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Maladie

Interview von: arne mit , am: 21.03.2015 ]

Bezüglich „…still…“ ist von einem Monumentalwerk zu sprechen. Anders umschreiben lässt sich die 72-minütige Berg- und Talfahrt der Emotionen und Eindrücke nicht. Das vielköpfige Künstlerkollektiv um Mastermind Björn Köppler (Tombthroat) tritt auf seinem zweiten Longplayer mit einem immens facettenreichen, wandlungsfähigen und konsequenten Heavy-Mix an. Der Basis-Sound von MALADIE ist schon noch im Black Metal zu verorten, jedoch tritt die progressive, experimentelle Schlagseite noch deutlicher zutage.

 

Musicscan: Wenn Ihr rückblickend die Rezeption von Plaque Within Revue passieren lasst: was hat Euch überrascht, erfreut, gewundert? Ist das Debüt wirkungsseitig prinzipiell so angekommen, wie Ihr es Euch erhofft hattet?

Maladie: Überrascht, gefreut, aber vor allem gewundert hat mich, dass das Album überhaupt von Plattenfirmen, Presse und Fans angenommen wurde. Und das ja durchweg sehr positiv. Ich konnte mir damals, wie heute, nicht vorstellen, dass Maladie bei den Leuten gut ankommt, da wir ja weitab von jedwedem Genre agieren und alles an Maladie, Texte und Musik und Aufmachung, sehr persönlich und emotional ist. Da es aber auf Dauer frustrierend ist, Kunst nur für sich selbst zu machen, habe ich damals das Demo an Plattenfirmen geschickt und es gab einige Interessenten und ich habe mich letztendlich ja bekanntermaßen für Apostasy Records entschieden, weil ich da bemerkt habe, dass es auch da um Ehrlichkeit und Leidenschaft geht, was eben auch der Hauptaufhänger bei Maladie ist. Erhofft hat sich da von uns aber keiner wirklich was, für mich waren es die Emotionen, die raus mussten, und für meine Mitmusiker einfach die Herausforderung, an etwas anderem, etwas neuem mitzuwirken. Ich bin immer noch sehr zufrieden mit „...plague within...“ und einerseits freue ich mich natürlich sehr, dass unser neues Album „...still...“ wieder so gut ankommt, anderseits behauptet auch jeder, dass es so viel besser sei als unser Debüt, und das sehe ich nicht so. Es ist anders, meinetwegen mutiger und irgendwie auch größer, aber nicht viel besser. Aber das ist nur meine persönlich Meinung, mit der ich offensichtlich alleine dastehe. Aber das macht auch nichts, denn ja, auch unser neues Album ist mehr als gelungen, das kann ich mit Stolz sagen.

Musicscan: Nehmt Ihr es an, als Innovatoren zu gelten und als besonders eigenständig und originell unterwegs zu sein? Wenn man ein wenig googelt, sind das Aussagen, die immer wieder zu finden sind. Wenn Ihr es selbst bewertet: was sind neuartige Ansätze und eigene Trademarks, die das Spiel von Maladie auszeichnen?

Maladie: Naja, ich würde Maladie nicht direkt als Innovatoren nennen, auch wenn unsere Musik vielleicht innovativ und unkonventionell ist. Klar haben wir viel gewagt, aber nicht auf Teufel komm raus. Bei Maladie ist die Musik, wie auch die Texte, aus dem Bauch heraus entstanden. Wir sagen nie, dass jetzt das oder das passieren muss in unseren Liedern, denn die Lieder passieren an sich. Dass wir anders sind als andere ist für mich allerdings „normal“. Musik zu machen, mit dem Ansatz wie Band XY zu klingen, war mir schon immer ein Rätsel. Aber um deine Frage direkt zu beantworten: Neuartige Ansätze bei uns heißt einfach sich alles zu trauen. Egal was passiert, es soll passieren. Da wird nie gesagt dass das oder das nicht passt. Und geht man die ganze Sache eben so an, dann kann man auch was neues erschaffen. Und das ist dann auch ein Trademark von uns. Wir machen was wir wollen, und am Ende klingt es eben doch nach Maladie.

