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Waterdown

Storie von: arne, am 13.06.2003 ]

Die Erwartungen an das zweite Waterdown Album waren mit Sicherheit nicht die geringsten, aber die Band aus Osnabrück hielt dem Druck mit "The Files You Have On Me" problemlos stand; sieht man einmal vom sechsten Song "Decaffeinated" ab. Das Sextett hat seinen Sound noch weiter geöffnet und spielt nun offen das, was es wohl schon auf der ersten Platte machen wollte, sich dann aber doch nicht traute.

 
Von Beginn an fällt auf, dass das Zweitwerk deutlich komplexer, tiefer und anspruchsvoller ist. Waterdown verdienen den "Post-" Zusatz, egal, ob man da nun von "Post-"Hardcore, "Post-"Rock mit HC-Roots oder auch "Post-"Emo-Rock spricht. Wobei ich eigentlich nie verstanden habe, warum Waterdown in die Emo-Ecke gesteckt wurden; da hatten sie noch nie etwas zu suchen. Wenn überhaupt war/ist das Sextett eine Hardcore-Band.

Das wird auf dem neuen Album überdeutlich und immer wieder kommen Sick Of It All- Anleihen durch. Das liegt wohl an den vielen Shows, die beide Bands zusammen absolvierten. Keine Angst, das ist nicht soo vordergründig. Waterdown haben bereits mit ihrem zweiten Album einen eigenen Sound gefunden, den man von Beginn an zuordnen kann. Alles wirkt ausgereifter, runder und besser als noch auf dem Debüt, das ja auch nicht von schlechten Eltern war. Dabei stellt die Scheibe nur einen, unter Zeitnot zusammengestellten, Kompromiss dar.

Marcel und Ingo haben für die neue Platte Vocal-Coaching auf sich genommen und wirken im Zusammenspiel noch nachhaltiger. In meinem Empfinden liegt dem ganzen Album eine gewisse Melancholie zugrunde. Dabei sind einzelne Songs natürlich auch wieder beschwingt-fröhlich angelegt und richtige Hardcore-Brecher misst das Album ebenfalls nicht. Die Mischung stimmt zweifelsfrei. Axel ist von seinem Thumb- Ausflug wieder zurückgekehrt und mit Phillip ist zudem ein (fast) neuer Trommler im Boot. Viel hat sich geändert und doch ist irgendwie alles beim Alten geblieben. Waterdown sind Waterdown, aber eben einige Jahre weiter und deutlich reifer. Vielleicht fällt einigen der erste Zugang zur Platte ein wenig schwerer, aber dann bitte einfach alles noch einmal von Vorne hören. Musik mit Anspruch braucht eben ein wenig Zeit.

Telefonisch stand mit, wie schon zum Debüt, Bassist Christian Rede und Antwort und fasste mir die Zeit zwischen beiden Gesprächen folgendermaßen zusammen: "Als wir damals den Plattenvertrag unterschrieben haben, waren wir ja noch ziemlich grün hinter den Ohren. Nach der Veröffentlichung ist dann all das passiert, wovon man träumt, beispielsweise einer US-Tour, und das waren bei uns fünfeinhalb Wochen mit Thursday; das war eine super Erfahrung. Wir sind mehr oder minder ins kalte Wasser geschmissen worden, weil es, von den fünf Tagen mit Grade abgesehen, unsere erste Tour gewesen ist und es war sau hart und hat uns mit Sicherheit viele Kratzer verpasst, aber auch sehr viel gebracht. Seither ist jede Tour besser geworden, konstant von Tour zu Tour war unser Verhältnis untereinander besser und wir nehmen mehr Rücksicht aufeinander, kennen unsere Ticks, und wie man damit umgehen muss, und es läuft einfach super entspannt. Wenn man wie wir innerhalb von sechs Monaten Support von Jimmy Eat World und Sick Of It All ist, ist das so ziemlich alles, was man machen kann, rein von der musikalischen Bandbreite her und wir haben mit super vielen Bands gespielt, die wir geil finden, egal, ob sie zu uns passten oder nicht."

Immer wieder las oder hörte man auch, dass Waterdown im UK supergut ankommen, was Christian bestätigte: "In England haben wir den Status, den eine Band wie etwa Boy Sets Fire hier haben. Ganz so groß sind wir natürlich nicht, aber an dem Beispiel kann man es gut zeigen. Wenn Boy Sets Fire einmal im Jahr nach Europa kommen, dann freuen sich alle, gehen da hin und gehen total ab. Spielen wir irgendwo in Deutschland, wissen die Leute, dass sie uns in zwei Monaten sicherlich auch wieder woanders sehen können. Gehen wir aber nach England, ist es so, als wenn eine Ami-Band hier spielt. Das ist, glaube ich, der Grund dafür, dass die Leute in England total enthusiastisch reagieren. Wir haben aber auch hier in Deutschland viele geile Shows gehabt, wo super viele Leute mitgesungen haben."

