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Keitzer

Interview von: arne mit KEITZER, am: 29.12.2016 ]

Auf die fünf Nordrhein-Westfalen ist Verlass. Wo KEITZER drauf steht, gibt es einen Extrem-Sound, der unerbittlich drückt und maximal brutal ausgearbeitet wird. Diese Weisheit bestätigt sich auch im Fall des sechsten Longplayers „Ascension“. Die seit 1999 bestehende Band verzichtet auf Experimente, da sie ihren Trademark-Stil schon früh gefunden hat und nicht anderes zum Glücklichsein braucht. Entsprechend geht es in gewohnter Manier mit einem rigorosen Mix zwischen Grindcore und Death Metal sowie mit Hardcore-Attitüde und Black Metal-Ästhetik durch wütende, unbequeme Songs.

 

Musicscan: Zunächst: Seid Ihr selbst überrascht, dass Keitzer nach wie vor aktiv sind und mit Ascension ein neues Album heraus bringen? Euch gibt es schließlich schon gefühlt eine kleine Ewigkeit, doch eine Band über etliche Jahre am Leben zu halten, bedeutet auch Entbehrungen und Disziplin, nicht nur Spaß…

Keitzer: Darüber haben wir uns ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. In der Tat gibt es uns schon verdammt lange, selbst Nicolai ist nun auch schon neun Jahre bei uns. Selbstverständlich bedeutet eine Band am Leben zu erhalten auch Entbehrungen und vor allem investiert man eine Menge Zeit darin. Aber das ist bei allen Dingen, die einem wichtig sind und Spass machen der Fall. Für uns ist die Band ein Hobby, da wir alle noch einen geregelten Job nachgehen und leider mit der Band nicht reich geworden sind :) (bislang jedenfalls). Und dieses Hobby macht uns allen immer noch verdammt viel Spass, daran hat sich in den Jahren nichts geändert, eventuell ist es sogar noch besser geworden, weil man sich mit der Zeit ja auch etwas „erarbeitet“ hat. Bei uns gibt es auch mal Unstimmigkeiten wie bei jeder Band aber überrascht sind wir nicht, fühlt sich immer noch ziemlich gut an, zusammen Musik zu machen.

Musicscan: Auf bandcamp steht “5 people shredding and blasting since 1999” – führt das bitte doch noch ein wenig aus. Mit welcher Grundhaltung seid Ihr unterwegs? Was stachelt Euch an, brutal und extrem nach vorne zu gehen und nicht zurück zu stecken?

Keitzer: Was andere von unserer Musik halten haben wir immer in den Hintergrund gerückt. Michael hat es mal ganz treffend beschrieben „In erster Linie muss uns das Spass machen und wir das geil finden, was wir machen. Wenn dann noch andere es ebenso empfinden: um so besser“. Wir lieben einfach diese Art von Musik und sind mit dieser Musik alle schon eine Ewigkeit verbunden. Zudem befinden wir uns in der komfortablen Position nicht von unserer Musik leben zu müssen und auch von unserem Label FDA Rekotz (schönen Gruß an Rico!) keine Vorgaben zu erhalten, wie wir klingen müssen oder was wir zu ändern haben. Wir sind über die Jahre einfach wir selbst geblieben. Sicherlich hören wir auch andere Sachen, abseits von brutaler Musik, aber hauptsächlich hören wir Metal/Grindcore. So stand es auch nie in Frage, dass wir in diese Richtung Musik machen werden. Zudem ist diese Musik zu spielen auch wie ein Ventil, es macht Spass und tut gut, im Proberaum und natürlich live die Sau raus zu lassen.

Musicscan: Euch gibt es schon eine ganze Zeit lang. Interessant finde ich den Umstand, dass Keitzer immer als extrem wahrzunehmen sind, obwohl sich der extreme Sektor in den ganzen Jahren enorm weiterentwickelt und verändert hat. Woran könnte das Eurer Meinung nach liegen und wie habt Ihr die Veränderung extremer Musik in den letzten Jahren erlebt, sofern Ihr sie denn bestätigt?

