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Kammerflimmer Kollektief

Interview von: Matthias Rauch mit Thomas Weber, am: 12.06.2003 ]

Das Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe ist in Deutschland recht einzigartig. Keine andere Band schafft es derart überzeugend, verschiedenste Atmosphären und musikalischen Anspruch so kongenial zu verbinden. Sie entgleiten auf ihre ganze eigene Art und Weise gekonnt fast jeglichen Kategorisierungs- und Definierungsversuchen und schaffen sich damit so was wie ihren eigenen künstlerischen Freiraum, den sie auch mit jeder Platte voll ausschöpfen. Das neueste Werk hört auf den Namen "Cicadidae" und ist meiner Meinung nach das beste, weil schlüssigste und stimmigste Album des Kollektiefs. Eine solche Bandbreite an Stimmungen und Facetten bekommt man selten geboten. Grund genug mich mit Mastermind Thomas etwas näher über die Musik und das Leben zu unterhalten.

 

Musicscan: Ich glaube nicht, dass alle unsere Leser schon wissen, wer das Kammerflimmer Kollektief ist. Vielleicht kannst du kurz sagen, wer dabei ist und wie ihr euch zusammengefunden habt.

Kammerflimmer Kollektief: Heike Aumüller - soundprocessing; Christopher Brunner - drums + vibraphone; Didi Foth - saxophone; Johannes Frisch - double bass; Thomas Weber - guitar, harmonium, soundprocessing; Heike Wendelin - violin.
Durch Glück, Zufall und vieles anderes haben wir zusammengefunden!

Musicscan: Habt ihr in den letzten zwei Jahren ununterbrochen an "Cicadidae" gearbeitet oder gab es da doch andere Prioritäten in eurem Leben?

Kammerflimmer Kollektief: Ununterbrochen wäre übertrieben; der Entstehungsprozess hat sich über zwei Jahre erstreckt, wir waren natürlich nicht solange im Studio; die Zeit wurde aber letzten Endes benötigt, um in Ruhe zu testen, was funktioniert, und was nicht funktioniert: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Gröpfchen... die Musik kommt eben doch nicht so rausgeblubbert, die Menschmaschine benötigt ihren Input, um einen Output zu erzeugen; und der Input kann natürlich vieles sein! Alles in allem sind zwei Jahre dann doch keine Zeit. Andere Prioritäten gibt es leider mehr als genug: die Miete und das täglich Brot müssen mit schlechtbezahlten Jobs verdient werden...

Musicscan: Womit seid ihr beschäftigt, wenn ihr euch nicht gerade mit Musik auseinandersetzt?

Kammerflimmer Kollektief: Mit oben erwähnten anderen Prioritäten, oder mit Theatermusik, oder einem Kontrabassensemble (Ensemble Sondarc) oder einer Countryband (The Calico Bonnet Love Gang), oder diversen Improvisationsensembles. What goes around comes around.

Musicscan: Thomas, hat das Kollektief eher Projektcharakter für dich oder ist das schon ein Bandgefühl? Inwieweit sind die Musiker, die auf dem neuen Album zu hören sind, fester Bestandteil der "Band"?

Kammerflimmer Kollektief: Das Kollektief ist mittlerweile weit davon entfernt, sich nur über einen Projektcharakter zu definieren. Mittlerweile werden viele Sachen auch im Proberaum entwickelt. Desweiteren haben die idiosynkratischen Spielweisen der verschiedenen MusikerInnen nicht unmaßgeblichen Einfluss am ganzen Bild.

Musicscan: Gibt es ein verbindendes Element auf "Cicadidae", das inhaltlich und musikalisch umgesetzt wird?

Kammerflimmer Kollektief: Sokrates im Phaidros: "Die Zikaden waren Menschen, die vor der Geburt der Musen lebten; als aber Musen, Kunst und Gesang entstanden, vergaßen sie über dem Singen Speise und Trank und starben dahin, ohne es zu fühlen. Aus ihnen entstand das Geschlecht der Zikaden; sie brauchen keine Nahrung und dürfen ihr ganzes Leben hindurch singen. Nach dem Tode kommen sie zu den Musen, melden ihnen, wer auf Erden sie ehrt und machen die Menschen, die der Kunst dienen, den Musen lieber" (Platon, Phaidros). So sind die Zikadenmenschen Vorläufer der Philosophen. Deshalb singen sie nicht nur, sondern unterreden sich auch wie Philosophen. Wie Philosophen prüfen sie die Menschen oder helfen ihnen auch, wenn sie die richtigen Töne spielen: dem Sänger Eunomos (in einem Timaios-Fragment) springt eine Grille bei, als ihm bei einem musikalischen Wettkampf eine Saite gesprungen ist: Zikade ersetzt den fehlenden Ton durch ihr Zirpen. (Das schrieb Klaus Theweleit)
Und das sagt Robert Wyatt: Describing a CD or a piece of music as a landscape may seem rather a corny image - but it's a very useful one I got, in fact, from Carla Bley, I think, when she was describing what she wanted from a piece of music - she said she didn't want a piece of music, where you just simply, for example, went out your house, went out the front door, went down a flat road, went round the corner, went to the shop, came back down the same road and shut the front door behind you. She wanted a piece of music where you went out the front door, turned left and suddenly there's a massive pothole, and you fell forty feet into the ground, and had to climb out on a ladder, and get through a burning house, and wade through a lake and then get somewhere. In other words, she wanted a real bit of adventure in her music, and this involves surprising detours...so that even if you're specific about the character of one song - it's more exciting to place them ...to juxtapose them in such a way as to make an adventure out of the sequence of the songs.

