Ihr Euch alle gefragt, was A CASE OF GRENADA auf ihrer England Promo-Tour vom 08.- 17.01.04 erlebt haben. Im Tour-Tagebuch von Steffen Eisentraut könnt Ihr das nun nachlesen. Ihr erinnert Euch doch an A CASE OF GRENADA, das war diese junge Band auf Redfield Records, die mit ihrem ungestümen Stil zwischen Hardcore/ Screamo/ Chaos und NoiseCore ohne Ende rockte.

 
07.01.: Die Abfahrt
„Ok, sei so um 14 Uhr hier, dann können wir ganz locker Sachen einladen und abstarten. Unsere Fähre setzt erst um Viertel vor Zwölf über. Das wird ganz lässig.“ Welche Trugschlüsse hinter so wenigen Sätzen stecken können, ist irgendwie nicht ganz so locker und lässig, wie wir alle noch erfahren sollten. Dass man auf den letzten Drücker noch duscht und die Freundin noch ein paar saubere Unterhosen bringen lässt, kann man bei 90% der Menschheit als genetischen Makel abtun. Nicht weiter schlimm und durchaus in den Zeitplan mit einzurechnen. Dass man anschließend für Proberaum-Schlüssel 50 km Umweg fahren muss, und so bei ALDI zur Sturm- und Drangzeit Alkohol und Zigarettenversorgung sichern will, ist eine Aneinanderreihung kleiner individueller Organisationsfehler und unter R wie „Rockmusiker“ als bezeichnendes Charakteristikum nachzulesen. Um ca. 17 Uhr überschreitet der Tour-Tross erstmals die Siegerländer Grenze. Applaus. Ziel ist die französische Hafenstadt Calais, wo oben erwähnte Fähre auf uns wartet. Die feucht-fröhliche Reise nimmt ihren Lauf und schon steht unser Luxus-Sprinter beim Check In. Was sich hier nun abspielt, hat sich den Namen „Drama“ redlich verdient. Der freundliche und kompetente Mann im Glashäuschen sieht sich den türkischen Reisepass des Bassisten Acun außergewöhnlich lange an und weist uns dezent darauf hin, dass kein Visum vorliegt und somit die Einreise unmöglich ist. Auch die Erklärungsversuche von Flo (Gesang/Gitarre), dass man es hier doch bloß mit einer kleinen, harmlosen Band zu tun hat, werden sachlich-abgeklärt mit einem Satz abgeschmettert:„You all can go to England (Fingerzeig auf den Rest der Band), but not Monsieur (Fingerzeig auf den verzweifelten Acun)“. Weiterer Wehrmutstropfen: Gitarrist Thomas’ Geburtstag um 00 Uhr wird nicht wirklich euphorisch aufgenommen. Wenigstens wissen wir jetzt, dass die Türkei das Schengen-Abkommen nicht unterzeichnet hat; politische Bildung kommt hier nicht zu kurz. Nun wird dieser Vorfall auch für Andere zum Drama, werden doch in der gleichen Nacht Leute vom deutschen Label (Redfield Records), vom englischen Label (Lockjaw Records), sowie diverse Freunde aus dem Schlaf geklingelt („Ey Alter, sorry, kannst du uns die Nummer von der englischen Botschaft in Paris bei der Auskunft besorgen? Wir haben hier echt ’n fettes Problem…“).

08.01.
Es bringt alles nichts. Die Heimkehr am nächsten Morgen treibt allen Beteiligten sichtbar die Frustfalten auf die Stirn. Der Traum der ersten England-Tour geplatzt. Dann wieder ein Handy. Thomas geht dran. Wieder mal Redfield Records. Bestimmt wegen den Kosten für den Mietwagen. Dann erhellt sich die Miene von Thomas. Plötzlich nur noch Jubelschreie, ungezügelte Luftsprünge und Männer, die sich in den Armen liegen. Kai, der Labelchef hat doch noch eine Lösung aus dem Ärmel geschüttelt. Acun kann sich mit etwas Glück und ca. 1.357 verschiedenen Dokumenten auf der britischen Botschaft in Düsseldorf ein Visum besorgen. Also doch noch nicht alles vorbei. Die ersten beiden Shows fallen halt aus, es gibt schlimmeres im Leben. Den Blick nach vorne, mit erhobenen Hauptes und neuem Mut wird die englische Festung letzten Endes doch gestürmt… Wenige Stunden später.

