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Tausend Löwen Unter Feinden

Interview von: arne mit Matzo, am: 09.01.2016 ]

Geht es um relevante Hardcore-Veröffentlichungen aus deutschen Landen, ist für das Jahr 2015 zwingend auf das Debüt von TAUSEND LÖWEN UNTER FEINDEN zu verweisen. Die Formation aus NRW lässt ihrer „Licht“-MCD ein ruppiges, ambitioniertes Album folgen. Sozial- und Gesellschaftskritik äußern die Musiker am Beispiel einer Person, die über die 14 Tracks ihr komplettes Leben durchläuft – vom Auftakt ,Alpha‘ bis hin zum finalen ,Omega‘. Das rund halbstündige Debüt des Quintetts wird dabei mit einer Mischung aus Modern-Hardcore-Klängen und New Yorker Hardcore-Kante umgesetzt; spiegelt dabei die Höhen und Tiefen des Lebens des Protagonisten wider. „Machtwort“ ist in jeder Beziehung der Ausdruck der Szene-Verbundenheit der Gruppe, die einen Kollektiv-Gedanken propagiert.

 

Musicscan: Direkt zum Einstieg, damit ich es nicht vergesse: wer kam auf die Cover-Idee für die Tour-Pressung von Licht? Warum gerade GB, was bedeutet euch diese Band? Warum sollten auch jüngere HC-Kids ihre Songs kennen bzw. wenigstens gehört haben? Wo seht ihr die Verbindung zwischen GB und TLUF?

Tausend Löwen Unter Feinden: Die Idee kam aus dem ganz einfachen Grund, weil diese Band unsere komplette Jugend durch bis heute immer präsent gewesen ist. Einige unserer Mitglieder sind straight edger und sind nicht zuletzt durch GB beeinflusst worden. Sowohl musikalisch als auch auf die Lebenseinstellung bezogen. Zudem vertreten wir bei uns innerhalb der Band die Einstellung, dass es wichtig ist, zusammen einen Konsens zu finden, auch wenn man immer wieder verschiedene Meinungen hat. GB haben schon zu ihrer Anfangszeit Wert darauf gelegt, nicht militant auf staight edge zu bestehen oder sich in eine bestimmte Schublade stecken zu lassen, sondern gemeinsam mit anderen Menschen außerhalb der Szene in Dialog zu treten. Diesen Ansatzpunkt sehen wir bei uns ganz genauso. Wir müssen die Ideen, die sich in der Hardcore Szene entwickeln auch in die Mitte der Gesellschaft tragen, um Problematiken sichtbarer zu machen und Dinge in die richtigen Richtungen verändern zu können.

Musicscan: Ihr propagiert einen Kollektiv-Charakter und legt Wert auf die Feststellung, dass TLUF mehr als nur die Musiker sind, die man auf der Bühne sieht. Welche Vor- bzw. Nachteile bietet ein Kollektiv eurer Erfahrung nach? Wie stellt ihr sicher, dass es bei einer Vielzahl an Leuten, Erwartungen, Ideen, etc. doch immer auch halbwegs zielgerichtet zugeht? Letztlich sollen schließlich Songs und Shows heraus kommen…

Tausend Löwen Unter Feinden: Wir legen Wert auf den Begriff des Kollektivs, da es sich bei uns – ganz genauso wie bei jeder anderen Band – um ein soziales Kollektiv handelt, bei dem Menschen mitwirken, die an das gleiche glauben und für die gleichen Werte einstehen. Eine Band ist immer durch ihr Umfeld geprägt und wird auch ohne die Unterstützung ihres Umfeldes niemals wirklich weiter kommen. Wir zählen neben dem Kern der Band, also den Musikern, die letztlich auf der Bühne stehen und die Songs schreiben, auch alle anderen mit zum erweiterten Kreis der Band, die auf irgendeine Art und Weise involviert sind. Label, Booking Agentur, Designer, Journalisten, Familie, Freunde und natürlich jeder einzelne Fan sind alle daran beteiligt, dass sich der Gedanke, die Idee und die Message einer Band verbreiten können. Jeder innerhalb eines sozialen Kollektivs hat seine Individualität und eine eigene Meinung. Viele Bereiche wie Wertvorstellungen, der Musikgeschmack und Ansichten über das Leben überschneiden sich aber auch und aus der Vielfalt und den damit verbundenen Diskussionen und Kompromissen entsteht schließlich am Ende etwas Gemeinsames. Wichtig ist uns in der ausgeprägten Individualisierung, die in unserer Gesellschaft geschieht auch zu betonen, dass man nicht immer nur auf sich alleine gestellt ist. In jedem sozialen Konstrukt sind wir auf Zusammenhalt, Nächstenliebe und gegenseitige Hilfestellungen angewiesen und müssen in der Lage sein, Kompromisse einzugehen. Eine Band ist dafür ein gutes Beispiel und von diesem kleinen Kontext kann man letztlich auch auf größere Zusammenhänge schließen.

