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Omnium Gatherum

Storie von: arne, am 07.10.2018 ]

Das finnische Sextett ist bereits seit 1996 aktiv. Besser als auf dem neuen Album „The Burning Cold“ haben OMNIUM GATHERUM ihren nordischen Death Metal bislang noch nicht inszeniert. Die umsichtige und effektvolle Abstimmung der brachialen und melodischen Akzente lässt eine besondere Dynamik und nachhaltig wirkende Eindrücke entstehen.

 
„Das sehe ich ganz genauso,“ stimmt Kreativkopf und Gitarrist Markus Vanhala freudig zu. „The Burning Cold“ ist meiner Meinung nach unsere bisher beste Leistung und definitiv der Ort, an dem wir sein wollen. Ich habe keine Angst, wenn die Leute Wörter wie innovativ oder visionär verwenden, wenn sie an OMNIUM GATHERUM und unseren Sound denken. Wir haben von jeher versucht, individuell und originell aufzuspielen. Anstatt Nachahmer zu sein, sind wir den beschwerlichen und langsamen Weg gegangen. Als finnische Metal-Band wäre es uns ein Leichtes gewesen, auf den „Folk-Metal-Zug“ aufzuspringen, über finnische Götter oder Wikinger zu singen, Felle zu tragen und Warpaint aufzulegen. Doch wir wären ziemlich dumm gewesen, das zu tun. Das ist nicht unser Ding. Wir haben für uns einen anderen Weg gewählt, den wir mit jeder Veröffentlichung verfeinern. Bei OMNIUM GATHERUM fallen „Denken und Metal“ schon immer zusammen.“

Auf ihrem achten Longplayer leben die Finnen ihre Auslegung des melodischen Death Metal selbstbewusst und selbstverständlich aus: „Wenn ich Musik komponiere, denke ich einzig und allein daran, den Jungs in der Band und mir selbst zu gefallen,“ so der Hauptsongwriter. „Musik ist für mich eine egoistische Kunst. Die Dinge, die man liebt und auf die man aus ist, muss man selbst in die Hand nehmen bzw. umsetzen. Tut man das gut genug und überzeugend, werden dem auch andere Leute folgen. Bleibt das aus, ist man wenigstens selbst zufrieden. Das ist im Zweifel erfüllender, als eine Million Anhänger zu haben, aber etwas zu tun, was man hasst. Mit all dem im Hinterkopf bin ich glücklich und stolz auf „The Burning Cold“. Dieses Album war sogar einfach zum Leben zu erwecken. Die Songs fanden praktisch von selbst zueinander. Während der Arbeit habe ich eine seltsame Freiheit gespürt, als ich tief in die musikalische Welt von OMNIUM GATHERUM eingetaucht bin. Die Chemie innerhalb der Band war enthusiastisch. Sowohl im Proberaum als auch im Studio haben wir magische Momente erlebt. Das war wie eine Auferstehung für uns alte Knacker, auch wenn wir niemals weg gewesen sind.“

Auch wenn sich Markus von finnischen Kollegen partiell distanziert, findet man auch in den Stücken seiner Band Anklänge der berühmten finnischen Melancholie: „Die Traurigkeit und das Elend sind tief in der Musik von OMNIUM GATHERUM verwurzelt,“ bestätigt der Musiker. „Das liegt in unserem finnischen Blut und kommt durch die Folklore, Mythologien und alte Volksmusik, die uns seit der Kindheit begleiten. Moll ist die finnische Tonart schlechthin – für die Musik und unsere Leben. Wir sind nun einmal die stillen Waldbewohner. Dennoch würde ich unsere Musik nicht als so dunkel und düster auslegen. Es geht nicht so weit wie bei Swallow The Sun, etc. In der Musik und den Texten von OMNIUM GATHERUM gibt es viel Hoffnung und einen auffälligen melodischen Gehalt. Die Musik spiegelt unseren Geisteszustand in verschiedenen Momenten wider. Da fließen persönliche Erfahrungen, Landschaften, Wetter, Filme, Musik, Gedichte, etc. mit ein. Ich habe keine spezielle Formel und kein Ritual, um meinen Geist auf das Komponieren von Stimmungen vorzubereiten. Der kreative Prozess ist ein geheimnisvoller Kreislauf, der die mentalen Fähigkeiten von Künstlern antreibt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die besondere Fähigkeit verloren habe. Und dann, wenn man es am wenigsten erwartet, trifft einen die musikalische Kraft und erfüllt das Gehirn und die Sinne für diese eine Sache – neue Musik zu schreiben. Dann verliere ich den Kontakt zur Realität, was es für die Leute, die mit mir leben, nicht so einfach macht.“