In den Staaten haben Waterdown noch ein etwas schwereren Stand, trotz der Unterstützung von Victory: "Wir sind recht gut angekommen, gerade wenn man bedenkt,


dass wir dort ein völlig unbekannte Band sind. Vor zwei Jahren auf der Tour hatten wir pro Show ca. 4-5 Leute, die mitsingen konnten und das war für uns schon ein Riesenerfolg. Das stand natürlich in keiner Relation zu Thursday. Die hatten damals etwa die Größe, die wir jetzt hier in Deutschland haben. Victory haben immer großes Interesse daran, dass wir rüber gehen, aber das können wir natürlich nicht. Die Tour-Situation in den USA ist auch komplett anders als hier. Nehmen wir wieder Thursday als Beispiel oder auch Darkest Hour, die touren, ohne Scheiß, neun Monate am Stück, fast ohne Off-Days, und dann explodieren sie, weil die Leute das mitbekommen haben. Das können wir einfach nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, was passiert, wenn wir das nächste Mal rübergehen. Ein paar Leute werden wir inzwischen bestimmt ziehen, hoffe ich."

Die Deutschland-Tour zu "The Files You Have On Me" ist bereits im Frühjahr zusammen mit Somehow Hollow gelaufen. Diese Bandwahl wunderte mich ein wenig, aber Waterdown nahmen die Kanadier ganz bewusst mit: "Das war in aller erster Linie ein Freundschaftsdienst. Das sind ja ex-Grade und die haben uns damals ungemein weitergeholfen und wir wollen ihnen jetzt helfen, wo sie von Vorne anfangen. Ich mag die Leute super gerne und finde die Platte auch nicht so schlecht, wie sie von manchen Leuten dargestellt wird. Sie machen ihre Sache schon gut, auch wenn sie natürlich nicht super-originell ist."

Das Zweitwerk von Waterdown ist anfangs schwerer zugänglich und es braucht einen kleinen Anlauf, bis das Material so richtig zündet. Christian sieht das ähnlich: "Ich glaube, die Platte hat deutlich mehr Tiefe als die andere und das sorgt dafür, dass man sich erst mal in sie hineinarbeiten muss. Das liegt daran, dass wir zur Zeit der ersten Platte noch eine ganz junge Band waren und uns inzwischen besser kennen und sehr viel mitgemacht haben und einfach auch bessere Produzenten hatten. Uwe hat, wenn ihm etwas nicht gepasst hat, das auch gesagt. Es war für uns auch eine herbe Entscheidung in ein Studio zu gehen und so aufzunehmen, wie es jede normale Rock-Band tut, auf, also nach Klick und jeder nacheinander, also Schlagzeug, Bass, Gitarre und anschließend Gesang. Uwe hat uns überzeugt, das Material doch zusammen einzuspielen, weil er das Gefühl hatte, uns würde das klinische Schema F nicht liegen. Es hat zum Glück super geklappt und die Platte hat sehr viel Leben."

Weiß man zudem um den Entstehungs-Prozess der neuen Songs wird Vieles klarer; ist er doch für eine Hardcore-Band eher ungewöhnlich. Probleme waren von Beginn an vorprogrammiert: "Das war ein ziemliches Hick-Hack, weil wir zwei neue Leute einarbeiten mussten, Shows spielten und neue Songs schreiben mussten. Wir haben deshalb an zwei verschiedenen Orten an der Platte gearbeitet, einen Raum für die Instrumente und einen Raum für die Sänger. War ein Song fertig, haben wir ihn den Sänger rübergeschmissen und an neuen Songs gearbeitet. Das hat zu tierischem Zeitdruck geführt, weil wir nicht genug miteinander geredet haben. Wir Instrumentalisten hatten ganz andere Vorstellungen von den Songs als die Sänger und erst in den letzten Tagen und auch noch im Studio hat sich das dann geklärt."

Dabei hätte eigentlich alles viel entspannter laufen sollen: "Wir haben sechs Monate, bevor wir ins Studio sind, angefangen an den neuen Songs zu arbeiten. Wir haben die Zeit über so viel gearbeitet, dass wir Instrumentalisten jede Woche konstant fünf bis sechs Mal gemacht haben, fast jeden Tag. Das war schon ganz schön hart."

Klar ist aber, wie das dritte Album entstehen wird: "Nächstes Mal machen wir das wieder ganz normal im Proberaum." Christians Resümee ist dennoch positiv: "Unter den Umständen bin ich persönlich supergut damit zufrieden. Ich glaube, dass wir es besser hätten machen können, wie viel besser, weiß ich aber nicht. Mit dem Album müssen wir uns auf jeden Fall nicht verstecken."

 
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