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Whitechapel

Storie von: arne, am 04.04.2019 ]

Der modern-brutale Extrem-Metal von WHITECHAPEL entwickelt sich auf „The Valley“ variabel und akzentuiert. Die Band aus Knoxville, Tennessee hat eine schwierige Phase durchgestanden, aus der sie sich stärker denn je zurückmeldet. Frontmann Phil Bozeman arbeitet nebenbei seine schwierige Kindheit und Jugend auf.

 
„Was „Mark Of The Blade“ anbelangt, sind wir alle nicht wirklich zufrieden mit dem gewesen, was wir damals abgeliefert haben“, erwidert der Shouter darauf angesprochen, dass sich die Gruppe zuletzt mehrfach damit zitieren ließ, mit ihrem Album von 2016 nicht wirklich zufrieden gewesen zu sein. „Dieses Gefühl hat sich sehr schnell eingestellt und wir haben es recht bald auf den Einfluss unseres damaligen Schlagzeugers zurückführen können. Musikalisch sind wir durchaus miteinander zurechtgekommen, doch nachdem er die Band verlassen hat, haben wir anderen erst so richtig gemerkt, wie sehr uns die Zusammenarbeit mit ihm belastet hat. Das hatten wir davor so gar nicht wahrgenommen. Im Songwriting sind wir seither wie befreit. Die ganze Stimmung und Moral innerhalb der Gruppe ist wieder deutlich positiver und produktiver. Das ist die ganze Geschichte. Wenn einzelne Mitglieder oder ganze Teile der Band unzufrieden sind und es persönliche Spannungen gibt, ist das nicht hilfreich und limitiert das, was man tut. Zum Glück liegt das hinter uns.“

Dass WHITECHAPEL im Verlauf ihrer Karriere regelmäßig wechselnde Schlagzeuger hatten, ist auch Phil nicht verborgen geblieben: „Wenn ich nur wüsste, woran das liegt“, so der Musiker. „Wir haben von jeher Probleme mit unseren Schlagzeugern und deshalb schon etliche Wechsel zu verzeichnen gehabt. Es fing damit an, dass unser allererster Drummer schnell an seine Leistungsgrenze kam und technische Schwierigkeiten hatte, die er irgendwann nicht mehr kaschieren oder lösen konnte. Menschlich stimmte alles und wir stehen mit ihm bis heute im Kontakt. Musikalisch sind wir aber getrennte Wege gegangen. Später hatten wir viele temporäre Lückenfüller, weil wir sonst nicht hätten touren können. Doch wenn du im Metal etwas erreichen willst, musst du das tun. Das ist schließlich unser Job. Mit einem anderen Schlagzeuger hatten wir das Problem, dass er irgendwann schlicht nicht mehr diese Art von Musik spielen wollte. Deshalb hat es mit ihm dann auch nicht mehr lange funktioniert und er ist ausgestiegen. Wir behelfen uns immer wieder mit Aushilfsschlagzeugern und das klappt für das Touren auch gut. Im Songwriting können wir das selbst kompensieren, denn wir wissen, wie man Drums programmiert und worauf es ankommt.“

Ausgehend vom suboptimalen Arbeitsprozess des letzten Albums haben WHITECHAPEL für „The Valley“ insbesondere mehr Freiraum eingeplant: „„Mark Of The Blade“ drückt schlicht nicht das aus, was wir uns vorgenommen hatten“, verdeutlicht der Frontmann noch einmal. „Wir alle sind davon überzeugt, dass es nicht unser stärkstes Material beinhaltet. Es ist vor allem ein Gefühl, das wir teilen, ohne genau sagen zu können, was uns stört. Der Schreib-Prozess verlief hektisch und ungeordnet. An allen Ecken und Ende fehlte es an der nötigen Zeit, sorgfältig arbeiten und uns nochmals überprüfen zu können. Aufgrund der vielen Tour-Verpflichtungen, die wir damals eingegangen sind, war der Zeitplan ein einziger Horror. Das haben wir uns natürlich selbst zuzuschreiben. Es klappte einfach nicht, uns voll auf das Album einzulassen. Davon haben wir wenigstens unsere Lehren gezogen. Wobei ich nicht mit Bestimmtheit weiß, ob wir wirklich etwas gelernt haben. Es verhält sich ja auch nicht so, dass wir unser letztes Album hassen würden oder völlig unzufrieden mit ihm wären. Wir sind aber auch nicht wirklich zufrieden. Das ist es. Wenn ich das auf die Arbeit am neuen Album übertrage, kann ich sagen, dass wir dieses Mal ausreichend Zeit eingeplant haben. Anders als bei „Mark Of The Blade“ sind wir auch wirklich alle zusammen gekommen, um die Songs zu schreiben. Der größte Unterschied für mich ist wirklich, das wir wieder viel Zeit miteinander verbracht und gemeinsam gearbeitet haben. Beim letzten Album haben wir Ideen und Songs vor allem über das Internet ausgetauscht. Dieses Mal waren wir physisch in einem Raum. Das verändert die ganze Ausgangslage und verbessert die Atmosphäre ungemein.“