Nach den enormen Irrungen und Wirrungen der letzten Stunden erstmal locker machen im Hause des Redfield-Oberhäuptlings Kai im beschaulichen Haan bei Düsseldorf. Einen gesunden Salat und zwei Bier später ab in die Falle, denn am nächsten Tag steht die große Entscheidung ins Haus. Wird es dem Halbling Acun gelingen, die Behörden von Mordor zu überwinden und erfolgreich aus dem Schicksalsberg der britischen Botschaft zurückzukehren?

09.01.: Die Abfahrt (2. Versuch)
8 Uhr morgens. Warten vor den tristen Amtsmauern in Düsseldorf. --- 10 Uhr. Das Warten verwandelt sich in nervtötendes Hoffen und Bangen. --- 11 Uhr. Die Nerven liegen blank, der Angstschweiß in der Luft. Keiner spricht mehr, die Ungewissheit ist greifbar. --- 11.15 Uhr. Acun kommt raus. Er lächelt. Der letzte Zweifel begraben. Die Story kann weiter geschrieben werden…
Nachdem uns auch die bösen Männer vom Zoll ohne Beanstandungen durchgelassen haben, kommen wir um ca 23 Uhr im Heimatort des englischen Labels Lockjaw Records an: Worcester (auf urigem englischen Dialekt gesprochen: Wösstr, oder so ähnlich; Hauptsache, man verschluckt so viel wie möglich vom Wort). Wir übernachten bei Ben, der nicht nur bei besagtem Label arbeitet, sondern überraschenderweise auch bei Tribute To Nothing in die Felle haut.

10.01.: Hartlepool/ The Studio
Heute soll es also endlich soweit sein. Die erste Show auf englischem Mutterboden in einem englischen Club vor englischem Publikum. Geil. Mittags lernen wir, was es heißt, in England Hunger zu haben. Der erste Kontakt mit einheimischen Essen ist ab nun unvermeidbar. Ein von Teufelshand gemachtes Teiggebäck, gefüllt mit allerhand Sauereien, namens Pasty, scheint auf den ersten Blick bzw. Biss als perfekter Sattmacher geeignet. Und das für nur 1,50 Pfund. Guter Deal. Eine halbe Stunde später schwindet die Freude über die erlangte preisgünstige Magenfüllung und weicht einem unvergleichbarem, tonnenschwerem Völlegefühl, welches sich über die gesamte (4-stündige!) Hinfahrt nach Hartlepool zieht. Was haben die bloß darein gemischt? Beton?! Pasty, auch besser bekannt als Mephisto-Burger oder schlicht als Wolf im Teigpelz.
Die Location „The Studio“ war früher eine kleine, niedliche Baptisten-Kirche und sieht von außen fast schon zu unschuldig für harte Musik aus. Als erste Band spielt „Exitbyname“, die mich mit ihren New-Metal Riffs und Herz-Schmerz Gesangsmelodien nicht vollkommen vom Hocker reißen. Danach kommen dann unsere Jungs dran. Die Ausgangsvoraussetzungen könnten besser sein; es befinden sich vielleicht 40 Leute im Club, und es sieht nicht danach aus, als hätten diese Lust, sich von ihren Barhockern loszueisen. Egal, Bühne geentert, Amps angeschmissen, und ab dafür. Schon nach dem ersten Song merkt man dem Applaus der Zuschauer an, dass das Gehörte zu gefallen weiß. Der Sound ist gut und man merkt den Jungs an ihrer Bühnenshow an, dass sie heiß sind. Zur Spielfreude trägt wahrscheinlich auch der Geburtstag von Acun bei, der nach dem ganzen Stress um seine Person endlich mal gelöst abrocken kann. Nach jedem Lied steigt der Sympathiewert im Publikum; zwei Leute entjungfern gar den Dancefloor und tanzen den ACOG-Tango. Kein schlechter Auftakt… Als Headliner spielen „Cubic Space Division“, eine relativ neue Formation, in der der ehemalige Bassist von Earthtone9 spielt. Gespielt wird ein bombastisches Set aus groovenden Heavy-Parts und hypnotisch mitreißenden Riffs, garniert mit abwechselnd sehr bösen Screams und warmen Gesangsmelodien. Eine wahre Gefühlsachterbahn und sehr zu empfehlen.
Übernachten tun wir diesmal bei oben genannten zwei Dancefloor-Stürmern, wahrscheinlich aufgrund Flo’s sehr ausgeprägtem rhetorischem Geschick (oder doch Sex-Appeal, hehe...). Die Nacht ist erholsam und der Morgen beginnt äußerst relaxt mit Tee und Dusche. So kann’s weitergehen!

