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Raised Fist

Storie von: arne, am 13.01.2015 ]

UNVERWÜSTLICH. Immer dann, wenn man sich fragt, ob die Hardcore-Recken überhaupt noch aktiv sind, legen RAISED FIST ein neues Album vor. Eilig haben es die Schweden noch nie gehabt. Fans müssen sich seit zwei Dekaden in Geduld üben. Fünf Jahre nach „Veil Of Ignorance“ erscheint mit „From The North“ eine Platte, die von Beginn an mit allen Erwartungen bricht. Es wäre Frontmann Alexander „Alle“ Hagman & Co. ein Leichtes gewesen, den zuletzt eingeschlagenen, Radio-kompatiblen Weg fortzusetzen. Stattdessen erscheint ein roher, unbequemer Elf-Tracker, der kompakt drückt und in seinen düsteren Bann zieht.

 
Das Quintett relativiert die Geschwindigkeit vieler Songs zugunsten eines brachialen MidTempo. Die jähen Ausbrüche wirken deshalb noch bedrohlicher. Und der trockene, heisere Trademark-Gesang von Alle ist wieder einmal Hass pur. Er prägt die Platte ebenso wie die Live-Show von RAISED FIST. Neben dem stimmlichen Wiedererkennungswert ist die Sprungkraft des Schweden mindestens ebenso sehenswert: „Einige Leute sind beeindruckt, andere nicht“, gibt sich der Musiker am Telefon bescheiden. „Ich selbst bin auch immer wieder erstaunt, wie hoch ich springen kann. Dafür tue ich eine Menge, betreibe u. a. Thai-Boxen und MMA. Gerade beim MMA kommen verschiedene Kampfstile zusammen; etwa Boxen, Wrestling oder Jiu Jitsu. Seitdem ich mein eigenes MMA-Studio habe, kann ich jeden Tag trainieren, was natürlich dabei hilft, auf der Bühne solche Sprünge zu zeigen. Doch schon bevor ich mit dem Kampfsport begonnen habe, lief es ganz gut. Früher lag mein Fokus auf Basketball und Skateboarding, doch hoch gesprungen bin ich schon immer. Mit dem Board kam ich locker über einen Meter und noch höher. Beim Basketball habe ich Slam-Dunks geschafft. Sport und Musik sind wichtige Bestandteile meines Lebens, die ich nicht missen möchte. Ich brauche einfach beides. Als Sportler wie auch als Musiker durchflutet mich eine Menge Energie, die mich antreibt, immer und immer weiter zu gehen. Ich hoffe, das hört niemals auf, denn es fühlt sich gut an und füllt mich aus.“

Einen Widerspruch zu den langen Wartezeiten zwischen den einzelnen RAISED FIST-Veröffentlichungen und -Touren sieht Alle im soeben Geäußerten nicht. Die Schweden haben sich bewusst von den gängigen Zyklen entkoppelt und gehen ihr eigenes Tempo: „Die Band hat sich langsam, aber beständig entwickelt. Wir wollten uns nicht auf die Mechanismen der Musik-Industrie einlassen, sondern sind unseren Weg gegangen. Unterwegs gab es einige lukrative Vertragsangebote, die wir ausgeschlagen haben, um uns treu zu bleiben und nicht unnötig unter Druck setzen zu lassen. Andernfalls wären wir heute vielleicht eine der größten Rock-Bands des Planeten. Wer weiß das schon!? Doch wir sind mit dem Erreichten zufrieden. Es ist eine Frage der Ansprüche. Ich meine es ernst, wenn ich sage, dass wir alles haben, was uns wichtig ist. Wir sind starke Songwriter und Texter. Unsere Live-Show ist intensiv und wir hätten die Konstitution, 600 Shows im Jahr zu spielen. Wenn wir wollten, könnten wir ein großes Rad drehen, doch darum geht es uns nicht. Wir schätzen das behutsame Voranschreiten. Wenn ich auf unsere zwanzig Jahre zurück schaue, kann ich weder einschneidende Höhe- noch Tiefpunkte benennen. Auf Tour erzählen einem andere Bands immer wieder, wie gut es für sie läuft, was sie alles schon erreicht haben und was als nächstes ansteht. Das sind nicht unsere Kategorien. So etwas interessiert uns bei RAISED FIST nicht. Für uns zählt die nächste Show und das, was in 15 Minuten auf der Bühne passiert. Natürlich gibt es Fixpunkte, an die ich gerne zurück denke; etwa unsere erste Tour oder unser erstes Release. Schon diese beiden haben lange auf sich warten lassen, waren dafür dann aber umso besser. In Kanada waren wir nur eine kleine Band aus Schweden und doch haben wir in Montreal direkt einen größeren Club mit fast eintausend Leuten ausverkauft. Das war für uns ein besonderer Moment. Daneben bedeuten uns vor allem die einzelnen Platten sehr viel, denn sie stehen jeweils für eine Spanne in unseren Leben. Dass es immer wieder auch Enttäuschungen zu verdauen gibt, muss ich nicht betonen. So ist das Leben. Wir halten uns an die guten Seiten und freuen uns über all das, was wir mit RAISED FIST erleben. Wir ziehen aus jedem Tag das Beste und sind damit zufrieden.“