Musicscan: Wie muss man sich den Songwriting-Prozess bei euch vorstellen? Wie läuft das ab? Welchen Anteil hat die Improvisation an "Cicadidae" und wie haltet ihr die Waage zwischen Kontrolle und freiem Spiel?

Kammerflimmer Kollektief: Die Kollektief-Improvisation einerseits ist die Grundlage für manche Tracks auf "Cicadidae"; das ist nicht die schlechteste aller Möglichkeiten: wir spielen relativ lose, ohne große Absprachen, und warten ab, was im Autopilot-Modus alles passiert. Andererseits werden auch viele einzelnen Stimmen aus der Improvisation gewonnen, und später am Rechner editiert. Letztendlich ist aber egal, wie was entstanden ist (Improvisation, Komposition, Interpretation): wichtig ist, dass die Musik eine Eigendynamik entwickelt, mit der die MusikerInnen ihre Kontrolle über die Musik verlieren und sich treiben lassen können. Erst dann funktioniert das Ganze!

Musicscan: Wann bist du das erste Mal bewusst mit elektronischer Musik in Berührung gekommen und was hat dich dann daran fasziniert?

Kammerflimmer Kollektief: Keine Ahnung, wann ich das erste Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen bin (vielleicht 1981 als ich mir "Die Kleinen und die Bösen" von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft gekauft habe, aber war die elektronisch? Keine Ahnung!). Ich unterscheide Musiken nicht nach der Art ihrer Generierung. Im Allgemeinen finde ich die Einordnung in irgendwelche Kategorien, die irgendwelche Musikjournalisten erfunden haben und noch erfinden werden, um ihre CD-Besprechungen in irgendwelchen Schubladen zu stecken (Post-Rock, Electronica, IDM, Electronic-Jazz, Clicks'n'Cuts, Glitch, you name them!) nicht gerade besonders sexy, eher ein bisschen stier! Der Musik macht man damit keinen Gefallen! Den Vermarktungsmechanismen schon!

Musicscan: Wie schätzt du die momentane Lage in Deutschland ein in Bezug auf eure Musik? Hat sich da in den letzten Jahren eurer Meinung nach etwas verändert, vielleicht sogar zum Besseren gewendet? Sind die Leute aufgeschlossener gegenüber experimenteller Musik oder eher das Gegenteil?

Kammerflimmer Kollektief: Dass die Leute aufgeschlossener sind oder sein soll(t)en, macht die Lage mitnichten besser: sie sind jetzt eben auch offen für jeden Scheiß!

Musicscan: Ihr habt eure ersten beiden Platten auf Payola veröffentlicht. Wie kam es nach dem kurzen Zwischenspiel mit After Hours zum Kontakt mit Staubgold? Seit ihr mit der Zusammenarbeit soweit zufrieden?

Kammerflimmer Kollektief: Es kommt wie es kommen soll, der Kontakt zu After Hours besteht noch, eine längere Zusammenarbeit war sowieso nicht geplant. Mit Staubgold sind wir sehr zufrieden. Wir haben uns relativ unkompliziert zusammengefunden (es war ein Telefonat!), und werden liebevoll betreut.

Musicscan: Ihr spielt relativ wenig live. Woher kommt das?

Kammerflimmer Kollektief: Es ist ein relativ großer Aufwand sechs Menschen simultan zu mobilisieren. Wir sind aus dem Alter raus, als dass wir noch Spaß hätten, zwei Wochen hintereinander sinnlos stumpf im Tourbus zu sitzen und Dosenbier zu trinken.

Musicscan: 3 Platten, Bücher und Filme für die (momentane) Ewigkeit?

Kammerflimmer Kollektief: Platten: Robert Wyatt - End of an ear. John Coltrane - Live in Japan 1966. Spontaneous Music Ensemble - Karyobin.
Bücher: Ingeborg Bachmann "Simultan"; James Ellroy "The Big Nowhere"; R. D. Brinkmann "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand"
Filme: Coppola "Der Pate 1+2"; Cimino "Deer Hunter"; Laughton "The Night of the Hunter"

Musicscan: Mit welchen Künstlern würdet ihr euch gerne mal eine Bühne teilen?

Kammerflimmer Kollektief: Robert Wyatt, Damien Jurado, Stina Nordenstam, Matthew Shipp zum Beispiel.

Musicscan: Was sind die Pläne in der näheren Zukunft (Tour, Platte, Projekte, Hoffnungen...)?

Kammerflimmer Kollektief: Mehrere Konzerte stehen im Herbst an, vielleicht auch eine US-Tour; eine neue CD gibt es Mitte nächsten Jahres. Vielleicht wird auf Staubgold "Hysteria" wiederveröffentlicht!

 
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