Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1750

Psycroptic

Storie von: arne, am 17.03.2015 ]

Der Name PSYCROPTIC ist eng mit der modern-extremen Metal-Szene in Down Under verbunden, aber längt auch international ein Begriff. Seit 1999 hat sich das Quartett sowohl mit spannenden Alben über Unique Leader, Neurotic und Nuclear Blast als auch mit beständiger Live-Präsenz einen respektablen Ruf in der Underground-Death-Sparte erworben. Der Prosthetic-Einstand der Band ist dieses Mal schlicht selbstbetitelt belassen.

 
Auf ihrem sechsten Longplayer präsentiert sich die Gruppe aus Tasmanien wiederum in Bestform. Gitarrist und Gründungsmitglied Joe Haley sieht das genauso und weiß auch direkt zu sagen, woran das liegt: „Wann immer wir eine Platte fertig stellen, weiß ich, dass wir uns weiter entwickelt haben. Dass sich unsere Veröffentlichungen voneinander unterscheiden, liegt nicht zuletzt daran, dass wir nie mit einer definierten Absicht oder einem fertigen Sound in die Aufnahmen gehen. Die Zeit im Studio ist der letzte Teil der Entstehung und Reifung unseres Materials und ebenso wichtig wie die Etappen zuvor. Erst im Studio schließt sich der Kreis, denn so lange sind noch Änderungen möglich. Wir gehen aufgeschlossen an den gesamten Prozess und sind gespannt, zu erfahren, was entlang des Weges alles passiert. Im Unterbewusstsein wissen wir ja, dass unser Basis-Sound mehr oder weniger unverändert bestehen bleiben wird. Das schafft uns den nötigen Freiraum, daran zu arbeiten, uns vom jeweils letzten Album abzusetzen. Um uns diesbezüglich kontinuierlich zu fordern und nicht nachzulassen, haben wir vor einigen Jahren beschlossen, mit einer Platte nur noch ein, maximal aber zwei Jahre zu touren und dann direkt und ohne große Ruhephase am nächsten Longplayer zu arbeiten. So bewahren wir uns unsere Energie und Intensität. Der Sound bleibt frisch und spannend, wovon auch die Fans profitieren. Nichts ist schlimmer, als wenn alle immer wissen, was man als nächstes tun wird. Wir geben uns damit jedenfalls nicht zufrieden und haben für uns einen eigenen Weg gesucht. Ein Nebeneffekt ist dabei, dass man immer genau erfährt, was uns gerade bewegt, denn das schlägt unweigerlich auf den Alben durch. Stellt man „The Inherited Repression“ und die neue Platte nebeneinander, wird deutlich, was ich meine. Man spürt, dass es dieselbe Gruppe ist und doch erzählen wir zwei völlig unterschiedliche Geschichten.“

Die vorwärts gerichtete, kompromisslose Einstellung von PSYCROPTIC ist geblieben. Rohe Brutalität, jähe Attacken und fordernde Technik treffen auf brachiale Grooves, atmosphärische Zwischenklänge und die eine oder andere Überraschung: „In all den Jahren hat sich an unserer Einstellung nichts verändert“, erwidert der Gitarrist auf die vielschichtige Anlage der Tracks angesprochen. „Nach wie vor schreiben und spielen wir haargenau den Metal, den wir selbst am liebsten hören. Als wir aufgewachsen und mit dem Metal in Berührung gekommen sind, haben wir die unterschiedlichsten Stile tief in uns aufgesogen. In unseren Songs kommt all das zum Ausdruck. Wir versuchen aber nicht, zu ergründen, was nun genau unser Stil ist. Das würde nicht funktionieren. Nicht einmal innerhalb der Gruppe würden wir zu einem Konsens gelangen. Ich gehe davon aus, dass, wenn man uns vier unabhängig voneinander befragt, völlig unterschiedliche Beschreibungen und Wahrnehmungen dabei heraus kommen würden. Für mich ist unser Spiel sehr durch die Thrash-Schiene beeinflusst, aus der ich selbst entstamme. Ich würde deshalb auf Metallica, Megadeth, Anthrax, etc. verweisen wie auch auf den Seattle-Grunge und Gruppen wie Soundgarden oder Alice In Chains. Dem folgend verstehe ich PSYCROPTIC als modernen, melodischen und atmosphärischen Bay Area-Thrash. Allerdings würden die anderen dieser Beschreibung vehement widersprechen. Da bin ich mir sicher! Die Stärke und Kraft unserer Musik entspringt gerade dem Umstand, dass wir einen völlig unterschiedlichen Blick auf sie haben. Die stilistische Unabhängigkeit ist der Pool unserer Ideen und dafür verantwortlich, dass es bei uns immer weiter geht.“

