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Revocation

Storie von: arne, am 29.06.2016 ]

Sechs Alben in zehn Jahren. Die Produktivität der Death’n’Thrash-Kombo aus Boston ist beachtlich. Noch bemerkenswerter ist der Umstand, dass es REVOCATION gelingt, mit jeder Platte eine qualitative Steigerung nachzuweisen. „Great Is Our Sin“ heißt der neueste Streich der Band, die einen ganzheitlichen Extrem-Sound kultiviert.

 
Die kontinuierliche Verbesserung des eigenen Spiels ist Sänger und Gitarrist Dave Davidson zufolge auf einen ungebrochenen Tatendrang, akribische Vorbereitung und einen klaren Zielfokus zurück zu führen: „Der Vorteil, wenn man bereits eine Handvoll Alben fertig gestellt hat, ist die damit einher gehende Erfahrung. Man weiß, was man wann im Arbeitsprozess tun muss und wie man sich bestmöglich auf das Studio vorbereiten kann. Im Idealfall erlebt man beim Einspielen der Songs keine Überraschungen mehr, und genau so ist es bei uns gewesen. Wichtig ist vor allem, dass man vor den eigentlichen Aufnahmen ausreichend geprobt hat, um im Studio die bestmögliche Leistung abzuliefern. Es ist hinderlich, wenn man sich noch nicht vollends darüber im Klaren ist, ob alles funktioniert und zusammen passt. So etwas hemmt unweigerlich und nimmt die nötige Lockerheit. Natürlich besteht immer die Option, auch noch bis zuletzt Kleinigkeiten zu verändern. Doch zumindest 95 Prozent des Materials sollten meiner Meinung nach fix und fertig stehen und nicht mehr angefasst werden. Im Studio geht es einzig und allein darum, sich auf sein Spiel zu konzentrieren und es auf den Punkt zu bringen.“

Nach einer zehnjährigen Karriere im extremen Metal und einer Vielzahl an Veröffentlichungen steht für REVOCATION ohnehin mehr die Weiterentwicklung des eigenen Songwriting im Fokus: „Es stimmt, als Band blicken wir schon auf eine längere Wegstrecke zurück, haben viele Stücke geschrieben und uns über die Jahre hinweg entwickelt,“ so der Frontmann. „Natürlich ist es uns wichtig, Wiederholungen zu vermeiden, was angesichts der umfangreichen Song-Historie gar nicht so einfach ist. Doch es mangelt uns nicht an neuen, frischen Ideen. Für mich ist es spannend und beruhigend zugleich, dass wir auf einem eingeführten Sound, der uns definiert, aufsetzen können, wenn wir uns in die Arbeit für ein neues Album begeben. Es ist aufregend und heraus fordernd, die Grenzen unseres Sounds zu weiten und unser Spiel in den Details weiter zu verfeinern. Auf „Great Is Our Sin“ ist uns das meiner Auffassung nach gut gelungen.“ Dieser Einschätzung ist zuzustimmen. Die Bostoner überzeugen mit einem technischen, brutalen Metal-Mix, der um progressive Passagen erweitert wird und dessen Fortgang organisch und bauchgesteuert geschieht:

„Wir verfolgen ein Stück weit den Ansatz, uns mit jedem neuen Album neu zu definieren und partiell zu verändern,“ äußert Dave Davidson bezogen auf die Erwartungshaltung und Motivationslage der Band. „Mit Blick auf die Reaktionen der Hörer ist „Deathless“ unsere bislang erfolgreichste Veröffentlichung gewesen, die viel positiven Nachklang erfahren hat. Das hat uns natürlich motiviert, mit dem Nachfolger noch einen drauf setzen zu wollen und uns wiederum zu steigern. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir uns messbare Ziele setzen oder absichtlich die eine oder andere Richtung über Gebühr betonen. Indem wir uns gegenseitig im Kollektiv inspirieren, finden wir zu unseren Tracks. Tatsächlich scheint es mir, als hätten wir es mit dem neuen Album erreicht, musikalisch weiter zu wachsen. Für den Moment glaube ich sogar, dass „Great Is Our Sin“ das Album sein wird, das über den weiteren Verlauf unserer Karriere entscheidet.“