11.01.: Doncaster/ The Leopard
Auch hier ein ähnliches Bild wie in Hartlepool tags zuvor. Ca. 50 Leute tummeln sich im Obergeschoss des kleinen englischen Pubs „The Leopard“ und wieder macht es den Anschein, als wäre bei 2,7 Promille Fußball gucken und (versuchen) Billard zu spielen wichtiger, als den dargebotenen Klängen zu lauschen. Den Namen der ersten Band weiß ich leider nicht mehr, aber da es sich hier um ein gnadenlos schlechtes Placebo-Plagiat inklusive geschminktem Frontmann handelt, ist dies auch nicht weiter schlimm. Doch das soll leider nicht das einzige Ärgernis an diesem Abend bleiben. Der Mann hinterm Mischpult schafft es, den druckvollen Sound von ACOG in einen Soundbrei sondergleichen zu verwandeln. Nun ja, das Publikum zeigte sich trotzdem angetan und so wurde meine Wenigkeit als Merchandising-Boy wiederum unzählige Male aufgesucht. Geld für noch mehr Pasties…mmmhh.
Einzig und allein Cubic Space Division ist es zu verdanken, dass dann doch der ein oder andere angenehme Schauer über den Rücken läuft und der Abend mit Würde beendet wird. Ich muss noch einmal hervorheben, dass die Jungs nicht nur privat sehr nette Menschen sind, sondern musikalische Klangbilder entwerfen, die einen mit auf Reise nehmen und nicht mehr loslassen wollen. Noch ein Geheimtipp, also schnell anchecken!

12.01.: Glasgow/ 13th Note
Der Weg nach Schottland offenbart wunderschöne Landschaften: unendlich scheinende Landstrassen, zur Seite grüne Wiesen und Wälder und als Kontrast der kristallblaue Himmel. Natur-Poesie hin oder her; auf jeden Fall ist die Vorfreude aufs Land der „Bravehearts“ bei allen riesengroß. Immerhin wird heute die größte Stadt des Tourplans gespielt! Glasgow entpuppt sich als unüberschaubarer Großstadtdschungel mit tausenden von Einbahnstrassen und Kreisverkehren, die dem temporären Bus-Fahrer Thomas das Leben ziemlich schwer machen. Selbst Passanten können keine seriösen Angaben über die Lage des Clubs oder gar der erfragten Strasse machen…na toll. Nach unzähligen Versuchen tritt irgendwann doch der gewünschte Erfolg ein und man betritt mit einstündiger Verspätung die Pforten zum „!3th Note“. Der Laden hat definitiv Stil. Oben geschmackvoll eingerichteter Pub mit abgetrenntem Restaurant-Bereich und unten der undergroundige Konzert-Keller mit niedriger Decke und Fassungsvermögen für gerade 100 Leute. Auch beim Thema Verpflegung zeigt man sich extrem entgegenkommend und widerlegt das Vorurteil vom schottischen Sparzwang. Das macht Lust auf mehr…