Auf dem 2012er „The Inherited Repression“ haben PSYCROPTIC erstmals Dinge ausprobiert, die man als Crossover klassifizieren könnte. Auf dem neuen Album verfolgen die Musiker diese Strömungen und Ideen nun noch eingehender und verstärken sie sogar: „Wir vertiefen unseren Ansatz und gehen unsere Songs noch breiter und offener an“, stimmt Joe Haley zu. „Wenn wir an Ideen und Tracks arbeiten, nähern wir uns nicht über bestimmte Stile oder Stil-Elemente, sondern schreiben schlicht Riffs und schauen, wohin uns das führt. Der Gradmesser ist stets, ob sich der Sound gut anfühlt und groovt. Das ist die einzige Maßgabe, nach der wir uns im Songwriting richten. Der Groove entscheidet! Der Songwriting-Prozess läuft bei uns flüssig und innerhalb kurzer Zeit. Die klare Trennung, die wir zwischen Touren und kreativem Arbeiten gezogen haben, hilft uns dabei, die Prioritäten zu ordnen. Wir wissen immer, woran wir sind und worauf wir unsere Kräfte fokussieren müssen. Auf neue Einfälle brauchen wir niemals lange warten; auch nach all den Jahren nicht. Schwieriger wäre es wohl, wenn ich versuchen würde, kontinuierlich neue Stücke zu schreiben. Ich finde, man sollte sich immer auf das eine oder das andere konzentrieren, nicht aber versuchen, beides parallel zu bewältigen. Das kann nicht gut gehen; zumindest nicht das bestmögliche Ergebnis hervor bringen.“

Die starken Platten der Australier sprechen für sich, wobei das Song-Material dieses Mal mehr denn je durch Vielschichtigkeit und eindrückliche Spannungsläufe zu kennzeichnen ist: „Kontraste sind dabei ein wichtiges Thema“, nimmt der Musiker den Faden auf. „Ohne sie funktionieren Alben nicht. Zunächst gilt es aber erst einmal herausfinden, wohin die einzelnen Stücke musikalisch laufen. Nicht in jedem Track benötigt man krasse Gegensätze. Das lässt sich auch auf Song-Ebene darstellen. Überraschende Variabilität schätze ich sehr. Aus diesem Grund findet man bei uns etwa auch melodische und atmosphärische Passagen. Zu jedem Stück passen sie aber nicht. Wichtig ist, dass das Gesamtbild stimmt. Ein Blast-Track kommt sehr gut ohne Verwässerung aus. Oftmals


scheint es mir, dass Musiker denken, sie müssten zusätzliche Elemente in ihre Songs einbauen, um nicht als eintönig wahrgenommen zu werden. In vielen Fällen klingen die Stücke dann aber langatmig, was ebenfalls nicht gut ist. Ziel muss es sein, Hörer auf einen Höhepunkt hin zu treiben; nicht, sie dazu zu verleiten, zum nächsten Track zu skippen.“ Bis zum Ende des Produktions-Prozesses bleiben PSYCROPTIC involviert und arbeiten akribisch daran, ihre Songs weiter zu verbessern:

„Selbst noch im Mixing und Mastering versuchen wir, Kleinigkeiten weiter zu entwickeln. Dieses Mal haben wir es insbesondere mit dem Gesang experimentiert, den wir behutsam mit Effekten angereichert haben. Auch hier beweisen wir unsere frische Einstellung und den unseren Willen, neue Dinge aus zu probieren, um nicht zu stagnieren. Keine Band kann es sich leisten, sich zu wiederholen und ein Album doppelt abzuliefern – mit Ausnahme von AC/DC natürlich. Doch die laufen außerhalb der Wertung.“

Der rund 40-minütige Neun-Tracker heißt übrigens wie die Band – PSYCROPTIC. Das ist ein selbstbewusstes Statement mit einem Hintergedanken und zugleich ein Qualitätsversprechen, wie der Gitarrist ausführt: „Unser neues Album ist selbstbetitelt, nicht titellos. Zunächst haben wir geschaut, ob der Titel eines Stücks für die gesamte Platte stehen könnte. Schnell haben wir aber erkannt, dass es dieses Mal keinen zentralen Song gibt. Wir wollten die Aufmerksamkeit zudem nicht unnötig auf einen von ihnen richten. Ein Titel jenseits der Lieder der Platte hat sich auch nicht angeboten. Das Album entwickelt sich in unterschiedliche Richtungen und ist in seiner Gesamtheit nicht leicht zu greifen. Für uns ist das eine perfekte Beschreibung dessen, was PSYCROPTIC darstellt. Also haben wir uns für die Selbstbetitelung entschieden. Für Metallica hat das auch gut funktioniert, also hoffen wir das Beste.“

