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Adjudgement

Storie von: arne, am 08.12.2003 ]

Jeder, der nicht erst seit 1-2 Jahren Hardcore hört, sollte früher der später schon einmal über Adjudgement aus Hannover gestolpert sein. Nicht zufällig waren sie bereits 1996 auf dem “European Hardcore – The Way It Is“ Sampler von Lost&Found vertreten oder auch ein Jahr später auf “It Ain’t Where You Are From“ vom gleichen Verlag. In diesem Jahr feiert das Quintett bereits sein zehnjähriges Bestehen und dieser Anlass wird mit dem dritten Longplayer “At Two O’Clock“ auch würdig gefeiert.

 
Nach dem 99er Debüt “And A Life To Come“ auf We Bite und dem letztjährigen “Information Fallen To Rock Bottom“ auf dem italienischen Vacation House, erscheint die neue Platte diesmal auf dem kleinen PCS Records aus Leipzig. Im Gegensatz zu den permanenten Label-Wechseln ist das Line-Up von Adjudgement über die Jahre hinweg konstant und von Beginn an das gleiche geblieben. Zum Anfangsquartett gesellte sich vier Jahre später lediglich ein zweiter Gitarrist. Die Hannoveraner spielen von jeher schnörkellosen, direkten Hardcore mit deutlicher Punk-Edge und Fuck-You-Attitüde. Vom Sound her ist die Gruppe eine New School-Band mit gelegentlichen breitflächigen Instrumental-Parts. Adjugement sind aber vor allem eine Hardcore-Band im ursprünglichen Sinne, also ohne Metal-Einschlag und unnötiges Gepose.

Hier geht’s allein um harte Musik und die sozialkritischen Texte. Der Fünfer nimmt kein Blatt vor den Mund und thematisiert Problemfelder wie Medienallmacht, Kindes-Missbrauch und Krieg. Daneben wird auch die Hardcore-Szene kritisch beleuchtet. Der Titel “At Two O’Clock“ ist dem eigentlichen, ersten Aufnahmetermin der 13 Songs (inkl. “Just Another Victim“ Cover) geschuldet. Um zwei Uhr nachmittags sollten Adjudgement ins Studio gehen, doch kurz vorher brannte dieses aus. Da die Jungs noch nie aufgesteckt haben, meisterten sie auch diesen Rückschlag mit Bravur. Für eine Hardcore-Band ist es schon beachtlich zehn Jahre beisammen zu blieben, noch dazu im selben Line-Up. Schlagzeuger Ruven verriet das simple Geheimnis der Band, für die Motivationsprobleme von jeher kein Thema sind:

„Aufzugeben hat gar nichts mit unserem Verständnis von Hardcore und Punkrock zu tun. Deshalb kommt das nicht in Frage. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ans Aufhören haben wir auch noch nie gedacht. Mit deinen besten Freunden Konzerte zu spielen und deine Musik und Texte in andere Städte und Länder zu transportieren ist sehr, sehr spannend. Genauso steht es damit, Aufnahmen zu gestalten und zu veröffentlichen. Wir haben Bock drauf, uns auf der Bühne zum Horst zu machen und das Coolste ist es zu erleben, dass unsere Musik den Leuten auch noch gefällt.“

Die Band wurde übrigens von den Brüdern Marc und Ruven und, ihrem Cousin Wiko und Markus gegründet. Tim stieß, wie schon erwähnt, erst später hinzu. Vielleicht ist die Familienachse der große Rückhalt der Band. Der Song ’Pompous Ass’ beschäftigt sich klar mit dem, im Hardcore ungemein populären, Backstabbing: „Im Wörterbuch habe ich zu "back stabbing" rückseitiges Erstechen" gefunden. Das Trifft den Kern des Textes. Einige Leute nehmen sich einfach zu wichtig, die ganze Sache viel zu ernst und versuchen sich zusätzlich auf Kosten anderer zu profilieren. Mit Charakterschweinen wollen wir persönlich und als Band nichts zu tun haben.“

Das ist ein klares Statement. In den letzten zehn Jahren haben Adjudgement viele Bands, Strömungen und Verhaltensweisen innerhalb der HC-Szene kommen und gehen sehen. Ruven’s Resümee fällt recht nüchtern aus: „Dieses ganze Auseinanderdividieren der Hardcore-Szene ist echt armselig. "Ich höre jetzt kein Emo mehr, jetzt ist Metal 'in'!" aber Modefutzies gab’s schon immer. Angefangen hat’s damit, dass ein illustriertes Rockmagazin die einzelnen Bands in Kategorien eingeordnet hat. Da wurde auch ein Artikel über die "Just Look Around" von Sick Of It All mit der Überschrift "Von Hardcore zu Metal" versehen. Pervers reicht da gar nicht: Pfui Deibel!!! Vor ein paar Jahren ist mir bei einem Konzert in Bremen aufgefallen, dass Stagediver bewusst nicht gefangen worden sind. Das gab es in den Anfangstagen nicht. Die Typen, die mit den Rangers voran in die Menge gesprungen sind, waren schon bekloppt, aber gefangen wurden die trotzdem. Du hast


recht, es ist durch das Internet einfacher geworden, andere Menschen zu erreichen. Inzwischen gibt es aber auch eine große Anzahl an guten Bands. Es ist als Zuhörer schon schwierig, den Überblick zu behalten.“