Nach kurzer Zeit ist der Raum gefüllt und „This Familiar Smile“ starten den Abend. Die schottische Band ist erst zwischen 15 und 19 Jahren alt und präsentiert sich dafür verdammt reif und eingespielt. Die Jungs geben als musikalische Vorbilder At the drive-in und Thursday an, was in der heutigen Zeit nicht unbedingt ungewöhnlich erscheint. Das die Inspirationen aber dermaßen gekonnt verarbeitet und weitergedacht werden, ist für dieses Alter schon sehr beachtlich. Das Demo hab ich mir mal unter den Nagel gerissen, man weiß ja nie! Der eigene Fanclub ist auch mit angereist und die Stimmung erhitzt sich zusehends.
Dann kommen „Oh my logic“ an die Reihe und können das vorgelegte Niveau musikalisch wie auch stimmungsmäßig halten. Spannungsgeladener Emo-Rock mit hohem Ohrwurmfaktor bringen so manch weibliches Schottenherz zum höher schlagen und den daneben stehenden Freund zum neidischen Blick.

Können ACOG da noch einen draufsetzen? Die Antwort ist ganz klar mit „Hell yeah!!!“ zu beantworten. Auch ohne Heimvorteil erspielen sich Flo, Thomas, Acun und Michael alle Sympathien, die man nach zwei hervorragenden Vorbands noch kriegen kann. Schon nach wenigen Tönen tobt der Mob und schnell wird klar, dass heute der vorläufige Höhepunkt der Tour gefeiert werden kann. Wo man hinblickt, allen Anwesenden scheint ein Grinsen im Gesicht festgetackert zu sein! So werden an diesem Abend Sprachbarrieren abgebaut und viele neue Bekanntschaften geschlossen J Auch die Zugabe am Schluss, welche unter frenetischem Applaus eingefordert wird, belegt noch einmal die super Atmosphäre an diesem Abend.
Schlafplätze, wie könnte es auch anders sein, werden ebenfalls zur Verfügung gestellt und so verbringt man die Nacht bei Kevin, dem Promoter der Show. Ein unvergesslicher Abend rundet sich in gemütlicher Runde ab und so manch einem wird klar geworden sein, warum das Leben manchmal so lebenswert ist.

13.01.: Boston/ Axe and Cleaver
Eine Tour hat Höhen und Tiefen. Angefangen bei der eigenen Laune, der Stimmung innerhalb der Band bis hin zu den verschiedenen Ansichten der Clubs bzw. Promoter, wie man eine Band behandelt oder den Reaktionen der Zuhörerschaft. Die beiden erstgenannten Punkte sind trotz leerer Autobatterie am nächsten Morgen

und der erforderlichen Starthilfe sowie der enorm langen Wegstrecke von Glasgow nach Boston (7 Stunden!) außerordentlich positiv. Man hatte ja auch gehörig Selbstbewusstsein getankt. Zum Thema „Band-Behandlung“ muss man sagen, dass von vorne herein feststand, dass ohne Gage gespielt werden sollte und dafür Essen, Trinken und Schlafplätze garantiert waren. Dies war leider ein Trugschluss, wie wir vom Clubbesitzer mitgeteilt kriegen. Er wisse nur von Schlafplätzen. Welch faires Angebot; da ist’s natürlich Ehrensache, dass man als Vorband der örtlichen Metalband (mit Drum-Computer und Prollo-Oberlippenbart-schlechte-Tribal-Tätowierung-Frontmann) die eigene Backline stellt. Man kann ja schließlich froh sein, wenn man spielen „darf“…
Zuschauerreaktionen bleiben schlicht und ergreifend aus; komische Leute aus einem komischen Kaff mit komischen Ansichten! Bezeichnend für diesen Schlag von Menschen ist vielleicht ein Besucher, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Health Warning: Fags kill“ trägt. Ich erspare mir weitere Kommentare.
Ach so, bevor ich’s vergesse: Wenigstens mussten wir die Nacht nicht im kalten Bus verbringen, sondern konnten unsere Körper in einer kleinen Hütte namens „Doghouse“ zusammenkuscheln. Nett.