Keitzer: Das können wir bestätigen, denn wir selbst haben uns ja verändert und weiterentwickelt. Hört man sich mal durch unsere Discographie, merkt man schnell eine Veränderung und Weiterentwicklung. Anfangs stand der Grindcore viel mehr bei uns im Vordergrund und gerade in den letzten drei Alben haben sich bei uns die Death-Metal Anteile stetig erhöht. Deutlich wird das bereits, wenn man die „Descend into Heresy“ mit der letzten Scheibe „The Last Defence“ vergleicht. Mit unserer neuen Platte „Ascension“ haben wir diesen Weg konsequent weiterentwickelt ohne an Extremität einzubüßen, weil wir ja immer noch sehr auf schnelles Shredden und flottes Riffing setzen. Darin liegt gegebenenfalls der Grund, dass wir auch weiterhin als extrem wahrgenommen werden. Grundsätzlich stehen wir Veränderungen positiv gegenüber, obwohl wir von totaler Veränderung wenig halten. Wie in vielen Dingen des Lebens entwickelt sich ja nicht immer alles weiter bzw. wird das Rad nicht neu erfunden, sondern auch Altes erfährt eine Wiederauferstehung wie z. B. seit einiger Zeit Old-School Death Metal. Auch muss man sagen, dass gerade im Bereich der Spieltechnik sich so einiges getan hat. Bei vielen - auch jungen - Bands, denkt man sich oft: Meine Güte, machen die außer Gitarre üben wohl noch was anderes? Das ist natürlich auf andere Instrumente übertragbar. Wir finden es einfach gut, dass auch der Sektor der Extremmusik so viele verschiedene Facetten bietet. Man muss nicht alles davon gut finden, aber jeder findet dort was für sich passendes.

Musicscan: Was sich über die Keitzer-Veröffentlichungen für mich durchzieht, ist eine Attitüde, die Euch auszeichnet und dazu auch eine extreme Belastbarkeit. Seht Ihr das auch so? Was charakterisiert Euer Spiel für Euch selbst, worauf seid Ihr aus?

Keitzer: Wir sind uns gerade nicht ganz im Klaren darüber, was du mit dieser speziellen Attitüde wohl meinen könntest. Gerade in Bezug auf die Belastbarkeit. Als Grundsatz durchzieht unsere Veröffentlichungen vielleicht: „Wo Keitzer drauf steht, ist auch Keitzer drin“. Bei aller Entwicklung haben wir immer versucht, diesem Grundsatz treu zu bleiben. Wenn es nur darum geht worauf wir aus sind, muss man eindeutig sagen: Spaß und die Freude an der Musik, die wir machen aber eben als Keitzer. Wenn man so lange in der gleichen Konstellation zusammen spielt, dann ist das letztlich mehr als einfach eine Band, es ist ein zentraler Teil unser aller Leben. Wir machen als Freunde Mucke. In einer anderen Zusammensetzung würden wir wohl nicht so funktionieren, wie jetzt schon so lange. Letztlich geht es sicher immer auch darum, das Beste aus uns rauszuholen, uns, so gut es geht, stetig zu entwickeln und unser Baby am Leben zu erhalten.

Musicscan: Wie ist es um Eure Aufmerksamkeitsspannen bestellt? Fast könnte man meinen, dass Ihr nicht still sitzen könnt und permanent etwas passieren muss. Ist das Songwriting aber eher impulsiv und vom Moment inspiriert oder basiert es doch eher auf Planung? Ich würde fast letzteres erwarten…

Keitzer: Ach, im Grunde sind wir alle eher entspannt und sind nicht von irgendwas getrieben oder gehetzt. Der eine etwas mehr und der andere etwas weniger :). Haben jedenfalls nicht stetig Hummeln im Arsch. Das Songwriting ist schon eher impulsiv, bzw. fängt es so jedenfalls an. Man schnappt sich zu Hause die Gitarre und spielt ein wenig und plötzlich kommt ein Riff welches geil klingt und darauf baut man dann auf. Man muss also einen Part finden der dazu passt und noch einen usw., evtl. wird hier und da noch was umgestellt bis am Ende ein Song heraus kommt, den man für gut befindet. Es ist also eine Mischung von Impulsivität und Planung. Entschieden, ob ein Song in der vorgebrachten Form dann so übernommen wird, Modifikationen notwendig sind, oder auch mal nicht für gut befunden wird, wird dann gemeinsam. Manchmal werden auch nur einzelne Ideen von Zuhause mitgebracht und den Rest entwickeln wir dann gemeinsam.

