Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1750

Diablo

Storie von: arne, am 02.11.2015 ]

Was für ein Comeback! In ihrer finnischen Heimat sind DIABLO mit „Silver Horizon“ direkt an die Spitze der Album-Charts geschossen. Dabei hat die sechste Platte des Quartetts sieben Jahre auf sich warten lassen. Qualität setzt sich eben durch. Zwischen MeloDeath und NeoThrash geht es mit einer aufgeweckten, frischen Attitüde durch spannende, vielschichtige und noch dazu ansprechend eingängige Heavy-Songs.

 
Im Gespräch mit dem Gitarristen und Sänger der Gruppe galt es aber zunächst zu klären, wie der Finne zu seinem Vornamen gekommen ist: „Das ist nicht mehr als ein Zufall,“ erwidert Rainer Nygård lachend. „Zu meinem deutschen Vornamen kommt auch noch ein schwedischer Nachname, was hier in Finnland in dieser Kombination gleich doppelt selten anzutreffen ist. Warum meine Eltern einst Rainer ausgewählt haben, bleibt ein Mysterium. Natürlich habe ich sie danach gefragt, doch sie konnten die Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Inzwischen bin ich in meinen 40er Jahren und lebe schon lange Zeit mit meinem Vornamen. Als ich jünger war, habe ich mich an ihm gestört, weil es kein typisch finnischer Name ist. Doch mit zunehmendem Alter habe ich Rainer schätzen gelernt. Mit diesem Namen fällt man hier in Finnland auf und die Leute erinnern sich an einen, da es nur wenige Rainer gibt. Freunde aus Deutschland haben mir zudem schon vor Jahren verraten, dass Rainer selbst in Deutschland nicht mehr allzu verbreitet ist.“

Das ist anzunehmen, auch wenn klassische deutsche Vornamen wieder im Trend liegen. Der Zuspruch, den DIABLO in Finnland erfahren, ist ebenfalls enorm. Nachdem der Vorgänger es einst „nur“ auf Platz Zwei gebracht hat, ist es für „Silver Horizon“ nun noch weiter nach vorne gegangen: „Wir haben es zunächst gar nicht für voll genommen und an einen Scherz geglaubt,“ erzählt der Frontmann. „Inzwischen haben wir unseren Erfolg realisiert und fühlen uns überglücklich. Zwischen unseren letzten beiden Alben liegt solch eine lange Spanne, dass wir mit überhaupt nichts gerechnet haben. Die Metal-Szene, aber auch das gesamte Umfeld der Musik-Industrie, hat sich in den letzten sieben Jahren massiv verändert. „Icaros“ ist 2008 erschienen, was gefühlt eine Ewigkeit her ist. Band-intern haben wir „Silver Horizon“ als Neustart verstanden und aus diesem Grund unglaublich viel Energie und Arbeit in die Songs gesteckt. Wir wollten uns mit einem starken Album zurückmelden bzw. neuen Hörern vorstellen. Es gibt kein einziges schwaches Stück. Alle von ihnen können für sich allein stehen und funktionieren dennoch auch im Kontext der Platte. Das war uns wichtig. Dass es nach der langen Zeit direkt Platz Eins der Charts geworden ist, hat uns erstaunt. Doch auch sonst läuft es für uns besser denn je. Heute Abend spielen wir eine Show im legendären Tavastia Club in Helsinki. Zum ersten Mal überhaupt haben wir den Club ausverkauft. Das ist uns in unserer Karriere bislang noch nie geglückt. Es ist verrückt. 800 Leute kommen, um gemeinsam mit uns zu rocken.“

Den Erfolgen im hohen Norden zum Trotz, kämpfen DIABLO Zeit ihres Bestehens – inzwischen seit mehr als 25 Jahren – darum, auch im übrigen Europa Fuß zu fassen und ihre Spuren in der Metal-Szene zu hinterlassen: „Es ist eine Tatsache, dass wir uns außerhalb Finnlands schwer tun und man uns in Europa eher weniger kennt,“ äußert Rainer Nygård mit einem realistischen Blick auf den Aktionsradius seiner Band. „Daran hat sich über die Jahre und Veröffentlichungen nichts wesentlich verändert. Natürlich gibt es Leute, die uns kennen und unterstützen, doch in der Breite ist das längst noch nicht der Fall. Unsere Tour mit Six Feet Under liegt fünf Jahre zurück. Wir gehen nicht davon aus, dass wir auf alten Erfolgen aufsetzen können. Derzeit sind wir gerade dabei, einige Promotion-Videos für die europäischen Metal-Hörer fertig zu stellen, bei denen es sich ganz bewusst um Videos handelt, die Aufsehen erregen sollen, damit die Leute von uns Notiz nehmen. Parallel befinden wir uns in Verhandlungen mit Booking-Agenturen, um bald schon wieder in Deutschland und Nordwest-Europa touren zu können. In jeder Hinsicht starten wir motiviert und mit frischer Energie neu durch.“