14.01.: Winchester/ Railway Inn
Wir betreten den kleinen Konzertraum im „Railway Inn“ und der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt ist: „Mein Gott, bin ich alt…“ oder als optimistischere Variante: „Mein Gott, sind die alle noch jung…“ Tja, die englische Jugend verbringt ihre Zeit wohl sehr gerne in den heimischen Proberäumen, um so schnell wie möglich Rockstar zu werden! Der Altersdurchschnitt der hier Anwesenden zwei Bands „Minus Elizabeth“ und „Second Monday“ (letztere ist wie ACOG auch auf Lockjaw Records) liegt nach Schätzung bei 16,75 oder so. Neben dem niedrigen Alter fällt mir nach genauerem Hinsehen noch eine Parallele zu den Bands in Glasgow auf. Ich zähle 2 Thrice-Shirts, eine Thrice - Kappe, ein Thursday-Shirt, eine Thursday - Kapuzenjacke und eine Poison the well- Kapuzenjacke. Bei 8 Leuten. Die in den USA zur Zeit angesagte Welle der „modernen“ Hardcore-Bands (Top 10-Platzierungen nicht ausgeschlossen) ist auf Englands Jugend übergeschwappt, schlägt sich ebenso auf Aussehen und Style nieder und ist zum Maß aller Dinge geworden. Ich werde an dieser Stelle nicht darüber philosophieren, was der Vorteil/Nachteil an solchen „Hypes“ ist oder Vergleiche zu gewissen Bands aus Seattle Anfang der 90er ziehen…

Das Konzert ist gut besucht und hat überaus hohen weiblichen Anteil (warum wohl, hehe..). „Minus Elizabeth“ langweilen mit EMOtionaler Musik ohne jegliche Höhepunkte. Der Frontmann sieht mit seiner engagierten Bühnen-Performance auch eher deplatziert aus, da sich seine jungen Mitstreiter etwas schüchtern im Hintergrund halten. Ihr dürft nicht über Los gehen, kassiert keine Zuschauereinnahmen und müsst für zwei Runden im Proberaum bleiben. Vielleicht geht da noch was…
„Second Monday“ machen ihre Sache da schon deutlich besser. Deutlich von Thrice inspiriert rocken die 4 Jünglinge, was das Zeug hält und machen wirklich Spaß. Nicht ohne Grund schon mit Plattendeal ausgestattet und mit viel Potenzial für die Zukunft. Obwohl ACOG nicht so recht in dieses Klischee reinpassen wollen, sind doch viele Gäste von den ungewöhnlichen Sound-Eskapaden gefangen genommen. Es scheint doch so, als wären nicht alle Insulaner mit MTV-Scheuklappen auf die Welt gekommen und durchaus fähig, auch „schwer verdauliche Kost“ mit gewissem Anspruch zu schätzen. Dass während des Konzerts bei allen Saiteninstrumenten eine Saite reißt und Thomas Gitarre am Ende voller Blutspritzer ist (keine Angst, es war nur der eigene Finger), stellt eigentlich nur die Intensität dieser Live-Show dar. Schön gemacht, Jungs!

15.01.: Newcastle (under lyme)/ The Rigger

Der lustigste ACOG-Auftritt aller Zeiten! Ort des Geschehens ist diesmal ne richtig schön aufgemachte Rockerkneipe. Heavy Musik dröhnt aus der Jukebox, an der Wand diverse Bandplakate nebst Foto vom Kneipenboss höchstpersönlich zusammen mit dem guten alten Ozzy O. Besagter Boss hat heute Geburtstag und scheint ein echt netter Kerl zu sein; so kommen wir in den Genuss einer Gratis-Kiste Bier. Warum soll das nun so lustig sein? Nun ja, vielleicht liegt es daran, dass ACOG vor ca. 10 Rockern und 20 leeren Tischen die Bühne besteigen, der Boss aber trotzdem eine dramatische und lautstarke Ansage durchs Mikro macht, als wäre der Laden gerammelt voll und keiner könnt’s mehr erwarten? Vielleicht auch daran, dass die Jungs mittlerweile leicht alkoholisiert sind und schwerstens kämpfen müssen, um nicht vor Lachen loszuschreien? Gut, ich muss auch zugeben, es war schon ein bisschen fies von mir, mich mit einer Flasche Bier direkt vor der Bühne breitbeinig auf einem Stuhl zu postieren… Aber da muss man nun mal durch!