Es fällt auf, dass Markus beim Songwriting noch mehr Aufmerksamkeit auf die Arrangements und Songs selbst gelegt hat. Mit „The Burning Cold“ erscheint ein zugleich hartes und melodisch-atmosphärisches sowie ein perfekt ausbalanciertes Werk: „Es geht darum, auf der schmalen Linie zwischen eingängigen Songs zu balancieren, dabei aber nicht die progressive Schlagseite zu verlieren, die das Spiel von OMNIUM GATHERUM ebenfalls auszeichnet. Wir überprüfen uns selbst aufmerksam, um nicht zu weit in die technischen Aspekte abzudriften. Auf dem neuen Album wird anspruchsvolle Musikalität geboten, doch diese ist zwischen den Song-Zeilen und -Strukturen versteckt. Im Vordergrund steht die Güte der einzelnen Songs. Wenn ich erste Ideen fertig habe, lasse ich den Songs zunächst Zeit zum Reifen. Wenn es sich nach dieser Pause immer noch gut und frisch anhört, war ich erfolgreich. Dann stelle ich die Song-Ideen dem Band-Rat vor. Wenn auch er sie mag, geht es in die letzte Stufe – zur kompletten Band. Auf diese bürokratische Band-Pyramide vertrauen wir, denn sie hat sich bewährt. Ich habe mir auch die seltsame Angewohnheit angeeignet, fertige Song-Demos des ganzen Albums immer im Flugzeug zu hören. Vom Boden flüchte ich in den Himmel, um die Qualität zu überprüfen. Über den Wolken gibt es nichts, was die Sinne stört, so dass ich meine ganze Aufmerksamkeit auf das Hören richten kann. Ein Album zu komponieren, ist wie die Arbeit an einem ein Bauwerk. Man fängt aus dem Nichts an. Dann muss man seine Leistung an der Realität überprüfen. Welche Dinge sind bereits geschrieben? Was fehlt? Was könnten interessante zusätzliche Blickwinkel sein? Das Album-Drama ist für mich enorm wichtig, da ich immer noch „ganze Alben“ im Sinn habe. Für mich ist eine Platte wie eine Show oder ein Spiel. Die Dramaturgie in den einzelnen Songs und auf dem ganzen Album muss passen. Ich arbeite gerne mit Kontrasten, mit verschiedenen Emotionen und verändere das transportierte Gefühl häufig abrupt, wenn ich bestimmte Klanglandschaften mit der Musik malen will. Dafür lasse ich mich von der Natur und Atmosph


äre von Filmen inspirieren. Für mich ist es daher logisch, gewisse „Sehenswürdigkeiten“ in meine Musik einfließen zu lassen.“

OMNIUM GATHERUM sind nie als Gruppe aufgefallen, die dorthin geht, wo der Weg am einfachsten ist. Mit den Jahren und Veröffentlichungen zahlt sich das immer mehr aus: „Als wir uns das Label „Adult Oriented Death Metal“ verpasst haben, war das nicht wirklich ernst gemeint,“ erinnert sich der Gitarrist. „Andererseits beschreibt es doch irgendwie erschreckend gut, wie wir klingen. Man nehme den AOR von Journey, Whitesnake und Europe, verbinde ihn mit dem Death Metal von At The Gates, Edge Of Sanity und Death und ergänze das Resultat um die gute alte finnische Melancholie, ohne die Hoffnung zu kurz kommen zu lassen. Verzweiflung ohne Hoffnung kann es nicht geben – nicht einmal bei den finnischen Freunden des Elends.“ Was die eigene Anspruchshaltung anbelangt, zieht Markus einen interessanten Vergleich: „Das Niveau unserer Musikalität und handwerklichen Ausführung ist schon immer hoch gewesen. Wir halten uns an das Folgende: tue oder tue es nicht, es gibt keinen zweiten Versuch. Hier verbindet sich unsere finnische Folklore mit der Jedi-Mythologie.“