Den Möglichkeiten des Internet blicken die Finnen dabei mit gemischten Gefühlen entgegen: „Es gibt gute und schlechte Aspekte,“ so Rainer abwägend. „Natürlich ist es toll, dass man theoretisch überall auf der Welt gefunden und gehört werden kann. Etabliert sind wir vor allem in und um Finnland herum. Überall sonst müssen wir nachlegen. Mit dem Internet bietet sich dafür ein guter Kanal. Jedoch ist der Wettbewerb hart. Von einem Überangebot zu sprechen, ist noch untertrieben. Dennoch versuchen wir mit unseren Videos, Interesse auf uns zu ziehen und mit den diversen Profilen mit unseren Fans in Kontakt zu bleiben. Mit Blick auf das Finanzielle ist dabei zu sagen, dass das Internet mit einer Gratis-Mentalität einher geht. In Finnland verkaufen wir nach wie vor physische CDs und das richtig gut. Das besondere Booklet von „Silver Horizon“ verleitet viele Leute zum Kauf, was uns freut. Auf den Shows läuft unser Merchandise ebenfalls gut. Vom Streaming im Internet hat man als Band indes nicht viel. Sicherlich kommt etwas herein, doch das ist kaum der Rede wert. Andererseits spielen die Einnahmen für uns keine allzu große Rolle. DIABLO ist unser Hobby. Unseren Lebensunterhalt verdienen wir in anderen Bereichen. Wir schätzen den Umstand, dass wir uns auf die Musik konzentrieren können und nicht um das Essen für den nächsten Tag bangen müssen. Für uns steht der Spaß im Vordergrund, auch wenn wir es gerne hätten, dass sich die entstehenden Unkosten von den Band-Einnahmen decken ließen.“

Nach den Gründen für die kreative Ruhephase in den letzten sieben Jahren befragt, führt der Gitarrist und Sänger private Restriktionen an: „Nach der Veröffentlichung von „Icaros“ und den anschließenden Touren haben wir bewusst eine Pause eingelegt, die allerdings nicht so lange andauern sollte. Einige von uns sind Eltern geworden und haben Familien gegründet. Was uns aber viel mehr außer Gefecht gesetzt hat, war


etwas anderes. Mehrere von uns haben Apartments gekauft und dafür viel Geld investiert. Nachdem die Wohnungen gebaut waren, mussten wir feststellen, dass die Versprechungen nicht mit der Wirklichkeit übereingestimmt haben. Mit dem Bauträger haben wir uns heftig gestritten und schließlich sogar ein langwieriges Gerichtsverfahren angestrengt. Wir hatten massive Probleme mit Schimmel und anderen Mängeln. Das war nicht akzeptabel. Das Gerichtsverfahren hat sich über drei Jahre gezogen und viel Kraft und Nerven gekostet. Am Ende haben wir unser Recht bekommen und gewonnen. In einer solchen Situation kann man jedoch nicht unbeschwert Musik machen. Für unser liebstes Hobby blieb schlicht keine Energie mehr übrig. Die Familien und der Kampf für unsere Zuhause waren in dieser Phase wichtiger. Irgendwann war alles ausgestanden und wir hatten die Köpfe wieder frei für die Band.“

Nach der langen Abwesenheit haben sich DIABLO die nötige Zeit genommen, ein starkes Album zu erschaffen und alle Aspekte des Sechstwerks mit Sorgfalt umgesetzt: „Für mich ist es sowohl ein Comeback als auch der logische Nachfolger zu „Icaros“,“ ordnet Rainer Nygård ein. „Wir fühlen, dass uns etwas Großes gelungen ist, wissen aber schon, was wir beim nächsten Mal noch besser machen wollen. Ich kann schon jetzt verraten, dass unser Sound künftig noch breiter und gewaltiger werden wird. Mit „Silver Horizon“ legen wir unser bisher anspruchsvollstes und komplexestes Album vor. Unser Bassist musste sich zum ersten Mal in all den Jahren die Noten aufschreiben, um die Songs Zuhause üben zu können. Innerhalb der einzelnen Songs gibt es so viele Wendungen und Überraschungen. Ich selbst musste ebenfalls härter als jemals zuvor proben, um alles auf die Reihe zu bekommen. Jeden Tag habe ich zwei Stunden an unserem Material gearbeitet, damit ich es jetzt auf die Bühne bringen kann. Inzwischen sind wir in der Lage, fünf der neuen Stücke auch live umzusetzen.“

