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Dead End Tragedy

Storie von: arne, am 14.02.2021 ]

Schon das Artwork und der Titel „Anti Life Anti You“ stimmen auf die düsteren, bitteren Texte und Sounds des Drittwerks von DEAD END TRAGEDY ein. Frontmann Raphael hat seine Lyrics während eines Aufenthalts in einer Psychiatrie geschrieben. Musikalisch hält das Quartett aus dem Saarland seinem rabiaten Beatdown-Hardcore die Treue.

 
Auf ihrem Facebook-Profil hat die seit 2005 aktive Gruppe die Veröffentlichung vielsagend mit „BDHW004, BDHW051, BDHW094 - - - > soon“ angekündigt. Band und Label arbeiten demnach schon eine lange Zeit zusammen und haben sich parallel entwickelt: „Ja, da hast du recht!“, heißt es von Bassist Moe und Schlagzeuger Shorty, die das Interview gemeinsam beantworten. „Das erst vierte Release von BDHW (Beatdown Hardwear Records) war damals im Jahr 2009 unser erstes Album „Unpreventable“. Das ist jetzt schon elf Jahre her. Unser zweites Album „Panic Overdose“ erschien 2016. Das heißt, wir kennen Toni von BDHW jetzt über ein Jahrzehnt – von den Anfängen bis zu dem, was BDHW heute ist und repräsentiert. Er hat uns in allen Höhen und Tiefen begleitet und uns auch in schweren Zeiten, als nichts so lief, wie es sollte, nie fallen lassen. Das rechnen wir ihm hoch an. Die Chemie zwischen uns passt so gut, weil Toni auch ein unkonventioneller und aufgeschlossener Mensch ist und wir als Band auch gewisse künstlerische Freiheiten brauchen. Eine großartige Erinnerung war 2011, als wir mit Toni auf Europa-Tour mit Twitching Tongues und Ruckus aus Los Angeles waren. Es wäre natürlich klasse, das in der Art noch ‘mal zu wiederholen, vielleicht auch außerhalb von Europa.“

Das angesprochene Debüt gilt vielen Szene-Fans als Beatdown-Klassiker und hat fraglos dabei geholfen, DEAD END TRAGEDY – aber auch BDHW – zu etablieren: „Wow, Klassiker ist ein großes Wort“, wiegeln die beiden Musiker ab. „Wenn Leute es so sehen, nehmen wir das Kompliment aber dankend an. Wir lieben das Album immer noch. Es ist ja quasi unser erstes Kind. Wir lieben den Sound und auch, die Songs live vor Publikum zu spielen, weil wir merken, dass das Album in den Köpfen der Leute heute noch stark präsent ist. Ich denke, wir haben mit den Songs damals den Nerv der Zeit getroffen. Uns sagte ‘mal jemand, wir hätten den Ami-Sound 2009 nach Europa gebracht. Zu der Zeit haben wir tatsächlich viele Bands aus Übersee gehört, die uns sicher beeinflusst haben. Und dass die Songs heute laut Spotify in über 70 Ländern dieser Welt gehört werden, spricht wohl dafür, dass „Unpreventable“ ‘was Menschliches hat, das jeden Kerl und jede Frau – egal, ob aus Amerika, Afrika oder Eurasien – gleichermaßen berührt und fühlen lässt. Es ist quasi ein gemeinsamer „menschlicher“ Nenner unabhängig von Kultur, Religion und Herkunft.“