Musicscan: Aus eurer Wahrnehmung: welchen Stellenwert besitzen die traditionellen Hardcore-Wurzeln und die -Ethik in der gegenwärtigen Hardcore-Szene? Welche Aspekte würdet ihr ggf. gerne stärker ausgeprägt sehen? Wie seht ihr das alles im Kontext von Kommerzialität auf der einen und Traditionsbewusstsein (inkl. eigentlich obligatorischer textlicher Kannte) auf der anderen Seite?

Tausend Löwen Unter Feinden: Hardcore ist schon lange nicht mehr nur im underground zu finden. Wie bei vielen anderen sogenannten Sub-Kulturen ist diese Verschiebung durch neue Medien wie das Internet und ein globalisiertes Denken der Menschen zu beobachten. Eine immer stärker segmentierte Gesellschaft hat in Bezug auf Konsum ebenso differente Bedürfnisse woraus sich ein „Patchwork der Minderheiten“ ergeben hat. Es handelt sich bei Hardcore nicht mehr um eine Randerscheinung der Gesellschaft. Songs laufen in den Diskotheken, Radio Sender laden Hardcore Bands zu Interviews ein und auf Festivals, auf denen früher nur Metal Bands gespielt haben besteht heute die Hälfte des Line-ups aus Hardcore Bands. Diese Entwicklung hat viele negative Auswirkungen und bringt auch eine gewisse Kommerzialisierung mit sich, die oftmals auch im Gegensatz zu den Inhalten steht, die Texte im Hardcore thematisieren. Auf der anderen Seite ergibt sich dadurch die Chance, auch andere Menschen, die sich zuvor niemals mit solchen Inhalten beschäftigt hätten, zu erreichen. Besonders in einer Zeit, in der alle Grenzen in den Köpfen der Menschen immer mehr verwischen und viele Menschen durch den Informationssturm überfordert sind, ist es wichtig, die traditionellen Werte zu stärken, da sie in immer schneller werdenden Zeiten einen wichtigen Sicherheitsanker bilden.

Musicscan: Als ihr vor rund einem Jahr gestartet seid: was für eine Art von Band sollte TLUF werden? Welches Selbstverständnis, welche Attitüde, welche Ansprüche sind in euren Reihen „definiert“ oder umgesetzt worden?

Tausend Löwen Unter Feinden: Von Beginn an wollten wir ein klares Zeichen setzen. Wir sind nicht allein. Ihr seid nicht allein. Wir gehören zusammen, denn zusammen können wir die Welt verändern. So pathetisch wie das auch für manch einen klingen mag, so ist es doch der Ansatzpunkt, wie es zu der Band gekommen ist. Es ist letztlich auch in keiner Weise pathetisch gemeint, sondern in ganz praktischer Hinsicht auf das tägliche Leben bezogen. Wir müssen im Kleinen beginnen, die gesunden sozialen Strukturen auszubauen, damit es im Großen funktionieren kann. Wenn jeder seinem Nachbarn zur Seite steht, hat das einen Ketteneffekt, dass am Ende jedem geholfen ist.

Musicscan: Ach ja: ist es irgendwie hinderlich, dass eure Mitglieder in verschiedenen Städten leben, oder wirkt sich dieser Umstand vielleicht sogar befruchtend aus, weil ihr die Zeit, die ihr gemeinsam habt, effektiv nutzt?