Vor dem Hintergrund der geäußerten Einstellung ist es wenig verwunderlich, dass Alle seit 1993 treibender Teil der Formation ist und es Zeit ihres Bestehens bleiben wird: „Josse (gemeint ist Bassist Andreas Johansson) und ich haben die Band 1993 gegründet“, reflektiert der Frontmann. „Anfangs habe ich alle Songs alleine geschrieben – sowohl die Musik als auch die Texte. Davor hatte ich in anderen Gruppen von der Gitarre über den Bass bis hin zum Schlagzeug schon alles gespielt. Doch niemals hat sich ein Sänger nach dem gerichtet, um das ich ihn gebeten habe. Als wir mit RAISED FIST loslegten, war die Chance gekommen, das zu ändern, also habe ich die Vocals übernommen. Mit einigen Freunden haben wir das Line-Up aufgefüllt, doch schnell gab es dann die üblichen Probleme. Studium, Familie, Job, Umzüge, etc. – es gibt viele Gründe, warum man nicht ausreichend Zeit für eine Band hat. Über die Jahre haben wir etliche Veränderungen im Line-Up gehabt. Heute ist das ein Stück weit anders, denn wir sind inzwischen eine professionell agierende Gruppe. Wir verdienen Geld mit der Band und haben ein Level erreicht, von dem wir vor zwanzig Jahren niemals gewagt hätten, zu träumen. Inzwischen steigt niemand mehr einfach so aus, denn der Rahmen ermöglicht es uns allen, die nötigen Freiheiten für die Musik zu schaffen. Auf persönlicher Ebene passt auch alles. Bislang sind wir eine Band ohne Skandale geblieben, womit sich andere Gruppen noch zusätzlich herum schlagen. Wir pflegen intern eine offene Kommunikation und sprechen Dinge an, wenn es nötig ist. Damit sind wir immer gut gefahren. Böses Blut hat es bei uns noch nicht gegeben.“

Die Wahrnehmung der eigenen Band und die Beziehung zur Musik haben sich über die Zeit des Bestehens von RAISED FIST indes schon verändert, was nach Ansicht des Shouters altersbedingt auch so sein muss: „Ist man jung und ein Teenager, weiß man noch sehr wenig und verhält sich in vielen Situationen naiv. Das gilt in Bezug auf sich selbst, aber auch auf das Leben oder die Belange rund um eine


Band. Anfangs ist alles neu und aufregend, Träume werden wahr. Doch wie im Leben auch muss man seinen Platz finden und die Dinge für sich gerade rücken. Der jugendliche Überschwang und die Spontanität haben uns die ersten Jahre getragen. Wie beim Skateboarding sind wir auf das Brett gesprungen, losgerollt und haben einen Hindernis-Parcours gemeistert. Zu Beginn waren wir mit wenig zufrieden und haben nichts anderes getan, als zu skaten und Shows zu spielen. Rückblickend haben wir uns in vielerlei Hinsicht dumm verhalten, doch diese Zeit prägt uns bis heute. Natürlich haben sich die Prioritäten mit der Zeit verschoben. Ich bin heute Vater, führe ein MMA-Studio und bin reifer, was meine Einstellungen und Erfahrungen anbelangt. Die Dinge sind nicht mehr so aufregend wie damals, doch dafür auf andere Art und Weise erfüllend. Heute werde ich von der Musik mehr auf einer emotionaler Ebene berührt. Meine Seele zieht unglaublich viel aus all dem, was wir mit der Band auf unseren Konzerten erleben und in den Songs ausdrücken.“

