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Lionheart

Storie von: arne, am 30.11.2017 ]

OHNE HARDCORE GEHT ES NICHT. Rund zwölf Monate nach ihrer Auflösung sind LIONHEART wieder zurück und legen mit „Welcome To The West Coast II“ ein neues Album vor. Das Quintett aus Oakland setzt weiterhin auf einen kraftvollen, metallischen Hardcore mit Monster-Grooves. Textlich teilt Shouter Rob Watson gewohnt heftig und lautstark aus; ist um deutliche Worte nicht verlegen.

 
„Um ehrlich zu sein, bin ich wirklich erleichtert, weil die Reaktionen überwiegend positiv sind,“ äußert der Frontmann. „Innerhalb der Band waren wir anfangs nervös und haben befürchtet, dass Presse und Fans uns beschimpfen würden, weil wir nur ein Jahr nach unserem Abgang wieder auf der Bildfläche auftauchen. Doch das Interesse ist gewaltig. Wir sind nicht in der Erwartung zurückgekehrt, dass sich die Leute um uns kümmern oder eine große Sache daraus machen werden. Vor allem sind wir deshalb wieder da, weil WIR es wollen und dieser Schritt für uns persönlich der richtige ist. Wir haben es arg unterschätzt, wie sehr wir die Band vermissen würden, Musik zu spielen und gemeinsam auf Tour zu sein. Es hat nicht lange gedauert, bis wir an den Punkt gelangt sind, an dem wir das auch laut ausgesprochen haben. Und nun sind wir wieder da. Wenn Leute ein Problem damit haben, ist das so, doch diese Band ist ein essentieller Teil unserer Leben, nicht ihrer. Manche Leute ärgern sich darüber, dass wir so schnell wieder zurück sind und werfen uns vor, dies allein des Geldes wegen zu tun. Doch das ist Schwachsinn. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wichtig die Band für uns ist. Diesen Teil unseres Lebens wollen wir nicht missen, weil wir uns darum sorgen, wie irgendein Kind im Keller seiner Eltern reagiert und was es auf einem Message Board Negatives postet. Wir lieben diese Musik, darum geht es. Wir alle haben Jobs und Familien und sind nach wie vor dabei, heraus zu finden, wie wir all das unter einen Hut bekommen. Doch daran arbeiten wir. Ich weiß ehrlich nicht, wie ich NICHT in LIONHEART sein könnte. Und bezüglich der Sell out-Vorwürfe: zeigt mir eine Hardcore-Band, die mit dieser Musik reich geworden ist und ich frage sie nach ihrem Geheimnis. Es hat Gründe, dass wir alle gewöhnlichen Jobs nachgehen. Niemand kann davon leben, 35 Hardcore-Shows pro Jahr zu spielen.“

Die Kalifornier bereuen die Reaktivierung ihrer Gruppe nicht und sind mit sich im Reinen. Auch deshalb, weil sie sich und ihre Entscheidungen hinterfragen: „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätten wir uns überhaupt nicht erst getrennt,“ stellt Rob klar. „Andererseits haben uns Jobs und Familien zum damaligen Zeitpunkt ein Weitermachen verwehrt. Die Pause hat uns gut getan, denn wir konnten unsere Leben und Prioritäten ordnen. Das Leben ist verrückt und voll von unvorhersehbaren Wendungen. Heute bin ich einfach froh, dass wir wieder aktiv sind und hier und da Shows spielen.“ Kurzzeitig stand dabei im Raum, unter neuem neuen Namen komplett von vorne zu beginnen: „Darüber haben wir definitiv nachgedacht,“ bestätigt der Shouter. „Mit unserem Gitarristen Evan, mit dem ich alle Songs schreibe, habe ich darüber intensiv diskutiert und es ernsthaft in Erwägung gezogen. Um ehrlich zu sein, war das anfangs sogar unser Plan. Doch je mehr neue Songs wir geschrieben haben, desto deutlicher klang alles nach LIONHEART. Also sagten wir „Fuck it“, wenn wir schon weitermachen, dann auch unter diesem Namen.“