Tausend Löwen Unter Feinden: Wir wohnen mittlerweile alle nicht so weit auseinander, dass wir uns einfach in der Mitte von allen Wohnorten einen Proberaum gesucht haben. Davon abgesehen ist es aber auf jeden Fall befruchtend und auch für kreative Prozesse sehr gut, wenn verschiedene Einflüsse zusammen wirken. Die Bandstruktur sieht auch hier vor, dass aus der Vielfalt etwas Gemeinsames entstehen kann.

Musicscan: Machtwort als Wort klingt ähnlich hart wie „alternativlos“, das Politiker gerne nutzen: warum ist es an euch, ein Machtwort zu sprechen? Zumal vor dem Hintergrund, dass die Texte sonst doch schon offener angelegt sind…

Tausend Löwen Unter Feinden: Der Titel „Machtwort“ des Albums bezieht sich gar nicht auf ein Machtwort, dass wir als Band sprechen wollen. Es handelt sich bei dem Album um ein Konzeptalbum, dass den Lebensweg eines Menschen von der Geburt bis zum Tod nachzeichnet. Der Titel „Macht“ beinhaltet das „Machtwort“, dass der Protagonist in der Geschichte sich selbst gegenüber spricht. Er sagt dort: „Hier ist keine Macht. Ich verlasse diesen Ort noch in dieser Nacht.“ Es geht also um ein Machtwort, dass ein Mensch sich selbst gegenüber spricht. Bei dem Titel geht es darum, dass der Protagonist erkennt, dass er in allen weltlichen Genüssen und in den irdischen Machtstrukturen, die die Menschen gebaut und konstruiert haben, keine wirkliche Macht über sich und das Leben finden kann. Er kann die Erlösung und den Sinn des Lebens nur in sich selbst finden.

Musicscan: Musik und Texte kommen bei TLUF gleichberechtigt zusammen. Das war schon von der MCD her bekannt. Dennoch überrascht der existenzielle Konzeptcharakter der Debüt-Platte. Wie kam es zur Umsetzung eines Lebenszyklus? Welche Möglichkeiten bietet der Lebensweg, Botschaften, die euch wichtig sind, zu formulieren?

Tausend Löwen Unter Feinden: Die Idee, ein Kozeptalbum zu schreiben war schon lange da. Es war auf jeden Fall auch eine Herausforderung, da jeder Song für sich stehen sollte, jedoch auch alle Lieder zusammen eine Geschichte erzählen sollten. Da es für die verschiedenen Lebensstationen ja auch unterschiedliche Themen gibt, mit denen man sich zu dieser Zeit beschäftigt – Auflehnung gegen die gesellschaftlichen Strukturen in der Jugend zum Beispiel – bietet der Lebensweg viele Möglichkeiten der Thematisierung. Auf den unterschiedlichsten Ebenen. Alpha zum Beispiel beschreibt zum Beispiel die Gefühle von Eltern bei der Geburt ihres Kindes dem Kind gegenüber, das Lied Wind handelt von einem Schicksalsschlag und der Song Babel von deiner kritischen Sicht dem kapitalistischen Profitdenken gegenüber.

Musicscan: Ganz konkret: welche Entstehungsgeschichte hat Kreuz Herz Anker, wie ist der Song zu dem geworden, wie er nun auf der Platte zu hören ist? Welche Hintergedanken verbindet ihr mit dem Stück? Welche Bedeutung besitzt es im konzeptionellen Kontext der Platte?

Tausend Löwen Unter Feinden: So wie jeden Song auf dem Album muss man auch Kreuz Herz Anker im Zusammenhang mit den Songs jeweils davor und danach in Verbindung setzen. Der Song davor ist Wind. Hier geht es darum, dass der Protagonist am Ende seiner Kräfte angelangt ist. Er fühlt sich alleine auf der Welt und weiß nicht mehr an wen er sich wenden soll oder wohin sein Weg führen soll. Kreuz, Herz und Anker stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung. In der Geschichte geht es nun darum, neuen Lebensmut zu finden. Etwas woran man glauben kann, etwas oder jemand, der eine Perspektive aufzeigt. Nach dem Lied kommt der Song Nebel, bei dem viele Gastsänger mitmachen und inhaltlich wird hier Glaube, Liebe, Hoffnung auch wieder aufgegriffen. Der Song Nebel ist dann der Song, der auch den Grundgedanken von Tausend Löwen unter Feinden in sich trägt. Man ist nicht alleine auf der Welt und durch den Zusammenhalt und den Glauben von Menschen, die für das Gleiche einstehen, können Berge versetzt werden.

