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Phantom Winter

Interview von: arne mit PW, am: 17.05.2015 ]

Düster und unheimlich mutet der erste Longplayer der Würzburger Gruppe an, aber auch verlockend und reizvoll. Das Zeug für einen stilechten „Cvlt“ bringt das fünf Songs – im Schnitt um die acht Minuten lang – umfassende Werk zweifellos mit. PHANTOM WINTER geht es um düstere, bedrohlich anmutende Soundscapes, die aber doch irgendwie immer auch zugänglich ausfallen. Grob ist von einem Zusammentreffen von Elementen aus dem Doom-, Sludge-, Black und Post-Metal zu sprechen, ohne dass die Spielwiese der Formation damit erschöpfend gekennzeichnet wäre.

 

Musicscan: Per se bekommt man es bei Euch mit einem Sound zu tun, den man sich erarbeiten muss. Zunächst begegnet man einer düsteren Wall-of-Sound, die es erst einmal zu verdauen gilt. Später ist man dann umso begeisterter von der Tiefe und dem organisch-wuchtigen Gesamtbild. So weit zu meiner Wahrnehmung: gibt es, von den Reaktionen der Hörer/Konzertbesucher abgeleitet so etwas wie einen „typischen“ Rezeptionsverlauf? Was erzählen Euch die Leute, wie sie Eure Songs verarbeiten?

Phantom Winter: Ich würde dir da gern mehr dazu schreiben, aber so viel haben uns die Leute diesbezüglich noch gar nicht erzählt...die Platte ist gerade erst rausgekommen und wir haben gerade zwei Shows mit Platte gespielt. Deshalb kam da noch nicht wirklich etwas, was ich dir erzählen könnte, auch wenn ich es gerne würde! Generell sind die Reaktionen sehr toll, vor allem, wenn man die Reviews liest. Da fühlt man sich schon geschmeichelt, dass bisher noch kein Verriss dabei war. Das ist ziemlich verrückt. Und viele geben sich da auch richtig viel Mühe, wie du auch in deinem Review. Eine Sache möchte ich doch noch erzählen. Einer unserer treusten Fans, vielleicht auch unser jüngster, was nicht wirklich etwas zur Sache beiträgt, kam nach unserer zweiten Show zu mir und erzählte, dass er Omega Massif erst kurz vor der Auflösung kennengelernt hat. Dann kam direkt Phantom Winter und der Song „Wintercvlt“ ging online. Er hatte wohl 2014 ein ziemlich beschissenes Jahr und wir haben irgendwie dazu beigetragen, dass er diese dunkle Zeit durchstehen konnte. Da schlägt das Herz schneller, wenn man so etwas zu hören bekommt...wenn die eigene Musik so eine großartige Wirkung haben kann.

Musicscan: Eure Songs fallen vergleichsweise lang aus. Leicht provokant: wollt oder könnt Ihr Euch nicht kürzer fassen? Dazu: Welche Vor- und Nachteile bergen längere Tracks Eurer Meinung/Erfahrung nach?

Phantom Winter: Na ja, die Songs sind einfach so lang, wie sie sind. Das ist keine bewusste Entscheidung, so in Richtung...“der Song muss über zehn Minuten werden, der andere sieben“. Das ist ein organischer Prozess, Lyrics und Musik im Einklang, die Songs und Riffs müssen vernünftig wirken, den Text tragen und unterstützen, am Ende steht ein Song und ist einfach so, wie er sein „muss“. Wenn er dann fünf Minuten hat, hat er fünf Minuten, wenn es fünfzehn sind, dann kann man es auch nicht ändern. Eine Liste mit Vor- und Nachteilen kann ich da gar nicht erstellen. Bei Doom ist das halt auch schon mit der Geschwindigkeit der Riffs gegeben, dass es etwas länger dauert, bis etwas wirkt.

Musicscan: Reizt es Euch bisweilen, auch mal straffer und knackig durchzuziehen? Weshalb tut Ihr es nicht, falls dem so ist?

Phantom Winter: Ne, das reizt mich nicht. Das wäre ja eine andere Band.

Musicscan: Neben der schroffen, bedrohlichen Sound-Kulisse scheinen Euch Nachvollziehbarkeit gepaart mit einer Mehrdeutigkeit hinsichtlich der Wirkung wichtig. Ist dem so? Welche bewussten Erwägungen liegen dem Songwriting zugrunde? Und: was muss ein Song haben, der es auf ein Release von Phantom Winter bringt – welchen Qualitätskriterien muss er genügen?