Über ihre 15 Jahre hinweg sind die Tasmanier in der Extrem-Sparte immer gut aufgenommen worden. Joe Haley wehrt sich aber davor, musikalisch als sonderlich radikal beschrieben oder stilistisch in ein bestimmtes Genre gerückt zu werden: „Die Wahrnehmung dessen, was extrem und abgefahren ist, ist nicht festgeschrieben und unterliegt einer Veränderung. Entsprechend muss man die Grenzen immer weiter dehnen, wenn man in dieser Richtung aufzufallen sucht. Interessanter Weise scheint es mir zu einem guten Teil der Mainstream-Metal zu sein, der den Underground vor sich hertreibt und verändert. Egal, was man vom Mainstream-Metal halten mag: in den letzten Jahren ist er zusehends brutaler und extremer geworden. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Insofern ist es an den Underground-Bands, sich im Spannungsfeld von extrem und heavy Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, die sie vom Mainstream differenzieren. Wie wir mit PSYCROPTIC in die Gemengelage passen, analysieren wir nicht. Es spielt für uns auch keine Rolle. Für uns ist Metal schlicht Metal. Von unseren Tour-Erfahrungen kommend, kann ich sagen, dass wir mit jedem zusammen passen, ob nun Bands aus dem Tech-Death, Deathcore, Thrash- und Power-Metal oder auch Brutal-Slam-Gruppen. Für uns macht all das keinen Unterschied.“

Das australische Quartett ist bereits mit Fan-Lieblingen und Genre-Ikonen wie Carcass, Origin, Cannibal Corpse, Decapitated, Obituary, Suffocation, Suicide Silence und The Black Dahlia Murder unterwegs gewesen. Nach mehr als 15 Jahren und nunmehr sechs Longplayern dürfen auch Joe Haley & Co. als etablierter Act gelten. Die Herkunft aus Down Under erweist sich für die Band dabei allerdings als klarer Wettbewerbsnachteil: „In der vernetzten Welt heutzutage kann so ziemlich jeder innerhalb kürzester Zeit auffallen und bekannt werden“, weiß der Gitarrist. „Man muss dazu nicht einmal zwingend etwas leisten, was ich bedenklich finde. Genauso schnell ist die Aufmerksamkeit aber auch wieder dahin. Wir hingegen arbeiten seit Jahren nachhaltig daran, uns unsere Sporen zu verdienen und in Erinnerung zu bleiben. Als Band aus Australien hat man es dabei aus offensichtlicher, geografischer Lage schwer. Daran hat sich bis heute nichts verändert. Natürlich helfen Band-Profile auf Plattformen wie facebook und youtube. Die Chance, uns zu finden, ist da, doch man konkurriert mit so vielen Gruppen und Angeboten, dass der positive Aspekt schnell wieder ausgemerzt wird. Es ist verrückt! Meine Reaktion auf das mediale Überangebot ist es, dass ich aufgehört habe, mich mit allem zu beschäftigen und stattdessen wieder vermehrt auf ältere Musik zurück greife, von der ich weiß, dass ich sie auf ewig lieben werde. Ich bin der Überzeugung, dass es letztlich doch am Touren hängt. Nur auf der Bühne kann man beweisen, dass man auch außerhalb des Internet das umzusetzen in der Lage ist, was man auf den Profilen vorgibt. Das führt uns unweigerlich zu den Nachteilen, die man als Band aus Tasmanien überwinden muss, wenn man außerhalb Australiens touren will. Es ist logistisch kompliziert und zudem teuer.“

In ihrer Rolle als regionale Speerspitze scheinen sich PSYCROPTIC dennoch ganz wohl zu fühlen. International nimmt man von ihnen aller Unkenrufe zum Trotz dennoch Notiz. Auf seinen sechsten Longplayer hat das Quartett kürzlich mit der Vorab-Auskopplung ,Echoes To Come‘ eingestimmt. Ein Teil der Einnahmen der Download-Single kommt der Organisation Devil Ark zugute, die sich für den Erhalt des Lebensraums der Tasmanischen Teufel einsetzt und auch Pflegestationen für verletzte Tiere unterhält. Für die Musiker ist es eine Ehrensache, „dem Teufel Geld in den Rachen zu werfen“. Mit den Erlösen einer Benefiz-Show vor einigen Wochen haben sie auch schon eine Patenschaft übernommen – für den kleinen „Psycro“.

 
 Links:
  facebook.com/psycroptic
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  As I Lay Dying
  Cult Of Luna
  Despised Icon
  The Menzingers
  Entrails

Interviews/Stories:

  Brutality Will Prevail
  Uzziel
  Carnifex

Shows:

  24.09. Amanda Palmer - Hamburg
  25.09. Amanda Palmer - Leipzig
  27.09. Tankard - Wuppertal