In Sachen Szene-Polizei und Engstirnigkeit ist in der letzten Zeit dennoch vieles wieder besser geworden. Die Kids scheinen heute eher damit beschäftigt, den bekannteren Bands ihren Erfolg nicht zu gönnen. Ruven sieht das ähnlich. „Jupp, dadurch, dass das Ganze nicht mehr so aufgebauscht wird, rücken alle etwas näher zusammen. Zum Erfolg: Stell Dir vor, du willst von der Musik leben. Dann bist du gezwungen oder hast es im Hinterkopf, Musik so zu schreiben, dass die beim Zuhörer auch gut ankommt. Außerdem besteht ein Interesse, die Gage möglichst hoch zu verhandeln, die Margarine will ja gekauft werden. Daraus resultieren aber die zu hohen Eintrittspreise. Der Zuhörer wird ausgepresst und das führt meiner Meinung nach zu der Verärgerung. Ein anderes Beispiel: Wenn wir unsere CDs günstiger verkaufen, oder auf einen Teil der Gage verzichten, damit das Konzert einen halben Euro billiger wird, denken sich einige Leute: Das kann nicht so gut sein. Viel zu billig... Generell haben wir aber schon die komischsten Sachen auf Konzerten erlebt. Auf unseren Konzerten bekommen wir als Rückmeldung vom Publikum meistens Applaus, Tanzeinlagen, Sprünge von der Bühne. Es ist auch ziemlich egal, ob 30, 300 oder 1000 Personen davor stehen.“

Musikalisch fahren Adjudgement einen eher traditionellen Stil ohne Metal, haben sich auch zu den Hochzeiten der MetalCore-Welle nicht verstellt und auch live ihr Programm eisern durchgezogen: „Bei den Typen mit den entsprechenden Shirts führt unser Konzert zu verschränkten Armen und gelegentlichem Kopfnicken. Das ist für uns als Band nicht ganz so spannend. Manche windmühlen schon mal durch die Gegend, aber keine Angst, wenn es zu extrem ist, brechen wir auch mal ein Lied ab. Flaut das Metalding jetzt schon wieder ab? Wahrscheinlich haste da recht. Je mehr Nachahmer aus dem Boden schießen, desto weiter geht es bergab. Wobei ich bis heute nicht weiß, wie sich Heavy Metal und HardCore überhaupt verloben konnten, also von der rein musikalischen Seite abgesehen!“

Rein Textlich sind Adjudgement klar sozialkritisch einzustufen. Die Band belässt es nicht einfach bei persönlichen Texten, sondern hat auch etwas zu sagen: „Uns ist es generell wichtig, Stellung zu beziehen, auch in Texten. Allerdings brauchen wir niemandem zu erzählen, dass Nazis Ober-Scheiße sind. Das wissen ja alle. In manche Köpfe wird aber zum Beispiel das Bild vom schmarotzenden Ausländer fast hineingedrückt. Kein Wunder, dass aus solch brennenden Sätzen Brandsätze werden.“ Die Hannoveraner stehen für ihre Überzeugungen ein, vergessne aber auch den Spaß nicht: „Was wir als Band transportieren wollen, steht im wesentlichen im Textblatt. Die Texte sollen zum Nachdenken anregen. Live steht ganz klar der Spaß im Vordergrund. Da heißt es: anschalten, anschnallen und drauf hauen, oder so. Knüppel aus dem Sack! Ein spezielles Konzept bezüglich der Außenwirkung der Band existiert nicht. Da setzen wir dann schon eher auf unsere natürliche Gemütlichkeit.“

Abschließend bat ich Ruven noch kurz, das neue Label der Band kurz vorzustellen: „PCS-Records kommt aus Leipzig und ist von Haschek und Nudge, gegründet worden, die auch bei Farmer's Boulevard spielen. Beide sind Freunde von uns, es besteht also ein Vertrauensverhältnis. Bei den vorigen Labels wie We Bite und Vacation House war die Sache schon anonymer, auch dadurch, dass die Labels größer sind. Diese Anonymität wollten wir bei unserem neuen Release vermeiden. Deshalb wäre ein anderes großes Label für uns nicht in Frage gekommen.“

 
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