Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1690

COR

Storie von: arne, am 22.01.2015 ]

Mit „Lieber tot als Sklave“ erscheint der zehnte Longplayer der Trashrocker COR aus Rügen. Frontmann Friedemann Hinz & Co. setzen textlich einmal mehr auf schmerzhafte Worte und ungeschönte Wahrheiten. Stilistisch findet der direkte, impulsive Ansatz in einem Crossover aus Punk, Hardcore und Metal seine musikalische Entsprechung.

 
Die Underdog- bzw. Außenseiter-Position bestimmt das Leben und Wirken des Quartetts, doch die Musiker sind glücklich auf ihrem selbstbestimmten und -gewählten Weg und mit sich im Reinen. Vor Überraschungen ist Friedemann Hinz aber nicht gefeit, wie kürzlich der Rücklauf auf eine Facebook-Aktion zeigte. Gegen Spende hat der Sänger angeboten, COR-bezogene Motive zu tätowieren: „Manchmal bin ich ganz schön blauäugig“, gibt der Shouter unumwunden zu. „Facebook nutze ich eigentlich ungern, doch andererseits kann man damit viele Dinge bewegen. Ich hatte ein gutes Jahr – mit der Band, meinem Akustik-Projekt, auf Tour, mit meiner Familie und meiner Gesundheit. Deshalb bin ich dankbar und wollte denen, die uns unterstützen, etwas zurück geben. So kann es zu der Idee mit der Tattoo-Aktion. Es haben sich aber so viele Leute gemeldet, dass ich schnell die Notbremse ziehen musste. Alle, die sich bis dahin gemeldet hatten, tätowiere ich und ziehe das jetzt durch. Das Geld geht in einen Topf für die Welthungerhilfe. Die unterstützen wir mit der Band jedes Jahr. Aufgrund der Kosten für die Pressung unseres neuen Albums haben wir dieses Mal aber nicht so viel Geld wie sonst, also stocke ich es so auf. Es ist ein grandioser Rücklauf und ich weiß schon jetzt, dass viele von den Leuten mehr als nur die geforderten 50 Euro geben werden.“

Stichwort Tattoos: die Haut des COR-Sängers ist massiv geschmückt, doch im Alltag bereitet ihm das weniger Probleme bzw. Einschränkungen, als man denken könnte: „In der Großstadt ist man heute eher akzeptiert, zumindest dort, wo das hippe Leben tobt“, äußert Friedemann. „In der Provinz kann es weiterhin schwierig sein. Ich habe eine gute Bekannte, die auch stark tätowiert ist und in Hoyerswerda gelebt hat. Wer in einer grauen Stadt sehr bunt ist, hat es nicht leicht. Sie hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten und ist weggezogen. Ich selbst merke schon, dass es bisweilen schwierig ist, doch dann sage ich mir, dass ich genauso aussehen will und diesen Weg bewusst gewählt habe. Ich will diese gewisse Distanz auch haben. Seit so viele Fußballer tätowiert sind, steigt die Akzeptanz natürlich. Sieht man aber so aus wie ich, also mit Gesichts-Tätowierung und bis zu den Händen durch, ist es noch immer nicht so einfach, aber das soll es auch gar nicht sein.“

Letztlich ist es eine Einstellungsfrage, die sich nicht nur im Körperschmuck, sondern auch den Texten von COR und den Solo-Songs des Sängers, aber auch Posts im Internet äußert: „Zunächst einmal bin ich ein Bauchtyp“, erzählt der Rügener. „Ich denke nicht lange über die Dinge nach, was mir manchmal auf die Füße fällt. Das Impulsive möchte ich mir aber nicht nehmen lassen, wie mit der Tätowier-Aktion. Das wird mich zwei Wochen Freizeit kosten, aber das ist für mich okay. Das Internet und die moderne Technik verteufle ich jedenfalls nicht. Das Internet ist für uns ein Instrument, um Platten zu verkaufen, ohne ein großes Label hinter uns zu haben. Deswegen mag ich das. Facebook an sich finde ich auch eine sehr interessante Geschichte. Man muss ja nicht jeden Scheiß reinschreiben, sondern kann es auch bewusst für sich benutzen. Das tue ich und versuche, die Menschen, die meine Sachen lesen, zu bewegen. Ich möchte auch im Internet meine Spuren hinterlassen. Das ist eine weitere Facette der Selbstbestimmung. Die Leute jammern immer über Datenmissbrauch und Überwachung, doch sie können doch selbst bestimmen, was sie preisgeben und was nicht. Ich äußere meine Meinung, verkaufe Platten und erreiche viele Leute. Für mich ist es eine gute Sache.“