Die Ausgangslage für REVOCATION ist denkbar gut, legt man den sechsten Longplayer des Quartetts als Maßstab zugrunde. Der Sänger/Gitarrist kennzeichnet die Stärken seiner Band wie folgt: „Unsere Musikalität ist durch Substanz, Reife und technischen Anspruch geprägt. Deshalb überrascht es mich nicht so sehr, dass viele Musiker, die selbst Metal spielen, zu unseren Hörern zählen. Ich selbst beschäftige mich ja auch eingehend mit Gruppen, deren Spiel ich als spannend erachte und verbringe viel Zeit damit, ihre Riffs und Soli zu analysieren. Das führt unweigerlich dazu, dass ich ein tieferes Verständnis der Wirkungsweisen von guten Songs und eine noch größere Wertschätzung für die Musik ganz allgemein gewinne. Wenn ich Musik von anderen Gruppen höre, kann ich aber auch genauso gut abschalten und die Songs einfach emotional auf mich wirken lassen. Im besten Fall kommen in unseren Stücken Anspruch und Unterhaltungswert gleichberechtigt zusammen.“ Die Fokussierung auf nur einen der beiden Aspekte greift nach Einschätzung von Dave Davidson zu kurz:

„Der Metal erfüllt schon immer die Funktion, gegen den Mainstream zu opponieren. Aus diesem Grund ist es in meinen Augen verständlich, dass viele Bands in der heutigen Zeit immer mehr auf die Extreme abstellen und den technischen Aspekt hervor heben. Dabei sollten Musiker aber nicht vergessen, dass Technik nur ein Teil der Gleichung ist, auch wenn er zu den notwendigen Voraussetzungen zählt. Sobald man handwerklich versiert ist, muss man den Blick für das größere Bild schärfen und sich auf die Songs als Ganzes konzentrieren. Riffs können super komplex sein, doch wenn sie keinen Flow aufweisen und ein Stück weder Spannung noch Entwicklung aufweist, wird die Musik keine Wirkung entfalten, wahrscheinlich nicht einmal gehört werden. Wir behalten das im Hinterkopf, wenn wir unsere Songs schreiben und fügen nicht einfach nur einen technischen Riff an den anderen. Es ist unser erklärtes Ziel, mit Bedacht und Übersicht zu komponieren, um etwas Wertiges zu erschaffen.“

Anders formuliert streben REVOCATION danach, abwechslungsreiche, ausgewogene Platten zu erschaffen, die technisch ausgerichtet sind, aber dennoch auch zugänglich ausfallen. Genau das charakterisiert „Great Is Our Sin“ und trifft die Ansprüche, die der Sänger und Gitarrist an das eigene Spiel richtet:


„Mein Verständnis für gute Musik ist mit der Zeit gewachsen,“ äußert der Künstler im Rückblick. „Dafür war es erforderlich, dass ich eine Idee davon entwickelt habe, was ich als Songwriter und Musiker erreichen möchte. Nicht minder wichtig sind Erfahrung und die kontinuierliche Beschäftigung mit der eigenen Kreativität. Anfangs war ich schon zufrieden, wenn ich gute Riffs ersonnen habe. Auf unserem ersten Album weisen einzelne Songs gewisse Längen auf. Zwar sind tolle Riffs zu hören, doch das Drumherum stimmt nicht. Über die Jahre bin ich zu meinem größten Kritiker geworden und achte verstärkt darauf, dass alle Ideen und Riffs in einen flüssigen Kontext eingebunden sind und sich die Songs natürlich entwickeln.“ Das Quartett aus Massachusetts hat sich selbst einen entsprechenden Qualitätsfilter verordnet:

„Die Kontrollgröße, die all unsere Songs bestehen müssen, ist die Güte ihres natürlichen Sound-Flusses,“ bestätigt der Frontmann. „So vermeiden wir es, lediglich Riffs aneinander zu reihen. Gerade erst zuletzt haben wir etliche wirklich imposante Riffs verworfen, weil sie nicht in den Kontext des neuen Albums gepasst haben. Bisweilen kann es hart sein, sich an die eigenen Prinzipien zu halten und Ideen tatsächlich zu verwerfen. Doch wir wissen, dass es sein muss, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Unsere Songs prüfen wir ja nicht ohne Grund darauf, ob sie einer Entwicklung unterworfen sind und wachsen. Letztlich ist die Güte einer Komposition wichtiger als einzelne Bestandteile.“

