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Sometree

Interview von: Matthias Rauch mit Björn und Bernd, am: 22.11.2003 ]

Es gibt nicht viele Bands, die von sich behaupten können, einen ganz eigenen musikalischen Raum für sich geschaffen zu haben. Sometree sind hier eine der ganz wenigen, löblichen Ausnahmen, was ihr großartiges neues Album "Moleskine" wieder einmal eindrucksvoll unterstreicht. Abgegriffene Strophe-Chorus-Strophe Strukturen haben die vier schon lange hinter sich gelassen und so können einige Dinge wie Emotion, Leidenschaft und Energie ungehindert im Vordergrund stehen. Wer Sometree schon einmal live gesehen hat, wird dies mit Sicherheit bestätigen. Björn und Bernd beantworteten mir meine Fragen zum neuen Album, dem Leben ohne Sometree und warum sie eigentlich eine der besten deutschen Bands sind.

 

Musicscan: Worin besteht für euch der größte Unterschied zwischen "Moleskine" und "Sold Heart To The One"?

Sometree: Es gibt für uns mehrere Unterschiede zwischen diesen beiden Alben. Zunächst war die Herangehensweise beim Songwriting eine andere. Unsere Prämisse bei der Arbeit für die neuen Songs zu "Moleskine" war, dass wir mehr Wärme und mehr Raum in jedem der einzelnen Songs etablieren wollten. Wir wollten die doch recht explizite Vertracktheit und Schroffheit von "Sold Heart" subtiler einsetzen und dem ganzen Album einen einheitlichen Fluss geben. Auch war es uns ein Anliegen, im Studio mit anderen Instrumenten, als es bei uns sonst der Fall war, zu experimentieren. Die Aufnahmesituation zu "Moleskine" hat uns diese Möglichkeit gegeben, was ein weiterer Unterschied zu den beiden Alben davor war. Denn das Studio, in dem wir Aufnahmen, hat uns die grundlegenden Voraussetzungen (ein großer Raum, diverse Instrumente) geboten, um unsere Soundvorstellungen zu realisieren. Darüber hinaus hatten wir schlicht und einfach mehr Zeit für die Aufnahmen zu "Moleskine", als bei unseren anderen Alben. Unsere ersten beiden Alben haben wir jeweils innerhalb von sechs Tagen fertiggestellt - für "Moleskine" hatten wir einen Monat Studiozeit zur Verfügung. Ein weiterer, und vielleicht der wichtigste Unterschied: Dinesh hat mit uns zusammen an "Moleskine" gearbeitet.

Musicscan: Welchen Einfluss hatte Dinesh Ketelsen auf das Album? Inwieweit waren die Arbeitsweisen von Guido Lucas bzw. Kurt Ebelhäuser anders?

Sometree: Dinesh war sehr wichtig für das komplette Album. Wir waren mit der Arbeit von Guido und Kurt bei den ersten beiden Alben sehr zufrieden. Aber wir wollten kein drittes Blubox-Album aufnehmen - wie ich eben schon sagte, wir wollten Kälte und explizite Schroffheit gegen Wärme und Subtilität eintauschen. Und dafür brauchten wir ein ganz anderes Studio und jemanden, der aus einer ganz anderen musikalischen Ecke kommt. Dinesh war perfekt für unser Vorhaben. Er hat sich im Vorfeld bereits mit unseren neuen Songs auseinander gesetzt, er ist zu unseren Proben nach Hannover gekommen und hat Demos eingefordert. Bei den Aufnahmen dann im Studio ist er sehr stark auf unsere Vorstellungen und Wünsche eingegangen. Er hat uns jeglichen Freiraum gelassen und an einigen Stellen seine Ideen vorgetragen, ohne uns irgendetwas aufzudrücken. Ich glaube, Dinesh hatte irgendwann ein Gespür für die Songs und für uns. Und das war etwas ganz Neues und etwas Unersetzliches für uns und dieses Album.

Musicscan: Habt ihr mittlerweile das Gefühl, dass ihr euch einen ganz eigenen musikalischen und künstlerischen Raum erspielt habt, den bisher niemand sonst eingenommen hat? So empfinde ich "Moleskine" zumindest.