Die Entwicklung der Beatdown-Hardcore-Sparte haben DEAD END TRAGEDY dennoch vor allem von der Seitenlinie verfolgt: „Mittendrin waren wir noch nie“, stellen Moe und Shorty klar. „Wir sind da bescheiden und sehen uns selbst eher als Randerscheinung. Mit dieser Rolle fühlen wir uns wohler, weil wir immer irgendwie unser eigenes Ding gemacht haben, ohne ein großer Teil der Szene sein zu wollen. Wenn du aber nach der Entwicklung des Genres fragst, hat sich in der letzten Zeit Einiges getan. Von den Pionieren ist natürlich an erster Stelle Nasty zu nennen. Sie sorgen aktuell sogar dafür, dass Beatdown-Hardcore aus dem Underground an die Mainstream-Szene anknüpft. Zu unseren Anfangszeiten war der Ruhrpott das Aushängeschild des Beatdown-Hardcore in Deutschland. Lustigerweise wurden wir häufig darauf angesprochen, aus welcher Ecke des Ruhrgebiets wir kommen, obwohl wir im Saarland zu Hause stammen. Dabei gibt es tatsächlich eine Gemeinsamkeit zwischen dem Ruhrgebiet und dem Saarland: und zwar Kohle und Stahl! Das Saarland ist wie das Ruhrgebiet eine durch harte Arbeit geprägte Industrie-Region. Ob das die Gesellschaft und die Musik beeinflusst? Ich denke ja. Bands wie Circle Of Death, Fallbrawl, In Blood We Trust oder Embraced By Hatred haben die Szene stark gepusht und vorangetrieben. Gefühlt hatten wir alle die gleichen Wurzeln – entweder im Punk oder im Metal. Dann kam eine neue Ära mit neuen Kids, die gefühlt von der Benjamin Blümchen-Kassette direkt auf Beatdown umgestiegen sind. Aber so impulsiv diese Kids auch waren und so schnell sie aufgetaucht sind, so schnell sind sie auch wieder weg gewesen. Heute hat sich das alles eingependelt, wobei es junge Bands sehr schwer haben. Durch die heutige Technik kriegt man mit simpelsten Mittel eine so unfassbar gute Aufnahmequalität hin, dass es für neue Bands noch schwerer ist, herauszustechen und Aufmerksamkeit zu erregen. Die Qualität der Aufnahmen steht heute vor der Qualität der Songs, was eine traurige Entwicklung ist und der ganzen Szene schadet. Wenn du dir zwanzig neue Bands anhörst und nur eine Band tatsächlich ‘was taugt, ist das „Erfolgserlebnis“ sehr klein. Das nächste Mal hörst du dir vielleicht nur zehn neue Bands an.“

Als eingeführte Beatdown-Hardcore-Größe nehmen DEAD END TRAGEDY die Aufmerksamkeitshürde ohne Probleme. Die Band spricht es aktiv an, dass Frontmann Raphael mit mentalen Problemen kämpft und die Texte für „Anti Life Anti You“ während eines Psychiatrie-Aufenthalts entstanden sind. Und das in einem Genre, das so sehr auf Kraft, Physis und Fitness abstellt und Schwächen vielfach ausklammert: „Es ist teilweise schon martialisch, was im Hardcore abgeht“, bestätigen Moe und Shorty. „Wir hatten nie vor, uns in irgendeiner Art anders zu zeigen, als wir in Wirklichkeit sind. Und zu uns gehören auch Macken und Probleme, ja sogar Verletzlichkeit. Die Probleme von Raphael, die du ansprichst, führen dir die Realität der Gesellschaft auf brutalste Weise vor Augen. Sowas geht einem


sehr nahe, weil er schon immer wie unser Bruder war und ist. Da er textlich viel von sich auf dem Album preisgibt, war die Frage irgendwann unausweichlich, wieviel er davon auch öffentlich machen will. Er hat sich für die Transparenz und Offenheit entschieden, die ihm bei der Verarbeitung dieser Zeit auch hilft. Die Leute gehen unterschiedlich damit um. Manche sprechen ihn aktiv darauf an und fragen, wie es ihm ergangen ist und wie es ihm heute geht. Wir haben aber auch schon gehört, dass Leute tatsächlich Angst vor ihm haben, weil sie gehört haben, dass er „verrückt“ sei.“

Mit der in einer Folge des youtube-Kanals „Punk Rock MBA“ geäußerten These, dass es auf lange Sicht nicht gesund sein kann, wenn man Jahr(zehnt)e lang nur aggressive Musik spielt, sich für Shows mental aufputscht und destruktive Texte zum Besten gibt, können die Saarländer nichts anfangen: „Genauso könnte man auch die These aufstellen, dass es nicht gesund ist, Jahrzehnte lang fröhliche Musik zu spielen. Es ist sogar wichtig, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, anstatt sie zu ignorieren. Daher ist es gesund, weil die Musik für viele eine heilende Wirkung hat. Aggressive Musik erzeugt keine Aggression, sondern ist ein Ventil für Aggressivität und das tägliche Leben! Das ist von außen betrachtet nur schwer vorstellbar und vielleicht auch paradox. Ein Großteil der Menschen, die konstant in der Szene sind, haben aber in ihrem Leben einiges wegstecken müssen und haben eine Menge Scheiße durchlebt.“ Das schon dem Titel nach düstere und destruktive „Anti Life Anti You“ hat zumindest dem Frontmann von DEAD END TRAGEDY geholfen: „Für Raphael war das Songwriting überlebensnotwendig“, bestätigen Moe und Shorty. „Es war seine Therapie und seine Art, das Ganze zu verarbeiten. Es war das insgesamt vierte Mal, dass er in einer Nervenheilanstalt landete und das zu einem Zeitpunkt, als wir mitten in den Studioaufnahmen zur Platte waren. Diesmal ist er dem Tod nur ganz knapp von der Schippe gesprungen. Er wurde wegen einer Überdosis Amphetamin drei Tage lang ins künstliche Koma gelegt. Danach lag er tagelang in einem dunklen Raum, fixiert an einem Bett und wurde ruhiggestellt. Es war ein langer und harter Weg, bis er wieder einigermaßen normal war. Als ihm dann begrenzter Freigang genehmigt wurde, ging er regelmäßig in den Wald der Klinik, um dort Skizzen für seine Texte auf seinem Laptop aufzunehmen. Danach hat er bei Shorty im DIY-Studio tageweise seine Lyrics aufgenommen, die dann zum Schluss noch abgemischt wurden.“