Musicscan: Grundsätzlich haltet Ihr Euch meinem Eindruck nach an effektive, eingeführte Strukturen, so dass man als Hörer immer weiß, woran man ist. Das äußert sich unweigerlich auch in einer gegebenen Live-Tauglichkeit Eures Materials. Habt Ihr den „Live-Test“ beim Songwriting immer mit im Hinterkopf?

Keitzer: Diese Strukturen ergeben sich durch das eben gesagte. Man schaut bei dem Songwriting darauf, dass die Parts für einen selbst passen bis der Song im Ganzen als gut befunden wird. Den „Live-Test“ haben wir nie so im Hinterkopf, dass wir uns beim Songwriting und proben fragen:“Wie kommt das wohl an?“. Was wir uns allerdings schon vorab überlegen, und das haben wir immer so gehalten, ist, dass die Songs in ihrer erstellten Form auch so live zu performen sind. Fünf verschiedene Gitarrenspuren plus Orchester und sechs verschiedene Amps werden auf unseren Veröffentlichungen daher auch nicht zu hören sein. Wir finden es selber enttäuschend, wenn man sich von der Platte her auf eine Band freut, diese anschaut und dann frustriert nach Hause geht, weils live nicht im mindesten das bietet, was auf Platte versprochen wurde. Unsere Songs müssen auch auf ner kleinen Bühne ohne tausend Möglichkeiten, spielbar sein, nicht nur auf nem einwandfrei ausgestatteten Festival. Daher versuchen wir bei den Aufnahmen auch weitestgehend unsere Amps ohne weitere Efekte zu nutzen. So klingt man dann auch live. Entscheidend ist letztlich, wir müssen den Kram geil finden, das war immer unser Motto und so entstehen unsere Songs. Es tut natürlich sehr gut, dass einige Hörer das dann ebenfalls geil finden.

Musicscan: Schön finde ich auch, dass keines der Stücke aus dem Album-Rahmen fällt, sondern erst die Gesamtheit das ganze Wirkungsbild offenbart: in dieser Hinsicht pflegt Ihr eine Old School-Tradition. Aber bei welchen Gruppen habt Ihr die Vorzüge eines solchen Songwritings kennen und schätzen gelernt?

Keitzer: Das ist ein unbewusster Prozess bei uns und irgendwie bekommen wir es dann in unseren Augen hin, dass die gesamte Platte „rund“ wirkt. Unseres Erachtens lässt sich das pauschal gar nicht sagen bei welcher Band wir diese Art schätzen gelernt haben. Das macht einfach eine gute Scheibe aus, sie muss „rund“ klingen, im Prinzip einfach gute Songs beinhalten, wobei man eventuell manche Songs etwas mehr mag aber keinen „schlecht“ findet.

Musicscan: Beschreibt doch bitte das Grundgefühl, mit dem Ihr die neuen Tracks für Ascension geschrieben und umgesetzt habt. Gibt es Unterschiede hinsichtlich Herangehensweise und bandinterner Stimmung im Vergleich zu Euren früheren Releases, irgendwelche Unterschiede hinsichtlich Eurer Erwartungen, Überzeugungen, was-auch-immer?

Keitzer: Der größte Unterschied zu den anderen Platten ist, dass diesmal mehr Songideen von Nicolai kommen und auch Michael einen Song geschrieben hat. Auf der letzten Scheibe war das schon ähnlich, ist nun aber nochmal mehr. Ansonsten hat sich an der Herangehensweise und der Stimmung nichts geändert. Da wir halt alle schon zusammen so lange Musik machen, sind wir einfach sehr gut aufeinander eingestellt und funktionieren deshalb auch sehr gut zusammen. Es ist ein Klischee, welches man oft liest und hört, aber wir halten die neue Scheibe für unsere stärkste bislang und meinen, dass wir im Vergleich zu der „The Last Defence“ nochmal eine ordentliche „Schippe“ draufgepackt haben. Dementsprechend sind unsere Erwartungen, dass dies auch bei der Hörerschaft so aufgenommen wird, schon sehr groß. Zudem haben wir auf dem ein oder anderen Festival noch nicht gespielt und hoffen, dass durch diese Scheibe dies eventuell möglich wird.

