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The Ocean 2

Storie von: Arne, am 17.11.2003 ]

...und weiter im Text, denn das Berliner Künstler-Kollektiv The Ocean hat noch Einiges zu erzählen. Hier die Fortsetzung des Interviews mit den Sound-Visionären.

 
Von der Ausrichtung her soll man sich als Hörer mit The Ocean auseinander setzen: „Die Musik soll ein Erlebnis sein und nicht einfach nebenbei laufen. Wir meinen unsere Musik sehr ernst und arbeiten hart an unserem Sound. Unterhaltung ist ja oft gleich gesetzt mit Zeitvertreib und das wollen wir nicht sein. Mit uns soll man sich gezielt auseinander setzen. In Anführungsstrichen sind wir also „Kunst.“ Bei uns ist einfach alles möglich und das geht mit einem gewissen Anspruch einher. Das hört man auch schon auf dieser ersten Platte.“ Doch schon die nächste Veröffentlichung kann auch ganz anders klingen:

„Die nächste Platte wird wahrscheinlich nicht so Elektro-lastig. Irgendwann wieder bestimmt, aber, weil das jetzt auch ein Instrumental-Album war, sind da auch eher die experimentellen Sachen drauf gelandet. Wir haben unsere Wurzel schon in der harten Mosh-Musik, stehen aber auch auf Vieles daneben. In naher Zukunft wird es wahrscheinlich erst einmal härter und dann wieder softer.“

Der Arbeits-Fokus an den eigenen Stücken verschiebt sich heute einstückweit, doch die Ansprüche der Musiker an die eigenen Kompositionen bleiben die selben: „Zunächst ist wichtig, dass wir mit den Stücken vollends zufrieden sind, denn sonst kann es auch auf den Hörer nicht so überzeugend wirken. Wir haben bisher aber nicht so Tonträger-bezogen gedacht, sondern eher Live-Songs geschrieben. Es ist schon ein deutlicher Unterschied, ob du etwas für live oder eine Platte erarbeitest. Bislang lag der Fokus klar auf live. Ziel war es, die Leute zu catchen, dass die nicht mehr weggehen; dass wir sie im Bauch treffen.“

Hört man “Fogdiver“ stellt man schnell fest, dass diese Band anders klingt und einen eigenen Sound transportiert. In Zeiten einer großen Veröffentlichungsflut seitens der Platten-Industrie und einem immer schneller einsetzenden Sättigungseffekt in den jeweiligen Genres, ist das schon beachtlich: „Wir haben schlichtweg keine Lust, Sachen, die wir geil finden, zu kopieren, sondern etwas Eigenes vorzulegen. Gerade auch über ihren Sound scheinen sich Viele nur sehr wenig Gedanken zu machen. Fett, klar, das will jeder, aber da hat sich ein Standard eingeschlichen und wir hingegen, führen manchmal nächtelang Gespräche, welchen Sound wir nun favorisieren oder wie ein Instrument zu klingen hat. Bei uns ist auch viel Sounddesign dabei und das ist ebenso wichtig wie die Musik selbst. Da beschreiten wir auch gerne mal neue Wege.“

Das geht im Falle von The Ocean auch mit einem sehr großen Autonomie-Anspruch einher. Lediglich das Mastering haben sie aus der Hand gegeben: „Wir wollten möglichst große Kontrolle über die Songs behalten und natürlich fehlte auch das Geld für ein richtig gutes Studio. Zudem wollten wir auch unbegrenzt Zeit haben um mit dem Sound herumzuspielen und alles aus diesem heraus zu holen. Gerade, wenn du eine Band bist, die viel probieren will, bringt es nichts, wenn du einen noch so geilen Produzenten bekommst, der dann gerade mal drei Tage für dich Zeit hat und dich so durchnudelt. Das ist bei uns nicht so. Wir haben einen Monat aufgenommen und einen weiteren gemischt; immer Tag und Nacht; das war ein Kontinuum.“ ...wie auch das Album selbst ist:

„Unser Album ist keine Zusammenstellung von fünf Stücken, die einzeln hörbar und austauschbar sind. Es ist eher ein Konzept, das man hintereinander hören soll. Das umklammert auch dieser Text im Booklet noch einmal. Unsere Live-Shows sind recht ähnlich angelegt. Wir versuchen


die Leute die Stunde lang, die wir spielen, in ein Kontinuum zu versetzen und nehmen die durch verschiedene Sachen hindurch. Die Songs sind vom Gefühl her ja auch verschieden. Wichtig ist, das zwischen den Stücken eine Verbindung besteht; sie verweisen zum Teil aufeinander. Kompositorisch kann sich das auch über verschiedene Platten hinwegziehen. Es ist so ein großes Kontinuum, wir haben stets ein großes Gesamtbild im Auge.“ Das hört man definitiv, auch das Songwriting stellenweise wirklich ungewöhnlich ausgefallen ist. Das sehen auch seine Mitstreiter ähnlich „Robin schreibt ja unsere Songs. Wenn du selber Songs komponierst, setzt du dich hin und fängst an und der Song entwickelt sich in die eine oder andere Richtung. Komponiert aber Robin, geht es immer irgendwohin, von dem ich nie erwartet hätte, dass es da hingehen kann. Er macht mir in dieser Beziehung einen tierischen Horizont auf und überrascht mich ununterbrochen, weil er eine komische Art hat Musik zu schreiben, auf die ich total stehe. Er macht immer wieder Türen auf, von denen ich gedacht hatte, sie seien kompositorisch unmöglich. Er macht es einfach und ist teils rotzfrech. Um Harmonielehre kümmert er sich einen Dreck und doch klingt es richtig gut. Aus sich heraus hat er sich eine unkonventionelle, eigene Stimme entwickelt.“

Die Kompositionen haben zweifellos einen guten Fluss und wirken sehr homogen. Stellenweise sind sie aber schon auch sehr kopflastig: „Vielleicht ist das für manche Leute zu intellektuell, aber uns kickt das ungemein. Ist es zu intellektuell, kommt dann zehn Takte später aber ein richtig fetter Doom-Teil oder etwas anderes Geiles. Es ist niemals tote Musik sondern bewegt sich permanent. Dabei improvisieren wir ja nicht, es ist ja komponierte Musik. Das muss man ja wissen. Es wird jedenfalls nie langweilig, weil es dauernd irgendwo hingeht. Wir bewegen uns immer sehr unabhängig von klassischen Song-Konventionen. Es gibt nicht Intro, Bridge, Strophe, Refrain, Halbton höher nächste Strophe. Ein Song muss nicht zwangsläufig ein Song sein, sondern ein Flow. Er muss sich irgendwo hin bewegen, auch wenn es teils sehr lange dauert und man es anfangs vielleicht nicht sieht. Nimm etwa unser drittes ’The Melancholy Epidemic’ Wenn du sie ersten fünf Minuten hörst, dann könntest du nie erahnen, wie die letzten fünf klingen. Es nimmt einen wahnsinnigen Weg. Auch deshalb sind unsere Songs oftmals so lang.“

Die Songs von The Ocean fallen zudem unglaublich divers aus und vereinen verschiedenste Stilrichtungen. Das schätzen auch die Beteiligten: „Es ist einfach toll, wenn du Kompositionen kriegst, die Stagediver- und Taschenrechner-Musik zusammenbringen. Du hast sowohl mal Taschenrechner-Gefühl und manchmal dieses nackter Oberkörper-Gefühl und doch ist das alles eine Band. Wir werden definitiv unter dem gleichen Namen auf der nächsten Scheibe ganz andere Musik machen, unheimlich frei. Das ist auch kein Versteckspiel sondern passiert einfach. Wir haben auf der Platte auch einige Sachen, die Retro-irgendwie klingen, aber das ist unser ironisches Verhältnis zum Komponieren. Es ist nicht alles ernst gemeint. Es ist ein gebrochenes Verhältnis mit viel Ironie und etlichen Zitaten.“

Auch das Gespräch mit den Kollektivisten war ein Kontinuum, wie sich am End herausstellte: „Dieses Freie führt uns auch zurück zu deiner ersten Frage. Wir sind eben keine Gruppe und am Rand ist eine gewisse Fluktuation. Das spiegelt sich musikalisch wider, es ist die Projektion davon.“

 
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