Ein weiterer aktueller Post verdient es, thematisiert zu werden. Nach einem illegalen Download hat ein Hörer Friedemann einen Brief und zehn Euro geschickt, die der Frontmann umgehend online gestellt hat: „Ich war zunächst sprachlos, wie ich es geschrieben habe“, äußert er. „Ich habe den Brief gelesen und war baff. Deshalb wollte ich ihn den Leuten zu zeigen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Musik für alle da ist. Musik braucht Öffentlichkeit, sonst bräuchte man keine Songs aufnehmen. Ich selbst habe in meinem ganzen Leben aber noch nichts aus dem Internet herunter geladen. Manchmal schaue ich mir Videos an von Bands, die mir empfohlen werden, aber das ist es dann auch. Gefallen sie mir, kaufe ich etwas, ansonsten lasse ich es sein. Wenn man sich aber schon etwas zieht und die Songs richtig geil findet und sie einem etwas bedeuten, sollte man auch die Kraft haben und so etwas wie mit dem Brief zu machen. Man kann ein T-Shirt der Band kaufen oder einen Button oder die Vinyl-Version. Dazu kann man niemanden zwingen, aber wenn der Maurer ein Haus mauert, bekommt er Geld dafür, wie auch der Doktor, der einem Kranken hilft. Ich frage mich immer, warum die Arbeit eines Künstlers bei den Leuten so wenig Wert besitzt. Sicherlich wurde ihnen das von der Industrie teilweise so beigebracht, doch auf Dauer geht es so einfach nicht. Mit der Veröffentlichung des Briefes will ich den Geist der Leute, die ihn nun lesen, bewegen. Ich hoffe, das funktioniert.“

Für eine Band wie COR ist es sicherlich leichter, eine „Gegenleistung“ für Einsatz und Herzblut zu erhalten. Doch in einem größeren Rahmen ist die Aussage von Friedemann nur allzu richtig: „Wir sind eine relativ kleine Band, die zumeist vor 100 bis 150 Leuten spielt, oder 3 bis 400, wenn es besser läuft. Wir haben glücklicherweise eine treue Hörerschaft, die wieder kommt, zuhört und auch mit uns diskutiert, mit uns streitet, lacht und sich austauscht. So sind schon viele beständige Beziehungen und Freundschaften entstanden. Als Musiker will ich den Leuten die Hand reichen und keinen großen Graben zwischen ihnen und mir haben. Ich will ihnen auf Augenhöhe begegnen und auch einen Rücklauf haben. Das ist das Spannende an der Musik. Wir geben etwas und die Hörer nehmen etwas, geben aber auch etwas an uns zurück.“ Mit Rügencore betreibt


das Quartett ein DIY-Label und veröffentlicht seine Platten selbst. Das ist konsequent und selbstbestimmt. Die Frage, ob ein größeres Label der Gruppe nicht aber noch einen wesentlichen Push geben könnte, ist dennoch spannend:

„Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als von meiner Musik leben zu können“, erwidert Friedemann spontan. „Ich bin weder Millionär noch arm und will bestimmt nicht jammern. Doch ich investiere wirklich sehr viel in die Band und das seit langer Zeit. Über die Jahre habe ich als Schlagzeuger und Sänger mit COR und anderen Gruppen zirka 30 Platten veröffentlicht. Wir hatten für das neue Album tatsächlich das Angebot von einem etablierten Label vorliegen. Deshalb sind wir auch in einem größeren Studio gewesen – zum ersten Mal überhaupt in einem richtig guten, weshalb der Sound deutlich besser ist als früher. Wir hatten den Vertrag vor uns und haben uns daran stark gerieben. Es war ein wirklich gutes und faires Angebot. Doch wir konnten es nicht unterschreiben. Das Problem ist, dass dann unsere Basis weg wäre. Ich mache eine Platte, die „Lieber tot als Sklave“ heißt, und begebe mich dann in die Abhängigkeit der Industrie? Wir machen einen Song wie ,PxPxPx‘ – ,Pop-Punk-Pussies‘ – und tun dann dasselbe? Ich hätte keine Ansagen mehr machen können. Dabei will ich, so hart das auch ist, den Leuten sagen, dass es einerseits den Weg der Industrie gibt, der Musik natürlich auch fördert, aber ihr nicht immer gut tut. Und es gibt unseren Weg, unser DIY-Angebot. Ich merke, dass die Akzeptanz in den letzten Jahren größer geworden ist und es funktioniert. Auf die Konzerte kommen beständig mehr Leute. Wir haben vor fünf und zehn Leuten angefangen und wirklich in jedem kleinen Club gespielt. Es wird größer und dass nicht nur, weil wir manchmal mit Bands wie Dritte Wahl mitfahren, die mehr ziehen. Einen Plattenvertrag kann ich derzeit aber nicht unterschreiben. Das wäre geben meine Lebensmaxim.“