Phantom Winter: Es ist mir schon sehr wichtig, dass man „versteht“, von was ich singe, wenn man die Lyrics liest. Allzu kryptisch finde ich an der Sache vorbeigedacht, wenn man wirklich was ausdrücken möchte. Von daher bemühe ich mich tatsächlich, eine gewisse Stringenz beim Texten zu bewahren. Ganz plump sollen die Texte aber auch nicht daherkommen. Eine gewisse Deutungsfreiheit soll gewahrt bleiben. Deshalb würde ich sagen, dass du da richtig liegst mit deiner Vermutung. Das Songwriting stimme ich so ab, dass es die Texte, so gut es geht, unterstützt. Musik und Text sollen ineinandergreifen und auf ein gemeinsames Ziel hinsteuern. Das ist sehr wichtig für mich. Puh und Qualitätskriterien...ich weiß nicht...man muss sich einfach immer die Frage stellen: „Unterhält mich das?“. Wenn man das mit einem klaren „Ja“ beantworten kann, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen.

Musicscan: In meinem Review habe ich von Euch als „ausgewiesenen Storytellern in einem Kraft zehrenden Klangkosmos, der zumeist brachial adressiert wird, manchmal rigoros austeilt und teilwiese verletzlich und (fast) schön anmutet, gesprochen.“ Trifft das, was Ihr als Band anstrebt?

Phantom Winter: Das ist schon recht treffend ausgedrückt, ja. Wenn ich ein Winterbild male, ist es wichtig, dass außer weißen, grauen und blauen Flächen kleine, bewusst gesetzte Blickfänge voll Wärme...ich denke da z.B. an einen roten Schal, ein Fenster, durch das man einen lodernden Kamin sieht...zu positionieren. Dadurch wird einem die Kälte noch viel bewusster. Das ist beispielsweise in einem Song wie „Avalanche Cities“ ein wichtiges Stilmittel. Andere Songs, wie „Svffer“, verzichten auf so etwas komplett. Da wird ausschließlich verzweifelt gewütet. Und dann gibt es Songs wie „Finster Wald“...da wird in Sicherheit gewiegt und dann hinterrücks losgeschossen.

Musicscan: Zudem habe bezüglich Cvlt von „einem rohen, gefühlsechten und existenziellen Werk, das gleichzeitig anzieht und abstößt“ geschrieben. Gibt es eine definierte Wirkung, die Ihr bei Hörern hervorrufen wollt – vielleicht in der Richtung, wie es bei mir angekommen ist; eine Platte der Gegensätze?

Phantom Winter: Es ist, glaube ich, schon wichtig, dass man sich in der Musik, die man hört, irgendwie wiederfindet. Von daher muss man mit der Musik oder mit den Texten etwas Positives assoziieren. Ich sehe uns eh als ziemlich positive Band, auch wenn eine Menge besungen wird, was nicht gefällt. Wir wollen auch niemanden umpolen oder irgendwie zu etwas drängen, was nicht eh schon irgendwo schlummert. Wir wollen ermutigen und erinnern, aber auch anklagen, den Mittelfinger zeigen und diverse Individuen auch abschrecken. Manchmal wollen wir auch einfach nur unterhalten. Deshalb gefällt mir dieser Ausdruck, „Platte der Gegensätze“, wirklich gut. Eine Sache sollte vielleicht noch hervorgehoben werden. Ich habe jetzt schon von mehreren Leuten gehört, dass man live tatsächlich irgendwie Angst bekommt, wenn man uns zuschaut und zuhört. Das liegt wohl an dem Gekeife und an der Entschlossenheit, wie wir auftreten. Man nimmt uns das ab, was wir da machen. Das wurde wohl tatsächlich von Konzertbesuchern so empfunden. Das finde ich ziemlich toll.

Musicscan: Zuletzt: wann immer man über Euch etwas liest, steht ex-Omega Massif. Fühlt Ihr Euch dadurch limitiert oder eingeengt? Cvlt zeigt ja etliche Ansätze, weiter zu gehen und sich zu differenzieren. Zudem haben nicht alle Mitglieder diesen Background…

Phantom Winter: Eigentlich ist das durch uns selbst forciert. Die Leute sollen wissen, wo wir herkommen, damit sie eine Idee bekommen, was sie erwartet. Hier geht es nicht unbedingt um die Art der Musik, wir kopieren Omega Massif ja nicht, das wäre auch sehr schlimm und genau das Gegenteil von dem, was wir wollen. Aber man erkennt vielleicht, dass bei uns Omega Massif drinsteckt. Hoffentlich vor allem in der Art, wie wir Musik machen. Kein Feinschliff, keine Überproduktion, kein Bullshit. Jetzt einfach noch viel roher, direkter, schmutziger und wilder. Kein Soundtrack mehr, ein Albtraum.

Musicscan: Wollt Ihr noch etwas loswerden?

Phantom Winter: Wir wollen allen danken, die uns bisher unterstützt haben und in Zukunft unterstützen werden. Wir hatten mit Omega Massif ein wirklich tolles Publikum und großartige Fans und es kristallisiert sich heraus, dass das mit Phantom Winter so weiter geht. Es entstehen tolle Gespräche bei Shows, wir bekommen nettes Feedback online, man merkt, dass das, was man macht, irgendwie irgendwem irgendwas bedeutet. Und das ist verdammt schön.

 
 Links:
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