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Morning Before

Storie von: Arne, am 01.09.2001 ]

Es fällt mir immer ein wenig schwer, eine treffende, musikalische Bezeichnung für Bands wie MORNING BEFORE zu finden. Begriffe wie Emo, Indie oder auch Alternative sind gute Wegweiser, aber wirklich treffen sie alle nicht. Belassen wir es also einfach bei Rock, den die Band selbst zudem mit einer gehörigen Portion Pop in Verbindung bringt. Fest steht, dass alle sechs Songs ihrer neuen EP Ohrwurmcharakter besitzen und sich mit jeder weiteren Rotation tiefer im Ohr festsetzen und den gefundenen Platz nicht mehr freigeben.

 
Aus dem Süden Deutschlands stammt das Quintett, dass mit 'the new romantics' (Strange Fruit) unlängst eine CD-EP vorlegte, die an die Qualitäten ihres Debuts 'sunblind' (Pateline Ind.) lückenlos anknüpft und ein interessantes, zweites Album verspricht. Musik wie Artwork sind äußerst gelungen und schon der Titel forciert gewisse Erwartungen, die die Band sicherlich bewusst wecken wollte. Im Winter ist das Release einer 7Inch geplant, der dann Anfang nächsten Jahres die zweite Full-Length folgen soll. Bis dahin ist es leider noch ein kleiner Weg, aber die EP tröstet sicher über die Zeit, zu der ich Bassist Matthias per Email einige Fragen stellte. Mich interessierte zunächst, welche Erwartungen wohl ein Mensch hat, der MORNING BEFORE mit eben dieser Scheibe und diesem Titel kennen lernt: "Ich weiß nicht, ob mit dem Titel unbedingt bestimmte Erwartungen verbunden sind. Du hast natürlich schon recht, dass wir die Scheibe bewusst so genannt haben. Für uns birgt 'the new romantics' sehr viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten und das macht gerade erst den Reiz aus. Es war uns sehr wichtig, dass der Titel eine gewisse Ästhetik besitzt und ein bestimmtes Gefühl ausdrückt, das die Platte umschreibt. Wir betrachten eine Platte immer als Gesamtkunstwerk, bei dem alles zusammenpassen muss. Dazu gehört natürlich die Musik, die Lyrics und auch das Artwork. Das Ganze muss in sich schlüssig sein und für uns Sinn machen. Es soll jeder das herausziehen, was für sie/ihn richtig erscheint. Der Titel ist unter anderem natürlich eine Anspielung auf eine schwedische Band, die wir alle sehr schätzen." Aha, dachte ich's mir doch. Die Gestaltung des Artworks gaben MORNING BEFORE in die Verantwortung von Holger und Stephan von PALE: "Wir haben ihnen absolut freie Hand gelassen und ihnen extra keine Vorgaben oder eventuellen Ideen von uns mitgeteilt. Ich denke, dass es oft besser ist, wenn die Leute ihre eigenen Ideen und Vorstellungen bzw. Interpretationen umsetzen können, anstatt mit zu starken Vorgaben arbeiten zu müssen. Wir haben uns also nicht mit dem Artwork in kreativer Hinsicht auseinandergesetzt, sondern unsere Musik von Leuten, die außerhalb der Band stehen, interpretieren lassen. Die Jungs haben einfach nur unsere Songs und die Texte bekommen und haben sich dann ihre eigenen Vorstellungen gemacht. Wir sind auf alle Fälle sehr glücklich mit dem Artwork." Was die Band auch sein sollten, denn ich finde die Gestaltung absolut gelungen. Wie auch die Musik wirkt es auf den ersten Blick spartanisch, um dann nach und nach Feinheiten und verborgene Qualitäten preiszugeben. Mich interessierte weiter, wie die Band an die neuen Aufnahmen gegangen ist, denn 'sunblind' hatte fast durchweg gute bis beste Kritiken geerntet, was auch gewisse Erwartungen an den Nachfolger stellte: "Wir wollten auf alle Fälle erreichen, dass die Songs in sich schlüssiger sind als noch auf dem Vorgänger, was wir meiner Meinung nach auch gemeistert haben. Der einzelne Song an sich stand absolut im Mittelpunkt und wir haben versucht, alles Überflüssige über Bord zu werfen, was den Song nicht wirklich bereichert hätte. Ich denke auch, dass die Songs etwas besser strukturiert sind und etwas kompakter ausgefallen sind. Mit der Produktion waren wir das letzte Mal auch nicht ganz glücklich, was man ja als Musiker irgendwie nie völlig ist, aber wir sind mit dem Sound und der Produktion der neuen Songs zufrieden. Da gibt es natürlich im nachhinein immer noch Sachen, die man anders gemacht hätte, aber ich denke, das wird immer so sein. Irgendwie gäbe es für mich keinen Sinn mehr, weiter Musik zu machen, wenn ich schon die perfekte Platte herausgebracht hätte. Von da an könnte es ja nur noch abwärts gehen." Spürten MORNING BEFORE einen gewissen Druck auf sich lasten? "Nein, nicht wirklich. Der einzige richtige Druck ging von uns selbst aus, da wir manche Sachen besser machen wollten als auf der letzten Scheibe; als Folge eines ganz natürlichen Reifeprozesses. Natürlich versucht man in jeglicher Hinsicht noch besser zu werden und sich ständig weiterzuentwickeln. Die Reaktionen