Musicscan: Auf der Apostasy Website ist von „Emotional Black Metal“ die Rede. Ihr selbst schreibt auf facebook „Plague Metal“. Meiner Meinung nach passt beides gut, aber wie steht Ihr zum „Emotional Black Metal“ jenseits der Tatsache, dass man Euren Sound nicht zu kurz fassen sollte, weil er ungemein vielschichtig daher kommt…

Maladie: Es ist schwierig, Maladie in eine Schublade zu stecken. Aber die Leute brauchen ja eine Bezeichnung für alles und jeden. Apostasy Records nennt es Emotional Black Metal. Damit kann ich leben, da der Kern wohl tatsächlich Black Metal ist. Emotional ist bei uns jeder einzelne Takt. Aber wenn die Leute das lesen, denken sie wohl eher, dass es bei Maladie nur um Streicheleinheiten und das große Weinen geht. Emo halt. Aber jeder der auch nur wenige Takte von uns gehört hat, merkt direkt, dass man bei uns auch gewaltig auf die Fresse bekommt. Plague Metal nennen wir das gerne mal, aber das sollte man nicht all zu ernst nehmen. Als reinen Black Metal kann man Maladie nun ganz gewiss nicht bezeichnen, dafür passiert zu viel auf musikalischer und auch lyrischer Basis. Ein Freund von mir kam dann mal aus Spaß auf die Idee „Plague Metal“, da es ja um Krankheit geht und Maladie anders ist als andere. Also auch eine neue Bezeichnung. Auch damit kann ich leben.

Musicscan: Eure Einflüsse geht Ihr auf facebook mit „Krankheit und Existenz“ an. Insgesamt ist Eurem Spiel aber nicht nur ein düsterer, destruktiver Charakter zuzuordnen. Es finden sich auch verträgliche, ja sogar schöne Momente. Warum stellt Ihr mit „Krankheit und Existenz“ allein auf die negativen Aspekte ab?

Maladie: Sehr interessant, dass für Dich Existenz an sich ein negativer Aspekt ist, haha. Aber ja, wenn man mal ehrlich zu sich selbst ist, kann man das ja durchaus so sehen. Aber nicht alles ist immer nur schlecht. Es passieren ja auch positive Dinge, und da Maladie ja wie gesagt eher passiert, als dass irgendwas erzwungen wird, kommt es halt auch vor, dass da mal schöne und meinetwegen auch fröhliche Teile vorkommen. Für das dritte Album habe ich auch den ersten positiven Text meines Lebens verfasst und auch das dazugehörige Lied klingt durchaus positiv. Aber ich greife vor. Das leben an sich kann man als Krankheit sehen, und Krankheit ist mal mehr und mal weniger destruktiv, und das hört man eben dann auch in unserer Musik...

Musicscan: In meinem Review habe ich u. a. geschrieben, dass Still „vorwärtsgerichtet, mehrgleisig und dennoch zielführend“ angelegt ist. Wie behaltet Ihr im Songwiriting-Prozess den Überblick? Welchen „Qualitäts-Mechanismus“ müssen neue Kompositionen bestehen? Und zu welchen Anteilen basieren Eure Stücke auf Planung und zu welchen auf Bauchgefühl/Intuition?

Maladie: Wenn ich komponiere, gibt es keinen festen Plan. Ich habe meistens eine kleine Idee, eine kurze Tonfolge, die in meinem Kopf herumschwirrt und mich in den Wahnsinn zu treiben versucht. Dann nehme ich so schnell wie möglich eine meiner Gitarren und stöpsle diese in ein Audiointerface und lass mich einfach gehen. Das kann sehr schnell gehen, manchmal aber auch stundenlang sich ziehen. Ich denke in dieser Zeit nicht nach wie das Lied am Ende aussehen wird, sondern merke irgendwann einfach, dass es fertig ist. Oft bin ich selbst überrascht, was ich da schon wieder zusammengezimmert habe. Aber ist das Lied fertig, wird daran auch nichts mehr geändert. In dem Moment musste es einfach so sein, also bleibt es auch so. Das einzige was neue Kompositionen dann bestehen müssen: Ich muss zufrieden damit sein. Wenn mir was nicht gefällt, wird es gar nicht erst aufgenommen, oder direkt wieder gelöscht.

Musicscan: Inwieweit ist es hilfreich oder erschwerend, ein vielköpfiges Künstlerkollektiv zu sein? Ist es Grundkonsens, dass jeder in jedem Stück seinen Part hat oder schaut Ihr eher, was sich ergibt und das jeweilige Stück erfordert?

Maladie: Auf jeden Fall letzteres. Beim Komponieren denke ich da nicht an die einzelnen, das kommt meistens später, dass ich denke, dass da und da das und das ganz gut wäre. Mittlerweile ist es aber so (und das ist bei „...still...“ auch schon größtenteils der Fall), dass ich meiner Mannschaft die gefixte Basis mit meinen Gitarrenspuren und ein von mir aus alten Spuren zusammegebasteltes Schlagzeug schicke und ihnen dann komplett überlasse, was sie wie und wo einbauen. Es kommt nur noch selten vor dass ich sage „Hier soll ein Solo hin!“ oder dergleichen. Das funktioniert mittlerweile ja offensichtlich sehr gut. Hilfreich ist an solch einer Anzahl an Musikern natürlich, dass da auch sehr viel Kreativität vorhanden ist. Erschwerend natürlich, alle zeitlich unter einen Hut zu bekommen, denn auch wenn ich es manchmal zu vergessen scheine, haben die Jungs ja auch noch andere Dinge zu tun, neben Maladie. Aber es läuft...