Band-Klassiker wie ,The Preacher‘, ,Read My Scars‘ oder ,Mimic47‘ gehören natürlich weiterhin zum Repertoire. Von den zehn Tracks von „Silver Horizon“ haben es vorerst die folgenden in die Setlist geschafft: „Das sind zunächst der Opener ,The Call‘ und auch ,Isolation‘, zu dem wir bereits ein Video veröffentlicht haben,“ zählt der Frontmann auf. „Unser Gitarrist Marko Utriainen hat sich überdies damit durchgesetzt, dass wir auch ,The Serpent Holder‘ schon jetzt spielen. Das ist das am schwersten zu spielende DIABLO-Stück überhaupt! Ich weiß nicht, was wir uns dabei gedacht haben. Natürlich suchen wir die Herausforderung und wollen unseren Sound beständig weiter entwickeln. So viel habe ich aber noch nie für ein einziges Stück trainiert – sowohl auf der Gitarre als auch, was meine Vocals anbelangt. ,Prince Of The Machine‘ ist der vierte Track, den wir in unser Programm aufgenommen haben, weil es ein schlicht großartiges Stück ist und uns emotional unglaublich viel bedeutet. Es ist der Erinnerung an einen meiner engsten Freunde gewidmet, der tragisch verstorben ist. ,Savage‘ ist das fünfte Lied, dass wir bereits spielen, weil es die dunkle Seite unserer Band gut heraus stellt. Der Text ist in der Mitte der gerichtlichen Auseinandersetzung entstanden. Auch musikalisch spürt man unsere Frustration und unseren Ärger. ,Savage‘ dreht sich einzig und allein um Verbitterung.“

Die in ,Prince Of The Machine‘ eingesetzten Samples und die besondere Intensität des Stücks fallen schon beim Hören des Albums auf. Nach dem Hintergrund befragt, führt Rainer zur Entstehungsgeschichte des Tracks aus: „Wann immer ich an Songs arbeite, schätze ich die kreative Freiheit, die sich mir bietet. Was immer mir in den Sinn kommt, versuche ich umzusetzen, egal, wie abwegig es zunächst scheint. Was das Singen und die Geräusche von Kranichen am Ende von ,Prince Of The Machine‘ anbelangt, habe ich mich von Sentenced inspirieren lassen, die ebenfalls aus Finnland stammen. Auf ihrem Album „The Cold White Light“ haben sie 2002 etwas Ähnliches umgesetzt. Sami Lopakka, der all ihre Texte geschrieben hat, ist ein guter Freund von mir. ,Prince Of The Machine‘ ist einem langjährigen Weggefährten von uns gewidmet, der im Schlaf einem Brand seines Hauses zum Opfer fiel. Diese Tragödie hat uns alle stark bewegt, so dass wir sie mit einem Song verarbeiten mussten. Kurz nach dem Begräbnis hat mir unser Gitarrist Marko sein Demo des Stücks gegeben. Ich habe es spät nachts gehört und dabei ist mir eine Verzögerung der Lead-Gitarre aufgefallen, die mich an das Intro von „The Cold White Light“ erinnert hat. In diesem ist das Rufen von Kranichen zu hören. Mir kam der Einfall, Sami Lopakka zu kontaktieren und gemeinsam mit ihm den Text zu schreiben. Das haben wir getan. ,Prince Of The Machine‘ ist das persönlichste Stück, das ich je geschrieben habe. Auf den letzten Shows habe ich auf der Bühne geweint, als wir es gespielt haben. So viel bedeutet es mir und so sehr bewegt mich der Verlust meines Freundes bis heute.“

Auch sonst spielen Emotionen im Sound von DIABLO eine wesentliche Rolle, weshalb man sich mit ihrem bauchgesteuerten Heavy-Ansatz schnell identifiziert. Dass die Finnen über ihre Veröffentlichungen hinweg einen wiedererkennbaren, eigenen Stil entwickelt haben, ist ebenfalls von Vorteil: „Unser Basis-Sound ist gesetzt und wird sich nicht mehr großartig verändern,“ stimmt der Sänger und Gitarrist zu. „Selbst, wenn wir Songs des amerikanischen Country-Sängers Kenny Rogers nehmen und Note für Note nachspielen würden, stünden im Ergebnis Stücke, die nach DIABLO und nicht mehr nach Kenny Rogers klingen würden. Da bin ich mir sicher, denn unsere Trademarks haben wir über viele Jahre herausgearbeitet.“

 
 Links:
  facebook.com/diablobandofficial
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  As I Lay Dying
  Cult Of Luna
  Despised Icon
  The Menzingers
  Entrails

Interviews/Stories:

  Brutality Will Prevail
  Uzziel
  Carnifex

Shows:

  24.09. Amanda Palmer - Hamburg
  25.09. Amanda Palmer - Leipzig
  27.09. Tankard - Wuppertal