Musicscan: Zur Konzeption der Songs: achtet ihr bewusst darauf, dass die Songs immer direkt und kompakt ausfallen, nicht „zu lang“ werden, sondern die Spannung stets aufrecht erhalten bleibt? Was zeichnet für euch einen guten Song aus und wie stellt ihr Kollektiv-intern sicher, dass die Qualität stimmt und auf Album-Länge gesehen die Abwechslung nicht zu kurz kommt?

Tausend Löwen Unter Feinden: Wir sind auf jeden Fall bemüht, dass die Songs alle kompakt sind und sich die Parts nicht ständig wiederholen. Da spielen sicherlich auch die musikalischen Einflüsse von alten oldschool Bands ein Rolle. Ein guter Song erreicht die Menschen, die ihn hören. Er berührt sie in einer Weise und spricht ihnen im besten Fall aus der Seele. Wie man das beeinflussen kann, vermag ich nicht zu beantworten. Ich glaube, als Musiker oder Texter kommen die Melodien und die Texte einfach aus einem heraus. Ob dann am Ende andere Menschen was damit anfangen können, stellt sich erst heraus, wenn die Platte auf dem Plattenteller rotiert und der Musiker selber keinen Einfluss mehr darauf hat.

Musicscan: Insgesamt scheint es so zu sein, dass Eingängigkeitspotenzial und Identifikationsmöglichkeiten (Melodien, Mosh, Singalongs/Chöre) höher gewichtet werden als Aggressivität und der technische Aspekt. Ist dem so? Wie empfindet ihr das?

Tausend Löwen Unter Feinden: Auch hier machen wir uns nicht wirklich ausgeprägt Gedanken drüber. Wir machen die Songs so, wie wir denken, dass sie sein sollen. Wenn dann ein Refrain drei mal kommt, ist das so, wenn es vielleicht gar keinen Refrain gibt, ist das auch gut.

Musicscan: Wie verhält es sich mit Bauchgefühl/Instinkt vs. Planung/bewusstes Vorgehen: was besitzt bei Euch welchen Stellenwert und wie fließt beides ins Songwriting ein? Vom Hören her würde ich vermuten, dass vieles/das meiste instinktiv passiert, jedoch nicht alles…

Tausend Löwen Unter Feinden: Meistens entstehen unsere Songs so, dass wir mit einem Grundgerüst starten und dann den Rest dazu bauen. Somit ist es am ehesten als eine Mischung aus Instinkt und Planung zu betrachten. Die Grundstimmung des Liedes ist instinktiv da, die letztliche Struktur, der Text und die Melodien werden geplant.

Musicscan: Live werdet ihr euer Debüt auf Tour mit Bane vorstellen, was denkbar gut passt. Worauf darf man sich einstellen? Welche Erwartungen verknüpft ihr mit dieser Tour und insgesamt mit der Debüt-Platte?

Tausend Löwen Unter Feinden: Wir freuen uns natürlich sehr auf die Tour mit Bane. Da wir schon während der Aufnahmen gemerkt haben, dass wir die neuen Songs alle sehr gerne spielen, werden wir live einiges von dem neuen Material ins Set einbauen. Ich tue mich sehr schwer damit einzuschätzen, was wir von der Debüt Platte oder der Tour erwarten sollen. Prinzipiell machen wir einfach Musik und schauen, was dabei rauskommt, ohne große Erwartungshaltungen aufzubauen.

Musicscan: Zum Abschluss: was ist es, dass ihr euren Hörern unbedingt mit auf den Weg geben wollt mit euren Songs und als Band allgemein?

Tausend Löwen Unter Feinden: Es gibt so viele Dinge im Leben, die es wert sind, sich dafür einzusetzen, dass keiner von uns wertvolle Zeit damit verschwenden sollte, betäubt vor einem Bildschirm zu sitzen und sich berieseln zu lassen. Während die Welt brennt, dürfen wir uns nicht in unserer Glaskuppel vom Nebel einhüllen lassen und die wichtigen Entscheidungen Menschen überlassen, die nur an ihren eigenen Profit denken.

 
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