Viele Bands tun sich mit ihrem Drittwerk schwer. Der besonderen Entstehungsumstände zum Trotz sind die Saarländer mit dem Ergebnis zufrieden: „Dass das dritte Album schwierig ist, haben wir noch nie gehört. Aber lustig, da unser tatsächlich drittes Album verschlossen in einer Schublade liegt. „Anti Life Anti You“ ist das vierte Album, das wir aufgenommen haben, aber unser drittes, das wir releasen. Und ich gebe dir vollkommen recht. Unser drittes, geheimes Album ist tatsächlich so schwierig gewesen, dass wir uns in der Band bis heute nicht einig sind, ob und wie wir das Teil irgendwann ‘mal veröffentlichen wollen. Den Titel verrat ich schonmal exklusiv – es trägt den passenden Namen „Stagnation Is Death“. „Anti Life Anti You“ ist nun zumindest das erste Album, das richtig promotet wird. Bei unserem ersten Album war alles noch zu klein und beim zweiten Album wurde es verpennt. Wir sind sehr gespannt, welche Chancen und Türen sich für uns dadurch noch öffnen.“ Obwohl man auch anderes vermuten könnte, ist die Nähe zum Artwork der „Let The World With The Sun Go Down“-Scheibe der Belgier von Length Of Time ein Zufall:

„Auf dem Cover findet man das Gemälde von Jan van Eyck, einem flämischen Maler“, so Moe und Shorty. „Das Werk stammt aus dem 15. Jahrhundert und trägt den Titel „Das letzte Urteil“. Toni hat daraus ‘was gebastelt. Es erinnerte uns an den „Höllensturz der Verdammten“. Wir fanden es sehr cool und absolut passend für die Düsterheit des Albums. Wir hatten echt nicht auf dem Schirm, dass dasselbe Cover schon existiert. Deshalb ein absoluter Zufall, den wir aber gar nicht schlimm finden, weil Length Of Time eine verdammt coole Band ist. Dass sie und wir das gleiche Gemälde für ein Cover ausgesucht haben, spricht für die Idee und die Wirkung des Bildes, obwohl es mehr als 500 Jahre alt ist. Von einer Beeinflussung durch die H8000-Szene würde ich nicht sprechen, da wir die Bands aus der Szene zu wenig aktiv gehört haben bzw. hören. Aber da die Musik der H8000-Szene für sich spricht, freut uns, dass du dir eine Beeinflussung vorstellen kannst, auch wenn dem nicht so ist.“ Als Visualisierung für die umrissenen Texte und die Stoßrichtung von „Anti Life Anti You“ passt das Gemälde in der Tat gut: „Die Leute sollen das Album als Ganzes, als eine Einheit wahrnehmen. Sie sollen die Verzweiflung, die Aggressivität, aber auch die Euphorie spüren – das ständige Auf und Ab und die Manie, die Raphael durchlebt hat. Wem die Musik beim Hören gefällt, soll in die Lyrics einsteigen und die Texte mitlesen. Die werden die Musik noch ‘mal auf einen anderen Level bringen, auf einen viel persönlicheren. Auf Meinungen zur Aufnahme-Qualität pfeifen wir. Kritiker sollen ruhig auf die Qualität eindreschen, denn die ist mit voller Absicht „roh“ gewählt. Das Album ist einhundert Prozent echt und null verschönert.“

 
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  facebook.com/deadendtragedy
 
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