Musicscan: Ist es eigentlich Zufall oder Absicht, dass die Themen/Titel Eurer Veröffentlichungen immer so pessimistisch, existenziell bzw. kathartisch ausfallen? Welche gedankliche Stoßrichtung nimmt das neue Album inhaltlich?

Keitzer: Nein , das ist kein Zufall. Das ist eine Grundstimmung, die sich durch alle unsere Alben zieht und einfach am besten zu unserer Musik passt. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass wir lange Zeit keine wirklichen Texte hatten und die Musik für uns ganz klar im Vordergrund steht. Wir nutzen unsere Musik nicht als Sprachrohr um bestimmte Botschaften zu vermitteln. Dafür ist andere Musik eventuell auch besser geeignet bzw. muss das jede Band für sich selbst entscheiden. Trotzdem, und das war auch schon bei den früheren Releases so, hat sich in der Textarbeit allerdings erst seit der Last Defence herauskristalisiert, geht es inhaltlich auch bei dieser Scheibe wieder um unsere klassischen Themen wie Krieg, Tod und Zerstörung. Das ist auch kein Zufall, denn wenn man sehenden Auges durch die Welt geht, begegnet einem der Egoismus und Zerstörungswahnsinn der „Krone der Schöpfung“ doch an allen Ecken und Enden. Das ist heute ebenso wahrzunehmen, wie im Verlauf der Geschichte. Christian hat sich thematisch bei den Texten für Ascension am Zeitalter der Kolonialisierung und der damit verbundenen Gräueltaten orientiert. Diese Überlegenheitsdenken einiger Teile der Menschheit scheint allerdings in der Geschichte und auch heutzutage durchweg zeitgemäß zu sein, wie man an der politischen Entwicklung weltweit und auch hierzulande durchaus wahrnehmen kann. Und letztlich scheint sich an dieser menschlichen Grundtendenz trotz aller Modernität und Entwicklung nicht wirklich viel zu ändern. Schade eigentlich.

Musicscan: Ihr seid mit gefühlt allen Bands getourt/aufgetreten, die als Wegbereiter und/oder prominente Vertreter des Extrem-Sounds zwischen Grind-Death-Hardcore gelten: mit wem von ihnen fühlt Ihr Euch vielleicht besonders verbunden, nachdem Ihr sie kennen gelernt habt? Wer hat Euch warum überrascht? Was habt Ihr Euch beim einen oder anderen für Keitzer abgeschaut - ob nun Einstellung, Show-Faktor, Professionalität,…?

Keitzer: Es sind eher die „kleineren“ Bands, mit denen man sich verbunden fühlt. Die es auf einem ähnlichen „Level“ wie wir betreiben. Mit einigen hat sich eine Freundschaft entwickelt und man freut sich, wenn man sich sieht oder mal wieder ein Konzert zusammen spielt. Mit den ganz großen Bands wie z. B. Napalm Death oder Misery Index hat man an dem abend oder auf dem Festival gar nichts bis wenig zu tun, obwohl wir uns mit den Jungs von Misery Index schon nett unterhalten haben. Es war gut zu wissen, dass bei denen keine „Starallüren“ vorhanden sind und sie die extreme Musik sehr lieben. Mit Napalm Death hatten wir als Vorband eines Konzerts z. B. Gar nichts zu tun. Das soll aber auch kein Vorwurf sein, die sind auf Tour, spielen zig Konzerte, da erwartet man nicht, dass sie sich jeden abend Zeit für die kleine Vorband nehmen :) Es ist einfach geil mit Bands spielen zu dürfen, die man schon lange hört und sehr mag.

 
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