16.01.: Plymouth/ Phoenix

Das an der Atlantikküste gelegene Plymouth ist die optisch schönste Stadt, die wir auf der Tour gesehen haben. Endlose Fußgängerzonen, in der Mitte geschmückt mit Palmen und anderen hübschen Pflanzen; dazu Möwen, die um Plymouths anmutige Bauten herumkreisen… Ein Bild, das irgendwie gar nicht zu England passen will und das die Stadt zu etwas ganz Besonderem macht.
Das „Phoenix“ liegt im Rotlichtviertel und scheint ein richtiger Szeneladen zu sein. Auf den Tischen liegen jedenfalls allerhand Flyer von noch anstehenden Konzerten. Der Verdacht bestätigt sich mit dem Erscheinen der ersten Gäste. Man soll zwar nicht nur nach Äußerlichkeiten urteilen, aber man kann ja schon irgendwie abschätzen, ob Leute wegen der Musik gekommen sind oder zum „an der Theke sitzen“.

Als die Vorband „Mockin’ Grin“ loslegt, weiß ich auf einmal ganz genau, dass der Abend geil werden MUSS! Der Fünfer spielt extrem vertrackten Chaos-Core der Marke Botch oder Converge und geht auf der Bühne ab, wie ein Zäpfchen. Hurra, endlich gibt’s noch mal was vor die Glocke und kein Rumgeheule auf der Bühne. Tja, selbst für einen Emo- Sympathisanten wie mich ist irgendwann die (Herz-)Schmerzgrenze erreicht!
ACOG hat im Folgenden leichtes Spiel und macht den verdienten 1:1 Ausgleich für Deutschland. Mit einem fulminanten Volley-Schuss aus 5 Metern Entfernung wird der Ball unhaltbar in den Moshpit gefeuert und die Menge tobt!
„Günstige Gelegenheit“, denkt sich da unser lieber Flo und fragt nach einem Song ganz ungeniert nach einer Schlafgelegenheit für die arme ACOG-Bande. Da Dreistigkeit in dieser Welt immer belohnt wird, melden sich spontan 2 Freiwillige. Was will man mehr? Nach dem Auftritt, dem allabendlichen lästigen Abbauen und den letzten Small Talks mit der freundlichen Barbesitzerin geht’s dann richtig los: Unsere barmherzigen Samariter wollen zusammen mit ein paar Freunden eine spontane Party in ihrer WG starten. Das kann heiter werden… Das anschließende Saufgelage ist wirklich nicht von schlechten Eltern und nach all den anstrengenden Tagen tut es einfach mal gut, sich ganz entspannt auf einer warmen Wohnzimmercouch breit zu machen J

Über der Wohnung unserer neugewonnenen Freunde stehen noch mehrere renovierte Zimmer frei und wir dürfen es uns auf brandneuen Doppelbetten gemütlich machen. Luxus. Ich falle in einen tiefen Schlaf und alles ist schöööön… Bis um neun Uhr ein sichtlich erregter Michael (Drums) in mein Zimmer platzt und mich auffordert, auf der Stelle aufzustehen. Ich versteh nur Bahnhof und trotte mit ekelhaft dickem Kopf raus zu den Anderen. Was war passiert? Wir hatten am Vorabend die wichtigsten Sachen aus dem Bus in den Wohnungsflur geräumt, so zum Schutz vor bösen Dieben usw. Morgens ist Michael im Halbkoma auf Toilette gegangen und hat gesehen, dass irgendwer die Haustür gegen die wertvolle P.A. donnert. Der Irgendwer ist der Hausbesitzer, der mit einer Familie zur Wohnungsbesichtigung gekommen ist. Das ist relativ unglücklich. In der ersten Rage über die Instrumente im Flur sowie die bestialisch stinkenden Typen in den Betten wird natürlich die Polizei verständigt. Nach zahlreichen Entschuldigungen von uns und unseren Freunden legt sich aber der Zorn und die Polizisten entfernen sich wieder vom Tatort. Glück gehabt! Wer weiß, was bei einer Anzeige alles auf uns zugekommen wäre. Deutsche Band mit türkischem Bassisten…na ja, ihr wisst schon…