Sometree: Vielen Dank. Das ist ein sehr cooles Kompliment. Aber ich kann dazu nicht viel sagen. Jeder Song, der bei uns entsteht, ist erst dann fertig, wenn er jeden von uns vier anschockt. Und da wir vier teilweise recht unterschiedliche (Musik-)Geschmäcker haben, kommen im Endeffekt vielleicht Songs heraus, die eigen und nicht in eine bestimmte festgesetzte Musiksparte einzuordnen sind.

Musicscan: Bei solch komplexen Songs, die schon lange herkömmliche Strophe-Chorus Schemen verlassen haben, wäre es natürlich interessant zu erfahren, wie bei euch ein Songwriting Prozess aussieht und wie sich der Song von seiner ursprünglichen Fassung über die Zeit verändert.

Sometree: Wie eben schon angedeutet, haben wir unterschiedliche Geschmäcker, was Musik angeht. Aber wir treffen uns beim Songsschreiben dann auf einem Nenner: es muss uns alle gleichermaßen anschocken, was wir da machen. Und gerade von herkömmlichen Songstrukturen wegzukommen, ist gerade interessant und motivierend für uns. Das ist manchmal natürlich ein langer und harter Prozess, der sich aber er lohnt, wie ich finde. Es ist also kein klassischer Songwriter unter uns, der die fertiggestellten Songs in den Proberaum schleppt, so dass die anderen dann mal den Kram umsetzen, den sich derjenige ausgedacht hat. Vielmehr ist es bei uns so, dass mehr oder weniger konkrete Ideen an Gitarrenparts da sind, die dann im gemeinsamen Prozess zu einem Song strukturiert werden. Oft ist es dann so, dass Kleinigkeiten verändert werden, oder alles wieder umstrukturiert oder der ganze ausgearbeitete Song sogar wieder verworfen wird. Jeder von uns hat natürlich gewisse eigene Ansprüche an einen Song und an seine Ideen am eigenen Instrument. Die Arbeit für die Songs zum neuen Album war diesmal auch extrem anstrengend. Über Monate entstanden teilweise keine Songs, weil uns nichts von all dem, was wir da zusammen gemacht haben, angeschockt hat. Für einen kurzen Moment haben wir mit dem Gedanken gespielt, den Studiotermin nach hinten zu verschieben. Aber irgendwie waren die Songs dann doch kurz vor unserem Studioaufenthalt da...

Musicscan: Wie viel Freiraum gebt ihr den Songs live? Wird da auch schon mal über gewisse Strecken improvisiert und spontan verändert?

Sometree: Uns ist es wichtig, die Songs die wir aufnehmen, auch live wieder zu viert umsetzen zu können. Wenn wir an den Songs dann noch mal etwas für Live-Auftritte ändern, dann passiert das überlegt beim proben; und meistens passiert das dann, wenn uns irgendetwas in der herkömmlichen Songstruktur nicht mehr gefällt oder langweilt. Spontan auf der Bühne zu jammen, ist nicht unser Ding. Wir ufern vielleicht ab und an mal etwas aus, wenn wir in einem Krachpart stecken und es so viel Spaß macht, dass wir nicht mehr aufhören wollen.

Musicscan: Welchen Stellenwert genießen bei euch die Texte, da diese selten im Booklet abgedruckt sind? Haben die Texte einen ergänzende Funktion inne oder sind Musik und Text für euch autonome Einheiten?

Sometree: Sie haben grade einen besonderen Stellenwert, weil sie nicht abgedruckt werden. Es sind insofern keine "autonomen Systeme", als die Texte in die Songs auf ihren Platz fallen müssen. Sie bedürfen der gleichen emotionalen Rechtfertigung wie die Musik und wie die Musik entsteht ihre Bedeutung (für den Zuhörer) in dem Zuhörer! Was die Texte für mich bedeuten ist dann eigentlich auch nur für mich wichtig.

Musicscan: Was zeichnet für euch eine gute Show aus?

Sometree: Es muss uns auf der Bühne anschocken. Irgendwie. Ich weiß nicht wie. Entweder man ist in einem Konzert drin, oder nicht. Wir haben alle unsere Schwierigkeiten damit, wenn das Gefühl auf der Bühne nicht stimmt, dieses zu erzwingen. Entweder es ist da oder nicht. Unerheblich ist dabei, ob nun 3 oder 300 Leute gekommen sind. Ein cooles Gefühl ist, wenn zwischen den Songs so eine komische Stille im Raum herrscht. Aber auch die kann man ja nicht erzwingen - entweder sie ist da, oder nicht.