Prozesse und Routinen auf der einen Seite, ergebnisoffene Progressivität und Entdeckerfreude auf der anderen: „Great Is Our Sin“ konnte nur das beeindruckende Extrem-Werk werden, als das es nun erscheint: „Die Arbeit am neuen Album verlief auch deshalb so entspannt und flüssig, weil wir alle in dieselbe Richtung gedacht und uns diesbezüglich gegenseitig gestärkt haben,“ ergänzt Dave. „Besonders präsent ist mir das fast schon blinde Verständnis mit unserem neuen Schlagzeuger Ash Pearson in Erinnerung geblieben, der erst seit dem vergangenen Jahr Mitglied unserer Band ist. Wir waren von Beginn an auf einer Wellenlänge, auch wenn personelle Wechsel nie einfach und zumeist mit einem Wagnis verbunden sind. Neue Mitglieder in eine eingeschworene Gemeinschaft zu integrieren, funktioniert nicht in jedem Fall. Doch wir hatten das Glück, dass es sofort bestens harmoniert hat und wir im Prozess des Songwriting vollends zusammen gewachsen sind.“ Das vorliegende Ergebnis spricht für sich. Musikalisch ist das sechste Werk von REVOCATION herausragend. Textlich beschäftig sich Dave Davidson mit Verrücktheiten der menschlichen Geschichte, Korruption der politischen Klasse, religiösem Fanatismus oder der Expansion von Imperien und ihren Niedergängen. Das passt zum Heavy-Umfeld, in dem sich das Quartett bewegt:

„Meinem Verständnis nach sind wir eine progressiv eingestellte Death-Thrash-Metal-Band. Abhängig vom jeweiligen Song steht mal die eine, mal die andere Ausrichtung im Vorder- oder Hintergrund. Mit Blick auf unseren Gesamt-Sound wird uns diese Beschreibung am ehesten gerecht.“ Die progressive Schlagseite im Spiel der Gruppe ist dabei nicht zu unterschätzen. Sie resultiert einerseits aus der Breite der Einflüsse der Mitglieder der Metal Blade-Kombo. Andererseits drückt sich in ihr die Prägung und das Interesse des Sängers und Gitarristen für den Jazz aus: „Ich selbst lasse mich vor allem von Musik außerhalb des Metal inspirieren,“ bestätigt der Frontmann. „Die klassische Musik und der Jazz haben es mir sehr angetan. Am College habe ich Jazz studiert. Wenn ich Zuhause bin, versuche ich möglichst viel Probezeit auf unterschiedliche Jazz-Klänge und experimentelle Solo-Stücke zu verwenden. Daraus ziehe ich ungemein viel Inspiration für die Songs von REVOCATION. Was Musik anbelangt, bin ich grundsätzlich aufgeschlossen und suche überall nach Anregungen und Ideen, die sich in unserem Kontext nutzen lassen. Zuletzt habe ich mich etwa intensiv mit Saxophon-Aufnahmen beschäftigt. Das hat mich dazu animiert, in anderen Bahnen zu denken und mein Spiel zu verändern. Natürlich lässt sich so etwas niemals gleichwertig auf einer Gitarre nachahmen, doch mir geht es mehr um die zugrunde liegende Geisteshaltung. Im Kern sind und bleiben wir eine Death- und Thrash-Metal-Band. Diese Ausrichtung werden wir niemals komplett über den Haufen werfen. Dennoch sind wir bestrebt, unseren Ansatz beständig zu erweitern und um neue Ideen zu bereichern. Diese Weiterentwicklung geschieht dabei stets evolutionär. Wir erzwingen nichts, es muss einfach passen. Letztlich schreiben wir immer genau die Songs, die wir zum jeweiligen Zeitpunkt ihres Entstehens hören wollen. Das ist bei uns nicht anders, als bei den meisten anderen Bands.“

Hier schließt sich der Kreis, denn natürlich sind REVOCATION fest in der Underground-Metal-Szene verwurzelt und verstehen sich als festen Teil von ihr: „Es ist toll, von Künstlern umgeben zu sein, die alle ihren eigenen Ansatz verfolgen und ebenso leidenschaftlich und hartnäckig unterwegs sind, wie wir selbst es sind. Im Thrash-Segment sehe ich vor allem eine Seelenverwandtschaft zu Voivod und Vektor, während Bands wie Gorguts und Martyr im progressiven Death Metal-Spektrum viele Gemeinsamkeiten zu uns aufweisen. Natürlich ließen sich viele weitere Gruppen anführen, doch insbesondere die Genannten imponieren mir deswegen, weil sie seit Jahren bestrebt sind, die Grenzen ihres Genres zu weiten.“ Auf „Great Is Our Sin“ lässt sich eindrucksvoll nachhören, dass die Bostoner nichts anderes tun.

 
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