Auch in dieser Beziehung entscheiden sich COR demnach für den harten, unbequemen Weg des selbstbestimmten Alleinmachens: „Ich würde nichts lieber haben, als dass jemand kommt, und die Arbeit für uns macht. Das wünsche ich mir von Herzen und ich würde lügen, wenn ich sage, dass es nicht so ist. Doch es hängt zu viel dran. Deshalb kann ich es nicht und quäle mich. Vielleicht gibt es ja irgendwann einen so coolen Vertrag, dass wir ihn doch annehmen können. Im Moment gibt es aber keinen Deal, mit dem ich guten Gewissens leben kann. Ich möchte den Leuten unser Merch weiterhin zu fairen Preisen anbieten können. Kein T-Shirt soll wie bei Motörhead 25 Euro kosten. Ich liebe Motörhead, doch 25 Euro sind einfach zu viel. Wir verkaufen Fair Trade-Shirts für 15 Euro und die sind dennoch voll bedruckt. Die Leute hier in Mecklenburg-Vorpommern haben im Schnitt 1.000 bis 1.500 Euro netto. Ich will nicht, dass die Leute sich von uns ausgenommen fühlen. Wir wollen schon etwas haben, den Leuten aber nicht die Hosen ausziehen.“

Authentisch sind COR aber auch deshalb, weil sie mit „Snack Platt Orrer Stirb“ zuletzt ein Best Of-Release anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens in Plattdeutsch vorgelegt haben: „Das überschneidet sich gut mit der Frage nach dem Label“, meint der Frontmann. „Jedes Label hätte uns davon abgeraten, eine Platte auf Plattdeutsch zu machen. Wir haben es dennoch getan. Wir wussten, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fiasko wird, wollten es aber unbedingt tun. Wir hatten zehn Jahre COR und wollten das unbedingt auf Plattdeutsch umsetzen. Das ist unser Dialekt und wir lieben ihn. Ich habe Plattdeutsch noch in der Schule gelernt. Es ist eine schnoddrige, harte Sprache. Wenn ich für meinen Bauernhof mit anderen Bauern verhandle, spreche ich auch im Alltag Plattdeutsch. Es ist ein Teil meiner Identität. Von der linken Seite sind wir für das Album angegriffen worden, weil es in ihren Augen National-Gedöns ist. Das ist es aber nicht, sondern Tradition und Identität. Viele Leute haben heute wenig Halt und Anker. Meine Region und meine Sprache sind für mich genau das – Halt und Anker. Dem wollten wir Tribut zollen. Dass mein Held Scott Weinrich auf einer plattdeutschen Platte ein Solo spielt, muss man sich zudem auf der Zunge zergehen lassen.“

Auf dem neuen Album „Lieber tot als Sklave“ treten COR nun wieder Hochdeutsch an, wobei die Texte abermals eine Mischung aus Persönlichem und Gesellschaftskritik darstellen. Der ausgeglichene Eindruck, den Friedemann am Telefon hinterlässt, täuscht: „Ich bin keinesfalls ausgeglichen, sondern ein Typ, der sehr viel kämpft, innerlich zerrissen ist und sich über jeden Scheiß Gedanken macht. Manchmal möchte ich einen Knopf an meinem Kopf finden und ihn einfach ausschalten, doch das geht nicht. Was ich an Wut bei COR reinpacke, kann ich an Sentimentalität und Ruhe in meine akustischen Solo-Konzerte packen. Nach den akustischen Auftritten schwebe ich immer fast, weil ich mich entladen habe. Komme ich nach einem COR-Gig von der Bühne, möchte ich weiter schreien und etwas zerstören. Das sind die beiden Seiten meiner Seele. Ich bin ein sehr intensiver Mensch und brauche beides.“

Textlich differenziert der Sänger zwischen seinen Outlets nicht und Aufgeben ist ohnehin keine Option: „Mich kotzt oft alles an und ich könnte schreiend durch die Gegend laufen. Das tue ich auch, wenn ich sehe, wie blind die Menschen sind und was sie alles zerstören. Sie respektieren sich gegenseitig nicht, die Umwelt sowieso nicht, und dann noch dieser ganze Egoismus- und Rassismus-Scheiß überall. Manchmal denke ich, dass ich all das nicht mehr ertragen kann. Aber grundsätzlich, wenn ich in mich hinein höre, weiß ich, dass das Leben doch schön ist und dass es nicht nur mich gibt, der kämpft und verzweifelt, sondern dass da ganz viele Leute wie ich auf der ganzen Welt sind. Wir hoffen, dass sich alles zum Guten verändern lässt und tun das uns Mögliche dafür.“

 
 Links:
  facebook.com/ruegencore
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  Godskill
  Touche Armore
  Unearth
  Cattle Decapitation
  Cortez

Interviews/Stories:

  Aborted
  Omnium Gatherum
  Terror

Shows:

  21.10. The Adicts - Frankfurt
  24.10. Tusky - Koln
  24.10. Vola - Berlin
  24.10. The Prestige - Koln
  24.10. Atlas - Berlin