Die Besetzung mit drei Gitarristen bietet WHITECHAPEL im kreativen Bereich viele Möglichkeiten, zumal die Musiker durchweg verspielt und findungsreich agieren. „The Valley“ besticht mit eruptiven Attacken, Groove-geprägtem MidTempo und dichter Atmosphäre – aber auch mit emotional berührenden, atmosphärischen Passagen, wodurch sich ein kontraststarker Longplayer entwickelt: „Wir haben die Musik wieder bewusster erlebt und entdeckt, weil wir gemeinsam gearbeitet haben“, erklärt Phil Bozeman. „Anstatt unsere Ansichten in geschriebenen Worten zu formulieren und auszutauschen, haben wir persönlich miteinander gesprochen und diskutiert. Das hat eine ganz andere Qualität und hat uns geholfen, wirklich das umzusetzen und zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Der direkte Kontakt hat schon etwas, auch wenn die ganzen modernen Kommunikationsmittel so verlockend erscheinen.“

Im Ergebnis steht ein ganzheitlich und organisch wirkender Extrem-Metal, der die Musiker aus Knoxville, Tennessee als klasse Songwriter adelt: „Die bandinternen Verstimmungen der Vergangenheit, die aus heutiger Sicht viel mit unserem letzten Schlagzeuger zu tun hatten, waren dafür verantwortlich, dass wir einen richtigen Hänger hatten, was unsere Moral anbelangte“, rekapituliert der Shouter. „Das hat sich auch dahingehend geäußert, dass wir viel weniger Zeit miteinander verbracht haben und jeder seine eigenen Wege gegangen ist. Jeder kann sich vorstellen, dass es in einem solchen Klima nicht so toll ist, auf engem Raum miteinander viele Wochen auf Tour unterwegs zu sein und die schwierige Aufgabe anzugehen, kreativ zu sein und neue Songs zu schreiben. Das möchte ich in dieser Form nicht noch einmal erleben. Natürlich trägt jeder von uns seinen Anteil an der Situation.


In den letzten zwei-drei Jahren sind wir aber wieder nur in der Stammbesetzung unterwegs. Es sind wieder wir fünf, die sich schon ewig kennen und gut zusammen arbeiten. Wir kommen auch gut ohne einen festen Schlagzeuger aus. „The Valley“ ist das erste Album, das nur wir fünf geschrieben haben, aber dafür hört man nun auch nur uns. Diese Fünfer-Besetzung hat WHITECHAPEL gegründet und uns dahin geführt, wo wir heute stehen. Das fühlt sich gut an.“

Auch in anderer Hinsicht handelt es sich um ein persönliches, verdichtetes Werk. Phil Bozeman setzt sich mit seiner Jugend auseinander und setzt seine Texte auf persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen auf: „Der Titel bezieht sich auf das Hardin Valley westlich von Knoxville, Tennessee, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt der Frontmann. „Ich möchte nicht sagen, dass es per se eine schlimme Gegend ist, doch wenn man dort lebt, spürt man durchaus eine düstere Stimmung. Ohne es zu sehr zu vertiefen, möchte ich sagen, dass ich keine schöne Kindheit verlebt habe. Ich fühlte, dass die Zeit gekommen ist, das zu thematisieren und aufzugreifen. Gerade nach den bandinternen Problemen, über die wir schon gesprochen haben, wollte ich umso mehr reinen Tisch machen. Die Zeit dafür war gekommen.“

Das resultierende Konzeptwerk ist dennoch eine Gemeinschaftsarbeit und wohl gerade deshalb so zwingend und fokussiert umgesetzt: „Die anderen haben meine Idee von Beginn an unterstützt und schnell verstanden, warum ich diesen sehr persönlichen Weg einschlagen will und muss,“ freut sich Phil. „Ich bin überzeugt davon, dass nicht nur meine Band, sondern auch viele andere Leute verstehen und nachvollziehen können, was ich durchlebt habe und sich mit meinen Worten identifizieren werden. Für uns alle war es hilfreich und befreiend, uns auszuleben und das Innerste nach außen zu kehren. Ich bin stolz darauf und dankbar dafür, dass die Anderen den Soundtrack zu meiner Geschichte geschrieben haben. Denn das ist es, was mit „The Valley“ passiert ist. Ich habe ihnen mein Leben offengelegt, und auch wenn sie selbst andere Erlebnisse gemacht haben, gibt es doch in vielen Punkten eine Schnittmenge, die es den Anderen ermöglicht, mich zu verstehen.“ Wenig verwunderlich, erklingen auf dem siebten Longplayer der Metal Blade-Gruppe auch zutiefst emotionale Klänge sowie berührender Gesang:

„Das cleane Singen ist etwas, was wir schon früher noch auffälliger in unsere Musik einbinden wollten“, verrät der Frontmann. „Das nun auf „The Valley“ in dieser Konsequenz umgesetzt zu haben, freut mich sehr, denn es bereichert die Songs ungemein. Zudem bin ich davon überzeugt, dass es viele Leute gibt, die so etwas von uns endlich hören wollen. Auch das hat etwas mit unserem wiedergewonnenen Selbstbewusstsein zu tun und damit, dass wir uns stark fühlen, musikalisch all das tun, was wir wollen und was sich richtig anfühlt.“ In ihrer Fünfer-Gruppe haben WHITECHAPEL reichlich Motivation und Zuversicht getankt: „Anfangs haben wir allein geschaut, wohin uns unsere Ideen führen. Als wir im Proberaum zusammen kamen, hat jeder seine Einfälle und Einflüsse mitgebracht und wir haben sie organisch miteinander interagieren lassen. Wir fünf arbeiten schon viele Jahre zusammen und verstehen uns intuitiv und blendend. Es hat nicht lange gedauert, bis wir uns auf eine Linie verständigt hatten. Daraus hat sich eine ganz eigene Dynamik entwickelt, die uns allen zusagt und sich auf dem Album ausdrückt. Ich freue mich schon sehr auf die Touren nach der Veröffentlichung von „The Valley“. Jedes Album bietet uns für unsere Live-Show neue Möglichkeiten, denn wir können die Setlist überarbeiten. Dieses Mal ist es aber mehr als nur das. Die neuen Songs besitzen eine andere Anmutung und Atmosphäre, die unser Live-Spiel bereichern werden. Unsere Fans werden das sicherlich wahrnehmen, denn dieses Moment wird sich deutlich bemerkbar machen, glaube ich.“

„Es war uns wichtig, dass jeder Song für sich allein steht, aber auch auf das einzahlt, was wir mit „The Valley“ erreichen wollten“, ergänzt Alex Wade. „Jeder Track ist ein Teil der Geschichte, hat aber auch seine eigene Identität. Das führt dazu, dass ein größeres Gesamtbild entsteht.“ Als einer der drei Gitarristen im Line-Up hebt auch Alex hervor, dass die Kreativarbeit praktisch ein Selbstläufer gewesen ist: „Die Platte ist natürlich und flüssig zustande gekommen. Rund um das letzte Album hat sich die Band in einer inneren Unruhe befunden, die uns gehemmt hat. Auf „The Valley“ hört man in der Musik, dass wir beim Schreiben mental mit uns im Reinen waren. Deshalb ist es ein ungleich stärkeres Werk.“ Das liegt zu einem guten Teil daran, weil WHITECHAPEL eine reife Musikalität anstreben und sich nicht im Kleinklein verlieren:

„Es geht uns sicherlich nicht darum, die Songs mit Komplexität zu füllen“, so Alex. „Wir machen uns keine Gedanken darüber, wie technisch ein Lied ausfällt. Für uns geht es um gut arrangierte Tracks, an denen sich die Leute festhalten und die sie für die nächsten Jahre genießen können. Es ist uns wichtig, zeitlose Musik zu schreiben; nicht etwas, das nur komplex und auffällig ist. Früher haben wir zu zweit knallharte Riffs geschrieben und wollten nur möglichst coole Sounds erschaffen. Inzwischen arbeiten wir bewusst als Gruppe und mit mehr Rhythmus. So haben wir zu einem Sound mit einer gesunden Basis gefunden. Wir wissen, was funktioniert und was nicht. Daran halten wir uns.“ Hinsichtlich „The Valley“ gab es nur eine Ausnahme von dieser Regel: „Es gab ein paar Teile, die geändert werden mussten, damit die Musik mit dem harmonierte, was Phil gesanglich machen wollte. Wenn überhaupt, dann waren es aber nur kleine Veränderungen, damit die Songs besser mit dem Gesang fließen.“

 
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