Das bringt es mit sich, dass sich die sechs Musiker beim kreativen Arbeiten auf ihre Wurzeln zurück besinnen: „Der Kompositionsprozess ist das, wo die Magie liegt,“ stimmt der Kreativkopf zu. „Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten OMNIUM GATHERUM-Song. Das war ,Crater Lake‘. Auf dem Chorus-Riff des Stücks ,Fearless Entity‘ vom neuen Album versteckt sich ein kleiner Tribut an ,Crater Lakes‘. Damals, als wir den Song fertig hatten und ihn zum ersten Mal mit der Band spielten, war das einer der Momente, in denen wir das nächste Level erreicht haben. Diese Momente im Leben, die zu einer größeren Existenz führen – wie auch laufen, sprechen und Gitarre spielen lernen – bleiben als ganz besonders in Erinnerung.“ Perfekt ausgewogene Songs zu schreiben, ist das ultimative Ziel der Finnen: „Ich suche die schlüssige Verbindung zwischen Melodie und Aggression und verfeinere diese Elemente so lange, bis sie sich zum Besseren wenden,“ so Markus. „Was Songwriting, Musikalität und Balance, aber auch die konzeptuelle Welt der Texte, anbelangt, ist „The Burning Cold“ unsere bisher beste Arbeit. Nichts auf diesem Album ist unter Zwang entstanden. Was man hört, ist eine natürliche und ehrliche Entwicklung. Mir ist daran gelegen, den Geist der Band zu bewahren und von einem zum anderen Album niemals komplett mit unserem Sound zu brechen. Wir sind nicht wie Opeth, auch sie es gut hinbekommen. Uns reichen behutsame Veränderungen und eine natürliche Evolution. Andererseits, wenn man das zweite OMNIUM GATHERUM-Album „Years In Waste“ mit „The Burning Cold“ vergleicht, hat sich auch bei uns eine Menge verändert. Man könnte den Eindruck erlangen, es handle sich um eine andere Band. 14 Jahre sind eine lange Zeit. Es wäre traurig, wenn es da keine Evolution gegeben hätte. Schließlich bin ich heute ein anderer Mensch als damals. Die Musik reflektiert das.“

In anderer Hinsicht hat sich bei Markus Vanhala im Zeitverlauf nichts verändert: „Ich bin ein Old School-Musik-Fan, nutze keine digitalen Streaming-Dienste und kaufe immer noch Vinyl und CDs. Ich höre und schätze die Musik und konsumiere sie nicht nur. Heutzutage scheint mir Musik oftmals ein Einweg-Wegwerf-Artikel zu sein. Nach den ersten zwei Minuten auf Spotify wird eine Wertung getroffen. Verstehen Hörer etwas nicht auf Anhieb, wechseln sie direkt zum nächsten. Zum Glück halten es viele Metal-Fans anders. Sie respektieren die Musik und investieren Zeit. Sie verlieren sich beim Hören ganzer Alben und tragen voller Stolz Band-T-Shirts. Deshalb ist es gut, Teil einer Metal-Band zu sein. Es ist kein Risiko, komplexere Musik zu schreiben, die ein wenig Zeit braucht, bis man sie versteht. Anders möchte ich es auch gar nicht haben.“ Das liegt nicht zuletzt an der musikalischen Sozialisation des Finnen: „Inzwischen bin ich schlecht darin, neue Metal-Bands zu entdecken, da ich mich hauptsächlich mit meinen Helden der 1980er und 90er Jahre beschäftige. Ich habe keinen Spotify-Zugang, aber eine umfangreiche Sammlung auf Vinyl und CD. Sie wächst jedes Mal, wenn ich auf Tour bin, denn ich bin ein Plattenladen-Tourist. Meine diesjährigen Lieblingsalben sind das neue von Nightflight Orchestra und, überraschenderweise, Ghost. Vor „Prequelle“ mochte ich Ghost überhaupt nicht, doch dieses Album ist wirklich fantastisch. Ich liebe es, wenn das ganze Paket zusammen passt und eine starke Einheit bildet: gute Musik mit prägnanten Bildern und tollen Geschichten. Ghost und Nightflight Orchestra bieten das, wie natürlich auch alle meine 1990er Jahre Lieblings-Death und Black Metal-Alben oder meine 1980er Klassik-Rock-Favoriten.“

„The Burning Cold“ basiert ebenfalls auf einem tiefer gehenden Konzept: „Wir behandeln den Zustand der Menschheit und wie uns die Intensität dieser schnellen modernen Welt verändert. Manchmal scheint es, dass diese Welt kurz vor dem Zerfall steht und es um uns herum nichts anderes als ein wachsendes Chaos gibt, das sich von Hass ernährt. Damit einher geht die Frage, wie sich all dies auf unser inneres Selbst auswirkt, wenn die Bandbreite an Emotionen im individuellen höchsten Gefühl der Liebe bis zur niedrigsten Stufe des Hasses auf das Äußerste optimiert ist. Das ist die emotionale Achterbahn der Neuzeit. Alles muss sofort da und schnell konsumierbar sein. Dazu ist alles in den sozialen Medien direkt öffentlich. Dieser Kampf ist überall um uns herum und in uns. Man muss sich entscheiden, ob bzw. inwieweit man das mitmacht oder sich entkoppelt. Die großen Mysterien der Lebenssaga gehen weiter.“

 
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