An der gelebten DIY-Attitüde hat sich allerdings nicht verändert, wie Alle bekräftigt: „Sie ist Teil unserer Identität. Daran haben weder die zunehmende Professionalität noch der einsetzende Erfolg etwas geändert. RAISED FIST haben schon immer möglichst viel alleine auf die Beine gestellt – egal, ob unser Merch, Websites oder sogar ein Rechtsstudium, um die Belange rund um die Band vernünftig beurteilen und absichern zu können. Ich bin auch unser Anwalt. Alles bezüglich RAISED FIST wird nach wie vor direkt oder wenigstens indirekt durch uns gesteuert. Zu Zeiten von „Veil Of Ignorance“, das nicht über Epitaph Records erschienen ist, sondern eine DIY-Veröffentlichung gewesen ist, haben wir alle Fäden in der Hand gehalten und am Ende hier in Schweden sogar eine Grammy-Nominierung erhalten. Wir scheuen uns nicht davor, uns die Finger schmutzig zu machen. Das schließt natürlich nicht aus, dass wir uns bei bestimmten Arbeiten helfen lassen.“ Im Internet präsentieren sich die Schweden dieser Tage so präsent wie niemals zuvor, was im veränderten, multimedialen Umfeld gar nicht so einfach ist. Seit der Veröffentlichung der letzten Platte im Jahr 2009 hat sich viel getan, wie der schwedische Shouter beipflichtet: „Damals bei „Veil Of Ignorance“ war myspace noch die wichtigste Plattform im Internet, auch wenn der Stern damals schon am Sinken war. Nimmt man seine Band heutzutage einige Jahre aus dem Fokus, muss man in den sozialen Netzwerken quasi von vorne beginnen. Man muss schauen, wie man die Leute erreicht, die ein neues Album oder Tour-Daten interessieren könnte. Social Media ist immer eine Frage der Zeit, und fünf Jahre sind in dieser Hinsicht eine Ewigkeit. Für „From The North“ haben wir nun instagram-, facebook- und twitter-Accounts eröffnet. Von Epitaph haben wir einen Kalender erhalten, der uns vorschlägt, was wir wann wo einstellen und wie wir welches Profil nutzen sollen. Das ist eine Wissenschaft für sich, doch sie sind die Experten. Würden wir das selbst verantworten, gäbe es die meisten Dinge gar nicht. Doch wir haben Epitaph versprochen, viel von dem umzusetzen, was sie uns vorschlagen haben und auch von Band-Seite her massiv zu pushen. Das tun sie schließlich ebenfalls. „From The North“ ist ein internationales Release, nicht nur eines in Skandinavien mit Lizenzen für andere interessierte Teile der Welt. Das Vertrauen in unsere Platte wollen wir rechtfertigen und zurück zahlen, denn wir wissen, dass es für Labels heutzutage hart ist. Deshalb schätzen wir ihre Anstrengungen umso mehr.“ Die Auswahl des vorab ausgekoppelten ,Flow‘ überließen die Schweden ebenfalls dem Label: „Dieser Song ist besonders mir eine Herzensangelegenheit, weil er mir schon eine geraume Zeit lang im Kopf herum spukte. Eigentlich sollte er gar nicht auf der Platte sein; geplant waren lediglich zehn Stücke. Doch am letzten Tag im Studio blieb noch etwas Zeit, also nahm ich die anderen zur Seite und stellte ihnen meine Idee vor. Sie waren direkt begeistert und innerhalb von ein-zwei Stunden war ,Flow‘ fertig. Nachdem es aufgenommen war, wussten wir sofort, dass es ein verdammter „Banger“ ist, der mit auf das Album muss. Gesagt, getan. ,Flow‘ ist gewissermaßen die Essenz der Platte und steht aus diesem Grund direkt am Anfang. Als Epitaph nach einem Vorab-Song fragte, fiel die Wahl schnell auf ihn. Würde man etwa ,Gates‘ nehmen, bekäme man einen falschen Eindruck, denn das ist ein sehr harter Song. Epitaph hat sich für ,Flow‘ entschieden, weil es am besten all die Facetten aufzeigt, die das Album besitzt. Wir teilen diese Einschätzung und auch die, dass sich auf „From The North“ viele starke Tracks finden.“

Überhaupt ist der Schwede voll des Lobes über das neue Album, mit dem die Band ihre schroffe Seite heraus stellt: „Der Sound sollte uns so präsentieren, wie man uns live erlebt“, erläutert Alle. „Es sollte keine sterile Studio-Produktion werden, sondern ein druckvoller, mächtiger Sound. „From The North“ sollte so wie das erste Album von Rage Against The Machine klingen – direkt, aggressiv und roh. Die Musik für sich kommt schon brachial und gewaltig. Oben drauf erklingt dann zusätzlich noch mein Gesang, der das Ganze auf ein nächsthöheres Level hebt. Von Gruppen der Marke SONIC SYNDICATE oder IN FLAMES gibt es schon genug. Hier kommen RAISED FIST –auch das ist Schweden! Wir repräsentieren einen anderen Sound. Entsprechend vorbereitet sind wir ins Studio gegangen, denn es war abgesprochen, dass wir live einspielen würden. Wir hätten ein weiteres „Veil Of Ignorance“ und wieder Radio-freundliche Songs veröffentlichen können, doch das wollten wir nicht. Bewusst haben wir ein düsteres, massives Album erschaffen, das zeigt, woher wir kommen: „From The North“.“

 
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