Musicscan: Still ist ein Album, mit dem man sich intensiv beschäftigen muss, weil es so facettenreich ist und eine Menge Substanz besitzt. Seht Ihr es als Risiko an, ein solches Album herauszubringen? Gemeinhin heißt es ja oft, Leuten fehlt es an Zeit, sie wollen schnell konsumieren – was auch immer – und nicht nachdenken müssen. Diesem Ansatz stehen Eure Alben konträr gegenüber. Was erzählen Euch die Leute, wie sie Maladie wahrnehmen und welche Vor-/Nachteile sprecht Ihr selbst Eurem Ansatz zu?

Maladie: Du sagst es, oft ist es so, dass die Leute nicht mehr denken wollen oder können und alles was mehr als 3 Akkorde pro Lied hat, ist zu anspruchsvoll. Da ist es natürlich schon ein Risiko, solche Alben wie „...still...“ rauszuhauen. Aber das sind natürlich keine Argumente, um die wir uns beim Entstehungsprozess unserer Musik auch nur ansatzweise kümmern würde. Wenn man anfängt über solche Dinge nachzudenken beim Komponieren, kann da einfach keine ehrliche Musik mehr rauskommen. Uns ist natürlich bewusst, dass wir deshalb mit Maladie nie den großen kommerziellen Erfolg haben können, aber das war und ist auch nie die Intention hinter Maladie gewesen. Ich höre oft von leuten, dass sie meine texte nicht verstehen und ihnen die Musik zu anspruchsvoll wäre. Für mich ist das aber ein Kompliment. Aber ich bekomme auch sehr viel Rückmeldungen von Leuten, die sich in unserer Musik fallenlassen können, zutiefst emotional berührt werden und oft auch einfach geplättet sind von dem was sie da persönlich erlebt haben. Und das ist das größte Kompliment, das man mir machen kann.

Musicscan: Ist es ein definierter Plan für das Songwriting, krasse Brüche umzusetzen, um so heftige Reaktionen zu schüren? Welche Hintergedanken/Absichten habt Ihr Still mit auf den Weg gegeben? Was sollen Hörer in jedem Fall mitnehmen? In weiten Teilen würde ich Still als deutungsoffen beschreiben, daher die Frage…

Maladie: „Deutungsoffen“ gefällt mir sehr gut. Ja, das ist es, was ich auch denke. Für mich hat das alles natürlich schon eine genaue Bedeutung, aber diese dränge ich den Hörern nicht auf, sodass sie alles so für sich selbst deuten können, wie sie das eben wollen, oder besser gesagt, können. Wie oben ja schon mehrfach angedeutet, ist bei nichts mit Hintergedanken oder Absichten behaftet oder gar limitiert.Alles passiert, nichts wird erzwungen. Einen groben Plan wie es weitergehen wird, habe ich zwar schon, aber ob das dann auch so kommen wird, wird sich zeigen, denn ich kann einfach kein Lied geplant komponieren. Da würde ganz sicher kein Lied für Maladie bei entstehen. Und was Hörer mitnehmen sollen? Emotion. Ganz einfach. Man hört es unserer Musik einfach an, was da an Emotion drinsteckt. Wenn das jemand nicht erkennt, nun denn; diejenigen aber, die es erkennen, können etwas außergewöhnliches mit Maladie entdecken, das kann ich mit Stolz behaupten.

Musicscan: Habt Ihr beim Songwriting eigentlich die spätere Live-Umsetzung im Hinterkopf? Wie viel Proben und kleinere Abstriche sind nötig, um Eure doch schon komplexen Songs adäquat live umzusetzen?

Maladie: Nein, auch daran denke ich beim Komponieren zu keiner Sekunde. Aber alle bei Maladie arbeiten sehr professionell und daher muss man sich da auch keine Gedanken machen. Regelmäßig geprobt wird bei Maladie sowieso nicht. Wir haben bisher ja auch nur einen einzigen Auftritt absolviert. Davor haben wir zwei Proben gehabt und das hat vollkommen gereicht. So werden wir auch in Zukunft verfahren. Besonders oft wird es Maladie auf einer Bühne nicht geben. Wir sind keine Steckdosenband, unsere Auftritte bleiben eine seltene Sache. Aber wenn wir auf die Bühne gehen, dann auch mit gutem Gewissen uns selbst wie auch den Fans gegenüber...

 
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