der Presse zu 'sunblind' waren fast allesamt sehr gut und unterbewusst war da eventuell schon ein wenig Druck vorhanden, jetzt noch ein Stück draufzulegen. 'The new romantics' wurde aber mindestens genauso gut aufgenommen, worüber wir uns sehr gefreut haben. Letztendlich wollten wir nur unsere eigenen Ziele und Erwartungen erfüllen, schließlich müssen wir im Endeffekt mit dem Resultat zufrieden sein." In der Bandinfo wird davon gesprochen, der Band gelänge das Kunststück eingeschränkte Genres und mögliche Klischees zu überwinden, was zum einen vielleicht von der Aussage her nicht ganz klar ist; von meinem Verständnis her zudem auch ein ungemein großen Anspruch darstellt. Folglich musste ich Klärung schaffen: "Also die meisten Leute können uns nicht wirklich in eine Schublade oder Ecke stecken oder haben zumindest ziemliche Probleme damit. Das ist für uns eigentlich das größte Kompliment. Wir erheben nicht den Anspruch, etwas absolut Neues geschaffen zu haben, denn das ist mit Sicherheit nicht der Fall, aber wir interpretieren verschiedenste Einflüsse auf unsere eigene Art und Weise. Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass wir alle aus ganz unterschiedlichen musikalischen Richtungen kommen und jeder seinen Teil zum Ganzen beiträgt. Ich denke, das macht uns auch unter anderem aus. Es gibt kaum eine Band, auf die wir uns alle einigen könnten und da läuft man nicht Gefahr, wie eine Kopie der Lieblingsband zu klingen, wie das ja leider viel zu oft der Fall ist. Ob wir es schaffen, einschränkende Genres zu überwinden, ist nicht von uns zu entscheiden, sondern von den Leuten die unsere Platten hören." Hhm, bleiben wir noch kurz beim Stil von MORNING BEFORE. Die Band-Info, wie auch die Antwort von Matthias eben, lässt diesen (bewusst!?) im Dunkeln und beschreibt die Band mit weitgefassten Allerweltsbegriffen. Wie schon im Anspann erwähnt, bringen sich die Musiker gar mit Pop in Verbindung: "Ich habe überhaupt kein Problem damit, uns mit Pop in Verbindung zu bringen, denn das umschreibt unsere Musik vielleicht noch am besten. Wollen wir nicht alle Pop-Stars sein? Nein, jetzt mal im ernst, der Ausdruck Pop hat mit der Zeit einen üblen Beigeschmack bekommen, aber im Endeffekt sind viele der Indie und vor allem Emo-Bands nichts anderes als Gitarren-Pop. Warum es dann auch anders nennen - wahrscheinlich weil sich Emo im Moment recht gut verkauft. Andere Gründe hat das meiner Meinung nach nicht. Sowieso ist es anderen Leuten überlassen, unsere Musik zu beschreiben und zu kategorisieren, das ist nicht primär unsere Aufgabe und deshalb wird im Info wahrscheinlich auch kein spezieller Stil genannt. Man soll es Journalisten ja auch nicht gleich alles so leicht machen :-)" Diese sympathische Antwort weißt auf ein Kernproblem der Musik, wie sie auch MORNING BEFORE spielen, hin. Was vor Jahren als kleinsten Nenner den Indie-Rock fand, heißt inzwischen durchweg Emo. Es ist nur verständlich, dass Bands nicht in diesen Topf geworfen werden wollen, der solch große Spannen abdeckt, wie es Emo tut, und eigentlich nicht unbedingt viel Gehalt ausweist. Natürlich ist es bei Vermeidung dieser Begrifflichkeiten schwer, die eigenen Töne zu umschreiben. Zudem kann man den Leuten auch nicht vorgeben, woran sie sich bei einer Band erinnern sollen. Im Fall der Süddeutschen wünscht sich Matthias folgendes: "...an gute Musik, durchdachte Texte und nette Menschen. Ich hoffe, dass die Leute aus unseren Texten das ziehen, was für sie wichtig erscheint und womit sie sich assoziieren können. Ich halte meine Texte mit Absicht ziemlich vage, da ich es interessanter finde, wenn ich einen Song nicht gleich verstehe, da es mich dann eher zum Nachdenken anregt. Wenn Leute uns live sehen, hoffen wir natürlich, dass sie sich an ein gutes Konzert, Spaß und eine gute Zeit erinnern, wenn MORNING BEFORE noch mal über den Weg laufen." 'Soliloquy' ist übrigens ein Song, der etwas aus der Reihe fällt und eher die rockigere und experimentellere Seite der Band zeigt. Die anderen Songs auf 'the new romantics' sind tendenziell eher ruhiger und transportieren eine andere Atmosphäre. Arne
 
 Links:
  Morning Before Online
  Strange Fruit Rec. Online
 
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