17.01.: Worcester/ Arts Workshop
Nun ist sie da. Die letzte Show. Und mit ca. 400 Zuschauern die größte. Dazu noch im Hometown der Lockjaw-Family. Könnte ein Tour-Abschluss besser sein? Das Konzert fängt schon um 15 Uhr an und es spielen insgesamt 10 Bands! Lockjaw ist auch gleichzeitig Veranstalter dieses Happenings und es ist sehr schön mit anzusehen, wie dieser kleine „Familienbetrieb“ arbeitet. Die Labelbetreiber Jim, Sam und der schon am Anfang erwähnte Ben Turner sind Brüder und haben Lockjaw Records irgendwann mal zusammen mit ihrem Papa gegründet, um aus der schönsten Nebensache der Welt einen Mission zu machen. Die Platten der eigenen Lieblings-Bands selbst unters Volk bringen, die eigene Band natürlich mit eingeschlossen! Die Sache wurde immer größer und größer und nun ist man eins der führenden Independent-Label in UK. Übrigens war man auch das erste Label von Muse, nur um ein Beispiel für den guten Geschmack der Turners zu nennen.
Nun stehen also Jim und Sam abwechselnd an der Kasse, Ben rennt wie ein Eichhörnchen auf Speed hinter der Bühne rum und räumt Equipment von einem Ort zum anderen. Mama Turner hilft am Merchandising-Stand aus und Papa Turner hält sich, wie einst der Pate, ganz geschmeidig im Hintergrund auf und pflegt wahrscheinlich den ein oder anderen „Kontakt“. Die meisten Bands an diesem Abend kommen entweder aus Worcester selbst oder aus der näheren Umgebung. Mir scheint es, als wäre es den ganzen Kiddies geradezu egal, wer da auf der Bühne steht. Wie aufgeputscht tobt der Mob, bunte Knäuel aus Menschen in immer neuer Formation bilden sich dort unten, und eine Wand aus feuchter, schweißgetränkter Luft knallt einem an den Kopf, sobald man nur einen Fuß in den Saal setzt. Ladies and gentlemen, welcome to the real underground entertainment!!

ACOG spielen als drittletzter und holen noch mal die letzten Energiereserven aus sich heraus. Vergessen sind die Hürden vor der Einreise, die ermüdenden Telefonate, die unfreundlichen Antworten, die nervigen Amtsgänge, die strapaziösen Fahrten, die kalten Nächte im Tourbus und jedes einzelne gottverdammte englische Frühstück (rülps)! Michael verhaut sein Drumkit nach Strich und Faden, Acun und Thomas massakrieren ihre Saiten als gäbe es kein Morgen und Flo rotzt sich den letzten Rest seiner Stimmbänder raus. They burn! They burn! They burn! They burn…

Ein wahnsinniges Ende einer aufregenden Tour. Sichtlich müde, aber glücklich, geht es mit den drei Turner-Brüdern noch in den örtlichen Alternative-Schuppen, um zusammen auf den erfolgreichen Tag anzustoßen. Schade, dass unsere Fähre zurück schon früh am nächsten Morgen losfährt, sonst wäre aus den 2 Bierchen noch das ein oder andere mehr geworden. So fahren wir noch in derselben Nacht gen Dover. Ein Auge lachend, und eins weinend. Schon anstrengend, so ne Tour. Reich ist man auch nicht unbedingt geworden, eher im Gegenteil. Was übt also die Faszination einer solchen Erfahrung aus? Ich denke, es ist nichts greifbares, nichts was man sich an die Wand hängen könnte. Auch nicht eine tolle Anekdote mehr für die Freunde zu Hause oder die Bewunderung dafür. Es ist viel unscheinbarer als man denkt. Ein Lächeln. Ein ernst gemeinter Händedruck. Ein interessantes Gespräch. Die geteilte Liebe zur Musik. Wie sagte Thomas in einer Nacht zu mir: „Was nützt dir es, wenn du einen Super-Lebenslauf vorweisen kannst, mit tollen Noten und toller Ausbildung, und du einen Haufen Geld verdienst? Morgen kannst du verunglücken und bist tot. Die Zeit gibt dir keiner mehr wieder.“ Keine weiteren Fragen.
 
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