In der Comeback-Ankündigung auf facebook schreiben die Musiker sinngemäß, dass sie gewillt sind, den Kampf gegen Widrigkeiten fortzusetzen: „Die Aussage, dass wir uns vom ersten Tag an mehr schlecht als recht durchschlagen, bringt es auf den Punkt,“ bekräftigt der Frontmann. „Jeder, der irgendwann einmal Teil einer Band gewesen ist, kennt die Irrungen, Wirrungen und Katastrophen, die damit verbunden sind. Man trifft Entscheidungen, bei denen man sich anschließend fragt, warum zum Teufel man das überhaupt getan hat. Ein guter Teil des Seins jeder Band besteht darin, schlechte Entscheidungen zu treffen, sie wieder auszubügeln und daraus zu lernen. Jeder Musiker in Hardcore, Punk und Metal hat DIY-Instinkte und folgt ihnen; so auch wir. Deshalb haben wir uns der Welt präsentiert und sie betourt. Dabei haben wir einige gute und viele wirklich schlechte Entscheidungen getroffen. Das ist unvermeidlich und Teil des Spaßes. Beim Split war es nicht anders. Wir haben eine Wahl getroffen, die wir damals so treffen mussten, obwohl keiner von uns es wirklich wollte. Sobald die letzte Show vorüber war, fühlten wir, dass es ein Fehler ist. Es war alles surreal. Wir haben uns sofort gefragt, was wir nun tun sollen? Der Band hatte ich seit 2004 mein Leben verschrieben. Plötzlich war es vorbei; das war völlig bizarr. Es führte kein Weg daran vorbei, unseren Fehler zu korrigieren. So ist das Leben. Du gewinnst etwas und du verlierst etwas. Doch das hat nur dann einen Wert, wenn du von dem Scheiß lernst.“

Die Musiker aus Oakland mussten sich zunächst im schnöden Alltag zu Recht finden: „Ja, das war schwierig,“ so Rob. „Ehrlich gesagt habe ich mich vor allem nach dem gemeinsamen Abhängen und all den kleinen Sachen, die man auf Tour erlebt, gesehnt. Wir haben im Laufe der Jahre so viel Zeit zusammen verbracht. Das von einem Tag auf den anderen einfach zu beenden, war definitiv ein schreckliches Gefühl. Ich glaube aber nicht, dass sich einer von uns Zuhause gelangweilt hat, denn wir konnten uns auf Familie und berufliche Karrieren konzentrieren. So lassen sich die Tage auch füllen. Doch etwas Wesentliches


fehlte: die Band. Einige Dinge habe ich indes nicht vermisst – insbesondere den Konkurrenzkampf. Es war schön, dem eine Zeit lang zu entkommen. Vieles, was man im Musik-Geschäft hinten den Kulissen erlebt, ernüchtert und schlaucht einfach nur. Zum Glück haben wir den größten Teil dieser Scheiße überlebt und wissen damit umzugehen.“

Für das Comeback von LIONHEART gibt es eine klare Marschroute: „Zum jetzigen Zeitpunkt wollen und können wir die Band keinesfalls Vollzeit betreiben. Das passt nicht mit unseren aktuellen Lebensphasen zusammen,“ erzählt der Musiker. „Wir haben versucht, den „Love Don´t Live Here“-Zyklus mit einer Mischung aus Teil- und Vollzeit zu jonglieren, doch das war einfach zu heftig für uns und hat nicht funktioniert. Wir haben zu Hause Jobs und Verpflichtungen, denen wir gerecht werden müssen. Wenn wir jetzt ein oder zwei kurze Touren pro Jahr und alle zwei Jahre ein Album umsetzen können, sollte es für uns passen. Ich bin davon überzeugt, dass es so gut funktionieren wird. Wir bleiben als Band aktiv, können aber auch das Leben mit unseren Familien genießen. Einige von uns sind verheiratet und haben Kinder. Also müssen sie häufig zu Hause sein. Die Familie ist uns allen immens wichtig.“ Für Rob Watson umschließt das auch die Hardcore-Szene: „Punk und Hardcore verdanke ich so viel. Mit der Szene bin ich zu einem frühen Zeitpunkt meines Lebens in Berührung gekommen und in ihr aufgewachsen. Ich habe früh gelernt, dass man wirklich alles tun kann, was man will. Das klingt nach Klischee, und ich hasse diesen Satz deshalb, doch es trifft den Nagel auf den Kopf. Wir haben die Band 2004 in einem Wohnzimmer gegründet, uns auf die Straße getraut und durchgezogen. Anfangs haben wir unsere Ausrüstung in einen Lieferwagen gepackt und begonnen, Basement-Shows zu spielen. Wir sind in leeren Bars in Städten aufgetreten, von denen man noch nie gehört hat, und haben verdammt viele Kilometer hinter uns gebracht. Unser Traum hat uns angetrieben und wir haben alles dafür getan, dass dieser Realität wird. Jede ernsthaft agierende Band kennt harte Arbeit, muss Ausdauer zeigen und die Wahrheit akzeptieren, dass alles passieren kann. Auch wir sind nicht mehr als fünf Idioten, die kaum eine Melodie halten können, aber diese Scheiße mehr als irgendetwas lieben und jeden Abend an ihrer Musik arbeiten. Wir sind ohne Hilfe bei null gestartet und können unseren Kindern davon berichten, was wir alles auf die Beine gestellt haben.“ Der Frontmann weiß ganz genau, was er erreichen will:

„Als ich jung war, bekam ich eines Tages ein BLOOD FOR BLOOD-Album in die Hände und das hat mein Leben gerettet. Die Texte sprachen mir aus der Seele und haben das in Worte gefasst, was ich nicht ausdrücken konnte. Ich habe die Band gegründet, weil ich meine Erfahrungen teilen und mit Leuten in Verbindung treten will. So, wie BLOOD FOR BLOOD auf mich gewirkt haben und ich mich mit ihnen verbunden fühlte, sollen es unsere Hörer erleben. Das war und ist meine Triebfeder. Ich will anderen zurück geben, was der Hardcore mir gegeben hat. Vor der Entdeckung von Hardcore und Punk hatte ich immer das Gefühl, dass ich mich mit nichts und niemandem identifizieren kann und nichts wirklich mit mir verbunden war. Dann hat sich dann schnell geändert. Meine Texte sind schnell zu verstehen, weil ich direkt ausspreche, was ich meine. „Bullshit-Poesie“ oder verschleierte Andeutungen sind nichts für mich. Ich nenne die Scheiße beim Namen. Wenn ich eine Geschichte darüber erzählen möchte, wie verrückt und selbstmörderisch ich gewesen bin, tue ich das. Und das ist es, was die Musik und insbesondere die Texte sein müssen – ein aufrichtiger und schonungsloser Blick auf die Welt aus einer rein subjektiven Wahrnehmung. Nur dann können Hörer dazu eine Beziehung aufbauen und man als Künstler jemands Leben mit Musik beeinflussen. Das ist meine Philosophie. Ich möchte mit Leuten in Verbindung treten und versuche deshalb, mich so ehrlich und direkt wie möglich zu präsentieren.“

Auf der Comeback-Platte geschieht genau das: „Wir hatten vor allem eine Menge Spaß,“ rekapituliert Rob. „Es gab keinen Druck, weil wir nicht einmal sicher waren, ob oder wie wir die Songs herausbringen würden. Also haben wir einfach das geschrieben, was wir wollten. „Welcome To The West Coast II“ ist unser bisher ehrlichstes Album. Wir haben bewusst beschlossen, dass es eine Fortsetzung des ersten „Welcome To The West Coast“ sein soll. Als der erste Teil herauskam, sind LIONHEART ebenfalls frisch aus einer Pause zurückgekehrt. Wir haben die EP damals ohne weiterführende Absichten geschrieben. Es sollte schlicht eine EP sein, was damit endete, dass es unsere bis dahin erfolgreichste Veröffentlichung geworden ist. Das neue Album basiert auf derselben Ausgangslage. Allein die Option, es nicht zu schreiben, bestand nicht. Wir mussten es einfach tun. Es war die reine Freude am Musizieren und ich finde, dass die Songs großartig geworden sind. Es gibt gewaltige Grooves und insgesamt ist es ein bitteres und heftiges Album. Für mich stellt es eine Kombination aus dem ersten „WTTWC“ und „Love Don‘t Live Here“ dar.“

 
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