Musicscan: Ich bin mir sicher, dass ihr auch schon das ein oder andere Angebot von größeren Labels bekommen habt. Was hält euch bei Pop U Loud und wie ist euer Verhältnis geschäftlich und persönlich über die Zeit gewachsen?

Sometree: Es gab ein paar Interessensbekundungen von größeren Labels, aber die waren auch mit Bemerkungen oder "Anregungen" verbunden, wie "vor zwei/drei Jahren hätte ich die rausgebracht", oder "das ganze mit schönen deutschen texten und das Ding läuft" usw. Wir sind bei Populoud schon sehr gut aufgehoben. Populoud besteht aus zwei Musikliebhabern, die das Ganze als ihr Hobby und ihre große Leidenschaft ansehen. Die Jungs müssen natürlich (wie wir) auf anderem Wege ihr Geld verdienen, aber sie klemmen sich extremst in die ganze Sache rein. Auch wenn es bezüglich einiger dinge manchmal Meinungsverschiedenheiten gibt, haben wir doch sehr viel mitzureden, was die Dinge betrifft, die mit uns und unserer Musik gemacht werden. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir uns bei einem, ich nenne es mal "Profi-Label" nicht wohlfühlen würden, wenn wir bei unserem Plattencover usw. nichts mehr mitzuentscheiden hätten. Abgesehen davon ist es schön, wenn deinem Label in der Zeit vor dem Release des neuen Albums der Arsch genauso auf Grundeis geht wie uns selber und Jan mir dann am Telefon sagt, dass er schon nicht mehr richtig schlafen könne, weil er so aufgeregt ist.

Musicscan: Inwieweit hat euch Sometree als Menschen und Personen über die Jahre verändert?

Sometree: Ohne Sometree wäre alles ganz anders geworden - bei jedem von uns. Wir hätten auch zum größten Teil wahrscheinlich nicht viel miteinander zu tun. Jeder von uns hätte sich einen anderen Lebensinhalt schnappen müssen. Wir vier sind ja eigentlich alle nur hier in Hannover, weil wir die Musik in der bisherigen Konstellation weitermachen wollen. Ich glaube, bei uns allen wär ohne unsere Band das Meiste ganz anders abgelaufen.

Musicscan: Wärst du zufrieden mit dem was ihr geschaffen habt, wenn Sometree morgen vorbei wäre?

Sometree: Wenn Sometree morgen vorbei wäre, wäre ich sicherlich alles andere als zufrieden. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wie ich eben schon sagte, mein bzw. unser leben wäre so dermaßen anders verlaufen, dass mit dem ende von Sometree alles erstmal zunichte gemacht worden wäre, was mich seit der 10. oder 11. Klasse begleitet und ausfüllt. Natürlich würde ich sagen, dass es schon verdammt schön war, überhaupt so viel auf Tour sein zu dürfen, und die Möglichkeit bekommen zu haben, platten aufzunehmen, und und und. Irgendwie liegt es aber auch außerhalb meiner Vorstellungskraft, mir auszumalen, was ich ohne die Band machen könnte, sollte, wollte.

Musicscan: Es ist bekannt, dass ihr eine der aktivsten Bands seit, wenn es um Livepräsenz geht. Was macht ihr, wenn ihr nicht mit Sometree beschäftigt seid?

Sometree: Einer von uns ist seit kurzem diplomiert, zwei von uns studieren noch und einer von uns hat sein Studium mehr oder weniger ad acta gelegt. Wir haben (bis auf unseren Diplomierten) Nebenjobs, um uns hier über Wasser zu halten. Allerdings nimmt die Band mittlerweile schon einen großen (Zeit-)Raum auch in unserem Alltag ein.

Musicscan: 3 Platten, Filme und Bücher für die Ewigkeit?

Sometree: Three Mile Pilot: "Chief Assassin to the Sinister". Talk Talk: "Laughing Stock". Radiohead: "Kid A"
Virgin Suicides; Fight Club; Memento
Mulisch: Die Entdeckung des Himmels. Dostojewski: Schuld und Sühne. Elias: Etablierte und Außenseiter

Musicscan: Letzte Worte, Danksagungen, Hoffnungen, Pläne...

Sometree: Danke an Jan und Christian von Populoud.

 
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